Der inneren Weisheit trauen

Seit ich mich erinnern kann, habe ich nach Antworten gesucht. Nach einfachen, nach komplexen, nach überzeugenden, nach wohltuenden, nach heilsamen. Nach Wegen vielleicht, die meine sein könnten. Wenn ich mich nur genug anstrenge. Wenn ich nur genug glaube. Wenn ich nur alles richtig mache … Ja dann würde ich bestimmt eines – hoffentlich nicht allzu fernen – Tages glücklich werden und bis ans Ende meiner Tage zufrieden leben.

In meinem Leben bin ich vielen herzklugen und herzweisen Menschen begegnet. Manchen im echten Leben, manchen in Büchern. Sobald das, was sie sagten, bei mir die Hoffnung auszulösen vermochte, dass sie wissen könnten, wie das mit diesem Leben geht, habe ich mich ihnen angeschlossen – als Jugendlichen den Frommen, später den Suchenden. Ich habe mir deren Wissen und Erkenntnisse einzuverleiben versucht, denn ich war überzeugt davon, dass alle anderen eh viel klüger und viel weiser sind, als ich je sein kann. Ja, ich fühlte mich in meinem Leben sehr oft dumm und unwissend – jedenfalls was die wirklich wichtigen Dinge des Lebens betrifft. Die Sache mit der Zufriedenheit und so. (Denn eigentlich ging es mir ja vor allem und immer nur darum …).

Nein, dieses tiefe Sehnen ist nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, es macht mich neugierig auf AntwortenBlick zum Himmel, nackte Birkenäste tanzen.. Schädlich für mich war daran, dass ich mich mehrheitlich am Außen orientiert und andern mehr statt mir und meinem inneren Wissen geglaubt habe. Mir zu vertrauen gar nicht erst richtig probiert habe. Weil es mich, wann immer ich es doch getan hatte, ins pure Chaos führte. (Erst jetzt, hinterher, begreife ich all die Chancen, die im Chaos liegen und die ich selten genutzt habe … wobei … wer weiß das schon so genau?)

Mit all dem gesehenen, gehörten, mir angelesenen Wissen könnte ich ganze Weisheitsbücher füllen. Und ja, natürlich ist das eine oder andere Wissenspflänzlein da und dort in meinem Herzgärtchen angewachsen und hat mir beim Leben geholfen. Es ist nicht alles Theorie geblieben. Zum Beispiel jetzt, die Erkenntnisse Klaus Bernhardts aus der Hirnforschung: Das sind tolle Hilfsmittel. Aber, wie alle vorher kennengelernten Werkzeuge wirken auch sie nur, wenn ich ihnen in mir eine Brücke baue, vom Kopf in den Bauch, ins Herz.

Rezepte für ein gutes Leben funktionieren eben nicht bei allen gleich. Wichtig ist, dass wir unsere eigenen Menüs entdecken.

Vielerlei Sehnen

Zufriedenheit geht, natürlich, und hilft sicher in manchen Situationen eine Zeit lang. Sehnsüchte sind aber besser, viel besser, finde ich, schrieb Jürgen Küster in einem Kommentar zu meinem letzten Blogartikel

Ich lasse deinen Gedanken und die darin implizierte Frage sacken, was ich lieber mag: Zufriedenheit oder Sehnsucht, schrieb ich zurück. Und ob es vielleicht zweierlei Menschen gebe, fragte ich mich.

Nun ja, vermutlich gibt es sogar mehr als zweierlei Menschen, vielerlei sogar. Doch bei manchen Lebensbereichen sind wir alle doch irgendwie entweder so oder eben so. Besonders in Sachen Sehnsucht versus Zufriedenheit kann ich nicht unbedingt an ein Sowohl-als auch glauben, da ahne ich eher das gute alte Entweder-oder. Oder?

IMG_0422Heißt Sehnsucht denn nicht eigentlich, dass ich mit dem, was ist, nicht oder zumindest nicht vollständig einverstanden, nicht ganz zufrieden bin? Und heißt eine gewisse Form von Zufriedenheit denn nicht – manchmal? immer? –, dass ich resigniert habe? Wie groß ist der fühlbare Unterschied zwischen Resignation und Akzeptanz? Und warum schmeckt ersteres bitter und zweites irgendwie mutig?

Doch ist der Zustand, den ich im Grunde am meisten zu ersehnen glaube, nicht der von stetiger innerer Zufriedenheit? Frei zu sein von meiner Unruhe, von meinem Getriebensein, von meinem Denken, dass es anders besser wäre, wenn nämlich dies so und jenes so. So oder so ist da immer diese latente Unzufriedenheit. Denn, ich gestehe es, zu viel Zufriedenheit, ist mir suspekt und riecht ein bisschen nach Bequemlichkeit.

Ich wünschte mir dennoch, dass Zufriedenheit ein klitzeklein wenig kompatibel mit Sehnsucht wäre – mindestens so kompatibel wie Essig und Öl in der gleichen Flasche. Ich wünschte, mir, dass es so wäre. Und ja, ehrlich, ich sehne mich oft danach, mich nach nichts mehr zu sehnen. In diesen Momenten sehne ich mich nach einem wunschlosen, stressfreien, erleuchtungsähnlichen Zustand, frei von Bedürfnissen, Süchten, Wertungen, Getriebenheiten und Unruhe. Weil ich an diesem Zustand schon ein paar wenige Male gekostet habe. Er kann noch nicht mal mit Zufriedenheit benannt werden, auch wenn Frieden irgendwie darin vorkommt.

Nun ja, da sind dann aber diese anderen Momente: Dann nämlich, wenn ich mir diesen Zustand herbeizumalen versuche. Dann stelle ich fest, dass ich diesen ersehnten Zustand wohl doch nicht wirklich dauerhaft kann und will – jedenfalls nicht hier, nicht in diesem Umfeld, nicht in diesem Kontext. Es wäre nicht auszuhalten. Ich bin zu mehrfarbig für so was. Zu mehrdimensional und zu kämpferisch, zu inkonsequent. Und ja, zu pragmatisch wohl auch.

Ich gestehe, ich brauche wohl auch die kleinen Exzesse mittendrin, das Überborden, das Abtauchen, und ja, auch ab und zu eine gewisse Larmoyanz sogar oder/und ein wenig Gejammer und Selbstmitleid. Blues, wie es der Emil neulich trefflich in Worte gefasst hat. Huch … vielleicht lebe ich ja genauso, wie ich leben will? Mit all meinen Baustellen?

So bin ich wohl eher die Sehnsüchtige denn die Zufriedene? Oder zwinkert ich da doch eine gewisse Kompatibilität hinter dem Vorhang hervor? Irgendwie bin ich nämlich ganz zufrieden mit meiner Sehnsucht.

Zusammensetzen

Die Neuen Alten. Gib’s zu, das wäre doch eine schöne Schublade für Menschen wie mich.

Dass die Schublade einen Henkel hat, merkt man erst, wenn er abbricht.

Manchmal überkommt mich pure Verzweiflung darüber, dass ich in der Trivialität der Themen meiner Mitmenschen keinen Ankerplatz finde.

Ankern zu können wäre so beruhigend.
Ankern an einer pseudosicherheitvorgaukelnden Boje.

Wie sehne ich mich danach, all dieses Gelabber, all diese Leerläufe abzustreifen wie eine Schlange ihre Haut.

Und nicht mehr besessen Besitz zu besitzen.
Was brauche ich wirklich?

Frei zu sein von Hab. Und gut ist.

Rein sein wollen, diese Sehnsucht.

Mehr im Weniger finden.
+  Vertrauen.
++  Trauen.
+++  Mir.
++++  Mich.
+++++  Dem Leben.

Weil das Leben keine Performance ist. Bestenfalls eine Illusion. Oder schlimmstenfalls.

Statt sesshaft zu sein nur noch sein zu wollen.
Nomadisch leben als Möglichkeit zu betrachten.
Und meine Sesshaftigkeit zu hinterfragen.
Sicherheit im Unsicheren zu ahnen.

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Inspiriert zum Nomadinnentum hat mich Michelle, deren Blog ich heute dank Emil entdeckt habe.

Winterhöhle reblogged

In meinem Uralt-Blog zu lesen, fasziniert mich. Heute teile ich mit euch einen mehr als fünf Jahre alten Artikel vom 14. Juli 2009 über Segen und Fluch von Schönheit.

Winterhöhle

„… das Schreckliche, das einer Seele durch Schönheit angetan werden kann … „

Ein Satz, der mich nach Luft schnappen lässt.  „Wintergewölbe“ von Anne Michaels hat mich nach einem längeren Unterbruch nun endlich doch gepackt hat. Dieser dreihundertfünfzig Seiten dicke Roman erzählt von Heimat und Heimatlosigkeit, vom Verpflanztwerden, von der Illusion von Liebe und jener Liebe, die so schön ist, dass sie unerträglich wird. Von Harmonie auch. Und deren Gegenteil. Kein Easyreading, dieses Buch, sondern eins, das meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, das mich innehalte heißt, Sätze wieder und wieder kauen lässt, um sie ein klein bisschen leichter verdauen zu können.

Gestern, vor dem Einschlafen, gedacht:
Wer einmal jene unfassbare jenseitige Schönheit erlebt, gesehen, geahnt, an ihr geschnüffelt, sie gerochen, geschmeckt, ertastet, gespürt hat, wer einmal den Himmel und den letzten Vorhang offen gesehen hat, für diesen Menschen ist alles, was danach kommt, ein Abklatsch, eine Imitation, eine Irritation. Die Ansprüche sind hinterher unfassbar. Nichts und niemand kann sie erfüllen. Dieser Mensch weiß nun nicht, ob er sich darüber freuen soll, dass er sie gesehen hat, diese absolute Schönheit, oder sie verfluchen und sich wünschen, er hätte damals weggeschaut. Und er weiß nicht, wie er inmitten dieser Unvollkommenheit leben kann.

Heute, beim Lesen meiner gestrigen Notiz ahne ich: Dieser Mensch bin ich – dieser Mensch sind wir alle. Wir alle haben sie gesehen. Irgendwann. Irgendwo. Und da, in uns, ist sie noch immer. Deshalb die Sehnsucht. Deshalb die Unzufriedenheit …

Mein Weg, damit zu leben, ist es, mich mit der Unvollkommenheit zu versöhnen. Ohne dabei die Augen vor der Schönheit in und um mich zu verschliessen. (Ende Zitat)

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Heute – es ist August 2014 – bin ich wieder an einem ganz ähnlichen Ort, innerlich. Obwohl … heute ist es weniger Unzufriedenheit als große Freude darüber, dass ich sie gesehen habe. Dass ich um sie weiß. Dass ich sie in mir trage. Jetzt. Hier. Und manchmal wird sie, ist sie ganz groß und sichtbar und schier unerträglich stark da. Sie macht mich dankbar, diese Schönheit, die ohne Dimensionen, ohne Raum, ohne Zeit auskommt, aber nicht ohne Sinn. Ihr Sinn ist es, uns Kraft zum Leben zu geben. Sie ist eine alles umfassende Schönheit, die sich allen Definitionen entzieht und sich nicht religiöse oder spirituelle Gewänder anziehen mag.

Vielleicht ist DANKE darum aktuell mein Lieblingswort.

Nostalgia – Gedanken einer Heimatlosen

Sehnsucht und Heimweh … es gibt sie nur, weil es Liebe, weil es Heimat gibt, spreche ich unterwegs ins iPhone. Schreiben kann ich ja nicht beim Autofahren. Sehnsucht und Heimweh – zwei Schmerzen, die sind, weil wir Fühlende sind. Und warum tut Erinnern meistens weh? Bedeutet das, dass ich damals Fehler gemacht habe? Oder einfach, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist? Ich möchte das, was damals war, hier und heute nicht mehr in meinem Leben. Ich lebe jetzt.

Dennoch ist es da, dieses Heimweh, wann immer ich in der Region Bern, wo ich etwa zehn lange Jahre gelebt habe, unterwegs bin – ganz besonders wenn ich Richtung Oberland fahre. Ist es Heimweh längi Zyti, wie die BernerInnen so schön sagen? Muss man einen Weg nur oft genug gefahren, gewandert, geradelt und geschlendert sein, um ihn später als Heimat wiederzuerkennen? Muss man alle Nischen, Schleichwege und Abkürzungen einer Stadt oder eines Dorfes kennen, damit sie Heimat genannt werden dürfen? Müsste dann nicht auch meine aktuelle Wohnumgebung heimatliche Gefühle in mir auslösen – zumal ich ja hier in der Gegend aufgewachsen bin und immerhin etwa fünfundzwanzig Jahre gelebt habe, jedenfalls im Umkreis von etwa zehn Kilometern. Warum überfallen mich diese heimatlich-sentimentalen Gefühle vorwiegend im Kanton Bern? Nur dort wird mir das Herz auf diese ganz bestimmte Art weit und ich fühle mich als Nachhausekommende.

Nach meinem heutigen Recherche-Termin in Thun habe ich mir den Rest-Nachmittag freigegeben.
Du sollst morgen baden gehen!, habe ich gestern – im besten Scheffintonfall – zu mir gesagt. Und zwar sollst du zu deinem Lieblingsbadesee fahren. Und so packte ich, trotz der nicht so tollen Wettervorhersagen, heute meine Badesachen ein. Der Himmel schien sich zum Glück nicht wirklich an die Wettervorgaben halten zu wollen. Jedenfalls kein Regen in Sicht. Nur ein paar Wolken.

Gerzensee_sm

Kurz vor sechzehn Uhr. Ich und der See, allein zu zweit. Das Wasser zwanzig Grad. Wärmer als die Luft. Ich ziehe mich um und steige hinab. Wie schön es doch ist, mich auf dem Rücken zwischen den Seerosenblättern hindurch in die Mitte des Sees treiben zu lassen. Ich schwimme auf dem Rücken, die Ohren im Wasser, und lausche. Nur meine Schwimmbewegungen höre ich so. Wenn ich brustschwimme, höre ich nur die Kühe auf der nahen Wiese, die sich die Neuigkeiten des Tages erzählen, und einen Traktor am andern Ufer des Sees. Eine Stunde später spaziere ich erholt zurück zum Auto. Auf dem Weg zur Straße treffe ich eine Frau. Wir grüßen uns und grinsen uns wissend zu: sie geht dorthin, wo ich war. Der See ruft. Ich bleibe fünf Meter später stehen und drehe mich um. Aber … das ist doch … Im gleichen Augenblick hat sie sich ebenfalls umgedreht und sieht mich an.
Wir kennen uns! Du warst doch ein paar Jahre mit M. zusammen!, sagt sie.
Genau, und du, du bist … Moment, ich hab’s gleich, du bist H.!
Viele Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, darum schwatzen wir ein wenig und dann geht jede ihres Weges. Noch im Auto grinse ich über diesen Zufall.

Wie ich durch Wichtrach fahre, kann ich nicht widerstehen. Ich halte an und überfalle den örtlichen Käseladen, während draußen die Kinder aus dem Schulhaus strömen. Fünf Uhr. Wochenende. Friedliche Dorfszene. Wie ich diesen Augenblick geniesse! Das Teeniegirl vor dem Laden, das, mondän gekleidet, an seinem Smartphone fummelt, will so gar nicht vor diesen altmodischen Laden passen. Bestimmt verflucht sie es, in einem solchen Kuhdorf zu leben.

Ich betrete schmunzelnd den kleinen Dorfladen, wo der Käse, aus der Gegend, noch offen zu kaufen ist, die Joghurts ebfalls aus der Region stammen, alles so kühl und frisch duftet und die Verkäuferinnen alle Zeit der Welt haben. Ich gebe mich als Heimwehbernerin zu erkennen, doch mein falscher Dialekt verrät, dass ich nicht wirklich von hier bin. Nein, konstatiere ich, wie ich Minuten später den Motor wieder starte, auch hier bin ich nicht zu Hause, aber auch dort nicht, wo meine Sprache gesprochen wird … Weder noch. Am einen Ort fehlt mir die richtige Sprache, am andern das richtige Herzklopfen.

Würde ich wieder in der Region Bern wohnen, hätte ich gewiss bald andere Dinge, Orte und Menschen, nach denen ich mich sehnte. So war es schon immer. Ankommen ist leichter gesagt als getan und das Leben ist eben nicht ideal, wie meine Freundin M. so schön sagt. Und wie sich ein Leben ohne Sehnsucht anfühlt, wage ich mir lieber gar nicht erst vorzustellen.

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Bild:
undogmatischer Appspressionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)