Eine neue Geschichte. Neue Schichten. Eine auf die andere. Wie Steinmännchen, Steinfrauchen. Am Fluss des Lebens. Wenn er in sich zusammenfällt der Turm, war es nicht nur der letzte Stein, der schief lag. Vielleicht war es der unterste. So genau wissen lässt sich das nicht. Wissen. Eine Geschichte lässt sich nicht wissen. Sie lässt sich nicht voraussagen. Sie lässt sich nicht machen. Sie lässt sich nicht schönen. Sie ist. Eine Schicht. Dann die nächste.
Die erste wäre ein rauer Stein. Einer mit Dellen. Die Kindheit. Vielleicht. Chronologie lassen wir mal außer Acht. Wer weiß schon, was wirklich zuerst war? Ich glaube an den Kreis. Auch bei Geschichten. Sie fangen nirgends ans und hören nirgends auf. Happy-Ends? Forget it! Fortsetzungsgeschichten!
Die alte Frau, die vorbei geht, da draußen, sie trägt ihre Geschichte. Jede Falte ein Jahrring, wie ihn Bäume haben. Jede Falte eine eigene Geschichte. Genau so, nicht anders. Der nächste Stein. Unten oder oben. Okay, bauen lässt sich besser nach oben. Und auch Bäume wachsen so. Dem Licht entgegen. Auch die Blumen.
Der nächste Stein schön flach und glatt. Großflächig. Nett. Praktisch. Da lässt sich ganz schön viel drauf packen. Schicksale, Tiefschläge. Enttäuschungen. Abstürze. Tränen. Aber auch Glück. Glück hat Punkte. Glück hat ganz viele Knubbel auf der Oberfläche. Es muss sich in der Hand so anfühlen, als wäre alles drauf, was es an Glücksempfinden überhaupt gibt. Komprimiert. Ein Handschmeichler voller Glück. Entkomprimierbar, wenn ich ihn von Hand zu Hand reiche. Von der linken zur rechten. Und zurück. Und in die Hände meiner Freundinnen und Freunde. Oder eben, wenn ich ihm im Turm, im Steinfrauchen mit einbaue. Das immer größer, immer höher, immer wackliger wird, je länger ich lebe, je länger ich baue. Fällt es zusammen, ist nicht, wie ich schon sagte, der letzte Stein schuld. Keiner. Alle. Egal. Vielleicht ist die Höhe egal.
Alles bleibt unfertig. Jedes Leben. Zusammenfallende Türme – Mut zur Lücke. Mut zum Scheitern. Mein Plädoyer für jene, die am Boden sind. Steine. Menschen. Wieder aufstehen dennoch. Den Staub abklopfen. Den nächsten Stein in die Hand nehmen. Weiterbauen. Immer weiter. Diese Sehnsucht, etwas zu hinterlassen, deine Spur. Deinen Namen. Deine Steinskulptur meinetwegen. Deine Geschichte. Keine neue Geschichte also, immer nur deine. Immer nur meine. Alle gleich, denn in allen ist alles drin. In mir drin ist ein bisschen von Leonardo da Vinci, der das gleiche Wasser getrunken hat wie ich. In mir drin ist auch ein bisschen Gahndi, ein bisschen Lenin auch und sogar Hitler. Shame on me.
Der nächste Stein? Seine Oberfläche fühlt sich glatt an. Seine Farbe … keine Farbe. Einfach nur steingrau. Okay, das ist auch eine Farbe. Seine Farbe. Wie meine Farbe meine Farbe ist und meine Muster meine Muster sind. Mit ein bisschen Mutter Teresa und mit ein bisschen Stalin mit drauf. Und drin. Steingrau also. Fühlt sich kühl an, wird warm an der Sonne, im Feuer porös. Jurastein. Kalkhaltig. Hat schon viel gesehen. Wie er wohl hierhergekommen ist? In der Tasche eines kleinen Mädchen vielleicht, denn er sieht anders aus als die Steine, die sonst hier liegen. Er ist steingrauer, er ist glatter. Alt. Uralt. Älter als ich je werden kann.
Ich lege ihn auf den Turm. Ganz oben drauf. Der letzte Stein.
Vorläufig …

„Glück hat ganz viele Knubbel auf der Oberfläche“.
Allein für diesen Satz könnt`ich alles Glattgeschmiergel vergessen….
Gruß von Sonia
Mir hat dieser Satz ein Lächeln und noch mehr Jahresringe ins Gesicht gezaubert;-)
Danke!