Wettbewerb

Da war dieser Artikel, neulich, in der wöchentlich erscheinenden Konsumentenzeitung, die das Große M herausgibt. Nein, kein Artikel wars, sondern der Aufruf zu einem kreativen Wettbewerb. Einem weiteren kreativen Wettbewerb. Einem von den vielen, die es neuerdings überall gibt. Musikalische oder andere Projekte sind gefragt. Es lebe die Kunst. Fotowettbewerbe, Schreibwettbewerbe … Der Individualität und Phantasie sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.

Bring deins! Und weiter geht’s nach dem Motto, wer sich am besten selbst darstellen UND am meisten Stimmen fischen kann. Das Publikum soll entscheiden, wer gewinnt. Wir. Die Macht der Basis. Wer‘s glaubt. Ich bezweifle, dass der oder die beste gewinnt, denn letztlich geht es vor allem darum, wer am meisten Fans sammeln kann. Wer sich am besten verkaufen kann. Wie im richtigen Leben. Was sage ich da? Wie? Das IST das richtige Leben!

Und wir sind alle nett zueinander und klopfen uns auf die Schultern. Solange zumindest bis wir uns gegen eine Konkurrenz behaupten sollen. Immer und überall. Selektion. Auslese. Autsch. In der Wochenzeitung des Großverteilers mit den vier orangen Buchstaben war heute von einem Kindercasting für ein Musical die Rede. Hach, diese hübschen Mädchen aber auch! Nicht größer als einsvierzig dürfen sie sein. Und singen müssen sie können. Und das taten sie. Mit großen Hoffnungen. Vor der Jury und vor laufenden Kameras. Wie sie sich wohl fühlten? Voller Träume. Große Träume, rosa Träume. Träume von Ruhm und Ehre, von Anerkennung … tja.

Selbstdarstellung – dein Name ist Illusion.

Ich sei bloß frustriert, weil ich selbst keine sehr gute Selbstdarstellerin sei? Nein, glaube ich nicht, denn ich will ja auch keine gute Selbstdarstellerin sein. (Notiz an mich: Falle ich bloß nur immer wieder in die Falle der Selbstverars..ung?)

Schnitt.

Nun treffen täglich neue Bewerbungen ein. Meine Stelle ist zu haben. Und sie scheint begehrt zu sein. Ebenfalls täglich erhalte ich Mails und Anrufe von Kolleginnen und Kollegen, die meine Kündigung für Ende März sehr bedauern. Ein schöner Verlust, meinte Kollege A.. Dennoch beglückwünschen mich alle zum Mut zum neuen Schritt und wünschen alles Gute (nein, mehr verrate ich hier noch nicht).

Mein Scheff leidet und betont bei jeder unpassenden Gelegenheit, dass ich unersetzlich sei. Und wie! Und dass die Neue bestimmt nicht … so wie ich … Nein, das wird sie nicht. Sage ich. So nicht, aber anders, anders gut. Sage ich ebenfalls. Keine wird mich so gut verstehen, sagt er, so gut wie du. Ich grinse. Männer!, denke ich.

Ooops, also doch. Selbstdarstellerin, ich, was zu beweisen war.

Dabei wollte ich doch bloß von diesem Wettbewerb in der Konsumentenzeitung vom Großen M erzählen. Da sollen nämlich wir weichgekochten Konsumenten (Frauen vermutlich auch mit gemeint, wie ich mal annehme) ein neues Produkt erfinden. Cleverer Trick, echt clever. Hut ab vor diesen Werbefuzzis. Da dürfen wir alle also neue Bedürfnisse erfinden! Jippie, was für eine Ehre! Und wir dürfen auch gleich noch das Produkt dazu erfinden, um den neugeschaffenen Hunger zu stillen. Einen Hunger, notabene, der noch nie da war. Clever, wirklich, die Typen. Und die Erde dreht sich doch.

Konsumenten (Frauen wohl auch mit gemeint), rufen sie, wenn ihr wacker weiterkonsumiert, dreht sie sich immer schön weiter (und wir merken dabei gar nicht, dass wir alle vor die Hunde gehen).

Wer hat da „Wir wollen ja bloß deine Seele!“ geflüstert?

Tja, da möchte ich doch glatt ein tolles Produkt erfinden, dass es noch nicht gibt. Ein Serum, das uns hilft, wirklich zu leben, wahre Emotionen und Bedürfnisse zu fühlen, klare Gedanken zu denken und sich selbst treu zu sein. Genau. Doch die Zutaten dazu gibt weder im Großen M noch im orangen Vierbuchstaben. Unbezahlbar sind sie. Und ganz und gar kostenlos …