Von wichtigen Büchern und andern Geschichten I

Es war einmal ein Märchenbuch. Wie alle Märchenbücher auf dieser Welt liebte es nichts mehr, als seine Geschichten mit kleinen und großen Kindern zu teilen. Es sehnte sich danach erzählt und es sehnte sich danach, gehört zu werden. Wenn etwas, das wir gerne tun, nicht getan werden kann, wird aus dieser Liebe Sehnsucht. Sehnsucht danach, wieder tun zu dürfen, wozu wir da sind. Nicht anders ging es unsrem Märchenbuch. Denn was nützte es einem Märchenbuch, da zu sein, aber nicht erzählt zu werden? Und was nützte es ihm, erzählt zu werden, doch von niemandem gehört zu werden?

Unser Märchenbuch war zuerst sehr traurig als seine Geschichten nicht mehr gefragt waren. Es war zwar da, wunderbar und zauberhaft wie alle Märchenbücher auf dieser Welt, doch niemand sah es. Das Märchenbuch lebte auf einem wunderbaren Büchergestell. Lebte mitten unter anderen Büchern, in denen jedoch keine Märchen wohnten. Die anderen Bücher erzählten Geschichten über das wirkliche Leben. Es waren wichtige Bücher. Ernsthafte Bücher. Nicht immer sehr nette Bücher, ironische auch. Hin und wieder lachten sie das Märchenbuch aus, das so gar nichts dafür konnte, dass es ein Märchenbuch war und sich in solchen Momenten dafür schämte eins zu sein. Die einen Bücher gaben mit den Dramen an, die sie zwischen ihren Buchdeckel horteten. Andere erzählten von Liebe, wieder andere von alten Zeiten. Alle waren sehr von sich überzeugt und davon, dass sie ein wichtiges Dokument dieser oder einer vergangenen Zeit seien, Es gab nichts wichtigeres, als über diese Welt zu erzählen. Das Märchen war zwar nicht gleicher Meinung, doch seine Meinung war definitiv nicht gefragt.

(Fortsetzung folgt)