Wird es nun immer so weiterregen?, gedacht, als ich mein Fahrrad am Mittag vor meinem Wohnhaus abgeschlossen hatte.
Was ist denn das?, gemurmelt, als ich den roten Umschlag auf dem Küchentisch sah.
Oh, gejubelt, als ich begriff, dass mir J. einen Abschiedsgruß auf den Tisch geschmuggelt hat. Wie doch ein paar liebevolle Zeilen einen grauen Tag erhellen können. Als würde die Sonne scheinen.
Nach den Ferien zurück ins Büro zu kommen, ist nie lustig. Der Papierberg in meinem Postfach, den ich auf meinen Schreibtisch transferiere, ist beeindruckend, doch der Stapel auf dem Tisch meines Scheffs ist schwer zu toppen.
Neunzig Bewerberinnen werden wir unglücklich machen, sage ich um fünf Uhr zu ebendiesem, nachdem ich alle Kandidaten- und Kandidatendaten erfasst und Bestätigungsmails verschickt hatte. Dafür machen wir eine glücklich. Eine!
Soll ich mich jetzt für die eine, die meine Nachfolgerin wird, freuen oder soll ich mit den anderen, denen ich absagen muss, weinen? Na ja, geweint habe ich heute genug. Gleich zweimal. Ein bisschen nachdem ich J. zum letzten Mal gedrückt hatte und mit dem Rad ins Büro gerollt war. Das zweite Mal, als mir mein Scheff von der unheilbaren Krebskrankheit der gemeinsamen Kollegin M. erzählt hatte. Keine Frau aus unserer Bürogemeinschaft, doch eine, die wir beide sehr gut mögen und die eine unglaublich tolle, wohltuende Art hat, mit Menschen umzugehen. Die Weißkittel geben ihr noch ein halbes Jahr.
Es trifft immer die Guten, murmelte ich hilflos. Wir saßen uns betreten und betroffen gegenüber. Es ist ja nicht der Tod, den ich so schrecklich finde. Im Grunde glaube ich ja, dass der Tod gar nicht mal so schlecht ist. Die Kehrseite des Lebens. Das Gegenstück. Das Problem mit ihm ist nur, dass wir eigentlich nie fertig gelebt haben werden. Das Ding mit der Unzeit. Weil es doch für uns alle immer noch dies und jenes zu tun, zu lassen, zu erleben geben wird. Immer. Für jene, die dableiben, ist der Tod ebenfalls ein Problem, denn Verlust tut weh. Dennoch ist der Tod nicht böse. Er ist einfach und ich gestehe, dass ich bisweilen mehr Angst vor dem Leben als vor dem Tod habe. Und hatte. In Bezug auf Materie, Gesundheit und das Älterwerden.
Feierabend. Zuhause wartet ebenfalls ein fetter Poststapel – die Post der letzten Woche –, den ich noch nicht zu sichten gewagt hatte. Drei Haufen mache ich: Zeitungen. Rechnungen. Bettelbriefe. Letztere und erstere kommen quergelesen ins Altpapier.
Gutes Material zum Feuermachen, denke ich. Wenn wir noch im Rustico wären. Die Rechnungen hätte ich auch gerne verfeuert oder zumindest, wie im Geschäft, kontiert und zur Zahlung an die zentrale Buchhaltung weitergeleitet. Wäre schön irgendwie.
Hach, die vielen Bettelbriefe aber auch! Nie werde ich gegen sie immun sein. Zuweilen öffne ich sie gar nicht erst, weil ich die Gesichter der abgebildeten hungrigen Kinder schlecht ertragen kann. Und das Gefühl der diesem Anblick folgenden, allumfassenden Hilflosigkeit ist auch kein tolles. Gedanken an meine Arbeitsstelle im Flüchtlingszentrum – ist schon acht Jahre her oder so – flackern kurz auf. Die Dankbarkeit der Kinder, wenn ich mit ihnen gemalt hatte: kaum waren die Papierbögen auf dem Tisch, platzen ihre kreativen Staudämme. Bilder drückten aus, was die Kinder fühlten – mehr als jedes Wort, das sie in gebrochenem Deutsch sprachen. Die Farben waren unsere gemeinsamen Buchstaben und die Figuren auf dem Papier ihre Gedichte und Geschichten. Aber ich schweife ab: Bettelbriefe.
Gäbe es keine Spenderinnen und Spender, hätte ich keine Arbeitsstelle, denke ich. Gäbe es keine Kriege und keine Flüchtlinge und keine Arbeitslosen, hätte ich ebenfalls keine Arbeitsstelle. Hm. Schmarotzerin ich?
Neunzig werden wir traurig machen, nur eine wird glücklich mit meinem Job. Hoffen können wir immer. Auch dass der Regen bald aufhört.