Fredy, Büne, Oku und all die anderen

Was wäre ich bloß ohne meine Musik! Zum Glück kann mein mp3-Shuffler meine Gedanken und Gefühle lesen. Wir kennen uns inzwischen ja auch schon ein paar Jährchen … *lach* Er weiß, was ich brauche und hüllt mich in melancholische oder feelbetter-Melodien ein. Was immer ich brauche. Von berndeutsch über pfälzisch bis englisch … und wenn dann Fredy vom beautiful day singt, will ich es ihm einfach irgendwie glauben.

Wie war das doch gleich? Ich bin ganz bei mir … und so. Na ja. Gestern war gestern. Ich kämpfe mal wieder gegen Windmühlen. Oder bin wohl selber zur Windmühle geworden. Der Wind hier, ehrlich der macht mich fertig, saugt mir – bünedeutsch gesprochen – das Rückenmark aus (Novämber). Es ist nicht wirklich kalt, und regnen tut es trotz der Prognosen auch nicht, doch der Wind … Na ja. Morgen wird es angeblich wieder besser. Ja, ja, die phösen Umstände mal wieder … Na ja, denen mag ich nun doch nicht die Schuld in die Schuhe schieben, dass ich so schräg drauf bin. Meine gestrige Velotour musste ich zwar wegen Wind und Wetter abkürzen und war dafür später noch joggen, und die Ausstellung in Forsvik habe ich deshalb auf heute vertagt, doch es sind wohl letztlich nicht die Umstände, die mich aus meinem wunderbaren Flow geschubst haben. Ich habe ja (fast) immer die Wahl. Siehe gestern.

Letztlich hat mein mentaler Absturz wohl einfach damit zu tun, dass ich reisemüde bin. Ich will heim *snieff*. Gerne würde ich meine letzten Ferientage mit dem einen oder anderen Lieblingsmenschen verbringen. Das Alleinsein, so gerne ich es ja mag und so gut ich mit mir selber alleine klarkomme, ist eben auch anstrengend. Sogar nach Zecken muss ich mich alleine absuchen!

Ich bin ständig unterwegs, sammle Bilder, innere und digitale, nehme auf, lege ab. Sammle Erfahrungen. Sammle Erinnerungen. Sammle, sammle, sammle … Und wozu? Leben kann ich doch immer nur jetzt. Die schönsten Erinnerungen und Erfahrungen sind niemals so wirklich wie das Leben. Meist sind sie eh nachträglich schöner, geschönt. Oder dann gucken wir uns einfach bloß die Lieblingssausschnitte an. Wie beim Fotografieren. Ich wähle den Ausschnitt, der mir gefällt. Ist das eigentlich wirklich das, was ich will? Nein, ansonsten neige ich (hoffentlich) nicht zur Selbstverar…ung …

Der Flow, den ich gestern beschrieben habe, ist ja auch so was … nein, keine Selbstihrwisstschonwas, aber doch ein sehr zerbrechliches Teil, das wir – je nach Blickwinkel – erleben oder eben nicht. Ein Geschenk, wenn es da ist. Wenn es sein kann. Wenn ich es zulassen kann. Doch machen kann ich es nicht. Wenn alle meine Schichten miteinander verschmelzen, will heißen mein Innendrin – samt all meiner Gefühle, die ich selber kaum verstehen kann und die heute nur von einer hauchdünnen und zerbrechlichen Schale geschützt sind – und mein Außen eins sind, mein Denken, Funktionen, Analysieren, Entscheidungen fällen. Wenn diese beiden und ein paar andere Faktoren perfekt zusammenspielen, ist alles ganz einfach. Der perfekte Brotteig. Die perfekte Mischung. Alltagserleuchtung. Dieses Mit-mir-ganz-verbunden-sein, dieser Flow, denn ich im 6 und in der Meditation erlebe, beim Joggen, Gehen, Velo fahren oder wenn ich Musik höre, ist das, was ich für den Alltag anstrebe. Pah! Anstreben kann ich es – wie gesagt – nicht! Ich weiß, dass es sich mir entzieht, je mehr ich es will. Wie so vieles. Kennt ihr alle bestimmt auch.

Gefühle … Sie sind nicht kompatibel. Selbst innerhalb meines eigenen Gefühlsuniversums ist Traurigkeit nicht das Gleiche wie Traurigkeit. Von schön traurig bis destruktiv traurig gibt es da die ganze Palette. Mein jetziges Traurig ist selbstmitleidig, lebensmüde, süss-melancholisches und auch irgendwie trotzig-mutig-frech. Es sagt: Ich darf diese Stimmung haben. Und auch: es ist meine Wahl. Basta!

Außerdem habe ich seit dem Frühstück nix gegessen außer ein paar Knäcke, weil die Retaurangs in Forsvik bereits Sommerende demonstrieren. Und dass ich deshalb um fast fünf Uhr ein bisschen grantig bin, hat wohl auch damit zu tun. Na ja, ich bin heute wohl schon so aufgestanden, wenn ich ehrlich bin … Doch jetzt höre ich auf mit Jammern. Und, ja, alles in allem war die Ausstellung wirklich sehenswert. Nachdem ich endlich den richtigen Eingang gefunden hatte, jedenfalls. Und auch die beiden Buschauffeure waren herzig. Ich muss heute ja echt hilfsbedürftig aussehen …

Jetzt setz ich mich in ein gemütliches Restaurang oder Café und entscheide mich dafür, den Rest des Tages und und der Reise zu nehmen, wie es ist. Und Karlsborg auch. Mit Wind. Mit dicken Wolken. Morgen fahre ich weiter nach Lidköping. Ich hoffe, dass ich genau JETZT die Talsohle durchschritten habe und es jetzt mit mir und meiner Stimmung wieder obsi geht.

Winkewinke … und bis zum nächsten Mal!

Karlsborg II

Den gestrigen Abend habe ich im Bett verbracht, eingekuschelt in die Bettdecke. Das heraufziehende Schluckweh mit Norrland Guld (Skål!) herunter gespült – lecker! -, endlich den Thriller fertiggelesen und dem Regen gelauscht. Wunderbar geschlafen. Geträumt.

Leben ist zurzeit so intensiv, dass es mir manchmal fast zu viel ist.
Der Vorteil der Fähigkeit, so intensiv erleben zu können: Ich koste aus. Ich genieße. Ich lasse mich ein. Es braucht viel Energie.
Der Nachteil der Fähigkeit, so intensiv erleben zu können: Ich koste aus. Ich genieße. Ich lasse mich ein. Es braucht viel Energie.

Ich suche das Schöne. Ich meide das Hässliche. Finde, ohne zu suchen, Wege durch den Wald, die mich bezaubern. Ich genieße die Langsamkeit, die mich, seit ich Karlsborg betreten habe, befallen hat. Ich schätze meine Gesellschaft. Nichts tun zu müssen. Insh`allah – es ist, wie es ist.

Wieder stehe ich im Touri-Shop mit dem Gratisinternet. Es ist bald Mittag. Ich erfuhr von Hanna, meiner B&B-Wirtin, dass ich so lange in ihrem B&B bleiben könne, wie ich wolle. Jaaa! Ich habe für eine weitere Nacht bezahlt. Frukost gibts in der Jugi in der Nähe – und was für eins. Geeemütlich. Dort hat mir auch die nette Rezeptionistin meine Zecke (fästinge oder so ähnlich heisst das Ding auf schwedisch) beim Bauchnabel rausgepult. Und mir ein Velo für heute vermietet. Ich werde wohl mal so richtig Forsvik fahren. An einen kleinen See. Vielleicht auch weiter nach Beateberg. Vorausgesetzt das Wetter hält. Es ist windig und am Himmel ballen sich Regenwolken.

Reisen heißt Zulassen. Heißt Langsamkeit. Sehen. Meditation. Bin heute Morgen mit dem Velo am Südzipfel der Bucht entlang gefahren. Totale Pampa. Wieder dieses unendliche Meergefühl. Kein Ufer in Sicht. Dafür ein Krebs auf einem Stein. Ihm fehlt das linke Vorderbein. Tapfer kriecht er trotz des Handicaps vorwärts. Sonnt sich auf den Steinen. Setzt sich, wie ich, dem Wind aus.

Später, auf dem Velo stelle ich fest, dass ich ganz bei mir bin. Und doch zugleich irgendwie „außer mir”. Wenn ich fahre, fahre ich. Wenn ich gehe, gehe ich. Wenn ich schreibe, schreibe ich. Ich fließe, gleite durch die Tage und frage mich zum millionsten Mal, wieso es mir im Alltag bis jetzt noch nie am Stück gelungen ist, diese Haltung beizubehalten. Jaja, das fragen wir uns alle.

Natürlich, ich kann auch hier auf die mühsame Spur einklinken … Ich habe, wie beinahe immer, die Wahl. Hier fällt es mir wohl einfach leichter?

Ob ich weiterziehe oder hierbleibe, entscheide ich morgen. Regentag. Dienstags dann wieder schön. Vielleicht reise ich weiter an den Südzipfel des Vänernsees?

Ich winke mal wieder … Grüße herzlich … bis irgendwann von irgendwo! Hej!

Karlsborg

Hej! Danke für die lieben Kommentare! Mit müden Füssen, doch glücklich, dass ich hier einen freien Internetzugang gefunden habe, will ich doch mal wieder ein kleines Blogtextchen weben.

Karlsborg. Ein kleines Dorf am großen See. Es gefällt mir auf Anhieb. In Jönköping, wo ich zwei Tage verbracht habe, gefiel es mir auch, doch irgendwie sehnte ich mich eben nach noch mehr Natur, noch mehr Weite, noch mehr Grün und noch mehr See. In Jönköping habe ich nach einer ersten Krise eine intensive Grenzerfahrung machen dürfen. Mein (Plastik-)Hotel – ich sage nur Accor! – lag zwar am Rande eines Industriegebietes. Doch gleich in der Nähe befindet sich ein geniales Naturschutzgebiet. Nachdem ich also mein Plastikzimmer bezogen hatte, musste ich unbedingt joggen gehen. Mich erden. Obwohl es dicke Regenwolken hatte. Ich fand auf Anhieb den kleinen Strand und joggte von da aus weiter und weiter. Wie weit es war, sah ich erst gestern, als ich den Weg nochmals – spazierend – zurücklegte. Die Aussicht auf den See, die fetten Gewitterwolken, die Felswand – absolut magisch. Hell direkt über dem See, darüber gruselig schwarz. Wie in Mankells Krimis erwartete ich demnächst über eine Leiche zu stolpern. Tat ich zum Glück nicht. Doch dafür öffnete sich der Himmel und leerte sich aus. Ich joggte weiter und weiter. Klitschnass. Kilometer um Kilometer. Völlig berauscht. Später, im Zimmer, war es mir wie nach einer Sauna. Und noch später, als ich nochmals spazieren ging, war die Luft in mir drin und auch außerhalb wieder klar. Ein Regenbogen grüßte mich.

Gestern Nachmittag mit einem gemieteten Velo die Stadt erkunden … Rauf und runter. Der Strandpromenade entlang. Am Morgen war ich vom Hotel dem See entlang in die Stadt spaziert (ca. 4-5 km), abends dann wieder alles zurück. Genial war es und müde war ich.

Heute mit Zug und Bus nordwärts. Als ich um eins den Bus verließ, wähnte ich mich zuerst am A… der Welt. Ist zwar so, aber positiv. In einer syrischen Pizzeria stärkte ich mich erst mal. Wir konnten uns zwar kaum verständigen, aber der Koch war trotzdem herzig. Ich fand gleich um die Ecke ein herziges B&B, zwar wegen Saisonende nur für eine Nacht, doch das ist okay. Zahlbar und sehr angenehm. Morgen werde ich in die Jugi ziehen, wo ich ein Velo mieten kann. Ich denke, dass ich vorerst hier bleibe.

Bald ist die Mitte der Reise erreicht. Mitte. Noch bin ich auf dem Hinweg. Ich bin müde von den vielen Eindrücken, doch es geht mir gut. Ich fühle mich wohl. Und doch … Reisen ist anstrengend. Die vielen Reize. Die vielen Bilder. Die vielen Geräusche und Sätze und Wörter. Innen und außen. Ich grüße euch herzlich vom Vätternsee!

Göteborg

Ich kann es nicht lassen. Die Versuchung ist aber auch gar zu groß. Gratisinternet. Müde Füße und zwei freie Computer. Dazu ein voller Kopf, den ich auskippen möchte. Einmal bloggen ist eh keinmal. Auch wenn ich vorgestern zum Abschied gewinkt habe.

Hej, alle zusammen! Ein Gruß wie eine frische Brise. Hej. Einfach überall und zu allen. Hej.

Göteborg – eine Stadt, die mich von der ersten Minute an begeistert hat. Abgesehen von der Tatsache, dass ich erst  seit heute Morgen weiß, dass mein Rucksack das Flugzeug verpasst hat. Dass er nicht mitgeflogen ist, wusste ich, als ich am Schluss alleine am Gepäckband stand. Der Alptraum aller Flugreisenden. Ich meldete den Verlust bei einer netten Lady am Schalter, bekam ein Survival-Kit (T-Shirt und so) und das Verspechen, dass mir das Teil baldmöglichst ins Hotel gebracht werde. Auch schön. So muss ich nicht selber schleppen.

Schon gestern Abend habe ich die nähere Umgebung erkundet, die Universität, den Park. Da will ich heute noch joggen gehen. Falls der Rucksack kommt. Und die Joggingschuhe.

Ich bin von den Farben dieser Stadt, dieses Landes, fasziniert. Vom roten Backstein, von der Architektur, von der Atmosphäre auch und von den Straßennamen und -schildern. Gatan überall. Wie in Mankells Krimis. Schade habe ich den neuen nicht dabei.

Das Frühstücksbüffet hier im Hotel hat mich fast umgehauen. Alles, was das Herz auch nur im geringsten begehren könnte. Will heißen, der Magen. Nur schon diese Auswahl an Knäckebroten. Tausende. Ohne Witz. Schade, dass ich keine große Frukost-erin bin. Habe mir drum ein Sandwich für später gemacht. Dann ein kurzer Blick auf Mails und Blog. Ersteres, weil ich einen Schreibauftrag bestätigen musste, zweiteres, weil ich süchtig bin.

Später finde ich auf Anhieb das Kunsthaus. Oder vielleicht auch es mich. Diese Woche Gratiseintritt! Wie schön! Wegen der Kunst- und Kulturfestwoche, die aktuell läuft. Genial!

Und genial auch, die Welt, in der ich mich die nächsten paar Stunden verliere. Eine Reise durch Zeit und Raum. Ich durchquere Meere, leide mit Kriegsopfern, sitze an mittelalterlichen Gelagen mit zu Tische. Stillleben – Nature morte. Ich tauche in Geschichte, Gesichter, Landschaften und Farben ein und begreife einmal mehr: Ein Leben ohne Kunst, ohne Kultur, ohne Bilder, ohne Ein- und Ausdrücke ist mir unvorstellbar. Atemlos stehe ich vor Rubens. Drei Meter Leinen. Ich japse nach Luft.

Die meisten der ausgestellten Bilder haben nordische Künstler geschaffen. Und Künstlerinnen. Letztere tauchen allerdings erst in den letzten hundertfünfzig Jahren auf. War ja bei uns nicht anders. Die Palette der Ausstellung umfasst auch Kunstschaffende wie Picasso, Matisse, Modigliani, Munch, Kandinsky. In Stunden und an Orten wie diesen bin ich so dankbar, dass ich das Staunenkönnen nicht verlernt habe.

Auch die aktuellen Gegenwartsausstellungen sind genial. Originell. Aussagekräftig. Nur schon darüber könnte ich jetzt seitenweise schreiben. Bilder durfte ich ja leider keine machen. Nur das Notizbuch kam mit. In ihm sind meine Eindrücke festgehalten. So wie dieser hier: Ziel aller Kunst, allen künstlerischen Ausdruckes ist immer die Berührung. Der Mensch, der das Objekt kreiert, hofft mit seinem Ausdruck das Erlebte an die Betrachtenden, die Hörenden, die Lesenden, weiterzugeben. Um in ihnen das gleiche, das ähnliche Betroffensein auszulösen. Berührung weitergeben. Betroffenheit. Verbindung zwischen Subjekt und Objekt. Wiedererkennungseffekt.

Falls bei Kunst denn von Ziel geredet werden kann. Denn, wie ich früher schon geschrieben habe, steht letztlich im Kunstschaffen das Kreieren selber im Vordergrund.

Den Rest des Tages kreiere ich mir laufend selber. Laufend, will heißen, gehend. Die Stadt entdeckend. Wie im „richtigen Leben” weiß ich nicht wirklich, wo ich hinkommen werde. Ungefähre Richtung: Hafen. Doch entscheide ich an jeder Kreuzung neu, welchen Weg ich einschlagen werde. Wer mich kennt, weiß, dass ich selten den direkten Weg wähle. Ist der längere Weg schöner, nehme ich diesen. Auch hier und jetzt. Querstadtein, durch alle möglichen Parks. Durch Flaniergassen. Und plötzlich finde ich mich mitten an einem RockOpenAir im Stadtzentrum. Fünf herzige Jungs, die professionellen satten Sound bauen. Coversongs zwar, doch eine gute Bühnenpräsenz, eine echt gute Stimme, gekonntes Spiel und viel Begeisterung. Später überall Straßenmusik. Jaaa! Ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Inzwischen, so hoffe ich, ist mein Rucksack angekommen. Will joggen gehen. Danach ins Sprudelbad und/oder in die Sauna. Mal gucken.

Wohin ich morgen weiterreisen werde, weiß ich nicht. Und wo ich landen werden, ebenfalls nicht. Ob es da Internet hat? Keine Ahnung.

Wieder Winkewinke. Bis bald oder später oder irgendwann.