Montagmorgen kurz nach acht Uhr. Im Zug. Seltsamerweise liegen heute keine Gratiszeitungen herum. Es ist ungewöhnlich still. Ich habe einen Platz in einem Viererabteil gefunden. Mein Gegenüber ist eine schwarze Frau in meinem Alter mit wunderbaren Zöpfchen. Wider meine morgenmuffelige Gewohnheit habe ich sie gegrüßt. Der Zeitung lesende Nachbar im Abteil nebenan hat mir einen seltsamen Blick zugeworfen. Ob mein Guter Morgen-Gruß auch für ihn gilt, hat er sich vielleicht gefragt? Ich weiß es nicht.
Wenn er ein JA-Stimmer ist, was ich vermute – sein akurater Haarschnitt und das modische Haarzöix im Gesicht (ist das ein Bart?) lassen Rückschlüsse auf eine gewisse konservative Weltschau zu – wenn er also ein JA-Stimmer ist, mag ich ihn nicht in meinen Gruß einschließen. Wenn ich ehrlich bin.
Der Gedanke, dass von den vielleicht vierzig Leuten in diesem Wagenteil – abzüglich die wohl ungefähr acht Reisenden ohne Schweizer Stimmrecht, obwohl sie a.) hier geboren, oder b.) bestens integriert sind oder c.) sich um eine gute Integration bemühen – item, wenn also von diesen vierzig minus acht siebzehn JA gestimmt haben, was heißt das nun? Dass die Frau mir gegenüber ihr Deutschübungsbuch, in dem sie arbeitet, zuklappen soll? Dass sie Bleistift und Gummi wegstecken und schleunigst das Land verlassen muss? Zurück in ihre Heimat, die nicht mehr Heimat ist …
Ich denke noch immer über diesen einen Satz nach, den ich gestern auf fb aufgeschnappt habe: Die Integrierten wollen wir schon, aber die andern nicht!
Wir und die andern? Ehrlich gesagt fühle und fühlte ich mich immer den andern näher. Mit diesem WIR habe ich wenig gemeinsam. Entweder sind wir alle WIR oder niemand. Naiv?
Eigentlich wäre es ja bei dieser Abstimmung nicht wirklich um AusländerInnenfeindlichkeit gegangen, sondern um Arbeitsplätze. Sprich Geld, viel Geld. Und um Futterneid, um die Angst, unsern Wohlstand teilen zu müssen. Einen Wohlstand, den wir nicht zuletzt diesen nun unerwünschten ausländischen Mitarbeitenden verdanken.
Hat dir teilen je geschadet? Hat dir teilen je Nachteile beschert? Gut, du hattest zwar weniger für dich, dafür das gute Gefühl des Teilens im Herzen. Nur: da wo das Herz sein sollte, haben viele stattdessen den Geldbeutel eingebaut.
Die SVP hat sich die Unsicherheit vieler Menschen zunutze gemacht. Sie nützt einmal mehr die Angst vieler Menschen aus, teilen zu müssen (= weniger zu haben). Wozu auch sollen wir mit den Unbekannten, mit den Fremden, mit den Bösen, mit den Kriminellen teilen.
Gezielte angstschürende Propaganda und schon sieht ein Volk braun. Jedenfalls fünfzig Komma sieben Prozent dieses Volkes. Warum die Propaganda in der deutschen Schweiz fruchtbarer war, wo der Anteil an ausländischen MitbewohnerInnen tiefer ist als in der französischsprachigen Schweiz mit mehr AusländerInnen? Weil die Erfahrungen fehlten, respektive von manipulativen Informationen übertüncht wurden. Oder vielleicht, weil die WelschschweizerInnen ihre irrationalen Ängste längst verloren haben und weil für sie das WIR eben auch Menschen aus andern Ländern miteinschließt?
Wie es wohl heute Morgen – am Tag danach – all den Menschen geht, die keinen Schweizer Pass haben? Nicht dass sie von heute auf morgen die Schweiz verlassen müssten, nein, doch wie fühlen sie sich wohl? Unwillkommen, vermute ich.
Ich weiß nicht, ob ich Ausnahme oder Regel bin, aber ich habe eine ganze Anzahl in der Schweiz lebende FreundInnen ohne Schweizer Pass. Viele leben schon so lange hier, dass ihr Land nicht mehr Heimat ist. Wie sie sich fühlen heute? Muss ich jetzt den Koffer packen?, fragte einer von ihnen auf fb.
Wenn du, die oder der du das liest, keinen Schweizer Pass hast: Lass dir gesagt sein, dass es nicht alle sind, die JA gestimmt haben. Nur die Hälfte. Ich klammere mich an die andere Hälfte, an die neunundvierzig Komma drei Prozent NEIN-Stimmenden und gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Schweiz nicht an Rassismus zu Grunde geht.