Wie sehr sie sich damals für ihn geschämt hatte! Er bewegte sich verkehrt, er sagte die falschen Sachen, er war alles andere als cool und zu alledem wurde er oft gehänselt. Zum Ausgleich gab er seinerseits Spötteleien an sie weiter, die Kleine, obschon sie bis zu vierten Klasse größer war als er. Er war so gar nicht das, was sie sich unter großem Bruder vorgestellt hätte. Gab sie sich Mühe, ihm bei den Matheaufgaben zu helfen, obschon sie seinen Stoff ja erst nächstes Jahr lernen würde, begriff er einfach nicht. Nicht und nichts. Nicht mal die logischsten Sachen. Wie dumm er ist!, hatte sie oft gedacht. Dumm und furchtbar anstrengend. Trotzdem hatte sie ihn das eine oder andere Mal, wenn sie gesehen hatte, wie ihn seine Klassenkameraden in der Pause rumschubsten, freigeprügelt. Der Übertritt in die Oberstufe – für sie ins Nachbardorf in die Bezirksschule, für ihn in ein Schulheim für geistig Behinderte – war für beide eine Erleichterung. Eine Art Hassliebe? Nicht dass sie ihn gehasst hatte, aber vor der Sonne hatte er ihr oft gestanden.
Später fand sich für ihn eine Anstellung in einer Gärtnerei, nicht weit vom Elternhaus. Inzwischen waren die Eltern älter geworden und pensioniert. Sie wollten sich hin und wieder eine kleine Urlaubsreise gönnen. Doch wohin derweilen mit Sebastian*? Ein Behindertenwohnheim für Erwachsene bot Ferienplätze.
Sebastian* fühlte sich dort, unter seinesgleichen und doch einer der Stärkeren, bald sehr wohl. So wohl, dass er – nach ein paar vereinzelten Ferienwochen während einiger Jahre – zu seinem Chef ging und seine Stelle in der Gärtnerei kündigte. Wohlverstanden, ohne mit den Eltern und der Heimleitung gesprochen zu haben. Das taten dann andere für ihn, Eltern und Schwestern zum Beispiel. Schließlich ging sein Wunsch in Erfüllung. Seither sind fast zwanzig Jahre übers Land gegangen.
Schämen tut sie sich für ihn nur noch selten. Sie weiß ja inzwischen, dass er nichts dafür kann. Und obwohl sie im Laufe ihres Lebens ziemlich viel berufliche Erfahrung mit anderen verhaltensoriginellen Menschen, wie Sebastian* und seine Kumpels heute genannt werden, gesammelt hat, ist ihr der behinderte Bruder noch immer eine der größten Unbekannten, eine der größten Knacknüsse ihres Lebens.
Sebastian* wohnt inzwischen beinahe selbständig in einer nur morgens und abends betreuten WG. Dort hat sie ihn gestern besucht, ins Auto geladen und ist mit ihm ans Einweihungsfest eines neuen Arbeitszentrums seiner Institution gefahren.
Im Trubel der vielen Leute schien es sein einziges Bestreben zu sein, möglichst viele Hände zu schütteln, möglichst vielen Menschen ein Hallo zuzurufen und sich selbst seine eigene Bekanntheit zu bestätigen. Dazwischen verbrachte er ganze Viertelstunden auf dem WC, während sie vor der Türe wartete. In der Cafeteria sitzen und den Leuten zuschauen, später mit seiner Betreuerin und einem WG-Kumpel im Festzelt Pommes zu essen – das zählt. Seine Schwester im Schlepptau? Die hatte er irgendwie vergessen.
Nein, sie schämte sich heute nicht mehr für ihn. Doch anstrengend fand sie ihn noch immer.
Dennoch war sie gerührt, als sie sah, wie er ihr, als sie ihn vor seinem Haus abgeliefert hatte, nachschaute. Mit stoischem Blick. Im Rückspiegel konnte sie sein Gesicht immer kleiner werden sehen. Vielleicht mochte sie ihn ja doch irgendwie.
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* = Name geändert. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind wahrscheinlich … 🙂

