Verdichtung

Beobachten, sagt Dürrenmatt, Beobachten ist ein elementar dichterischer Vorgang. Das vermeintlich Beiläufige, Passive ist folglich nicht nur etwas Aktives, sondern etwas sehr Konzentriertes, Wirksames, Zielgerichtetes.

Ich glaube ja, Dürrenmatt hätte getwittert. Nein, hätte er nicht, weil das bestimmt zu kurzlebig für ihn gewesen wäre. Aber ich glaube, seine Art zu beobachten, entspricht der Art vieler Twitternden. Und ich gestehe, dass ich genau diese Art Twitterei mag: Alltagsbeobachtungen, beiläufig Wahrgenommenes in wenige Zeichen zu verdichten, Kürzestgeschichten zu schreiben.

Auch die Wirklichkeit muss geformt werden, will man sie zum Sprechen bringen. Sagt Dürrenmatt auch. Wird Wirklichkeit also erst wirksam, wenn sie in Worte gefasst wird?, frage ich. Ist sie nur dann wirklich, wenn sie eine Form gefunden hat und womöglich  erst dann für uns verständlich, weil in Sprache übersetzt?

Ist letztlich denn nicht jede in Worte gefasste Wirklichkeit – zum Beispiel die Reportage über eine Veranstaltung – immer nur Interpretation; und ist Interpretation noch objektiv? Sind Fakten wirklich Fakten?

Wie objektiv sind, sprechen, schreiben, handeln wir wirklich, sollte das überhaupt unser Ansinnen sein, und sind subjektive Wahrnehmungen weniger wahr als Fakten?

Kurz: Wie verlässlich sind unsere Maßstäbe?

Sind Gefühle, solange ich sie einfach nur wahrnehme, ohne sie zu interpretieren, nicht genauso ehrlich wie ein Litermaß?

Schnitt.

Als ich vor zwei Tagen durch Bern fuhr und kurz bei meinem früheren Wohnhaus anhielt, spürte ich Sehnsucht. Sehnsucht nach dem gelebten, nach dem vergangenen Leben in Bern. Aber halt! Ist Sehnsucht denn nicht bereits Interpretation dessen, was in meinen Eingeweiden vor sich ging, als das Herz höher und farbiger klopfte als sonst und der Bauch ein bisschen vor sich hin murmelte?

Die Erinnerungen trügen. Sie gaukeln vor, dass damals alles ein bisschen einfacher gewesen ist. Sie sprechen von einer Art Unschuld, die ich heute nicht mehr habe. Damals hatte ich weniger verstanden. Weniger Zusammenhänge. Jedes neue Wissen, das ich meinem Lebensarchiv zufüge, vergrößert meine Verantwortung gegenüber dem Leben, der Welt, vergrößert mein Schuldpotential. Je mehr ich weiß, je mehr ich verstehe, desto mehr Last bürde ich mir auf. Mit jedem neuen Wissen wird das Leben schwerer.

Meine Sehnsucht ruft nach Unschuld, nach Nichtwissenwollen, nach Leichtigkeit, nach Nochmalneuanfangenkönnen sogar, obwohl ich vermutlich nicht wirklich so viel anders machen würde. Oder aber ganz viel.

Ich würde wohl weniger glauben, was andere sagen, ja, das würde ich. Und ich würde wohl weniger glauben, was andere glauben. Und ich würde stattdessen mehr glauben, was ich selbst spüre, was ich selbst erkenne, was ich wirklich sehe – außen ebenso wie innendrin. Und ich würde mir mehr trauen.

Meine Leitungen durchspülen würde ich und den ganzen Müll, der herausgeschwemmt wird, kompostieren. Meine Interpretationsfilter würde ich nullen und meine Werte neubewerten. Und den Konjunktiv könnte ich vom Hassfreund zum Schrank machen, in welchem ich meine Gedanken, Erfahrungen und Erkenntnisse archivieren würde. Oder auch nicht.

Aber das Leben wäre endlich wieder beobachtbarer. Jedenfalls, wenn da nicht so viel wäre, das mir die Sicht verstellt.

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Illusion is also a way of reality.

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Lebensreisende sein

Inzwischen sind wieder alle Bilddateien auf meiner großen externen Festplatte nach Jahr und Monat geordnet. Zwar hatten sie sich von der kaputten Festplatte retten lassen, aber seither und bis vor kurzem hatten sie unter einem nichtssagenden Namen in nichtssagenden Riesenordnern ohne chronologische Logik gelegen hatten – quasi unerreichbar und unbrauchbar. Endlich wieder Ordnung also?

Ja, schon, aber …. denn auf ebendieser externen Festplatte sind nun sowohl die Originale als auch deren Systembackups sprich Dateikopien gespeichert. Damit habe ich nun die meisten Bilder doppelt. Außerdem liegen da auch Bilder, die im Laufe der Jahre über Downloads von Webseiteninhalten auf meinen Rechnern gelandet sind, in meinen schönen neuen Monatsordnern.

Kurz und gut: Mir bleibt nichts anderes übrig, als auszumisten, als Ordner für Ordner und Jahr für Jahr alle Bilder durchzugehen und die doppelten Bilder zu löschen.

Irgendlinks Softwaretipp das Listen und Ausmisten der Duplikate einer Software zu überlassen, will bei mir nicht funktionieren. Die ganz offensichtlich vorhandenen Duplikate werden vom Programm nicht als solche erkannt und gelistet. Ich werde also händisch − wie gestern − weitermachen, denn ob ich die doppelten Bilder nun in der Anwendung oder im Ordner einzeln anklicke, macht aj keinen großen Unterschied.

Soweit so gut. Gestern Nachmittag habe ich also, nach einem intensiven Arbeitsmorgen an der Schule (mit dem letzten Schulkonzert während meiner Zeit als Musikschulsekretärin) an die ältesten Bilderordner gesetzt.

Die Jahr 2000 bis 2003 waren bei mir eine noch fast digitale-Bilder-freie Zeit. Damals − dies war meine Zeit als Mutter (immerhin drei Jahre lang) − haben wir zwar bereits unsere analog aufgenommenen Bilder zeitgleich mit dem Abziehen- auf CD brennen lassen, doch nur wenige haben es damals dauerhaft auf die Festplatte meines damaligen Laptops geschafft. Eigentlich sind es sogar nur ein paar, doch sie zeigen mich mit meinem damals noch quicklebendigen Sohn und ich schlucke leer.

Mit dem Kauf meiner ersten digitalen Sonyshot im Frühling 2004 stieg meine Bildquantität schlagartig. Nicht, dass die Qualität jener Bilder mit den heutigen, die ich mit dem iPhone oder der Nikon mache, mithalten könnte, dennoch spüre ich hier bereits zuweilen, wie sich mir ein kreativer, experimenteller Weg auftut. Damals arbeitete ich noch mit Windoo und einer (dunkelgrauen) Photoshop-Version. Und schon damals mochte ich es, technische Geräte und Programme auszuprobieren. Das Webseite-Bauen (mit einem simplen halbgrafischen Programm) habe ich mir also ebenso wie das Bildbearbeiten selbst beigebracht. Vor allem über Try & Error. Damals wie heute komme ich mit Bedienungsanleitungen, Tutorials und Co. nicht wirklich gut klar, da ich alle geschriebenen Theorien immer gleich nach dem Lesen und Sehen wieder vergesse. Ich muss etwas verstehen können, die Logik dahinter fühlen, und ich muss einen Prozess in der Praxis erleben, muss etwas mit meinen Händen tun können, damit ich mir einen Vorgang merken kann.

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Müüsli
Stellanera – längst im Müüslihimmel
Tja und so klicke ich mich also heute weiter durch mein Leben. Erinnere mich. Grinse zuweilen. Über die Mäuse zum Beispiel. Hach meine Mäuse! Anno Tubak 2005 und 2006 muss das gewesen sein.

Ich reise weiter durch mein Leben. Werde meine Lebensreise betrachten. Werde zurückblicken. Werde, was ich da mit Schnappschüssen illustriert habe, zu verstehen versuchen. Werde meine Gedankenspuren aufnehmen und den roten Faden auf- und abwickeln … Entwicklungen betrachten.

Dankbar bin ich über die menschliche Fähigkeit zur Reflexion.

Nostalgia – Gedanken einer Heimatlosen

Sehnsucht und Heimweh … es gibt sie nur, weil es Liebe, weil es Heimat gibt, spreche ich unterwegs ins iPhone. Schreiben kann ich ja nicht beim Autofahren. Sehnsucht und Heimweh – zwei Schmerzen, die sind, weil wir Fühlende sind. Und warum tut Erinnern meistens weh? Bedeutet das, dass ich damals Fehler gemacht habe? Oder einfach, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist? Ich möchte das, was damals war, hier und heute nicht mehr in meinem Leben. Ich lebe jetzt.

Dennoch ist es da, dieses Heimweh, wann immer ich in der Region Bern, wo ich etwa zehn lange Jahre gelebt habe, unterwegs bin – ganz besonders wenn ich Richtung Oberland fahre. Ist es Heimweh längi Zyti, wie die BernerInnen so schön sagen? Muss man einen Weg nur oft genug gefahren, gewandert, geradelt und geschlendert sein, um ihn später als Heimat wiederzuerkennen? Muss man alle Nischen, Schleichwege und Abkürzungen einer Stadt oder eines Dorfes kennen, damit sie Heimat genannt werden dürfen? Müsste dann nicht auch meine aktuelle Wohnumgebung heimatliche Gefühle in mir auslösen – zumal ich ja hier in der Gegend aufgewachsen bin und immerhin etwa fünfundzwanzig Jahre gelebt habe, jedenfalls im Umkreis von etwa zehn Kilometern. Warum überfallen mich diese heimatlich-sentimentalen Gefühle vorwiegend im Kanton Bern? Nur dort wird mir das Herz auf diese ganz bestimmte Art weit und ich fühle mich als Nachhausekommende.

Nach meinem heutigen Recherche-Termin in Thun habe ich mir den Rest-Nachmittag freigegeben.
Du sollst morgen baden gehen!, habe ich gestern – im besten Scheffintonfall – zu mir gesagt. Und zwar sollst du zu deinem Lieblingsbadesee fahren. Und so packte ich, trotz der nicht so tollen Wettervorhersagen, heute meine Badesachen ein. Der Himmel schien sich zum Glück nicht wirklich an die Wettervorgaben halten zu wollen. Jedenfalls kein Regen in Sicht. Nur ein paar Wolken.

Gerzensee_sm

Kurz vor sechzehn Uhr. Ich und der See, allein zu zweit. Das Wasser zwanzig Grad. Wärmer als die Luft. Ich ziehe mich um und steige hinab. Wie schön es doch ist, mich auf dem Rücken zwischen den Seerosenblättern hindurch in die Mitte des Sees treiben zu lassen. Ich schwimme auf dem Rücken, die Ohren im Wasser, und lausche. Nur meine Schwimmbewegungen höre ich so. Wenn ich brustschwimme, höre ich nur die Kühe auf der nahen Wiese, die sich die Neuigkeiten des Tages erzählen, und einen Traktor am andern Ufer des Sees. Eine Stunde später spaziere ich erholt zurück zum Auto. Auf dem Weg zur Straße treffe ich eine Frau. Wir grüßen uns und grinsen uns wissend zu: sie geht dorthin, wo ich war. Der See ruft. Ich bleibe fünf Meter später stehen und drehe mich um. Aber … das ist doch … Im gleichen Augenblick hat sie sich ebenfalls umgedreht und sieht mich an.
Wir kennen uns! Du warst doch ein paar Jahre mit M. zusammen!, sagt sie.
Genau, und du, du bist … Moment, ich hab’s gleich, du bist H.!
Viele Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, darum schwatzen wir ein wenig und dann geht jede ihres Weges. Noch im Auto grinse ich über diesen Zufall.

Wie ich durch Wichtrach fahre, kann ich nicht widerstehen. Ich halte an und überfalle den örtlichen Käseladen, während draußen die Kinder aus dem Schulhaus strömen. Fünf Uhr. Wochenende. Friedliche Dorfszene. Wie ich diesen Augenblick geniesse! Das Teeniegirl vor dem Laden, das, mondän gekleidet, an seinem Smartphone fummelt, will so gar nicht vor diesen altmodischen Laden passen. Bestimmt verflucht sie es, in einem solchen Kuhdorf zu leben.

Ich betrete schmunzelnd den kleinen Dorfladen, wo der Käse, aus der Gegend, noch offen zu kaufen ist, die Joghurts ebfalls aus der Region stammen, alles so kühl und frisch duftet und die Verkäuferinnen alle Zeit der Welt haben. Ich gebe mich als Heimwehbernerin zu erkennen, doch mein falscher Dialekt verrät, dass ich nicht wirklich von hier bin. Nein, konstatiere ich, wie ich Minuten später den Motor wieder starte, auch hier bin ich nicht zu Hause, aber auch dort nicht, wo meine Sprache gesprochen wird … Weder noch. Am einen Ort fehlt mir die richtige Sprache, am andern das richtige Herzklopfen.

Würde ich wieder in der Region Bern wohnen, hätte ich gewiss bald andere Dinge, Orte und Menschen, nach denen ich mich sehnte. So war es schon immer. Ankommen ist leichter gesagt als getan und das Leben ist eben nicht ideal, wie meine Freundin M. so schön sagt. Und wie sich ein Leben ohne Sehnsucht anfühlt, wage ich mir lieber gar nicht erst vorzustellen.

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Bild:
undogmatischer Appspressionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)

sammeln, sichten, Spuren lesen

Jeder Mensch ist sein eigenes Buch und hinter jedem Namen steckt eine Geschichte.
Wie ich mich dieser Tage durch meine Adressdateien wühle, virtuellen vor allem, erkenne ich, wie viele Menschen meinen Weg irgendwann gekreuzt haben. Und dort kleine oder größere Spuren hinterlassen haben. Gefühle. Schmerzliche die einen, freudige andere. Wieder andere waren einfach da. Mittelpunkte ihrer eigenen Leben, während ich an meinem Lebensfaden spann.
Gesten Abend habe ich die Klassenliste meiner Oberstufenklasse überprüft: Wer wohnt noch dort, wo er bei der letzten Klassenzusammenkunft vor acht Jahren gewohnt hat? Eine Zweidrittelmehrheit – gut oder schlecht ist nicht relevant. Wer ist sesshaft, wer hat sich verändert und was ist mit den immerhin vier Frauen, die weder im Telefonbuch noch mit Guugl und Konsorten zu finden sind? Leben wir alle noch?
Einer meiner Schulkameraden, ein blonder stiller Junge mit Brille, war schon damals ein Tüftler gewesen und ist heute Künstler und Trickfilmzeichner mit einer tollen Webseite. Ich bin ein bisschen stolz auf ihn, obwohl wir kaum Kontakt hatten damals. Heute erst recht nicht.
Damals waren wir junge Menschen, die das Leben noch vor sich hatten – wie die Alten sagten, zu denen ich längst gehöre. Und dass wir es genießen sollen, das Kindsein, das Jungsein. Junge Bäume. Welpen. Schon bei der ersten Klassenzusammenkunft, als Zwanzigjährige, zeichneten sich erste Spuren ab, die sich im Laufe der Jahre vertieften. Die meisten hatten Lehre oder Matur hinter sich und waren – je nach Lebensplan – daran das Leben zu genießen, Reisen zu planen, befanden sich im Studium oder an einer höheren Schule. Die Gespräche mit den einen waren kaum mehr möglich – es fehlten die gemeinsamen Interessen. Mit den andern waren sie dafür möglicher als früher. Aus den jungen Bäumchen waren junge Bäume gewachsen, denen bereits anzusehen war, welcher Art die Früchte eines Tages sein könnten. Menschen und ihre Spuren – Schatten werfen wir auch in die Zukunft. Die Sonne steht nicht immer vor uns.
Wie ich heute weiter in den alten Verzeichnissen und Tabellen wühle, spaziere ich gleichsam durch meine Vergangenheit. Wer war doch gleich …? Ach, mit K. war ich im Kurs in XY und mit S. und N. im Seminar in YZ. L. war doch eine von der Schreiberlingen im ersten Novemberschreiben? Ach, und M. – meine tolle Ex-Scheffin! Wie es ihnen wohl geht, meinen alten Bekannten? Bei ein paar Namen finde ich weder Geschichte noch Gesicht in meiner Erinnerung. Ihre Spuren sind verblasst. Wieder andere habe ich geguuglt … Ob das andere mit meinem Namen von Zeit zu Zeit auch tun? Da und dort bin ich bestimmt aus Verzeichnissen gelöscht und in Adressbüchlein durchgestrichen worden, wie ich das von Zeit zu Zeit mit dem einen oder andern Namen in meinen Dateien ja auch tue.
Menschen hinterlassen Wunden. Und Lichtblicke. Ohne Spuren zu hinterlassen können wir nicht leben.
Was mir andere sind? Was ich andern bin? Nicht Eitelkeit bewegt mich zu solchen Fragen, eher der Wunsch, dass die Antwort lauten möge: wohlgesinnt.

Meine Räder und ich

Seit Tagen steigen Erinnerungen hoch. Zum Beispiel an die Sache mit Ostern. Wie war das gleich gewesen, früher? Eier suchen gabs bei uns nicht. Meine Mutter hat uns ja auch nie Märchen erzählt. Das sind doch Märchen, ich erzähl euch doch keine Lügengeschichten. Ab und zu las sie eine Kindergeschichte aus einer Zeitschrift vor. Das wars schon. Gut, dass ich schon sehr früh lesen konnte. Und alles zu lesen begann, was mir in die Finger kam.
Karfreitag habe ich während meiner Ausbildungszeit gerne meditativ und auch gerne alleine verbracht. Ich fuhr zum Beispiel mit meinem bordeauxroten Rennrad an den Hallwylersee – hin und zurück dreißig Kilometer. Womit wir bei meinem Fahrrädern wären …
Hach, mein rotes Rad, mein erstes eigenes Rad! Meine Räder waren nicht einfach Fahrräder. Nicht einfach nützliche Dinge, mit denen man von A nach B fuhr. Nein, so wie auch meine Autos Persönlichkeiten sind und waren, waren und sind das auch meine Räder. Jedes schrieb mit mir ein Stück Lebensgeschichte.
Fahren lernte ich auf dem roten Kindervelo meiner Schwester. Ich war wohl sieben oder acht. Unsere Straße war dazu wie geschaffen, ein wahres Kinderparadies. Samt Wald. Ein Biotop für Kinder. Radfahren, Rollschuhlaufen, Federballspielen, im Wald Baumhütten bauen … ja, das war alles wirklich gut und schön. [Neben allem andern Scheiß.]
Mit zwölf kam ich in die Oberstufe. In die Bezirksschule im Nachbarort. Wohin ich mit dem alten Rad meiner Mutter fuhr. Als ich es zu benutzen begann, war das gute Teil schon über zwanzig Jahre alt. Es hatte eine Sturmey Archer-Dreigang-Schaltung, einen zweifarbigen Ledersattel und einen schweren, dunkelgrünen Rahmen. Altmodisch wie sonst was. Für eine Zwölfjährige war so ein Teil unglaublich peinlich. Andererseits (und wenn ich ganz ehrlich bin) habe ich das Teil geliebt. Ich trug es auf wie eins jener alten Kleidungsstücke, die wie angegossen sitzen und trotzdem längst von allen andern in die Kleidersammlung geworfen worden wären. Natürlich moserte ich rum und wünschte mir ein eigenes neues Fahrrad. Was aber nicht so einfach war, weil das Geld fehlte.
Schließlich begann meine Schwester nach ihrer Konfirmation mit der Lehre und kaufte sich vom ersten Lehrlingslohn und dem Konf-Geld ein Mofa. Ich besuchte nun bereits das zweite Jahr der Bezirksschule und durfte ab sofort ihr vier Jahre altes Fahrrad auftragen. Ein Durchschnittsmodell, wie auch meine Mitschülerinnen sie trugen fuhren. Goldmetallic der Rahmen. Warum sie damals nicht das alte Mutterrad hatte benutzen müssen, frage ich mich heute zum ersten Mal. Vermutlich hatte sie sich erfolgreicher als ich dagegen gewehrt? Das konnte sie nämlich viel besser als ich. Doch ich, ich träumte – trotz hübschem goldenem – noch immer vom eigenen neuen Fahrrad.
Ein Jahr später wurde mein Traum wahr, denn ich gewann bei einem Wettbewerb ein nigelnagelneues Velo. Dumm nur, dass ich inzwischen erfolgreich meine Mofaprüfung abgelegt und sich mein Traum vom eigenen neuen Fahrrad in den vom blauen Mofa gewandelt hatte. Längst hatte ich auch auf Mofas von Kollegen und Kolleginnen einschlägige Erfahrungen gesammelt. Mein Vater half mir, meinen Traum zu verwirklichen. Er verhandelte mit dem Zweirad-Händler im Nachbardorf, der schließlich mein gewonnenes Fahrrad in Zahlung nahm und mir gegen einen Aufpreis ein quietschblaues Mofa, ein Puch Maxi, verkaufte. Das gleiche wie meine Freundin U.. Fast alle aus meiner Klasse kamen inzwischen mit dem Mofa in die Schule. Nach der Schule fuhren wir ab und zu in die nahen Hügel und kurvten herum. Ein Mofa war für uns das Synonym für Freiheit.
Viele Jahre, auch als ich schon in A.und noch später in B. zur Schule ging, fuhr ich mit meinem Maxi durch die Welt. Treu und zuverlässig brachte es mich ans Ziel. Doch auf einmal erwachte der Traum vom Fahrrad wieder. Freundin D. hatte sich beim Fahrradhändler W. im Oberdorf einen pinken Renner spritzen lassen. Boah, so ein geiles Teil! Zwar nicht in pink, aber so ein Renner war doch genau das, was ich mir immer gewünscht hatte! Außerdem jobbte ich ja in den Schulferien immer und hatte mir inzwischen etwas zusammengespart. Für gute Noten kam auch immer was dazu und so konnte ich bald zum Velo-W. gehen und mir mein eigenes Traum-Velo zusammenstellen. Bordeauxrot musste er sein, der Rahmen meines „Halbrenners“ – damals meine Lieblingsfarbe. Dazu hatte er einen schwarz ummantelten Rennlenker, feine Spritzschutzbleche und einen feinen Gepäckträger, auf den ich einen ebenso feinen Gitterkorb – ein Geburtstagsgeschenk meines Bruders M. – klemmte. Okay, so ein Korb auf einem Renner mag ein Stilbruch sein, doch ich musste und wollte mit dem Rad ja zur Schule und hatte immer viel zu schleppen. Oder ich fuhr mit meinem Rad an Karfreitag an den Hallwylersee oder mit der Jugendgruppe an die Aare. Das Mofa stand nun hinten in der Garage, nicht mehr vorne, und wurde immer seltener gebraucht.
Als ich nach meinem ersten Arbeitsjahr – als sozialpädagogische Praktikantin – als Zweiundzwanzigjährige für ein weiteres Praktikum ein Jahr ins Tessin fuhr, nahm ich nur das rote Fahrrad mit. Auch später, als ich nach Bern zog, um Buchhändlerin zu werden, kam mein rotes Rad mit und erkundete mit mir diese Stadt, die mir viele Jahre später wieder Heimat wurde.
Irgendwann kam der Tag, da mein rotes Rad starb. Die genauen Umstände habe ich vergessen. Es war, so meine ich mich zu erinnern, geklaut und kaputtet worden und wurde später wiedergefunden. Die Reparaturen hätten mehr gekostet als ein neues Rad, doch weil ich als Buchhändlerin nur wenig verdiente und das Wenige für eine Reise sparte, konnte ich mir kein teures Markenrad kaufen. Also musste ein günstiges Stadtfahrrad her. Das Teil hielt nicht lange, ich erinnere mich kaum an seine Farbe und es war oft kaputt. Wenige Jahre später wurde es von einem schönen neuen türkisfarbenen Citybike mit breiten Reifen, die auch auf ungeteerten Wegen und im Wald etwas taugten, abgelöst. Inzwischen war ich das erste Mal verheiratet, lebte in der gleichen Gegend wie heute und arbeitete zuerst im Kinderheim und später in der örtlichen Buchhandlung. Das Bike war damals mein Alltags- und Freizeitmobil. K. und ich verbrachten unsere Freizeit oft auf den Sätteln unserer Stahlrosse. Daran hat sich bei mir bis heute nichts geändert. Nur dass auch mein türkisses Pferdchen eines Tages seinen Dienst aufgab. Ich vererbte es einer Organisation, die ausrangierte Räder reanimiert und nach Afrika schickt. Der Gedanke, dass mein altes Rad noch immer irgendwo lebt, macht mich noch heute froh.
Mein aktuelles (Marken-)Fahrrad habe ich vor elf oder zwölf Jahren in T. gekauft, als ich mit meinem zweiten Mann im Berner Oberland gewohnt hatte. Dieses silberfarbene Rad mit blauen Teilen da und dort hat längst seine Marke überlebt. Zugegeben, es ist in die Jahre gekommen und längst trägt und fährt es nicht mehr nur Originalteile. Noch nie war ein Rad so lange bei mir. Dem Liebsten-sei-Dank, der es immer wieder zum Laufen bringt.
Heute Nachmittag – nach einem regionalen GeocacherInnentreffen in der Nähe meiner Wohnung – radelten wir beide noch ein wenig an die nahe Reuss.
Einfach drauflos.
Über Stock und Stein. Waldwege.
Ab und zu schieben, wo der Weg zu schmal, der Wald zu dicht ist.
Bei jeder Verzweigung entscheiden, wo lang wir fahren wollen.
Wie im richtigen Leben.