Wie die Geschichte hieß, habe ich längst vergessen. Ein Bilderbuch wars, eins für Kinder. Leider keins, das in meine spätere Bilderbuchsammlung Eingang gefunden hat, da ich diese erst in meiner Zeit als Buchhändlerin gestartet habe. Als ich begriffen hatte, wie viel Weisheit in Kinderbüchern steckt. Okay, das hatte ich zwar schon früher bemerkt, doch noch kein Geld für eine Sammlung. In einem anderen Leben wars, eins meiner sieben. Auch ob ich das siebte schon erreicht habe, weiß ich nicht. Mehr Nichtwissen als Wissen. Zumal zurzeit alles und alle irgendwie in Schräglage hängen und ich mich frage, ob a.) alle anderen irgendwie schräg sind, die ganze Welt gar, oder ob b.) ich es bin, die schräg liegt. Ähm, sitzt. Siebtes Leben? Schräglage? Nein, darüber wollte ich definitiv nicht schreiben. Meine Finger haben sich mal wieder selbständig gemacht.
Über das besagte Bilderbuch, das ich leider nicht gesammelt habe, wollte ich erzählen. Damals, in meiner pädagogischen Erstausbildung, hatte ich es meiner Kindergruppe erzählt.
Die Protagonistin – ich meine mich an ein Mädchen zu erinnern, kann aber sein, dass es ein kleiner Junge war – wurde viele Bilderbuchseiten lang verfolgt. Der Grund ist in den Tiefen meiner Erinnerung ertrunken. Bezeichnenderweise. Wie die meisten Ängste hatte auch jene Angst des kleinen Mädchens vermutlich keine rationale Ursache. Tatsache war, dass es vor ihr davonlief. Keine Zeit zurückzuschauen. Das Kind rannte um sein Leben. Dunkle Flure. Dunkle Wände rechts und links. Über dem Kopf des Kindes Gedankenwolken. Das Monster darin wird größer und größer. Seine Schritte lauter und lauter. Schließlich die Sackgasse. Ich sehe das Bild noch vor mir. Das Kind rennt auf eine Wand zu und bremst im letzten Moment ab. Es dreht sich um und sieht in die …
… riesigen furchtbaren Augen und in den riesigen weitaufgerissenen Schlund des Monsters?
Nein, falsch!
Zuerst sieht es gar nichts, weil sein Blick zu weit oben sucht. Doch da ist nichts. N I C H T S! Es senkt den Blick und entdeckt einen kleinen Hund, der, zum Spielen bereit, mit dem Schwanz wedelt.
Meine Kindergruppe ließ ich daraufhin auf Brottüten aus Papier ihre persönlichen Monster aufmalen. Anschließend pusteten wir die Tüten wie Ballons auf. Wir zählten laut auf drei, dann zerplatzten wir mit lautem Knall die Tüten mit der zweiten Hand. Das befreiende Lachen, das danach den Raum bis in die hintersten Ritzen ausgefüllt hat, gehört zu einer meiner vergessenen Lieblingserinnerungen aus jenem Leben.
Vielleicht müsste ich mir nächstens ein paar Papiertüten beschaffen …?