Die zertanzten Füße und das Glück später Züge

Noch ein Intermezzo

Samstagmorgen. Noch ziemlich früh. Nach fünf Stunden wunderbar tiefem Schlaf bin ich erholt erwacht. Schlafen geht nicht mehr. So gut habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Auch der erwartete Muskelkater hält sich in Grenzen.

Genau vor zwei Wochen hatte ich zu meiner Freundin C. gesagt, dass ich mal wieder tanzen gehen möchte. Ich will mal wieder so richtig richtig richtig abtanzen!

Einen oder zwei Tage später erhielt ich die Anfrage für einen Schreibauftrag für meine Zeitschrift. Wenn du willst, kannst du mal wieder tanzen gehen, schrieb Redakteurin E.. Und dann darüber schreiben. Trancetanz. Wie wärs? Zwar musste ich dazu einen Termin verschieben, doch sagte ich nach kurzem Zögern zu. Da wollte ich hin. Über Dinge und Erfahrungen schreiben dürfen, die mir selbst so viel Freude machen, ist schon ein totales Privileg.

Trancetanz? Woran denkst du wohl, wenn du das liest? Ein Wort, das unweigerlich bei allen irgendwelche Bilder hervorruft. Klischees bei den einen, denen Trance, Spiritualität und auch Schamanismus fremd sind, ein Kopfschütteln vielleicht bei andern, ein skeptisches Stirnrunzeln oder auch ein freudiges „Ja, das kenn ich!“ bei anderen. Jenen unter euch, die selbst tanzen oder die joggen oder sonst wie Sport treiben, ist bestimmt jener Zustand bekannt, denn mensch irgendwann erreicht, wenn der Körper Dopamin auszuschütten beginnt. Ihr könntet nun immer weitertanzen, -laufen, -schwimmen. Ich würde mal pragmatisch behaupten, dass dieser chemische Prozess allen Erfahrungen, die eine getanzte Trance auslösen kann, zugrunde liegt. Ohne diese Hormonausschüttung wäre wohl alles andere nicht möglich, das möglich wird, wenn wir trancetanzen … Nein, ich will hier gar nicht erst anfangen zu erklären. Zerreden, was ein Mensch erleben kann, wenn er sich auf den Schlag der Trommel einlässt, will ich nicht. Viele Dinge auf dieser Erde sind nicht in Worte zu packen. Wer kann schon die Seele erklären? Die Liebe? Eben, geht nicht.

Trommel und Trance sind schon seit jeher eng verknüpft miteinander. Die Trommel ist und war in vielen Kultur ein Gefährt in die Trance. Trance meint einen Zustand schlafähnlicher Wachheit. Nein, das greift zu kurz. Eine bewusstseinsöffnende Entspannung? Nein, stimmt auch nicht ganz. Ach. Mir fehlen schon wieder die Wort. Ausprobieren!

Ich war bereits um sieben im Raum am Zürcher Sihlquai, wo das Tanzfest stattfand. So hatte ich Zeit, die sympathische Veranstalterin Luzia und die tolle Live-Percussion-Band somos organicos kennenzulernen. Diese vier jungen Männer durfte ich alsbald beim Einspielen fotografieren. Wunderbarer Rhythmus, der in die Beine geht. Meine Vorfreude wuchs nun erst recht und sie wurde nicht enttäuscht.

Schon bald saßen wir alle im Kreis. Ungefähr fünfundzwanzig Männer und Frauen zwischen zwanzig und sechzig, die sich auf sich selbst, den Rhythmus der Trommel und auf das gemeinsame Erlebnis der getanzten Trance einlassen würden. Mit Ober- und anderen gesungenen Tönen eröffneten wir das meditative Erlebnis, um später, nach einem mantrischen Tanz im Kreis und einer liegenden Meditation, den Innen(t)räumen tanzend Ausdruck zu geben.

Und wie! Anderthalb Stunden haben wir getanzt. Abgetanzt. Pausenlos. Wild. Meist mit geschlossenen Augen. In den Körper hinein horchen, dem Körper gehorchen, die Seelenfenster öffnen, Gedanken kommen und gehen lassen, Sorgen heraus- und abschütteln. Zarte Bewegungen fließen in wilde und werden wieder ruhig. Zuweilen kann ich nur noch wie ein Kind hüpfen und vor Freude jauchzen. Es tut so gut. Und obwohl ich niemanden kenne, fühle ich mich wie zuhause. Ich weiß mich ganz, so umfassend ganz wie sonst nur beim 6. Nein, erleuchtende Erkenntnisse habe ich keine. Auch hebe ich nicht ab. Ich spüre den Boden unter mir. Er trägt mich.

Nach der Schlussrunde entdecke ich ein bekanntes Gesicht. Ein Doppelgänger? Schließlich finden wir den gemeinsamen Nenner über den gemeinsamen Dialekt. Bei A. ging ich eine Weile in die Schwitzhütte. Witzig: Vor nicht mal einer Woche hatte ich zu Freundin M., als wir zusammen in der Alpensauna schwitzten, gesagt, dass ich mal wieder in eine Schwitzhütte wolle. Keine Woche später werde ich schon von A. in seine nächsten Schwitzhütten eingeladen. Wie schnell sich doch Gedanken zuweilen manifestieren! Wir beschließen, den gleichen Zug zu nehmen. Er muss nach Lenzburg und meine Züge fahren da lang. So habe ich noch genügend Zeit, Luzia zu fotografieren und mit dem einen oder der anderen ein paar Worte zu wechseln.

Angeregt mit A. austauschend und noch immer vom Tanzen erhitzt, stelle ich erst nach ein paar Minuten Fußweg Richtung Bahnhof fest, dass ich Mütze und Handschuhe an der Garderobe vergessen habe. Zum Umkehren reicht es nicht, der Zug wird kaum auf uns warten. Doch mein Halstuch wärmt gerne auch Ohren. Ins Gespräch vertieft, verpassen wir Lenzburg beinahe. Nach dem Abschied lasse ich den Abend Revue passieren und verpasse dabei, in Olten auszusteigen. Ich kann mich nachträglich nicht erinnern, dass der Zug nach Aarau überhaupt je angehalten hat. In Olten hätte ich eine Dreiviertelstunde warten müsse. So aber fahre ich einfach Richtung Basel weiter. In Sissach kann ich schließlich aussteigen um eine halbe Stunde später zurück nach Olten zu fahren. Im einzigen noch offenen und geheizten Raum auf dem Bahnhof, einem türkischen Imbiss, läuft Fernsehen, türkisch natürlich. Mangels guter Teeauswahl bestelle ich, um die kalten Hände wärmen zu können und weil ich das mag, eine Tasse Heißwasser-Wasser, wie mein Liebster das nennt. Die freundliche Türkin fragt, ob mit oder ohne Zucker und ich kann nur grinsen. Während ich auf der iFon-Tastatur eine Mail schreibe, spüre ich dem inneren Vibrieren nach, dass Tanz und Trommelsound in mir zurückgelassen haben. Später, im Zug nach Olten, begreife ich grinsend, dass ich für diese Strecke kein Ticket habe. Zum Glück wird nicht kontrolliert.

In Olten, so sagt die Fahrplan-App meines iFons, werde ich eine Stunde auf den nächsten, den letzten Zug nach Bern warten müssen. Das iFon weiß zu diesem Zeitpunkt noch nichts von meinem Glück, dass der vorletzte Zug, der zeitgleich mit dem Eintreffen meines Zuges hätte fahren sollen, noch steht. Jener Zug, den ich gemäß Fahrplan eh genommen hätte. Er muss einen Anschluss abwarten. Ich springe glücklich auf und finde einen Sitzplatz zwischen einem iBook samt Mensch und einem iPad samt anderem Mensch. Auf dem iPhone schreibe ich meine Mail für J. zu Ende und erzähle ihm von meinem Glück.

Die Glückssträhne hält an. In Bern, so sagt besagte App, fahre um 1:15 der Nachtbus auf dem Bahnhofplatz. Ich hatte nach Hause zu spazieren erwogen, doch Bus wäre eine echt geniale Alternative. Allerdings fährt der Zug erst Punkt 1:15 in Bern ein. Was nun? Spurten? Gilt die Meldung, dass die Züge die viertelstündige Verspätung abgewartet hätten, wohl auch für den Nachtbus? Ausprobieren! Ein langer Spurt durch die Halle. Lachend. Mit anderen, die ebenfalls durch die noch immer sehr belebte Halle rennen, bin ich um viertel nach eins nachts in bester Gesellschaft. Die Rolltreppe hoch, über den FußgängerInnenstreifen streifen – trotz roter Ampel. Ja! Da steht er noch, der gelbe Bus. Ein letzter Sprint und … geschafft!

Und eben singt Freddy Mercury von Heaven For Everyone in meine Kopfhörer. Ja … heute Nacht ist wohl alles möglich.