(k)eine Wollsau

Da ist dieses Bedürfnis, diesem seltsamen Bürotag einen kreativen Farbtupfer zu verleihen. Es kratzt an meiner Innentüre. Heißt mich, den Laptop einzuschalten. Drängt mich an den Schreibtisch.

Kreativ und farbtupfig? Nach so einem Tag? Wie denn – und was bitte schön? Soll ich denn einfach etwas über diesen Tag schreiben? Wen interessiert das schon?

Laut Statistik wird mein Blog ziemlich rege gelesen. Rege ist relativ, aber rege heißt auch, dass ich doch nicht einfach so drauflos schreiben kann. Rege heißt, dass ich etwas geistreiches, seelenfütterndes, kreatives, witziges oder zumindest bewegendes schreiben muss.

Doch wer will schon lesen, dass ich heute unter anderem meine sieben potentiellen Nachfolgerinnen telefonisch einladen durfte? Wen da draußen interessiert es, dass nächste Woche sieben Frauen, die bis anhin nichts mit mir zu tun hatten – und ich mit ihnen ebenfalls nicht –, nächste Woche mein Büro anschauen und sich vorstellen werden, wie es sein könnte, ab nächstem April hinter diesem Schreibtisch zu sitzen. Dass ich drei Favoritinnen habe, macht die Sache für mich nicht leicht. Ich will doch unbelastet an den Gesprächen teilnehmen und meinen Scheff gut beraten können. Jene Frau soll meine Stelle bekommen, denke ich, die am besten ins Team passt. Und die sich da auch wirklich wohl fühlen wird. Auch soll sie sich heraus- aber nicht überfordert fühlen, ihre Aufgaben lustvoll bewältigen und dabei ein ausgeglichenes Lebensgefühl haben. Und sie muss unbedingt mit einer großen Portion Humor gesegnet sein, um die Launen des Scheff relativieren können. Und vor allem sollte sie – besser als ich – auch mal Nein sagen können. Besser? Nein, sie darf nicht besser sein als ich, sonst werde ich ja keine Lücke hinterlassen. Hm. Aber schlechter darf sie auch nicht, sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen.

Ich muss grinsen. Einzigartig sind wir doch alle und die eierlegende Wollsau, die dazu noch Frischmilch liefert, gibt es nicht. Zum Glück. Die Unentbehrlichkeitsfalle ist eine jener Illusionen, die ich nicht erfüllt sehen will. Mein Büro wird auch ohne mich weiterexistieren. Mit Kollegin K. habe ich heute Nachmittag eine halbe Stunde statt zu arbeiten über unsere selbstwachsenden Arbeitsberge philosophiert und über die Paradoxie, die der Satz „Überstunden abbauen“ beinhaltet. Zumal es ja gerade die Arbeitsberge sind, die Überzeit entstehen lassen. Doch bauen wir sie ab, in dem wir blau machen, wachsen die Berge und wir produzieren zurück im Büro erneut Überstunden, um die alt-neuen Arbeitsberge abzutragen. Ein Perpetuum mobile der anderen Art. Eine Abwärtsspirale. Der Anfang vom Burnout. Ressourcenmangel überall. Da ist viel Arbeit zu tun. Und da wären auch viele Menschen, die auf Arbeit warten. Stellensuchende. Doch da ist kein Geld für faire Löhne. Die Pensen erhöhen würde ebenfalls Abhilfe schaffen, doch auch dazu ist kein Geld da.

Für mich, die ich bereits auf dem Sprungbrett stehe, sind solche Überlegungen bereits ein bisschen unscharf. Lieber träume ich. Vom einfachen Leben und auch ein bisschen davon, mich eines Tages von meiner Alltagskunst ernähren zu können. Wäre ich bloß mutiger. Ich schlucke leer. Wie gestern, als ich per Mail erfuhr, dass ich wieder bei einem Geschichtenwettbewerb gewonnen habe. Mit 24 anderen Autorinnen und Autoren zusammen. Und dass ein weiteres Buch – diesmal mit einer etwas längeren Geschichte von mir – im Januar erscheinen wird.

Na ja. Kreativ war das alles jetzt nicht wirklich. Wie auch, nach so einem Tag. Dafür will ich jetzt die neue Seite auf diesem Blog noch füllen. Mein Who Is Who. Einfach für den Fall, dass hier jemand mitliest und sich für mein kleines Alltagsleben interessiert.

so und so

Erstes Bild: Schnappschuss von mir, mit PhotoFunia bearbeitet. Eine BildbearbeitungsApp, die witzige Bildmontagen, vor allem mit Porträts, erlaubt.

Zweites Bild: Ebenfalls mit PhotoFunia bearbeitetes Bild, das J. zeigt. Während seiner Ausstellung. Morgen um die Zeit ist mein Liebster bereits in St.-Jean-Pied-de-Port. Insch’allah.

(Sein Pilgerblog  findet sich hier: http://irgendlink.de)

Logo, dass ich ihn gerne alive wiedersehen will.

besser

Wie du dich als besserer Mensch fühlen kannst? Du sagst einfach zu deinen Mitmenschen: Ich lasse dir den Vortritt!

Das fühlt sich gut an!, sagst du. Grad so, als seiest du eine besserer Mensch.

Und ich? Ich gebe sie dir gerne, diese Gelegenheiten. Zum einen, mir den Vortritt zu lassen und zum anderen, dich danach als besserer Mensch fühlen zu können. So fühle ich mich auch gleich besser. Als besserer Mensch sozusagen. Und das nur, weil ich dir die Gelegenheit gab, mir Gutes zu tun, indem ich auf das Privileg, dir den Vortritt zu lassen, verzichtet habe. Hach, wie schön es doch ist, sich gemeinsam als bessere Menschen zu fühlen.