#UmsLand Rheinland-Pfalz, zum zweiten.

Gegen den Uhrzeigersinn radelt er diesmal, der beste Herr Irgendlink, auf seiner zweiten Runde ums Land Rheinland-Pfalz. Wer möchte, darf gern auf seinem Gepäckträger Platz nehmen und ihm ein bischen über die Schulter gucken, schieben helfen, wenns bergauf geht und beim Kunsten mit dabei sein.

Die diesjährige Livereise ist eine Art Neuauflage der UmsLand-Rheinland-Pfalz-Reise von 2017/2019. Und nein, eine Wiederholung ist es trotzdem nicht, denn auf Reisen wird auch eine bekannte Strecke immer wieder anders. Und man selbst entwickelt sich ja auch immer weiter . Außerdem ist diesmal die Fahrrichtung umgekehrt als das letzte Mal und auch der Blick ist ein anderer geworden. Er ist, aus Gründen, neu geschärft für das Phänomen ’Grenzen’. Aber lest und guckt selbst.

Das geht zum Beispiel hier im Blog:

Irgendlink-Blog

oder hier auf Twitter:

Irgendlink auf Twitter

oder hier auf der Karte:

Interaktive Karte mit der zurückgelegten Strecke und den standortgenau integrierten Bildern von unterwegs

Hierbei handelt es sich um sehr spannendes, geniales Werkzeug, das zeitnah die Strecke abbildet und die gemachten Bilder einbindet.

Gute Reise!

Heimaten

Vor ein paar Tagen in Bern die plötzliche Erkenntnis: Das hier ist ein Stück von mir.

Das hier ist Heimat. Ich fühle mich in dieser Gegend daheim, fühle mich vertraut. Nicht nur die Stadt ist es, auch das Umland, das ich oft durchwandert und durchradelt habe in meinen total doch fast zehn Jahren in dieser Gegend. Das Bedürfnis ist riesig, jede Ecke, die ich früher gekannt, erlebt und geliebt habe, aufzusuchen, mich zu erinnern.

Fahre ich irgendwann wieder Richtung Osten, heimwärts, nun ja hierher, wo ich heute lebe, schmerzt mich der Abschied am Anfang immer fast körperlich. So lange bis es irgendwann irgendwo in mir drin ploppt, so lange bis etwas in mir drin fast hörbar zerreisst. Ähnlich wie der Druck in den Ohren bei schnell zurückgelegten Höhenmetern sich irgendwann wieder auflöst. Der Schmerz lässt nach, wenn ich wieder genug Abstand zwischen dort und hier gelegt habe. Nach einigen Tagen vergesse ich diese kurz aufgeflackerte Heimatgefühle und ich vergesse den Blick hinter den Vorhang wieder.

Und eigentlich geht es mir ja ein bisschen mit all den Orten so, an denen ich je gelebt habe. Frankreich und die Pfalz inklusive. Und natürlich auch mit der Gegend hier, mit der Heimat meiner Kindheit. Jedefalls wenn ich lange genug weg war. Heimkommen zu können ist etwas unglaublich Kostbares.

Aber was ist Heimat wirklich und was machen sie mit mir, diese meine vielen Orte, Gegenden, Landschaften? Und wie kann eine so viele Heimaten haben und sich dabei dennoch so heimatlos fühlen?

Das Heimatding mal wieder

Es ist ja nicht so, dass ich fremdgehe. Es ist vielleicht eher so, dass ich einen Ort suche, der meinem aktuellen Schreibbedürfnis eher entspricht.

Am Anfang habe ich auf Ello ähnlich kurze Sätzchen und Gedankenfetzen gepostet wie ich es von Twitter her kannte, inzwischen habe ich mir dort eine kleine Sitzecke eingerichtet, wo ich gemütlich lesen und schreiben kann. Wäre Twitter eine Art Fastfood-Restaurant, wäre Ello ein gemütliches Café mit wenig Lärm, wenig Aufregung, wenig Hin- und Her, dafür mit vorzüglichen Teesorten, leckersten belegten Broten und wunderbaren Desserts. Selbstgemachtes Eis zum Beispiel.

Ausgelöst von einem Post über das Wohnen am Meer habe ich vorhin dort ein paar Zeilen geschrieben:

»… warum leben denn nicht mehr von uns am Meer?

Warum leben wir, wo wir leben? Und wieso leben so viele Menschen nicht so und nicht dort, wie und wo es ihrer Art und Natur eigentlich entspräche?

Ich höre euch antworten:
Wegen der Arbeitsstelle.
Wegen der Familie.
Bin hier geboren.
Habe hier ein Beziehungsnetz aufgebaut.
Mein Liebster kommt von hier.
Ich bin/fühle mich hier zuhause.

[…]

Nun ja, bei mir ist es vielleicht so, dass ich wohl etwa 50% meiner Zeit am liebsten an einem Meer wohnen wollen würde. Mal an einer Mittelmeer- oder Atlantikküste Frankreichs oder Portugals (Italien und Spanien eher nicht, allenfalls eine Insel?), mal sehe ich mich auf einem Hausboot, mal in Südschweden − Kattegat oder Skagerrak −, mal an der schwedischen Ostsee, am bottnischen Meerbusen …«

[Weiterlesen …]


[Ich schreibe übrigens auf einem persönlichen Blog weiter über meine Innenansichten. Wer dort mitlesen möchte, schreibe mir bitte eine Mail.]

Die Sache mit der Zufriedenheit

Süße neunzehn war sie, als sie heiraten musste. Jung war sie damals, jung und unschuldig, Und ohne die Möglichkeit, mitzubestimmen. Wie das damals, Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts, in Anatolien zumal, noch üblich war. Und, wer weiß, vielleicht heute noch praktiziert wird. Zwei Jahre später zog das Paar in die Schweiz. Und drei Jahre später kam der Sohn zur Welt. Während sie mir ihre Lebensgeschichte erzählt, ertappe ich mich beim Rechnen. Kann das sein? Sie sieht noch so jung aus. Nach fünf Jahren hat sie ihren Mann verlassen. Ich gestehe, dass ich nicht immer alles auf Anhieb richtig verstehe. Ihr Deutsch ist schlecht. Meint sie nach fünf Jahren in der Schweiz oder meint sie nach fünf Ehejahren? Beides ist möglich. Und wie bei vielem verstehe ich ja doch immer nur einen Bruchteil und verstehe vor allem nicht, wie sie sich in der Schweiz zurecht findet. Zurecht gefunden hat. Nur gerade elf Jahre ihrer Lebenszeit hat sie weniger in diesem Land hier verbracht als ich. Und doch … Ich versuche mir, sie mir als junge Frau vorzustellen. Wie eine Elfe sieht sie aus, klein und zierlich, mit langen hellen Haaren, blond oder weiß. Ein zartes, liebes Gesicht hat sie, das sich etwas kindliches bewahrt hat. Trotz allem.

Eine Muss-Heirat sei es gewesen, doch sie habe sich befreit. Nicht gut sei das gewesen mit diesem Mann, sagt sie. Und nun ist ihr Sohn schon fünf Jahre tot. Als Einundreißigjähriger ist er plötzlich gestorben. Das Herz. Sie weint ein bisschen und ich sage, dass ich sie verstehe. Sage: Auch mein Sohn ist gestorben. Als ob das trösten könnte. Aber verbünden tut es, ja, das schon. Ein wenig jedenfalls. Und wir weinen ein bisschen miteinander, aus sicherer Distanz, denn um sie in den Arm zu nehmen, bin ich zu schüchtern.

Das hier, sie zeigt aus dem Fenster, das hier sei ihre Heimat. Sie sei zufrieden, auch wenn sie nicht viel Geld verdiene. Doch mehr brauche sie nicht. Gott hilft ihr, hört und tröstet sie und ja, auch die Schutzengel helfen ihr, sagt sie. Und dann gesteht sie, ein klein wenig verschämt, dass sie sich oft frage, wozu sie eigentlich lebe. Ich sage, weil du ein Lachen zu verschenken hast. Immer wenn ich dich sehe, leuchtest du.

Sie sei eben zufrieden und ich höre das Wort Frieden heraus. Man brauche ja nicht viel zum Leben. Besser als sich grämen oder kämpfen und sich Sorgen machen. Das brauche viel zu viel Kraft. Lieber bleibe sie ruhig, erzähle Gott ihre Sorgen und sei zufrieden. Sie ringt nach Worten. Neununddreißig Jahre lebt sie nun in der Schweiz. Auch wenn sie die Sprache nicht wirklich beherrscht, kann sie sich wunderbar ausdrücken. Sie spricht die universellste aller Sprachen, die des Herzens. Sie strahlt. Nun lachen wir.

Ob sie sieht, dass wir auf gleicher Augenhöhe leben, sie, die Frau mit dem Putzlappen, und ich, die Frau am Computer? Auch wenn sie steht und ich auf dem bequemen Bürostuhl sitze.

Weil wir einfach Menschen sind; sie mit einundsechzig, ich mit fünfzig Jahren Lebenserfahrung im Rucksack.

Auf einmal bin ich ganz ruhig – das Gefühl von Hektik, Hetze, Stress, das schon viel zu lange an mir klebt, fällt von mir ab. Zwar muss ich noch vieles tun (muss ich?), doch ich tue es – nachdem sie gegangen ist und meinen Abfall und mein Altpapier mitgenommen hat – auf einmal ein klitzeklein bisschen anders als vorher. Mit einem anderen Blick auf die Dinge, ihr Wesen und ihre Notwendigkeit.

Nostalgia – Gedanken einer Heimatlosen

Sehnsucht und Heimweh … es gibt sie nur, weil es Liebe, weil es Heimat gibt, spreche ich unterwegs ins iPhone. Schreiben kann ich ja nicht beim Autofahren. Sehnsucht und Heimweh – zwei Schmerzen, die sind, weil wir Fühlende sind. Und warum tut Erinnern meistens weh? Bedeutet das, dass ich damals Fehler gemacht habe? Oder einfach, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist? Ich möchte das, was damals war, hier und heute nicht mehr in meinem Leben. Ich lebe jetzt.

Dennoch ist es da, dieses Heimweh, wann immer ich in der Region Bern, wo ich etwa zehn lange Jahre gelebt habe, unterwegs bin – ganz besonders wenn ich Richtung Oberland fahre. Ist es Heimweh längi Zyti, wie die BernerInnen so schön sagen? Muss man einen Weg nur oft genug gefahren, gewandert, geradelt und geschlendert sein, um ihn später als Heimat wiederzuerkennen? Muss man alle Nischen, Schleichwege und Abkürzungen einer Stadt oder eines Dorfes kennen, damit sie Heimat genannt werden dürfen? Müsste dann nicht auch meine aktuelle Wohnumgebung heimatliche Gefühle in mir auslösen – zumal ich ja hier in der Gegend aufgewachsen bin und immerhin etwa fünfundzwanzig Jahre gelebt habe, jedenfalls im Umkreis von etwa zehn Kilometern. Warum überfallen mich diese heimatlich-sentimentalen Gefühle vorwiegend im Kanton Bern? Nur dort wird mir das Herz auf diese ganz bestimmte Art weit und ich fühle mich als Nachhausekommende.

Nach meinem heutigen Recherche-Termin in Thun habe ich mir den Rest-Nachmittag freigegeben.
Du sollst morgen baden gehen!, habe ich gestern – im besten Scheffintonfall – zu mir gesagt. Und zwar sollst du zu deinem Lieblingsbadesee fahren. Und so packte ich, trotz der nicht so tollen Wettervorhersagen, heute meine Badesachen ein. Der Himmel schien sich zum Glück nicht wirklich an die Wettervorgaben halten zu wollen. Jedenfalls kein Regen in Sicht. Nur ein paar Wolken.

Gerzensee_sm

Kurz vor sechzehn Uhr. Ich und der See, allein zu zweit. Das Wasser zwanzig Grad. Wärmer als die Luft. Ich ziehe mich um und steige hinab. Wie schön es doch ist, mich auf dem Rücken zwischen den Seerosenblättern hindurch in die Mitte des Sees treiben zu lassen. Ich schwimme auf dem Rücken, die Ohren im Wasser, und lausche. Nur meine Schwimmbewegungen höre ich so. Wenn ich brustschwimme, höre ich nur die Kühe auf der nahen Wiese, die sich die Neuigkeiten des Tages erzählen, und einen Traktor am andern Ufer des Sees. Eine Stunde später spaziere ich erholt zurück zum Auto. Auf dem Weg zur Straße treffe ich eine Frau. Wir grüßen uns und grinsen uns wissend zu: sie geht dorthin, wo ich war. Der See ruft. Ich bleibe fünf Meter später stehen und drehe mich um. Aber … das ist doch … Im gleichen Augenblick hat sie sich ebenfalls umgedreht und sieht mich an.
Wir kennen uns! Du warst doch ein paar Jahre mit M. zusammen!, sagt sie.
Genau, und du, du bist … Moment, ich hab’s gleich, du bist H.!
Viele Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, darum schwatzen wir ein wenig und dann geht jede ihres Weges. Noch im Auto grinse ich über diesen Zufall.

Wie ich durch Wichtrach fahre, kann ich nicht widerstehen. Ich halte an und überfalle den örtlichen Käseladen, während draußen die Kinder aus dem Schulhaus strömen. Fünf Uhr. Wochenende. Friedliche Dorfszene. Wie ich diesen Augenblick geniesse! Das Teeniegirl vor dem Laden, das, mondän gekleidet, an seinem Smartphone fummelt, will so gar nicht vor diesen altmodischen Laden passen. Bestimmt verflucht sie es, in einem solchen Kuhdorf zu leben.

Ich betrete schmunzelnd den kleinen Dorfladen, wo der Käse, aus der Gegend, noch offen zu kaufen ist, die Joghurts ebfalls aus der Region stammen, alles so kühl und frisch duftet und die Verkäuferinnen alle Zeit der Welt haben. Ich gebe mich als Heimwehbernerin zu erkennen, doch mein falscher Dialekt verrät, dass ich nicht wirklich von hier bin. Nein, konstatiere ich, wie ich Minuten später den Motor wieder starte, auch hier bin ich nicht zu Hause, aber auch dort nicht, wo meine Sprache gesprochen wird … Weder noch. Am einen Ort fehlt mir die richtige Sprache, am andern das richtige Herzklopfen.

Würde ich wieder in der Region Bern wohnen, hätte ich gewiss bald andere Dinge, Orte und Menschen, nach denen ich mich sehnte. So war es schon immer. Ankommen ist leichter gesagt als getan und das Leben ist eben nicht ideal, wie meine Freundin M. so schön sagt. Und wie sich ein Leben ohne Sehnsucht anfühlt, wage ich mir lieber gar nicht erst vorzustellen.

__________________________

Bild:
undogmatischer Appspressionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)

Sehnen, suchen und der Hunger nach Heimat

Sehnen wir uns denn nicht immer nach dem Unerreichbaren? Gibt es ein Leben ohne dieses allgegenwärtige Gefühl von Unzulänglichkeit und Nicht-Genug? [Können andere das? Und wenn ja, wer und wieso? Und wie geht es?]

Was müssten wir schon groß verändern und weiterentwickeln, wenn alles bereits gut genug wäre, alles erreichbar, alles da? Könnten wir leben, ertrügen wir das Leben, wenn alles gut wäre? Ist es nicht letztlich unsere Sehnsucht nach Mehr und nach Besser, welche die Basis für jegliche Evolution ist? Und brauchte es deshalb so etwas ähnliches wie einen Sündenfall? Die Vertreibung aus der Heimat als Katalysator, Heimatlosigkeit als Motor für Entwicklung … [Und der Sinn des Lebens das Finden meiner Heimat in mir?]

Wenn ich meinem gierigen, immer hungrigen Monster Heimatlosigkeit all meine inzwischen gefundenen und benannten Heimaten vorstelle, was dann? Es schüttelt leise den Kopf, grinst ziemlich fies und verdreht ein klein bisschen seine schielenden Augen.
Und das reicht dir?, fragt es. Als wäre nicht all das tausendmal besser als dieses zermürbende innere Gefühl, das dieses Monster in mir nährt, dass ich nämlich nirgends wirklich Zuhause bin. Tauziehen einmal anders. Ich setze mich hin. Ich betrachte mein Monster, das mit mir am Tisch sitzt, seit ich denken kann.
Das sind nicht deine Eltern, die haben dich bloß adoptiert!, war seine erste (verlogene) Einflüsterung, an die ich mich erinnern kann. Da war ich noch in der Unterstufe. Keine Frage, Monster Heimatlosigkeit weiß, wie man Menschen klein kriegt und weich kocht. Doch was ich nicht verstehe: Wozu? Die älteste Frage der Menschheit: Woher und wozu kommt das Leid und hängt es immer an der Sehnsucht mit dran?

Nein, keine Antworten, weder hier noch jetzt noch irgendwann. Jedenfalls keine endgültigen. Und nein, ich kann die Welt nicht retten. Höchstens mich. Mit Heimat-in-mir der Heimatlosigkeit-in-mir (und überall) ein wenig Gegengewicht geben. Ein wenig die Welt verbessern mit der Freude darüber, in mir mehr und mehr sesshaft geworden zu sein und all jene materiellen Dinge, die mir Heimat sind (oder zumindest so tun als ob), immer weniger zu brauchen.

Ist das womöglich Freiheit?
Heimat und Freiheit – sind die zwei überhaupt kompatibel?
Oder ist Freiheit gar nur möglich, wenn ich in mir ganz und gar beheimatet bin?

____________________________

weiterhin stellen wir Bilder aus zum Thema „heimatlos“ auf pixartix_dAS bilderblog

beheimatet

Du hast es schon schön!, sagt B. zu mir, Mutter dreier kleiner Kinder, ständig auf Trab, immer in Bewegung, zum Glück meist gut gelaunt und lebensfroh. Weißt du, deine Freiräume … davon kann ich nur träumen!

Soll ich sagen, dass ich mir manchmal erträume, eine Familie zu haben? Dass Hans im Schneckenloch oft vom Gegenteil träumt? Doch wozu? Wem dient, wenn ich das sage? Sie lebt ihr Leben, ich meins und ab und zu kreuzen sich unsere Wege. Es ist jetzt so, wie es jetzt ist. Und im Grunde hat sie recht. Ich habe es schön. Nicht immer, aber oft. Heute zum Beispiel. Im Bett schreiben. Tee trinken. Danach Yoga und spät frühstücken, den Tag nach meinen Vorstellungen gestalten, die Balance finden zwischen konzentrierter Arbeit und all dem andern, was nicht explizit als Arbeit bezeichnet wird. Life-Work-Balance nannten das die Fachleute auch mal. Als ob Work nicht Teil des Lebens wäre [Arbeit soll entstigmatisiert werden, plädiere ich].

Ich mag mein Zuhause. Meine Räume mit meinen Möbeln, meinen Bildern, meinen Büchern – sie sind mir Heimat. Meine Räume sind die Kleider meines Lebens. Ja, auch meine Kleider sind mir Heimat, Schuhe ebenso. Wenn sie gut eingetragen sind, gut eingelaufen, wenn sie Teil meiner äußeren Hülle geworden sind, die ich auch bin. Heimatgefühl entsteht durch Vertrautheit. Heimat sind Menschen, die mich verstehen. Heimat sind wir meine Zeiten mit dem Liebsten, Gespräche, Lachen, Sein.

Heimat sind mir geografisch definierbare, in Koordinaten fassbare Orte – die rote Bank auf dem Hügel über dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, ein Baum auf dem Schulweg zum Gymnasium (ob er noch steht?), Wege, die ich gegangen bin. Orte, die mit prägenden Erlebnissen verknüpft sind, werden mir Heimat. Schafft die Repetition Heimatgefühle? Sind es die Wiederholung, das Ritual – beispielsweise mein Yoga am Morgen –, die in mir Heimat schaffen, die Vertrautheit und Sicherheit des Absehbaren? Sind es die Dinge, die ich tue, die bewirken, dass ich mich beheimatet weiß, in mir drin, in der Umgebung, in der ich mich gerade aufhalte? Gut möglich.

Auch die Sonne hilft, dass ich mich auf der Erde daheim und willkommen fühle – egal wo. Ja, und die Farben des Lichts, genau, Farben! Farben und Bilder – sie sind eine universelle Sprache, die mir Heimat vermitteln können. Und wo ich sie mich nicht ansprechen, erlebe ich Fremdheit, Heimatlosigkeit, Verstörung. Mit Lärm geht es mir ebenso und mit Menschen, die mich nicht verstehen. Verstehen, verstanden werden, mich verständlich machen zu können – das sind meine Schlüssel um Heimat zu finden. Und hier meine ich jetzt nicht ausschließlich die gesprochene Sprache. Jegliche Bild- und Klangsprachen müssen in meine Herzsprache übersetzbar sein, damit ich in ihnen zu Hause sein kann. Sie müssen mich berühren, ansprechen, bei mir ankommen können, sie müssen in mir drin etwas bewirken, erst dann sind sie mir Heimat.

Es ist unser Herz der Seismograph für Heimat. Das Herz und unser Denken. Wie funktionieren unsere Wert- und unsere Weltbilder? Was glauben und was wissen wir, was interessiert uns, was treibt uns vor- und was rückwärts? Was sind uns Kunst und Kultur? Und wie gehen wir mit all diesen Informationen um? Wie begegnen unsere Innenräume der Außenwelt, entsteht dabei Resonanz? Dissonanz?

Mir sind sinnliche Erfahrungen wie Gerüche Heimat, Klänge und Töne, das Berühren ganz besonderer Dinge – das Brot im Ofen, Grillenzirpen, Vogelgezwitscher, ein von meiner Mutter geerbtes Geschirrtuch. Heimat sind mir meine Gedanken, jene im Kopf ebenso wie jene auf dem Papier oder in meinem Rechner. Auch mein Laptop und mein iPhone sind mir heimatliche Inseln, Orte, wo ich gerne meinen Anker auswerfe, um mich zu sammeln. Und um zu arbeiten. Die Brotarbeit ebenso wie die Kür an meinen Manuskripten, an Bildern, an Blogs. Ja, auch meine Blogs sind mir Heimat. Wie viele Heimaten ich habe! Das stimmt mich dankbar.

Eine darf ich nicht zu erwähnen vergessen: die Musik. Eine ganz wichtige Heimat für mich. Unverzichtbar. Ganz bestimmte Songs. Und auch ganz bestimmte Lieder, die ich zum Beispiel als Kind oder in einer Schwitzhütte gesungen habe. Kraftlieder, die mich von innen heraus nähren. In Musik verdichtet sich für mich Heimat am fassbarsten. Heimatlosigkeit ebenso. Nichts kann so ein- und ausschließen wie Musik. Sie markiert durch ihren Stil, wo ich hingehöre und wo nicht.

Dass Heimat durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie definiert sein kann, wissen wir. Und dass definierte Heimat auf einmal nicht mehr gelten kann, wissen wir auch. Immer und überall auf der ganzen Welt werden Menschen vertrieben. Heimat wird zu Nicht-Heimat. Zu Heimatlosigkeit.

Als wir vor einem Monat in Berlin waren, bekamen wir von unsern dortigen Freunden die Geschichte Cioma Schönhaus‘ mit auf den Weg. Ich habe inzwischen seine beiden Bücher gelesen, die er über seine Jugend als junger jüdischer Bursche in Berlin geschrieben hat und über sein Leben als Passfälscher im Untergrund. Auch von seiner erfolgreichen Flucht in die Schweiz und das Leben, das er seither dort „wie im Paradies“ führt, las ich. Mit großer Betroffenheit. Und dankbar, dass er in meiner Heimat auch seine Heimat gefunden hat. Heimat zu finden, nachdem man vertrieben und zur Flucht gezwungen worden ist – kann es ein größeres Geschenk geben?

Über Heimat nachzudenken verändert meine innere Haltung positiv und ich stelle fest, dass ich es wirklich schön habe. Nicht nur, nicht immer, aber auch. Und immer bewusster.

Links:
Cioma Schönhaus im Schweizer Fernsehen
Buch „Der Passfälscher“ bei Perlentaucher
Buch „Der Passfälscher im Paradies“ bei books.ch

Zur Erinnerung:
Aktuell stellen wir auf pixartix_dAS bilderblog Bilder verschiedener Künsterinnen und Künstlern zum Thema „heimatlos“ aus.

sinn- und heimatlos?

Laut gedacht und leise notiert: Gibt es Sinn (und wenn ja, warum?) oder ist alles letztlich UnSinn – und gut so?
Sinn – bist du ein Synonym von Bedeutung, Wichtigkeit, Wert oder eher von Grund, Ursache, Ziel, Absicht?
Braucht Sinnhaftigkeit so etwas wie eine Gottheit oder stiften wir uns den überlebensnotwendigen Lebenssinn selbst? Anders gesagt: Muss Sinn höhere, sozusagen zielgerichtete Weisheit sein oder aber einzig und allein das, was wir als sinnvoll interpretieren? Weil wir notwendigerweise etwas tun wollen, das – zumindest eben für uns – Bedeutung hat. Wie wichtig ist es, dass die Dinge, die ich tue, sinnvoll sind und wie definiere ich persönlich Sinn? Ist – zum Beispiel – mein Tun nur dann sinnvoll, wenn ich damit nicht nur mir, sondern auch andern in irgendeiner Form etwas Gutes tue?
Entscheidend im Kontext von Sinn und Wert eines Menschenlebens ist jener Moment, kurz bevor die letzte Tür ins Schloss fällt. Was antworte ich mir dann auf die Frage: Bin ich jetzt, am Ende meines Lebens, bei mir angekommen?
Glücklich der Baum, der dort wachsen kann, wo ihm der Boden genau das bieten kann, was er braucht.
Glücklich aber auch jener Baum, der trotz der Mängel, die der Boden zu seinen Wurzeln hat, so gut zu wachsen gewillt ist, wie es eben geht.
Ist dort Heimat, wo mich der Lebenswind hat Wurzeln schlagen lassen?
Wie die verblühten Samen des Löwenzahns fliegen Gedanken vorbei. Kaum dass ich sie denke, sind sie vergangen. Stimmen mich friedlich. Wühlen mich auf.
Heimatlosigkeit – ein Thema, das eine Art Kehrreim in meinem Leben ist. Und im Leben anderer ebenso. Darum haben Irgendlink und ich uns entschieden, es zum neuen Zyklus-Thema auf Pixartix zu machen. Die eine oder der andere Bloggende will sich, wie ich hörte, zum Thema auch in den Blogs Gedanken machen. Susanne Haun hat heute damit bereits angefangen. Ich werde nächste Woche nachziehen. Und du? (Vielleicht mit Pingback zu mir oder pixartix, damit ich deinen Artikel nicht verpasse?)
Von Freitag bis Montag sind Irgendlink und ich Heimatlose – als Gäste in Frankreich. Die Stadt Boulogne-sur-Mer hat ihre Partnerstadt, will heißen einige Zweibrücker Kulturschaffende, dazu eingeladen, das Pfingstweekend mit Kulturschaffenden aus ihren Reihen zu teilen. Ich bin gespannt, was wir, fern der Heimat, erleben werden.
Fortsetzung folgt demnächst in diesem Theater.