46 Grad 56 N – 7 Grad 26 O

1. Rien ne va plus

Wenn sie, er oder es fehlt, geht gar nix mehr. Winterschlafen höchstens. Decke über den Kopf. Ohne sie, er, es kann ich nicht sein. Ich brauche sie! Dringend! Oder ihn oder es. Für die Arbeit auch. Ja, im Büro fehlt sie, er, es mir am allermeisten. Wo sich das Ding bloß versteckt hat? Unter Schnee begraben? Gefrorene Software?

Wie einfach es wäre, einfach meinen Bio-Rechner hochzufahren und sie, ihn, es neu zu installieren. Runterladen aus dem Großen Netz. Oder eine entsprechende CD einlegen. Warum und wo das Teil rausgefallen ist, weiß ich nicht. Ein Virus vielleicht? Am liebsten also neu laden, auspacken und öffnen. Anwenden. Und alles wäre wieder gut. Wie einfach es sein könnte, das Leben.

Zum vermissten Inhalt:
BeGEISTerung – InSPIRation
MOTIV – BEWEGgrund
MOTIVation – ANTRIEB

Falls du, er, sie, es, ihr, sie meine abhanden gekommene Software finde(s)t, bitte sofort bei mir melden. FinderInnenlohn garantiert!

2. Kreuzpunkte

Warum mich Zahlen so faszinieren, weiß ich nicht. Ähnlich wie Buchstaben und Katzen führen sie ein autonomes Dasein, lassen sich mal hier mal da nieder. Dennoch gaukeln sie mir Sicherheit und Fassbarkeit vor. In Gleichungen zum Beispiel. Ich vertraue ihnen wider alle Vernunft. Auch lassen se sich auf Spielchen ein. Wie auf ein Leben als Teil einer Koordinatenangabe. Zum Beispiel.

Seit ich neulich das erste Mal ein GPS in Händen hielt und zu bedienen lernte, stelle ich fest, wie sehr mich die Idee fasziniert, dass sich jeder Punkt definieren lässt. Wo immer jemand ist, die Stelle lässt sich benennen! Mit Zahlen. Zahlen geben auf den Meter genau an, wo ich mich befinde. Und du. Ausgangspunkt ist, wie wir wissen, Greenwich, einst definierter Nullpunkt. Alles fängt mit einer Definition an. Null wäre hier also. Oder: du wärst da. Du wärst das. Ich wäre dies. Er jenes. Am Anfang war die Definition. Immer. Definieren ist machtvoll. Ein Spiel mit Wörtern und Zahlen. Schöpfungsmacht.

Was ich sagen wollte? Es entspricht meinem Naturell, ein Werkzeug zu kennen, das  mir sagt,  wo ich bin. Und dass ich bin. Dass ich da bin. Zugegeben, die Tatsache, dass ich anhand ein paar Zahlen anderen Eingeweihten verraten kann, wo ich wohne, hat was Unheimliches. Big Brother lässt grüßen. Natürlich. Dennoch …

Fällt mir eine Geographie-Stunde ein. Prüfungsarbeit Koordinaten. Meine Banknachbarin – wir saßen allerdings, wie immer bei Prüfungen, durch eine Sitzplatz-Lücke getrennt – hatte das ganze Theater ganz und gar nicht kapiert. Die Logik, die den nördlichen Breitengraden zugrunde liegt, war für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Noch in der Pause zuvor hatten wir gemeinsam geübt. Keine Chance. Also hatte ich mit ihr ausgemacht, dass ich ihr die Lösungen auf einen Zettel schreiben würde. Gesagt, getan. Doch ausgerechnet heute schielte der Gg-Lehrer ständig im Raum umher und bemerkte, wie ich den Spickzettel ins Pult neben mir legte. Eine Note Abzug. Schei… benkleister. Na ja. Damit konnte ich leben. Und wir hatten einen Grund mehr, den Lehrer zu verunglimpfen.

Wenn ich mich heute einem vorher im GPS eingespeisten Kreuzpunkt nähere, werde ich ganz zappelig. Es gilt, einen Schatz zu finden. Das Kind in mir trifft auf die Erwachsene. Hier bin ich. An diesem Punkt. Hier finde ich. Etwas. Ein bisschen Materie. Und ein bisschen mich. Und ein bisschen verloren geglaubte Software namens BeGEISTerung?

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