Noch 22 Tage

Der Countdown läuft. Weiß noch nicht so genau, ob ich auch dies Jahr wieder mitmache. Tage zählen. Wörter zählen. Den Zensoren in die Wüste schicken, wie Fatima, die Initiantin, seit drei Jahren predigt.

Weiß nicht, ob ich mir dieses Jahr die Zeit nehmen kann. Nehmen will. Lust hätte ich schon, denn ich liebe diesen Novemberflow, diese kreative Inspiration, das Schreiben ohne zu denken. Besonders, wenn es draußen kalt und feucht ist. Gring ache u seckle. Kopf runter und drauflos rennen. Drauflos tippen. Schreibmarathon. Novemberschreiben.

Seit drei Jahren bin ich – als Janaluna – mit dabei. Zuerst als Schreiberling, später als aktives Mitglied, die mit anderen eine noch immer aktive Schreibgruppe aufgebaut, ein paar Lesungen mitorganisiert und aktiv im alten Forum mitdiskutiert hat. Und die in den letzten Monaten ebendort sehr ruhig geworden ist. Inzwischen musste das veraltete Forum einem neuen Platz machen und ich fühle mich noch fremd dort. Außerdem habe ich eine neue literarische Herausforderung gefunden: Dieses Blog hier.

Dennoch fühle ich mit, pflege jene Beziehungen privat weiter, höre den Puls meiner Schreibcompañeras und -compañeros immer lauter schlagen, sehe sie die Tage zählen.

Eben kletterte ich mal versuchsweise die Treppe hoch und nun stehe ich auf dem Sprungbrett. Soll ich springen?

Und du? Anmelden unter: www.novemberschreiben.ch

Sternschnuppen

Um 2:22 auf die Uhr zu schauen bringt Glück. Ebenso um 13:13. Pech, wenn du um 8:88 schaust. Besser ist 22:22. Auch bei 23:23 kommt das Glück. Und erst recht dann, wenn du dabei zuschauen kannst, wie die Zahl wechselt. Warum sonst gucke ich manchmal eine Beinahe-Minute lang ohne zu Blinzeln auf das Display meines Handys oder auf die rechte Ecke meines PC-Bildschirms?

M. war – und hat mich – felsenfest von ihrer Glückstheorie überzeugt, damals, und wir sofasophieren noch heute hin und wieder über die Wahrheit dieser Zahlenzauberei. Dreizehn Jahre später. Von Zahlen verdeckte Sternschnuppen nenne ich dieses Phänomen, im richtigen Moment auf die Uhr zu schauen, diese eines lauen Herbstabends an einem Feuer im französischen Jura kreierte Weisheit. Die Wahrheit dabei ist: Glück kommt, wenn wir es locken. Na ja, eigentlich ist es ja die ganze Zeit schon da und mag unsere lockenden Spielereien. Es mag uns, wenn wir glücklich sind, da es sich in diesem Klima vermehrt. Glücksvirus.

Heute Morgen. Früh. Noch dunkel hinter den Läden. Ich fragte meinen Wecker per Tastendruck nach der Zeit. 05:55 bedeutete er mir. Und ich? Dachte an Kuno! Natürlich. Und an Charlotte. An Kunos Abgang um nullfüf-füfeföfzg. Nicht heute. Auch nicht gestern. Irgendwann. Und an den Kaffee, den er aufsetzt. An ein wehmütiges Lied auf einem genialem Silberling (http://www.zueriwest.ch/ > Disco > Haubi Songs > 1.Song). Drehte mich zur Seite und konnte doch nicht mehr einschlafen. Obwohl ich noch mehr als eine Stunde gedurft hätte. Dachte stattdessen an die aktuelle Häufung der Sternschnuppen in Zahlenform. Und daran, dass ich glücklich bin. Daran, dass Glück weder von Zahlen noch von Sternschnuppen abhängt, auch von Sternen nicht. Eigentlich. Und auch nicht von Umständen. Einzig von meiner Fähigkeit, es zu sehen, zu fühlen. Dennoch mag ich Sternschuppen und Schnapszahlen. Und Doppelzahlen natürlich auch. Zahlenspiele sowieso. Und das Leben. Und Wochenenden. Und Besuche von lieben Menschen.

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Puntos Universum

Die beiden Männer sitzen schon da, warten, ins Gespräch vertieft, auf die Frauen. Auf mich zum Beispiel. Schön, S. mal wieder zu sehen. Und R., unser Neuer, war auch schon lange nicht mehr dabei. Auch die anderen tröpfeln nach und nach ein. Zuletzt K., die eigentlich vor einem Jahr aus der Schreibgruppe ausgestiegen ist. Doch die freundschaftlichen Bänder sind offenbar stärker, weshalb sie uns allpot mal besucht Zu acht waren wir schon lange nicht mehr. Nur M. fehlt, the third Man. Schade.

Angeregtes Austauschen. Von mir aus könnte es den ganzen Abend so weitergehen, denn längst sind mir meine Mitschreiberlinge und ihre Themen ans Herz gewachsen. Im Punto wird italienisch gekocht. Gopf sind diese all’arrabiata scharf! Der Koch sei eben mit einer Amerikanerin zusammen, erklärt die Kellnerin. Alles klar?

An unseren Texten arbeiten wir so diszipliniert, wie schon lange nicht mehr. Mit der Uhr. Zum Glück habe ich nur einen kurzen Text dabei. Fünf Minuten vorlesen. Fünf Minuten Feedback. Vielleicht mag ich diese Menschen deshalb so sehr? Wir alle sind ehrlich zueinander, gnadenlos, doch wohlwollend, klar und ohne uns zu konkurrieren. Eine Miniwelt, die funktioniert. Ein Modell der Entwicklungsarbeit, das ich gerne auch auf das reale Leben übertrage und auch in allen anderen Beziehungen anwende. Hach, wenn Leben doch bloß überall so einfach wäre!

Zum Feierabendbier wechseln wir diesmal ins Tibits. Doch, nein, nicht des Katers wegen bin ich heute Morgen zuhause geblieben. Seit ein paar Tagen habe ich mal wieder meine Kopfweh-Tiefdruckphase. Chemieseidank geht’s mir jetzt wieder besser, so dass ich mich am Nachmittag wieder in mein Arbeitsuniversum stürzen kann. Doch jetzt genieße ich es einfach – noch immer im Bett -, dass sich mein Kopf langsam wieder lichtet.

Suchbilder

Bestimmt kennt ihr Vexierbilder! Zum Beispiel dies hier … Zuweilen kommt mir das Leben so vor … Du guckst hin und siehst, was du siehst. Was du sehen willst. Was du zu sehen glaubst. Was du zu sehen gewohnt bist … Dann zwinkerst du. Nur ein bisschen. Auf einmal sieht das Ganze ganz anders aus.

Vexierbild

Ich wünsche mir das Talent, eine VexierGESCHICHTE schreiben zu können. Stell dir vor, du  liest dann meinen Text und machst dir Bilder. Du siehst, was du sehen willst. Was du zu sehen glaubst. Was du gelesen zu haben glaubst. Was du – von daher – zu sehen gewohnt bist … Dann zwinkerst du. Nur ein bisschen. Liest den Satz, den Abschnitt, den Ausschnitt, die Geschichte von Neuem und auf einmal sieht alles anders aus.

getroffen

Es ist Herbst. Sie schießen wieder. Männer! Männer und Motoren! Männer, Motoren und Straßen. Kann das gut gehen?  … in solchen Klischees zu baden, meine ich natürlich … 😉

Nichts böses ahnend, radle ich meine Straße entlang. Richtung Büro. Der erste Schuss trifft mich am Unterschenkel. Gleich darauf einer am rechten Knie. Hey, Mann, pass doch auf!, sage ich. Hören tut er mich nicht. Er trägt Ohrenschützer und ist sich der Gefahr, in der seine Mitwelt schwebt, höchstens am Rand bewusst. Er fräst in Gedanken versunken weiter, ungeachtet der spitzen Steine, die er aufwirbelt. Die Motorsense, mit der er den Grasstreifen zwischen Straße und Radweg bearbeitet, zwischen den Beinen. Potenz der etwas anderen Art. Eben so doof, diese Erfindung, wie der Laubbläser. Als ob es effizienter wäre, mit Luft Laub zu stapeln, als mit einem Laubrechen. Beppo, Momos Straßenkehrer, kommt mir in den Sinn. Schritt – Atemzug – Besenstrich. Und auf einmal ist die ganze lange Straße gekehrt.

Geihts no?, frage ich. Nicht den mähenden Mann von der Straße, nein, doch die Männer, die in solchen Dingen das Sagen haben. Denn das müssen Männer sein. Geihts no? Da reden alle von Klimaerwärmung und C02-Senkung, doch unter dem Strich tun sie nicht. Tun wir nichts. Null Komma gar nichts, wie meine Arbeitskollegin M. bei jeder unpassenden Gelegenheit sagt. Dabei wäre es a.) gesünder, b.) klimaverträglicher, c.) ungefährlicher und d.) lärmfreier, wenn die Männer vom Straßendienst statt Motorsensen richtige Sensen gebrauchen würden. Und, wo wir dabei sind, auch gleich richtige Laubrechen statt den Bläsern. Und natürlich würden wir alle mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren!

Geihts no? – Auch so ein Ausdruck, der zum Grundwortschatz potentieller Bernheimsuchender gehört. Und auch ‚geihts no?‘ ist – wie äuä – multifunktionell. Siehe gestern. Es heißt sowohl ‚Spinnst du?‘ als auch ‚Danke! Was für eine schöne Überraschung! Damit hätte ich nicht gerechnet!‘ Die eigentliche Bedeutung lässt sich nur am Klang heraushören. Und am Glitzern der Augen.

Ja, ja, Bern und seine sprachliche Besonderheiten!

Ach, und übrigens … Hier gibt es ihn noch, den Majestatis Pluralis, den der Rest der Welt als ausgestorben betrachtet! Chöitr mr säge, wo‘s düregeiht zum Bahnhof?, fragt jemand einen ortskundigen Menschen, wenn er sich verirrt hat. Nicht ‚können Sie mir …?‘, sondern ‚könnt ihr mir …?‘. Niemand sagt hier Sie. Höfliche Anrede gleich Ihr.

Dennoch … ich mag natürlich auch viele andere Dialekte. Büündnerdütsch zum Beispiel. Oder wolliserdütsch, obwohl ich davon höchstens die Hälfte verstehe und bei ‚schi chuunt ai‘ an englisch denken muss, obwohl das bloß bedeutet, dass sie auch kommt. Lozärnerdütsch mag ich ebenfalls mit seinen rüdig-derben Ausdrücken.

Mit baaseldiitsch und den Ostschweizer Dialekten habe ich wenig am Hut, obwohl ich ganz liebe Freundinnen und Freunde, die so sprechen, habe.

Doch auch bayrisch gefällt mir, denn so spricht Luisa. Dann mag ich auch schwäbisch. Pfälzisch. Hamburgisch. Berlinerisch. Hach, diese Vielfalt! Gut hinhören, mit dem Herzen! … und auf einmal wird jede Sprache zur Offenbarung. Und zur Übung in Toleranz.

Na ja, Toleranz hin oder her: Wäre es denn nicht einfach schöner, die Berner Straßenkehrer hätten richtige Sensen und Laubrechen?

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EDIT: Eben als ich vorhin auf Veröffentlichen geklickt habe, ging draußen der Lärm los. Na? Was wohl? Das Gärtnerteam bläst Laub! *grmpf*

äuä eine Liebeserklärung

Als ich vor – huch! – einundzwanzig Jahren zum ersten Mal nach Bern zog, ahnte ich noch nicht, dass die Liebe zu dieser Stadt länger anhalten würde als meine damalige Liebesgeschichte, denn auch später bin ich immer wieder hier gelandet. Ich möchte mal einen Berner heiraten!, hatte ich als Teenie meiner damals besten Freundin anvertraut, mir gefällt dieser Dialekt so gut. Gesagt, getan. Wobei … K. hätte ich damals äuä auch genommen, wenn er Zürcher gewesen wäre. An der Trennung war denn auch nicht die Sprache schuld.

Ich gebe es trotzdem zu: Wie jemand spricht, spricht mich an. Oder eben nicht. Ähnlich wie Gerüche gehen auch Stimmen und Redewendungen in meinem Inneren ganz seltsame Wege. Sie berühren mich unvermittelt – oder eben nicht. Gerüche, Stimmen, Geräusche und Wörter verwandeln sich in meinem Inneren in Farben. Menschen speichere ich in mir als Farben ab – und als Geschmack auf der Zunge. Nix Esoterik, nein, ich sehe keine Auren! Ich ticke einfach so. Immer schon. Seit ich gelesen habe, dass dieses Phänomen einen wissenschaftlichen Namen hat, habe ich keine Hemmungen mehr, darüber zu reden (obwohl ich den Namen des Phänomens längst vergessen habe. Keine Beweise also!).

Sorry, ich schweife ab. Wollte doch über jenes Wort schreiben, das …

Nein. Halt. Vorgreifen will ich nicht. Mein Leben in Bern. Die erste Runde vor einundzwanzig Jahren. Buchhandlung S., wo ich damals meinen zweiten Beruf erlernt hatte. Meine Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen wurden nicht müde, mich meines Dialektes wegen zu necken. Nicht, dass der so besonders wäre. Eher das Gegenteil. Das Aargau ist sprachlich und geografisch einfach immer irgendwo dazwischen. Für Berner Ohren mag mein Dialekt sogar zürichdeutsch klingen, auch wenn ich das nicht verstehen kann. Und das war denn auch ihre Hauptneckerei. Denn zwischen Bern und Zürich liegen Welten, nicht bloss ein paar Kantone!

Längst habe ich meinen alten Mitbuchhändlern und -buchhändlerinnen ihre Foppereien verziehen. Später, als ich ein paar Jahre in Zürich gelebt hatte, wurde ich umgekehrt immer wieder gefragt, ob ich Bernerin sei. Hm. Das hörte ich, ehrlich!, doch viiiel lieber als die Frage, ob ich Zürcherin sei. Obwohl ich auch Zürich liebe. Die Stadt. Die Menschen. Und mein lieber Freund M. gab niemals auf, seine Aufgabe als  mein Mitbewohner als Entwicklungshilfe in Metropolität zu betrachten. Dennoch mag ich die gemächlichere Gangart der Bundeshauptstadt lieber als die Hektik jener gernegrossen City an der Limmat.

Ich schweife schon wieder ab, verzeiht. Mit Umwegen über das Tessin und das Aargau  – gopf, oder heisst es nöime der Tessin und der Aargau? – bin ich dann doch wieder hier gelandet. Im Kanton meines Herzens. Ja, auch damals der Liebe wegen. Vor allem aber, weil ich mich hier einfach zuhause fühlte. Und es noch immer tue.

Die vielen Berner Jahre haben  meine Aargauer Dialekt dennoch nicht aufgefressen. Mein Assimilationsbestreben zielte nie daraufhin, mich und meine Sprache zu verleugnen. Es genügte mir, umgeben von dieser Sprache zu leben, in den Klängen dieser Sprache zu baden. Jeden Tag von neuem. Dennoch habe ich natürlich ein paar Fetzen verinnerlicht. Ohne es zu merken. Angefangen bei der Satzstellung. Zum Beispiel sagt die Bernerin in mir ‚wo-n-ig es paar Jahr ha z’Züri gläbt‘ statt meiner Aargauerindie natürlich ‚wo n i es paar Johr z’Züri gläbt ha‘ sagt. Auch die Artikel mixe ich ebenfalls oft, ohne es zu merken. Oft Neutrum statt männlich oder weiblich. Das Agenda statt die Agenda zum Beispiel. Und natürlich sind da ein paar eigenwillige Begriffe wie nöime für eventuell oder irgendwo, die aus meinem Wortschatz nicht mehr wegzudenken sind.

Doch – und jetzt komme ich endlich zur Pointe! Selber schuld, ihr lest hier freiwillig! – das genialste Wort, das zugleich die Gemütlichkeit und Lebenskunst, Bernerin oder Berner zu sein, aufs Genauste illustrier, das Berner Universum gleichsam, besteht aus nur drei Buchstaben!

Kommst du als Fremdling nach Bern, genügt es, dieses eine Wort, je nach Bedarf anders betont, anzuwenden und alle Einheimischen akzeptieren dich als einen oder eine der ihren! Just try! Darfst einfach sonst nix sagen, sonst merken sie, dass du Import bist.

1.) äuä = ausgesprochen: äuäää? mit fragendem Ton und langem zweiten ä > Soll ich dir das wirklich glauben? Du veräppelst mich bestimmt!

2.) äuä = ausgesprochen: äuä? mit fragendem Ton > ähnlich wie 1.) doch im Klang weniger fragend, mehr bestätigend, bedeutet: Ja, es ist wahr, obwohl es verrückt klingt!

3.) äuä = ausgesprochen: äuä. Kurzes zweites ä. > Ja! So ist es! Kann auch als äuä scho! daher kommen und heißt ebenfalls ja.

4.) äuä = ausgesprochen: äääuä?! Fragender Ton, doch abschließend die Stimme senken > Nein. Definitiv nicht. Vergiss es!

Doppelmoral? Na ja … ich weiß ja, dass wir Leute aus Bern (zwar ist Gstaad im Berner Oberland, doch über Polanski möchte ich hier nicht schwadronieren) zuweilen nicht so recht wissen, was nun eigentlich gelten soll, was Irgendlink bewiesen hat, dennoch meinen wir es meistens nicht böse. Wir Berner und Bernerinnen.

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Treffen sich eine Bernerin und ein Berner am Loebegge*:

– äuä!
– äuä?
– äuä …
– äuä.

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* waaas? Du kennst den Loebegge nicht?

Phase 4

Am liebsten mag ich Phase 3. Alle sind müde, entspannt, die Zungen schwer, die Gedanken dickflüssig. Nach dem dritten Grappa schimmert  bei mir ein wenig Vernunft durch. Genug! Muss ja noch fahren, nuschle ich, staune dabei von neuem, wie viel meine eher kleine Freundin B., deren Geburtstag wir feiern, tanken kann. Und dabei noch immer relativ grad in der Landschaft stehen. Sollte es mich beunruhigen, wie viel ich selber tanken kann? Okay, aus genannten Gründen bin ich – irgendwo in Phase 2 – nach drei Gläsern Rotem zu Sauser übergegangen. Na ja. Trotzdem.

Phase 1. Ankommen. Mich irgendwo an der Peripherie bewegen. Da und dort grüßen. Anstoßen. Wie geht’s auch? Die meisten kenne ich ein wenig. Wir sehen uns alle Jahre wieder an B.s Festen. Same time, same place. Kleine Gespräche sind nicht wirklich mein Ding, überspringen kann ich diese Phase trotzdem nicht. J., B.s Nachbar, sieht sich als genialer Sprücheklopfer. Gut. Dann ist ja für – wenn auch eher zweifelhafte – Unterhaltung gesorgt. B. und ich zwinkern uns unauffällig zu. Leute kommen, andere gehen. Ach, sieht man dich auch mal wieder. Ich beobachte. Rede wenig. Schnappe mir ein paar Häppchen, um den Wein innen drin aufzutunken.

Phase 2. Wir sitzen am Tisch und da und dort entspinnen sich erste spannende Gespräche. Kleine Fenster werden geöffnet. Ich höre zu. Nehme Teil. Sage auch ein paar Sätze. Gehe auf der Spirale ein bisschen weiter nach innen. Oha,  I., ein feiner Kerl, der durch Abwesenheit glänzt und E.s Freund, wurde am Donnerstag von der freiwilligen Katastrophenhilfe nach Sumatra beordert. Als IT-Fachmann sei er da sehr gefragt. Um zehn Uhr morgens erhielt er den Anruf, um zwei Uhr ging das Flugzeug.

Endlich zieht J. ab, mit Frau, Kind und Kegel, denn Little L. ist in R.s Armen eingeschlafen. Es wird gleich viel ruhiger. Auch einige der anderen gehen. B. und ich wenden uns ein wenig von den anderen ab, um über persönliche Dinge zu sprechen. Damit haben wir Phase 3 eröffnet. Später – noch zu viert – diskutieren wir über Lebensträume, Beruf und Berufung, erfüllte Sehnsüchte und die Konsequenzen. Ob es womöglich nicht besser sei, nach Plan B zu leben … Ich habe weder Plan A noch Plan B, gestehe ich. Hatte ich wohl nie. Und schon gar keinen Plan C oder so. Ooops. Dennoch habe ich nicht das Gefühl, nicht gelebt, nicht gewählt zu haben. Vielleicht hatte ich, vielleicht habe ich einfach nur ein paar Plänchen statt grosse Pläne für mein Leben?

Zwischendurch spielen wir Gaga, ein witziges Kartenspiel, das B.s jüngste Tochter T. (7), von E., ihrer Patentante erhalten hat. Ich gewinne ständig, obwohl ich mich absolut nicht anstrenge. Eine simple Strategie: Der Gedanke, dass es mir nichts ausmachen würde, zu verlieren. Ich gehe alle möglichen Risiken ein und gewinne trotzdem. Ooops, doch eine Art Plan? Fatalismus.

Auf einmal sprechen wir über Suizid. Als Möglichkeit. Doch irgendwann nächstens werden wir – vor allem bei solchen Themen – garantiert unter den Tisch fallen. Noch ein Grappa? Okay, aber nur ein ganz kleiner. Muss ja noch fahren. M. nach Hause bringen, den ich ebenfalls seit Jahren kenne, doch keine Ahnung hatte, dass er praktisch um die Ecke wohnt.

Mein Auto fährt wie von allein. Und wie von allein findet mich später der Schlaf. Gut so. Phase 4.