Von wichtigen Büchern und andern Geschichten II

(Teil 1 – hier klicken)

Woher kommst du?, fragten die andern. Wie bist du ausgerechnet hier, bei uns, gelandet? Du bist anders als wir!, meinten sie, sagten sie aber nicht. Das Märchenbuch verdrückte leise Tränen. Unsichtbar, denn Märchenbücher weinen schließlich nicht. Es sehnte sich nach den anderen Büchern, Kinder- und Jugendgeschichten, die früher Rücken an Rücken mit ihm hier gestanden hatten. Der Abschied war längst Geschichte. Von Brockenhaus war die Rede gewesen und unser Märchenbuch wusste heute nicht, ob es lieber mit den anderen gegangen wäre. Natürlich hatte es sich damals geehrt gefühlt, bleiben zu dürfen, als einziges. Warum auch immer. Naiv wie es gewesen war.

Als jedoch die Neuen nach und nach das Gestell erobert hatten, war es immer schweigsamer geworden. Und beinahe unsichtbar. Wenn sein Mensch den Raum betrat, hörte es schon gar nicht mehr hin. Früher hatte es auf seinem Nachttisch gelegen und seine Mutter hatte Abend für Abend aus ihm vorgelesen. Geschichte für Geschichte. Immer wieder von vorne. Sie waren Freunde gewesen. Fürs Leben. Hatte es gemeint. Bis es sich eines Tages im Büchergestell wiederfand. Für immer.

(Fortsetzung folgt)