Lebensreisende sein

Inzwischen sind wieder alle Bilddateien auf meiner großen externen Festplatte nach Jahr und Monat geordnet. Zwar hatten sie sich von der kaputten Festplatte retten lassen, aber seither und bis vor kurzem hatten sie unter einem nichtssagenden Namen in nichtssagenden Riesenordnern ohne chronologische Logik gelegen hatten – quasi unerreichbar und unbrauchbar. Endlich wieder Ordnung also?

Ja, schon, aber …. denn auf ebendieser externen Festplatte sind nun sowohl die Originale als auch deren Systembackups sprich Dateikopien gespeichert. Damit habe ich nun die meisten Bilder doppelt. Außerdem liegen da auch Bilder, die im Laufe der Jahre über Downloads von Webseiteninhalten auf meinen Rechnern gelandet sind, in meinen schönen neuen Monatsordnern.

Kurz und gut: Mir bleibt nichts anderes übrig, als auszumisten, als Ordner für Ordner und Jahr für Jahr alle Bilder durchzugehen und die doppelten Bilder zu löschen.

Irgendlinks Softwaretipp das Listen und Ausmisten der Duplikate einer Software zu überlassen, will bei mir nicht funktionieren. Die ganz offensichtlich vorhandenen Duplikate werden vom Programm nicht als solche erkannt und gelistet. Ich werde also händisch − wie gestern − weitermachen, denn ob ich die doppelten Bilder nun in der Anwendung oder im Ordner einzeln anklicke, macht aj keinen großen Unterschied.

Soweit so gut. Gestern Nachmittag habe ich also, nach einem intensiven Arbeitsmorgen an der Schule (mit dem letzten Schulkonzert während meiner Zeit als Musikschulsekretärin) an die ältesten Bilderordner gesetzt.

Die Jahr 2000 bis 2003 waren bei mir eine noch fast digitale-Bilder-freie Zeit. Damals − dies war meine Zeit als Mutter (immerhin drei Jahre lang) − haben wir zwar bereits unsere analog aufgenommenen Bilder zeitgleich mit dem Abziehen- auf CD brennen lassen, doch nur wenige haben es damals dauerhaft auf die Festplatte meines damaligen Laptops geschafft. Eigentlich sind es sogar nur ein paar, doch sie zeigen mich mit meinem damals noch quicklebendigen Sohn und ich schlucke leer.

Mit dem Kauf meiner ersten digitalen Sonyshot im Frühling 2004 stieg meine Bildquantität schlagartig. Nicht, dass die Qualität jener Bilder mit den heutigen, die ich mit dem iPhone oder der Nikon mache, mithalten könnte, dennoch spüre ich hier bereits zuweilen, wie sich mir ein kreativer, experimenteller Weg auftut. Damals arbeitete ich noch mit Windoo und einer (dunkelgrauen) Photoshop-Version. Und schon damals mochte ich es, technische Geräte und Programme auszuprobieren. Das Webseite-Bauen (mit einem simplen halbgrafischen Programm) habe ich mir also ebenso wie das Bildbearbeiten selbst beigebracht. Vor allem über Try & Error. Damals wie heute komme ich mit Bedienungsanleitungen, Tutorials und Co. nicht wirklich gut klar, da ich alle geschriebenen Theorien immer gleich nach dem Lesen und Sehen wieder vergesse. Ich muss etwas verstehen können, die Logik dahinter fühlen, und ich muss einen Prozess in der Praxis erleben, muss etwas mit meinen Händen tun können, damit ich mir einen Vorgang merken kann.

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Müüsli
Stellanera – längst im Müüslihimmel
Tja und so klicke ich mich also heute weiter durch mein Leben. Erinnere mich. Grinse zuweilen. Über die Mäuse zum Beispiel. Hach meine Mäuse! Anno Tubak 2005 und 2006 muss das gewesen sein.

Ich reise weiter durch mein Leben. Werde meine Lebensreise betrachten. Werde zurückblicken. Werde, was ich da mit Schnappschüssen illustriert habe, zu verstehen versuchen. Werde meine Gedankenspuren aufnehmen und den roten Faden auf- und abwickeln … Entwicklungen betrachten.

Dankbar bin ich über die menschliche Fähigkeit zur Reflexion.

Zwiespältig

Wie so oft, schaffe ich es nicht, pünktlich aus dem Haus zu gehen. Es ist bereits wieder zehn nach neun Uhr, wie ich heute Morgen das Büro betrete. Macht aber nichts. Ich erlaube mir das, zumal ich ja auch selten exakt Punkt sowieso das Büro wieder verlasse. Und wenn jemand angerufen haben sollte zwischen neun Uhr und zehn nach neun hat sie eben Pech gehabt und das Band volltexten müssen. Schließlich bin ich keine Maschine. Und heute Morgen hat mal wieder alles länger gedauert. Vor allem das twitterlesen. Kann ich doch nichts dafür.

Außerdem hatte ich wieder so eine seltsame Nacht, in der ich weder schlief noch wach gewesen war. Gedanken blitzten durch den Kopf, auch wenn es kein wirkliches Nachdenken war. Eher ein Zuschauen. So sah ich das Buch vor mir, das ich für meine Zeitschrift besprechen muss darf muss. Eigentlich ein spannendes Thema, das mich hautnah betrifft: Die Wechseljahre. Aus ganzheitlicher Sicht. Vieles, was die Autorin schreibt, ist wirklich sehr toll. Aber ein paar Sachen darin mag ich nicht. Was überwiegt, weiß ich noch nicht.

Was ich nicht mag? Das Frauenbild, das die Autorin vermittelt. Die Doppelbotschaft ist es, die ich nicht mag. Zum einen höre ich sie schreiben: Hey, Frauen, jetzt kommt endlich die Zeit, wo wir uns nicht mehr anpassen müssen, wo wir endlich zu uns selbst schauen können, wo wir wirklich die sein und werden können, die wir sein und werden wollten! Legt los! Zum andern steht da über Haare färben und das Grau nun wirklich gar nicht geht (wörtlich!). Ich lese über all die Salben, die die reife Haut jetzt braucht, über die richtigen Kuren, die uns dabei helfen schlank zu werden und sexy zu bleiben. Halt so Quatsch wie in Frauenhochglanzmagazinen, nur ein bisschen auf spirituell getuned. Außerdem ist mir die Sprache für die teils doch recht sensiblen Inhalte zu salopp. Das kommt bei mir anbiedernd an. Vermutlich will die Autorin jene Frauengruppe anzusprechen, die eben noch nicht Was-auch-immer ist. Erlaucht oder so.

Doppelbotschaften mag ich eh nicht. Vermutlich weil ich mich in ihnen erkenne. Weil das ganze Leben aus Doppelbotschaften besteht. Weil das ganze Leben eine einzige große Ambivalenz ist.

Am Mittag Feierabend. Wochenende. Finitolavoro. Zuhause erwartet mich das neue A-Bulletin, eine tolle, autonome Schweizer Zeitschrift, die es nur gedruckt gibt. Darin wird aus einem Interview von Jens Wernicke mit Fabian Scheidler zitiert (Zum Interview geht’s hier lang). Der Titel spricht mich schon mal sehr an: Die globale Ordnung zerbricht. Das teilweise abgedruckte Gespräch dreht sich um Scheidlers Buch. Auch dessen Titel macht mich neugierig: Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation. Ich lese gebannt über die Ursachen der aktuellen Misere.

Ja, klar, das geht weit zurück. Die Misere ist nicht neu. Ich nicke beim Lesen vor mich hin und auf einmal ist der Gedanken wieder da, der in der letzten Zeit immer hartnäckiger an mir nagt. Die Sache mit dem ersten geworfenen Stein. Mit der Wut, die sich verlagert. Mit all den unlösbaren Dingen. Wie im Film, den ich gestern geschaut habe: Eine junge Muslima will in einem freien deutschen Gymnasium ihren Glauben praktizieren und stößt damit an – trotz der in der Klasse und Schule gelebten Toleranz. (Die Neue, zdf-mediathek)

Mag sein, dass ich jetzt ein bisschen zu weit aushole, wenn ich jetzt oben drauf noch Liza Marklund zitiere.

Zitat aus Paradies. Roman von Liza Marklund.
Zitat aus Paradies. Roman von Liza Marklund.

Was ich sagen will? Es ist der Einzelne, der das Gift in sich trägt. Die Gesellschaft – ob nun kommunistisch oder kapitalistisch, ob religiös oder atheistisch – ist nur immer eine Erweiterung des Einzelnen. Gut, bewusst, klar und nicht korrupt zu leben ist schwerer als unbewusst, achtlos, gleichgültig.

Shit happens.
Ordnung muss man selber machen.

Ich sehe es bei mir. Eigentlich will ich so und so, lebe aber so und so. Schließe halbherzige Kompromisse, weil ich da und dort für dies und das zu faul bin. Wer unter euch nicht, werfe das erste Wort. Es ist wie bei meiner Pyjamahose. Der Stoff über den beiden Knien ist zerrissen. Zigmal geflickt, denn immer wieder reißt der Stoff von Neuem ein.

Wenn ich versuche, in der einen Ecke meines Lebens konsequent und klar zu sein, reiße ich an anderen Ecken Löcher. Ich verlagere. Ich verschiebe. Ich schichte um.

Die Ordnung zerbricht.
Und dann?