Zugegeben, so richtig wach bin ich noch nicht. Sonntagmorgen. Noch im Bett. Erwacht mit Songs im Kopf. Das Konzert in den Füßen, den zertanzten, die ein wenig schmerzen. Und die Frage wieder, die schon auftauchte, als ich nachts mit dem Auto auf der A1 von Bern nach Hause fuhr: Wieso erträgst du, die doch sonst Menschenmassen meidet und Lärm und lauten Geräuschen aus dem Weg geht, immer wieder – und mit größtem Genuss! – Patent Ochsner-Konzerte?
Warum? Weil sie mich glücklich machen! Und weil ich ein paar Freundinnen und Freunde habe, die diese Konzerte ebenfalls lieben. Mit zweien von ihnen treffe ich mich schon zwei Stunden vor Konzertbeginn im Bierhübeli. Austausch. Später spazieren wir zur Reitschule runter und essen etwas kleines. Was für ein süßer Kellner, der uns drei „Damen mittleren Alters“ da verwöhnt!
Und was für ein Publikum! Wir finden vorne rechts neben der Bühne eine Nische, die uns dreien entspricht. Freundin M. möchte nicht mit an den Bühnenrand, hat von dort aus aber trotzdem einen guten Blick. Freundin B. und ich stehen am rechten Bühnenrand vorne. Der Raum, der schon ziemlich voll ist, als wir ihn um Viertel nach acht betreten, füllt sich allmählich bis zum Rand. (Das Konzert war ja innert vierundzwanzig Stunden ausverkauft gewesen.)
Mit einer Viertelstunde Verspätung starten die Ochsen. Das passt gut, weil ich nämlich am Tresen Schlange stehe und – das nur nebenbei gesagt – eine mir neue Biersorte entdecke (Notiz an mich: Einsiedler Spezialbier dunkel), die mich begeistert.
Tschuldigung, Sorry, äxgüse … merci … Ich schlängle mich durch die Masse zurück zum Stehplatz und schon gehts los. Das Intro – ein Musikstück, das zwischen Folk und Rock balanciert, zwischen Weit-weg und ganz-nah –, fährt schon voll ein und lässt mich fliegen. Musik ist eine Droge, der ich mich gerne hingebe. Was für ein Publikum, das schon beim ersten Song mitsingt.
Büne begrüsst das Publikum so heiter, dass ich ihm abnehme, wenn er sagt:
Das hie isch es Familiefescht … so fühlt es sich auch an. Obwohl sich auf dem Dachstock der Reitschule, dem autonomen Zentrum von Bern, sicher über zweihundert Menschen tummeln, fühlt es sich an wie „unter uns“. Und wie das rockt! Schnell ein paar Schlucke Bier trinken, damit die Flasche beim Tanzen nicht überläuft.
Büne erzählt zwischen den Songs immer mal wieder Geschichten über das Leben. So auch über die Figur Eberhard, die schon vor langer Zeit Gegenstand eines Songs geworden ist. Nun setzen die ersten Instrumente ein und Büne öffnet den Mund.
Nei, nei, stopp halt … no einisch vo vore …, stammelt Büne. Show oder Texthänger? Zweiteres. Kein Problem. Das darf sein auch bei einem Profi … Jetzt seht ihr, dass alles, was wir machen live ist, lacht er, sortiert sich neu und fängt noch einmal an.
Live ist diese Band noch besser als auf Konserve. So viel Authentizität. So viel Lachen, Humor, Lebensfreude. Charisma, Leidenschaft – Freundin B. und ich rätseln, was es alles ist, dass diese Band so unvergleichlich macht. Musik für den Körper, fürs Herz und für den Kopf. Das soll ihnen mal einer nachmachen! Ja, ich gestehe es: ich habe alle Tonträger und ich kenne alle Lieder. Ich erkenne alle Lieder, wenn die ersten Takte erklingen. Lieder, die meine Medizin sind mit ihrer Lebensfreude und mit ihrer Melancholie. Ehrliche Songs. Den grössten Teil meines Erwachsenenlebens sind die Ochsen da gewesen, sind mit mir älter geworden. Vieles hat sich in meinem Leben geändert (und ich höre natürlich auch andere Musik, klar!), aber die Ochsen sind geblieben (und haben sich natürlich auch weiterentwickelt).
Miner Heude!, sagte ich zu Freundin B. in schönstem Berndeutsch, das ich so ja eigentlich gar nicht spreche, als die Jungs und Mädels auf die Bühne traten. Meine Helden.
Du chasch cho, du chasch ga, du chasch alles vo mir ha … so singt Büne auf einmal acapella ins Mic. Freundin B. schaut mich mit gerunzelter Stirn an. Was ist denn das jetzt? Da trägt er aber dick auf!, meint sie grinsend.
Das gibts aber schon!, sage ich, weil ich die Zeilen, wenn auch mit anderer Melodie, als Refrain des Songs Trybguet erkenne. Und mit mir ein großer Teil des Publikums, der die neue Melodie aufgreift und mitsingt. Büne freut sich, kommt ganz nahe an den Bühnenrand. Und schliesslich fängt die Band mit dem Song an, wie wir ihn kennen und lieben. Schon fast heiser und beinahe so nassgeschwitzt wie die Band da oben, singe ich den Refrain des Liedes von der ewigen Liebe mit. Die einen Tag länger als für immer dauern wird. Wenn es denn gelingt, den Montagmorgen nicht ins Haus zu lassen. Wenn.
Einziger Wermutstropfen dieses wunderbaren Abends sind die Tratschjungs- und vor allem -mädels, die schon leicht angesäuselt hinter uns stehen. Meistens kann ich sie ausblenden, doch nicht mal beim Song Git’s über üs e Himu, der sehr leise gespielt und gesungen wird und der die Verzweiflung nach dem Tod eines geliebten Meschen hörbar macht, hören sie nicht mit Kichern auf. Ich bin nicht die Einzige, die die kleine Gruppe um Ruhe bittet. Das Lied treibt mir – wie immer – Tränen in die Augen und Schwermut ins Herz.
Später singt Büne den Song vom sinkenden Schiff, der in sich die Hoffnung trägt, dass es irgendwo einen neuen Hafen gibt. Geben muss. Dass es einen Weg gibt. Dass es weitergeht.
Ich liebe es, wenn Liedinhalte und Musik wie aus einem Guss sind. Bei den Ochsen mit ihren tausenden Instrumenten und definitiv nicht nur rockigen Songs immer wieder ein großer Genuss.
Nach unzähligen gehörten, erlebten Konzerten können sie mich noch immer begeistern als wäre jedes Mal das erste Mal. Dass sie nach der zweiten Zugabe nochmals rauskommen, nach dem Abschied, nach dem letzten Winken, habe ich aber nun doch noch nie erlebt in den ganzen Jahren. Einträchtig stellen sie sich ganz zuvorderst an den Bühnenrand. Schalk in den Augen jedes einzelnen. Dicht an dicht stellen sie sich.
Freundin B. zieht mich in die Mitte vor die Bühne und nun singt die Band acapella ihr uraltes Lumpenlied vom ewigen Sommer, der immer und überall stattfindet. Wo? Unter ihren Armen natürlich, wo sonst?
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Scharlachrot
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Bilder:
Appspressionismen (iPhoneArt)
