Lövö | #kursnord

Sagt man eigentlich Hej oder Hejhej, wenn man jemanden grüßt, frage ich die freundliche Dame in Mösterås‘ Touristinfo. Weil, manche sagen ja so, andere so …

Oh, sagt sie lächelnd und in ziemlich gutem Deutsch; mit diesem hübschen schwedischen Akzent, den ich so mag, man kann das so oder so sagen. Zum Abschied sagt man gerne auch Hejdooo. Sie sagt es mir zwei drei Mal vor, mit diesem Mix-Laut am Ende. Eigentlich sollte ich solche Zwischenlaute ja bestens beherrschen, so als Schweizerin, meine ich. Laute zwischen a und o zum Beispiel oder diese Kehllaute zwischen ch und g, wie es sie für Worte wie Sieben oder See im Schwedischen braucht. Ich scheitere. Finde den Ort im Mund nicht, wo dieser Klang hervorgebracht wird und scherze, dass es sich anfühlt wie damals, als wir als Kinder das engliche Tiieitsch (th) geübt hatten.

Schließlich erzählt sie uns von der Schönheit der Gegend, von ihrer Abscheu vor Lappland und dessen Mücken und dass es viele gut integrierte eingewanderte Deutsche hier in der Gegend habe. Man spürt, wie sehr sie ihren Beruf und ihre Heimat liebt.

Mit ein paar Karten bepackt radeln wir weiter. Dabei wollte ich ja nur fragen, ob sie allenfalls ein Werkzeug habe, damit wir den einen Fahrradsattel höher schrauben können. Hatte sie. Zum Glück.

Hach, diese Fahrräder! Hübsch sind sie ja, weiß, mit vorne Körbchen, wo die Rucksäcke flach reinpassen. Und mitohne Kette dafür mit Automatik.

Zwei weiße Räder mit Körben vorne auf Wiese vor Wald

Ein Novum für den Radler Irgendlink, der sich bestimmt da und dort noch über unsere gestrigen Gefährte(n) auslassen wird. Von mir darum nur so viel: Bequem geht anders. So für in die City sind sie wohl ganz okay. Aber nur schon nach dem gestrigen Rumkurven vom Zeltplatz in die kleine Stadt und dort rundum waren unsere Pos schon ganz wund. Und die Handgelenke steif. Dennoch hatten wir es uns in den Kopf gesetzt, nach dem Stadtbesuch nicht bloß zum Camping zurückzuradeln, sondern weiter, auf die Nachbarhalbinsel, nach Lövö … Und wieder fühle ich mich hundert Jahre zurückversetzt. Vom Teer auf der Straße einmal abgesehen, könnte das alles hier in einer anderen Zeit spielen. Und als der Teer schließlich aufhört, sowieso. Noch sind es ab da über drei Kilometer bis zum Inselzipfel. Und es könnte so schön sein, wenn der Po nicht. Und die Hände.

Endlich finden wir das Ende der Welt. Eine grüne Bucht. Picknicken von unseren Einkäufen. Und naschen. Lättyoghurt. Naschwerk.

Eigentlich fahren wir ja nur wegen der Süßigkeiten nach Schweden, scherzen wir. Diesen Selbstbedienungstheken oder eher -wände, wie es sie in den meisten schwedischen Supermärkten gibt, ist wahrlich schwer zu widerstehen.

Naschwerktüteninhalt

Als wir unsere Bucht verlassen, ist es bereits nach fünf. Meistens haben wir die Bundesstraße für uns, denn der Feierabendverkehr zwischen Halbinsel und Zeltplatz summiert sich auf etwa zehn Autos. Boah, fett das!

Zurück zuhause, im Zelt, auf dem Platz, lassen wir uns erschöpft auf unsere Matten fallen … Zum Glück ist die Rezeption schon zu, sonst “müssten“ wir ja noch endlich unsere Runde Minigolf spielen.

Ach, und geschlafen habe ich heute übrigens wie ein Stein.

Heute? Hier? Jetzt? Seit gestern Abend schützt uns Irgendlinks selbstgebautes Tarp vor scharfen Böen. So siehts aus.

Blick aus dem Zelt mit Sandalen, Teetasse, vorne das Tarp, am Horizont Bäume und Meer

Teetrinkend geschrieben.

Oknö | #kursnord

Da ist er wieder, dieser bei mir doch eher seltene Glücklichmodus, dem ja ziemlich wenig Unterhaltungswert nachgesagt wird. Nun denn, ich will ja auch nicht unterhalten.

Schon vorgestern, auf der Strecke von Malmö nach Borrby, stellte ich fest, wie sich in meinem Kopf so etwas wie Ruhe und Ordnung breit zu machen begann. Ein Gefühl, das ich so ähnlich auch bei mehrtägigen Wanderungen erlebe. Wenn sich alles anfängt, nur noch um diesen einen Moment, den ich jetzt-jetzt-jetzt erlebe, zu drehen. Aber eben nicht nur in der Theorie und nicht nur für eine befristete Zeit des Tages, sondern den ganzen Tag. Natürlich gibt es auch hier Unterbrüche. Ich lese ja Mails, ich lese Blogs und Twitter (wenn auch sehr punktuell und manchmal im Überflugmodus) und ich bin ja nicht einfach eine unerreichbare Insel geworden.

Dennoch ist es anders. Ich nehme wahr. Ich schaue zu. Ich lasse zu. Ich staune. Ich betrachte. Ich fühle. Alles in Gegenwartsform.

Vor fünf Tagen, am Donnerstagabend, habe ich in die Tiefen meines Handys geschaut. Die berühmte Operation am offenen Herzen. All die Connectoren, Verbindungen in meinem Smartphone, die vor dem Wechsel des Akkus mit feiner irgendlinkscher Hand umgelegt, gekappt, werden mussten! Winzigkleine Metallteilchen, winzige Bewegungen. Doch hätte Irgendlink nach dem Wechsel des Akkus nicht alle Klappen wieder richtig zurückgeklappt, könnte ich jetzt nicht fotografieren, nicht schreiben, nicht telefonieren. Jede noch so winzige Klappe ist nötig.

Vielleicht sind auch bei mir ein paar Klappen endlich wieder auf die richtigen Plätze geklappt worden. Ich fühle mich jedenfalls endlich wieder verbunden mit mir. So, wie schon lange nicht mehr. Synchronisiert sein, nenne ich diesen Zustand. Nicht mehr denken: Ich sollte, ich müsste, nicht: hätte ich doch bloß! Nicht mehr voraus, nicht mehr zurück.

Klar weiß ich, dass dies auch dem Ausnahmezustand namens Ferienreise geschuldet ist. Aber wenn ich diesen Zustand nicht immer wieder zwischendurch so erleben könnte, diese Medizin namens Gegenwart und Glück, würde die Kraft für all die Kämpfe, die ich aktuell im Alltag zu kämpfen habe, nicht reichen.

Hier in Oknö fällt es doppelt leicht, einfach nur jetzt zu sein. Es ist kurz vor acht. Die Sonne wärmt das Zelt auf und es soll heute wieder so ein wunderbar frühsommerlicher Tag werden. So wie gestern, wie vorgestern … Ein Hochdruckgebiet aus Finnland sei das. Ich danke der Wettergöttin herzlich.

Nun sind wir übrigens wieder auf Kurs Nord, wie es der Hashtag, den wir uns für Twitter ausgesucht haben, vorgibt. Nachdem wir gestern Schonens Südzipfel nach Borrbystrands ein bisschen abgekürzt, den Küstenweg verlassen und auf die E22 eingespurt sind, fuhr es sich ganz angenehm. Immer weiter Richtung Kalmar.

Und immer wieder dieses Staunen über Schwedens Verkehr. Über die stressfreie Fahrpraxis der vielen Menschen hier (ob ich hier von wenigen auf alle schließen darf, ist ein anderes Thema). Selbst der kurze Stau irgendwo unterwegs ging trotz Hitze volkommen unaufgeregt über die Bühne.

In Kallinge, in der Nähe von Ronneby, fahren wir raus, kaufen noch ein paar Lebensmittel, finden einen Picknickplatz und halten Siesta.

Später verlassen wir die E22 für einen kleinen Ausflug in ein Dorf namens Pataholm, das so eine Art Freilichtmuseum zu sein scheint. Stünden da nicht zwei Autos, sagt Irgendlink, könnte man sich hier glatt zweihundert Jahre zurückversetzt fühlen.

Hausfassaden im alten Dorf

Das Meer! Überall winzige Inselchen, grün bewachsen, die wie strubblige, grüne Köpfchen aus dem Meer herausragen. Da müsste man rauspaddeln, träumen wir. Vielleicht könnte man ja.

Mann auf Steg vor Meer und Inseln unter Himmelblau

Kurz nach Kalmar – was sag ich da?kurz nach Mönsterås – hat Irgendlink auf der Papierkarte einen Campingplatz auf einer ins Meer ragenden Landzunge ausgemacht und lotst mich dorthin.

Dieser Platz, Oknö, ist grandios. Herr Irgendlinks Gespür für schöne Plätze sag‘ ich da nur. Noch fast leer liegt das Kieferwäldchen vor uns. Das Meer nur einen oder zwei Steinwürfe nah. Die Sonne scheint, es windet kaum, zwanzig Grad.

Das Zelt baut sich inzwischen schon fast wie allein. Es ist kein Zeltbau, sage ich, es ist ein Zeltbautanz.

Strand, Sand, Sonne, links Wald

Nach dem Essen gehen wir dem Strandweg entlang Richtung Westen und werden mit einem Sonnenuntergang vom feinsten beschenkt. Dass es aber auch immer wieder und noch und noch mehr so wunderbare Orte gibt, wo das Herz zur Ruhe kommen kann – ist das nicht unglaublich? Und dass wir zwei noch immer so sehr staunen können. So sehr genießen. Trotz allem. Trotz dieser Welt voller Chaos.

Es ist ein Privileg, hier sein zu dürfen, kein Verdienst.

Und die Nacht? So still, so still. Ab und zu ein Rascheln, kein Straßenlärm, keine menschlichen Geräusche … (wenn man von meinem Tinnitus mal absieht).

Ich glaube, jetzt werde ich mal Kaffee kochen. Und Tee. Und den Tag da draußen begrüßen.

Papierkartenausschnitt der Südküste Schwedens mit eingezeichneter Route, die wir gefahren sind.

Wir tracken übrigens diesmal analog.

An der Côte d’Azur Schwedens | #kursnord

Nehmen wir Trelleborg, diese Kleinstadt im südlichsten Schweden, die uns einiges über den Umgang mit Bildausschnitten lehrt, die man doch so gerne hochrechnet um die Welt zu verstehen. Zu verstehen glaubt.

Noch beim Frühstück gestern Vormittag, auf Malmös Camping, war uns irgendwie klar, dass wir einen eher ruhigen Tag brauchten. Entschleunigung nach dem langen Reisestück durch Norddeutschland und Dänemark. Ebenso war beiden irgendwie klar, dass wir ostwärts wollten. Aber nicht auf bereits befahrenen Strecken quer durchs Land über Höör und Hörby wie 2010 und 2011. Was lag also näher als der Ostsee entlang Richtung Osten zu fahren?

Doch zuerst suchten wir noch nach einem kleinen architektonischen Abenteuer, das der Jagd nach einem Bankomaten – sag es laut: nach Geld – ebenso galt, wie der Suche nach Originalschauplätzen von Irgendlinks AnsKap-Abenteuer im Jahre 2015. Malmös Arena oder so ähnlich heißt das Quartier. Mittendrin jener Bahnhof, wo sich Irgendlink vor bald drei Jahren mit Ray getroffen hat. Mitten in einem höchst futuristisch anmutenden, in den letzten Jahren neu aus dem Boden gestampfen Stadtteil. Einem, wie ich gestehen muss, ziemlich ansprechend gebauten. Fürs Auge. Fürs potentielle Wohlfühlen.

Mann von hinten fotografiert goldfenstriges Gebäude mit architektonisch spannender Delle.

Echt jetzt, diese Schweden können toll bauen! Überhaupt: Immer wieder mal sagen wir so Sachen. So Sachen wie “dieses Schweden kann dies und das“ oder „diese Schwedinnen und Schweden können aber wirklich“ zueinander.

Wir parken das Auto neben einem Parkautomaten, um einen Geldautomaten zu finden. Autsch, so viel Automatik. Schon spinne ich eine kleine kishoneske Geschichte von zwei Menschen, die, weil sie Geld ziehen wollen um parken zu können. Doch ihnen fehlt das Geld fürs Parken, weil sie dieses ja noch nicht gezogen haben.

Doch schließlich kommt es anders. Schwedens Parkautomaten gehen nämlich (jedenfalls diese hier) nur mit Kreditkarte. Und ich meine Kreditkarte. Also nicht Maestro oder Plus oder so. Da wir beide keine solchen haben, müssen wir schwarz parken, denn – Überraschung! – Münzen kann der Automat natürlich nicht. Auch der später gefundene Geldautomat ist uns nicht freundlich gesinnt. Er kann kein Plus, womit Irgendlink hätte gebührenfrei Geld ziehen können.

Also weiter. Auf dem Weg nach Trelleborg sinnieren wir über die Demontagen unserer Illusionen. Immer wieder. Überall.

Es ist ja so, dass ich seit neun Jahren, seit meiner ersten Reise, in Schweden verliebt bin. Und in Skandinavien. Oder eigentlich noch länger. Schon vor meiner ersten Nordreise hatte ich mir ein Bild gemacht: Schweden ist lieb und schön und menschenfreundlich und respektvoll und weit und voller wunderbarer Natur. So irgendwie. Auf meinen weiteren Reisen durch dieses Land hat sich manches bestätigt. Aber vielleicht auch nur, weil ich es bestätigt haben wollte. Weil ich da und dort weggeguckt habe. Weil ich sah, was ich sehen wollte.

In Trelleborg parken wir erneut schwarz. Wieder können wir mit unseren Karten nicht zahlen. Ob wir hier wenigstens einen kartenkompatiblen Geldautomaten finden? Wir spazieren mit den Handykameras im Anschlag durch die Straßen und finden auch tatsächlich ein Geldspuckding, das Plus kann. Es fühlt sich ja schon irgendwie besser an, wenn man ein bisschen Bargeld im Säckel hat, sagen wir. In einem Land, das Bargeld immer mehr abschafft.

Wie machen es eigentlich Obdachlose? Menschen ohne Bankkonto?, grübeln wir und spazieren uns in immer weniger einladend wirkende Gegenden. Wohnquartiere. Satellitenschüsseln auf Balkonen. Das Ludwigshafen Schwedens nenne ich dieses Trelleborg, doch da hören wir auf einmal Pfauen und befinden uns mitten in einem Park. Mit Turm und Café und einem wunderbaren Brunnen. Kein feuerspeiender Drache sondern die wasserspeiende Riesenschlange, title ich das Kunstwerk.

Brunnen
Zack, auf einmal ein ganz anderes Trelleborg. Wir wieder mit unseren Vorurteilen.

Schnitt

Nehmen wir Trelleborg, wie gesagt. Dieser Mann da, diese Frau. Hätte sie nicht – kurz nachdem sich die beiden endlich schwedisches Bargeld gezogen hatten – etwas von Lust auf Falafel gesagt – wer weiß das schon so genau -, wären sie vielleicht noch immer um ein paar nette Illusionen über dieses schwedische Völklein reicher.

Die beiden haben den Kneipenstrich Trelleborgs eben erst erreicht als ihr von einer Menütafel das Wort Falafel in die Augen springt.

Sie bestellen also einmal Falafel auf Dürüm und einmal Hamburger mit Pommes und setzen sich vor das Restaurang an die Sonne. Perfektes Wetter, warm, ein kühles Lüftchen, das Leben ist schön.

Wäre schön. Der Konjunktiv hockt im Nachbarbiergarten. Der Konjunktiv singt Trelleborg. Singt Schlachtrufe, singt Kampflieder, die unsere beiden Helden mit detektivischer Begabung – Männer, bunte Schals tragend, biertrinkend – nach und nach als Anfeuerungsrufe für eine trelleborgsche Fußballmannschaft identifizieren. Der Konjunktiv nickt den beiden Helden zu: Na, immer noch Leben-ist-schön? Nun ja, das Wetter könnte wirklich fast nicht besser sein.

Auf dem Weg zum Parkplatz kommen ihnen schließlich Fans der Malmöschen Spielkonkurrenz entgegen – blauweiße Schals mit Malmöschriftzug – und die beiden sind heilfroh, einem Aufeinandertreffen der beiden Fangruppen entgangen zu sein. Schweden ist eben auch so. So und noch ganz anders. Sich aus Auschnitten ein Ganzes zusammenbasteln ist ebenso menschlich wie trügerisch.

Schnitt.

Bald sind wir wieder in der Pampa. Küstenweg. Ostsee. Wunderbar. Leben-ist-schön. Wir rasten mal da, kaufen mal dort noch ein paar kleine Dinge ein und genießen den Tag. Gegen Abend lotst Irgendlink mit Blick auf unsere Gratispapierlandkarte noch tiefer ins Küstenland. Von der menschlichen Stimme eines papierkartenlesenden LIeblingsmenschen durch die Straßen Schweden navigiert zu werden hat schon eine andere Qualität als die Handystimmenavigation.

So manche Sehenswürdigkeit, die uns unterwegs angezeigt wird, lassen wir links oder rechts liegen, doch diese hier, ja, die wollen wir uns anschauen. Ales Stenar. Eine überdimensionierte Sonnenuhr, eine etwa tausend- bis tausendfünfhundert Jahre alte Steinformation in Elipsenform, in Schiffsform, auf den Hügeln über Kåseberga begeistert uns nachhaltig. Die Stellung der Steine diente als Kalender, markierte zum Beispiel die Sonnenpunkte an Sonnwenden.

Hinkelsteinkreis auf Wiese mit Meer und Blauhimmel im Hintergrund

Der Wind hier oben pustet uns fast um; ich bin froh, den Faserpelz übers T-Shirt angezogen zu haben.

Hier gibt es überall irgendwelche Zeltplätze, sagt Irgendlink, zurück im Auto, auf die Karte guckend. Der Nächste, den wir ansteuern, ist allerdings einfach ein Strand, an dem man Zelten kann. Ohne Infrastruktur allerdings. Ohne Wasser vor allem, denn davon müssten wir noch ein bisschen mehr haben. Darum fahren wir weiter und landen bald darauf auf Borrbystrands Camping. Ein kleines Idyll!

Die Rezeption ist nicht mehr besetzt, also bauen wir uns einfach auf. Was an sich kein Problem ist, bis ich aufs WC muss und mangels Karte nicht kann.

Mit ein bisschen Rumfragen sind wir bald stolze Kartenbesitzende und das Leben ist wieder ganz schön schön! Bis auf den Wind. Der kühlt uns nämlich langsam aus. Schicht um Schicht ziehen wir uns wärmer an, kochen uns etwas Warmes und schließlich lassen wir den Tag mit einem ausgedehnten Strandspaziergang ausklingen. Sagte ich schon, dass das Leben schön ist. Manchmal jedenfalls.

Auf Twitter wird uns eine Hitzewelle aus Finnland angekündigt. Mal schauen.

Jedenfalls ist es heute wieder wunderschön. Und auch wieder ganz schön windig. Wir nehmen den Tag so wie er ist.

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Wen die Brücke ruft | #kursnord

Meer, Steg, Sonnenuntergang

Bloggen oder nicht bloggen, das ist hier die Frage. Ist es beim Reisen Mehrwert oder vergeudete Reise- und Lebenszeit? Oder die Pause, die es beim Yoga braucht, um den Effekt einer Übung zu vertiefen?

Nun denn, täglich blogge ich wohl nicht, aber die Lust ist tatsächlich wieder mehr da, Erlebtes via Blog zu verarbeiten und zu teilen. Mal schauen, was wird.

Nachdem wir gestern Vormittag den Birkensee-Camping Richtung Laatzen verlassen hatten, um einzukaufen und zu tanken, riet das kurz aufgerufene Navi auf dem Handy, Hamburg wegen Baustellenstaus weiträumig zu umfahren und schlug uns auch gleich eine Alternativstrecke über Celle vor. Gesagt getan.

Bundesstraßen. Genau mein Tempo!, sagte Irgendlink, der uns gestern durch den Tag gefahren hat. Tatsächlich kamen wir ziemlich gut voran. In Celle, das uns mit seinen Fachwerkhäusern zu einer Pause einlud, spazierten wir ein wenig herum. Fotografierten uns voran. Fast sommerlich warm war es um die Mittagszeit herum. Lüneburger Heide mag ich.

Staus gabs aber dann doch noch, als das Navi uns zurück auf die Autobahn fahren hieß. Nicht immer, nicht überall, aber die ursprüngliche Ankunftszeit in Puttgarden, dem Fährhafen nach Rødby in Dänemark, verschob sich immer weiter nach hinten.

Wir können ja in Dänemark zelten, überlegen wir. Auch nicht weiter schlimm. Wenn da bloß nicht dieser Zug DER Brücke wäre!, orakeln wir. Und schließlich sind wir auf einmal auf der Fähre MS Schleswig-Holstein rüber nach Dänemark. Schnappatmung. Stürmische Böen auf Steuerbord, die mir fast die Hörgeräte aus den Ohren reißen. Zum Glück sind die Batterien alle, so dass ich sie kurzerhand ausziehe.

Hach, dieser Wind! Dieses Meer! Wie kleine Kinder fotografieren wir und durch das Oberdeck und aaahen und ooohen und staunen und genießen. In Rødby müssen wir zwar keine Ausweise zeigen, doch die Grenze wird kontrolliert.

Dänemarks Straßen sind traumhaft leer. Die ganze Strecke von Rødby nach Kopenhagen bis zu DER Brücke fallen uns vielleicht vier oder fünf Raser negativ auf. Was heißt hier Raser? Vielleicht zehn Stundenkilometer überm Limit. Autofahren ist hier ein Genuß.

Wieder rechnen wir die Stecke durch. Wir könnten zwischen halb acht und acht auf dem Camping bei Malmö sein, den Irgendlink auf seiner AnsKap-Tour mit Ray genutzt hatte. Anfang Juli 2015.

Weiterfahren oder in Dänemark bleiben? Weil es so gut läuft auf der Straße und das dänische Wetter nicht so toll, beschließen wir, obwohl ich ziemlich müde bin, da ich sehr früh aufgewacht bin, weiterzufahren. Über DIE Brücke. Wieder Schnappatmung. Glücksgefühle. Wohliges Heimkehrgefühl.

Zuerst gehts aber unter die Erde mit uns. In den Öresundtunnel. Und auf einmal, mitten im Meer, tauchen wir auf. Spektakulär.

DIE Brücke macht etwas mit uns. Es ist dieses Staunen über menschliche Architekturkunst einerseits, aber andererseits ist es auch eine Art Demut. Sich selbst, das Auto, das ganze Unterwegssein – was sage ich: das ganze Leben! -, alles erscheint in einem anderen Licht. Ich fotografiere im Sekundentakt.

In Malmö verpassen wir zweimal die Abzweigung zum Camping, doch das macht nichts. So sieht man mehr vom Ort. Gerade das mag ich so sehr bei diesen Touren mit Irgendlink. Dieses halb zielgerichtete, halb planlose Drauflos, dieses Malschauenwaswird, dieses Langsamwerden auch, trotz der relativen Geschwindigkeit. Der Sog in die Gegenwart, weg von Waswar und Waswird. Hier. Jetzt. Sein.

Kaum ist das Zelt aufgebaut und eingerichtet, spazieren wir an den nahen Strand. Hach. Schweden kann einfach die schönsten Sonnenuntergänge.

Nachts wird es kühl. So kann ich mein kürzlich neu erstandenes Seideninlay einweihen. Mein Leichentuch, wie ich es scherzhaft nenne. Oder wahlweise meinen Kokon. Hauchdünn ist es, doch kaum bin ich drin, wird mir warm.

Heute? Mal schauen. Irgendlink ist grad zum Zahlen gegangen, weil der Rezeptionist gestern ein bisschen Stress gehabt und uns darum erst die Duschhauskarten ausgestellt hatte.

Äh, apropos Duschhauskarten. Die hatte ich gestern spät im Auto vergessen.

Macht ja nichts, sagte Irgenlink unterwegs zum Duschaus, ich lass dich mit meiner rein. Dass man auch für die Dusche selbst diese Karte braucht, merkte ich erst, als aus meiner nur kaltes Wasser kam. Wie ich dann doch noch zu einer heißen Dusche kam, ist eine andere Geschichte. Und nein, manche Geschichten müssen nicht erzählt werden.

Collage aus Bildern von der Fahrt über die Brücke

Eine kleine Reisegeschichte | #kursnord

Irgendlink auf Stuhl auf Wiese vor See und Birken

Fast ein kleines Wunder, dass wir jetzt hier sind. Am Birkensee. Dass wir auf diesem kleinen Steg sitzen. Den Wolken und der Spiegelung der Bäume beim Dunklerwerden zuschauend. Sogar Bier haben wir. 

Den Campingplatz, den wir nach knapp sieben Reisestunden gefunden haben, hat mir das Handy angezeigt. Nach einem Nickerchen hatte ich eigentlich nur kurz nachschauen wollen, wie weit uns Irgendlink während meiner kleinen Auszeit gefahren hat. Boah, schon fast Hannover! Dank Brückentag war der Verkehr auf Deutschlands fetter Südnordachse moderat gewesen. Sogar Frankfurt war staufrei, und jetzt, es war kurz vor sieben Uhr abends, fuhr es sich ziemlich locker.

Ich könnte glatt bis Trelleborg durchfahren!, meinte der Liebste. 

Doch diese Seen, die das Handy südlich von Hannover anzeigte …, hm, da muss es doch Zeltplätze geben? Gibt es. Birkensee zum Beispiel. Für eine Nacht. Eher groß für unsern Geschmack und ziemlich nahe bei der Autobahn, was man erst nachts, wenn die Vögel schweigen, merkt. 
Das Zelt ist schnell aufgebaut und eingerichtet, routinierte Handgriffe. Noch sind manche Dinge nicht am richtigen Ort im Auto. Das muss sich noch finden. Wird es. Packordnungen finden sich immer. Sie wachsen aus Bedürfnissen heraus, aus Gewohnheiten und aus Vorlieben. Sollte eigentlich für alle Regeln gelten. Und für Gesetze auch gleich. Sie sollten uns dienen nicht knechten. Eins der Themen, über die wir gestern sprachen.

Mit niemandem kann ich aber auch so gut schweigen wie mit Irgendlink. Ein harmonisches Schweigen stiller Übereinkunft. Und Musik. Autoreisen ist Musik. Gestern mit den Shout Out Louds, mal wieder die lauten Schweden. Zur Einstimmung. Ich summe mit. 

Bei Aua, in der Nähe von Machtlos, picknicken wir. In einem kleinen Dorf kaufen wir Brennsprit für die nächsten drei Wochen. Weil man den in Schweden nicht überall so leicht bekommt. 

Schweden? Sagte ich schon, dass wir unsere Route geändert haben? Noch am Donnerstag, als ich beim Liebsten anlagte, sahen unsere Reisepläne vor, uns über Belgien-Holland-Deutschland-Dänemark, der Nordseeküste entlang, nach Schweden zu schaffen. Doch am Donnerstagabend geisterte auf einmal die schwedische Ostsee durch unsere Köpfe. Sundsvall, sagt Irgendlink, nördlich von Stockholm. Aber selbst jetzt ist noch alles offen.

Das Auto machen wir noch am Donnerstag reisefertig. Sitze runter. Aussaugen. 

Ich mach vorne die Sommerreifen drauf. Ich habe zwei Passende gefunden, sagt Irgendlink, und werkelt an den Radmuttern, während ich den Kommpressor für die Druckluft bereitstelle, anschließe.

Bald ist das eine Sommerrad drauf, doch es braucht Luft, viel Luft. Die Pumpe für den Kompressor ist ausgerechnet jetzt kaputt. Oder verstopft. Geht nicht. Mit der Fußpumpe will es auch nicht klappen. Falsches Ventil. Also zurück auf Start. Sommerreifen wieder ab, Winterreifen wieder drauf. Ist halt so. 

Am Abend bekommt mein Handy endlich einen neuen Akku – danke, Liebster! -, was Menschen mit schwächeren Nerven nicht wirklich zum Selbermachen zu empfehlen ist. 

Fast ein Wunder, dass wir jetzt hier sind? Schon fünf Minuten, nachdem wir losgefahren sind, klappert das Auto. Oh nein, was kann das sein? Je weiter wir fahren, desto lauter klappert es. Da, eine Haltebucht!

Äh. Es waren zum Glück nur vier lockere Radmuttern, die wir im Eifer des Gefechtes – kaputte Pumpen und wieder zurückgewechselte Winterreifen – wieder anzuziehen vergessen hatten. Notabene natürlich beim ungewechselten linken Vorderrad.

Sagte ich schon, dass es ein kleines Wunder ist, hier zu sein? 

Heute dann weiter nach Malmö. Die Brücke ruft!

Fast wie Brote

Wären wir Brote, entspräche das Mehl unserer Herkunft, sagte ich. Dinkel, Roggen, von mir aus auch Weizen. Vollkorn oder fein gemahlt, gemischt oder pur, mit Nüssen und Kernen womöglich. Dazu kämen weitere genetische Veranlagungen – Hefe, Sauerteig, Backferment, was immer dem Mehl Auftrieb gibt, damit es nicht verklebt, sondern sich entfalten kann. Und natürlich Wasser und Salz, beides unabdingbar. Maß und Qualität sind dabei entscheidend für ein gutes Ergebnis. Geknetet wird das Ganze neun BrotMonate im Mutterbauch. Schließlich wird das Ganze einige Jahre mit oder ohne Backform gebacken, bevor der junge Mensch irgendwann auf eigenen Füßen in die Welt hinausziehen kann.

So sinnierte ich, als wir auf Irgendlinks Zug warteten, der ihn nach den gemeinsamen Tagen bei mir heimwärts fahren würde.

Klar, sagte ich, das Bild hinkt. Im Gegensatz zum Brot kann sich ja ein Mensch, selbst wenn er ein Leben lang das Format seiner Backform mit sich herumtträgt, weiterhin entwickeln. Das Hirn verändert sich schließlich laufend, nichts muss bleiben wie es ist. Wir sind nicht auf Gedeih und Verderb Gefangene unserer Prägungen.

Ich seufzte. Theorie ist eins, aber praktisch ist es so einfach nicht wirklich, das Ding mit dem Sich-Selbst-Verändern. Der Vorsatz zum Beispiel, hinfort glücklich zu leben, wird ein Vorsatz bleiben, wenn ich ihn nicht nach und nach auf eine zu mir passende Weise integriere. Ein bisschen ist es ja wie mit der geschrumpften Gelenkkapsel in meiner frozen shoulder. Immer wieder muss ich die Gelenke ein wenig über die harten Schrumpfungsgrenzen hinausdehnen, damit meine Schulter als Ganzes langsam wieder beweglicher wird.

Notwendig gewordene oder auch ersehnte und gewünschte Veränderungen umzusetzen ist vielleicht eine der größten Herausforderungen des Menschseins. Immer wieder geht es dabei darum, unsere Grenzen zu weiten; Grenzen, die aus Gründen der Bequemlichkeit und der Gewohnheit gewachsen sind. Grenzen, die wir möglicherweise gezogen haben, um unsere Ruhe zu haben.

Um Grenzen geht es auch bei Irgendlinks neuer Reise, auf welche er sich dieser Tage machen wird. Um Identifizierung, Orte, Geschichte. Sein Reisealltag bildet das Rankgerüst dieser neuen reiseliterarischen Studie, die sich mit dem kollektiven Wir-Alltag einer europäischen, globalisierten Gesellschaft vermischt. Heute, also am 8. März, interviewt ein Fernsehteam des SWR Jürgen Rinck zu seiner Tour, denn seine Reise wird in eine Doku über das Land Rheinland-Pfalz integriert.

Immer wieder bricht er – brechen wir, brechen Reisende – aus Gewohnheiten aus. Immer wieder brechen wir alte Grenzen auf und machen uns daran, Neues zu erkunden, doch wie viel Gewohnheit, wie viel Neues für jede und jeden gut ist, können wir nur selbst entscheiden.

Hey, diese Metapher mit dem Brot? Auch wenn sie hinkt, sie gefällt mir, sagte Irgendlink zwischen dem dritt- und viertletzten Abschiedskuss. Und, weißt du was? Wenn wir alt, sprich altbacken, geworden sind, werden wir einfach zusammen Torta di pane (Brottorte).

Romantisch? Kann er.


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Wer die Reise nicht nur mental sondern auch materiell unterstützen will, darf das gerne tun:
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Diese Reise da

Dank Samtmuts Traum komme ich dem Knoten in meinem Schlauch, über den ich mich schon so oft genervt habe, von einer neuen Seite auf die Schliche. Ich stehe in ihrem Traum, wenn ich mich denn als die Akteurin in ihrem Traum sehen darf – und das stimmt mit meiner eigenen Wahrnehmung überein –, wohl wieder einmal am Anfang einer Reise. Von hier aus, am Bahnsteig stehend, habe ich Samtmuts Traumtext in mich hineingelassen und meinem Kopf-Herz-Team erlaubt, an ihrem Text so lange herumzuschrauben, bis er in mein Jetzt passt. Die Knoten haben mich am allermeisten überrascht, denn Knoten waren für mich bisher – obwohl ich Knoten in Schnüren und Wollknäueln fürs Leben gerne entwirre – immer negativ konnotiert. Als Blockaden und als Krebsgeschwüre gehörten sie für mich zu den lebensfeindlichen Dingen, die der Heilung und Entwicklung eher abträglich sind.

Und nun das: Am Anfang steht dieser ganz besondere Fahrkartenautomat, an dem man jede gewünschte Reise buchen kann. Die Front des Automaten, sein Display, zeigt ein Netzwerk an. Spiele wie Scotland Yard mochte ich ja immer gerne, und ja, das hier fühlt sich wie ein Spiel an, das Spiel vielleicht, aus dem mein Leben gewoben ist. Die einzelne Linien verbinden Knotenpunkte und das Gebiet, das hier gezeigt wird, ist unfassbar. Alle Linien aller Punkte sind miteinander verknüpft und erinnern mich an mein Weltbild, mein verinnerlichtest, schamanisch geprägtes: Alles ist miteinander verbunden, verwandt, voneinander abhängig und zusammenhängend, alles beeinflusst alles andere. Jede Handlung ist Teil von allem und hat (Aus-)Wirkungen.

Ich erkenne beim Blick auf das Netz, das ich auf dem Display sehe, dass ich theoretisch auf allen möglichen Umwegen an jedes erdenkliche Ziel gelangen kann, denn ich kann von jedem Punkt an jeden Punkt gelangen. Weil jedem Knotenpunkt, der gleichzeitig Zielpunkt sein kann, ein Steckloch zugeordnet, ist kann ich mit meinem Stäbchen meine Reise zusammenstellen. Ich mag es, dass keiner der Punkte mit Namen gekennzeichnet ist. So kann ich mich auf meine mentale Fähigkeit verlassen und aktiviere meine Intuition, statt mich von Wörtern, unter denen ich mir womöglich etwas ganz falsches vorstellen würde, bremsen zu lassen. Ich will den heute und hier richtigen Knotenpunkt erahnen, wissen, erkennen. Nun klinke ich mein Stäbchen in das entsprechende Loch. Das kleine Ding besteht aus weißer Energie, die sich mental sehr genau lenken lässt.

Weil ich inzwischen meinen vorläufigen Zielpunkt – und damit auch meine Reiseroute – näher bestimmt habe, kann ich mich nun voll und ganz – mental und auch physisch – auf dieses Ziel und auf diese Reise einlassen. Wenn der gewählte Knotenpunkt zugleich Zielpunkt ist, entsteht ein dicker Schlauch aus goldgelbem Licht, der aus meinem Bauch herausströmt und wie ein farbiger Regenschauer das anvisierte Ziel begießt. Eine Interaktivität, die ich nicht begreife, macht, dass ein innerer Energiestrom durch einen Schlauch aus Licht zwischen mir und dem Ziel hin- und herfließt. Dieser löst offenbar den abschließenden Buchungsvorgang im Automaten aus, denn ein violettes Klacken bestätigt die aktivierte Verbindung. Nun kann ich meine Reise beginnen.

[In der Übersetzung ins Leben hänge ich noch fest: Wo genau, weiß ich noch nicht so genau, aber dass ich von jedem Knoten an jeden Ort gelangen kann, ist unglaublich motivierend! Danke, liebe Samtmut, für dein Traumgeschenk.]

Zwei Pläneschmiede

Da ich immer mal wieder in Mails gefragt werde, wann wir denn nun unser Häuschen in Falun beziehen würden, ein paar Fakten zu Beginn: Weil ich das Häuschen in Falun ja bereits im Frühling gebucht hatte, konnte ich noch nicht wissen, wann Irgendlink wo sein würde. Auch hatte ich damals noch keine Ahnung gehabt, wie lange ich im Sommer Ferien nehmen können würde. Sicher zwei Wochen, eher zweite Julihälfte, aber das wars auch schon.

Lauter Eventualitäten also – bei mir ebenso wie bei Irgendlink. 

Und nun das hier: Örebro Mitte Juli. Allen Wetterprognosen zum Trotz hat es heute kaum geregnet. Morgens kurz, am Mittag kurz und nachher einmal fünf Minuten getröpfelt. Dann nicht mehr. Gegen Abend fernes Donnerrollen, Gewitterwolken, die vorüberziehen. 

Und nund liegt ein voller, reicher Tag hinter uns. Ich bin angekommen. Hier, bei Irgendlich, bei mir. 

Kurz vor halb zehn. Wir sitzen auf Jürgens Schlafmatte draußen vor dem Zelt. Über uns ein noch immer blauer Himmel mit ein paar Wolkenschlieren. Knapp 20 Grad. Die Sonne, die sich bereits in der Nähe des Horizonts aufhält, aber nicht wirklich daran denkt, ganz zu verschwinden. Bestensfalls nur kurz. 

Ja, ich mag diese hellen skandinavischen Nächte, gehöre zum Glück zu jenen Menschen, die auch bei Tageslicht schlafen können, wenn ich müde bin.

Am Himmel Wildgänse oder -schwäne, die in Schwärmen den Himmel durchstreifen, das Gurren von Nachtvögeln, das Rauschen des Durchgangsverkehrs mischt ebenfalls mit, von der Pferdekoppel jenseits des Campingplatzes hin und wieder ein Wiehern. Die Nachbarn sind zum Glück ziemlich ruhig.

Wir haben den Tag mit Ausschlafen, Brunchen, Ausruhen und einem Urban ArtWalk durch Österbro verbracht. Eine klasse Stadt übrigens. Ray hat um 10 nach vier den Bus via Oslo nach Kopenhagen bestiegen und nun sind wir allein zu zweit.

Wie es wohl sein wird, frage ich den Liebsten, wenn du ganz allein unterwegs sein wirst? Durch Deutschland warst du noch beinahe zuhause und hast Leute getroffen, deine erste Schwedenzeit warst du mit Ray und jetzt mit mir unterwegs, aber dann, später?

Auf die Frage bin ich gekommen, weil Irgendlink, nachdem Ray losgefahren war, geseufzt hat. 

Jetzt fehlt mir ein Stück meines Rudels, meinte er. Nun werde ich bis ans Kap alleine unterwegs sein. 

Schon morgen werden wir weiter nach Norden ziehen. Er mit dem Rad, ich mit dem Bus. Nora oder Uskarigarden peilen wir an. Auf dem Camping dort bleiben wir, solange es uns gefällt. Und wenn es uns weiterzieht, ziehen wir einfach weiter. Ziemlich einfach. 

So werden wir am 22. Juli in Falun ankommen, das Häuschen acht Tage bewohnen und uns danach ein weiteres Mal voneinander verabschieden. Diesmal für länger. 

Doch bis dahin ist es noch ewig weit hin, denn bereits erlebe ich, wie die Zeit sich dehnt. Wie immer – oder meistens – wenn wir zusammen sind. Ins Unendliche wachsen die Tage in die Tiefe und Weite. Wie das Land hier. Ob ich es darum so mag?

Ich gestehe, dass ich es als Einstieg zwischen Alltasgszivilisation und Outback geschätzt habe, auf diesem großen, sehr gut ausgestatteten Camping anzukommen. Aber ich gestehe ebenfalls, dass ich mich freue auf das „nur die Natur und wir“. Auf Wanderungen durch Wälder. Auf Zeltnächte in der Pampa – es lebe das skandinavische Jedermannsrecht, das Campen überall erlaubt. 

Ich hoffe, dass uns die WettergöttInnen wohlgesinnt sein mögen, denn alles steht und fällt mit dem Wetter, wenn man kein festes Dach über dem Kopf hat.  Und ich lasse mich gerne, wie heute, eines besseren belehren, nämlich dass die Prognose oft falsch sind, und genieße es sehr, dass die Sonne noch immer scheint. Für alle. Irgendwann. Irgendwo. 

  

Örebro oder Travelling is a dirty job

Nun denn, da bin ich also. Nach einer guten Reise – zwei Flügen, einer Zug-, einer Bus- und einer weiteren Zugfahrt – bin ich in Örebro gelandet, das größer ist, als ich dachte. Und schöner.

Nachdem ich gestern hier aus dem Zug in Irgendlinks Armen gelandet bin, wanderten wir zusammen quer durch die Stadt. Eine Stadt voller eigenwilliger Kunstaktionen, die mir allesamt gut gefallen. Ganz besonders das mit zig Frauenstrumpfhosen eingehüllte Ratshaus.

Wunderschön ist, dass sich die Regenwolken verzogen haben. Der Campingplatz ist riesig. Und hat Wlan – theoretisch. Wenn es denn zum Bloggen reichen würde. Vermutlich werde ich Irgendlinks Handy hotspotten – wie gestern, als ich nach dem essen einige Here we are-Bilder getweetet habe.

Ray wiederzusehen, ist eine Freude. Sein Zelt ist etwa einen Steinwurf von „unserm“ entfernt, das ich schon von Weitem erkennen kann. My home is where my castle is, grinse ich in Richtung Zelt deutend. Zeltchen eigentlich. 

Jürgen nimmt seine Matte heraus und setzt sich auf den Boden. Er kennt mich – weiß, dass ich jetzt zuallererst um ankommen zu können, mein Nestchen machen will.

Man muss der Verwahrlosung Zeit geben, sage ich, den Rucksack öffnend und wohlsortiertes Ding um Ding herausziehe. Matte aufpumpen. Schlafsack drauf. Dies und das.

Wir essen im Restaurant, lassen uns von einer Cover-Band die Ohren voll dudeln, trinken das beste Bier ever (Eriksirgendwas – 5,3 Promille) und genießen lecker Eis.

Ich schlafe herrlich im kleinen Zelt und alles ist gut. Der kleine Regen heute morgen geht wieder vorüber und wir schmieden Plänchen.

Mal schauen.