Es ist kurz vor drei. Nachts. Die Füße in einem Becken Warmwasser, das braun von der Erde ist, die sich langsam auflöst. Seit einer Viertelstunde bin ich wieder zuhause. Obwohl ich auch dort, wo ich herkomme, zuhause bin. Geographisch ebenso wie mit dem Herzen. Was für ein Tag!, denke ich, während ich die Füße trockne und mit der Pinzette ein paar kleine Stacheln aus den noch winterweichen, hornhautfreien Fußsohlen pulle. Was für ein Tag!
Normalerweise ist der Freitag mein bürofreier Tag. Wie schon der Name sagt. Doch weil mein Scheff, der in den letzten Tagen eh nur noch rumgenervt hat, seit Donnerstag in den Ferien ist und ich seine inoffizielle Stellvertreterin bin … Kurzer Sinn der halbgaren Vorrede: Ich traf mich, zusammen mit Kollegin U. aus unserer Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit gestern Nachmittag mit dem Bühnenkünstler und Bestsellerautoren P. L. und der Programmteilnehmerin T. H. um den Ablauf einer Werbekampagne für unser Hilfswerk, die in fünf Wochen über die Bühne geht, zu nageln. Es galt sowohl P. L. und T. H. miteinander bekannt zu machen, als auch – unter Einbezug derer Ideen – ihnen unser Konzept zu kommunizieren und es so weit zu definieren, dass wir es publizieren können. Eine Angelegenheit, die mir im Voraus einige Nervosität beschert hat. Werden sich die beiden verstehen und sympathisch finden? Und werden sie unsere Ideen gutheißen, gar mitdenkend eigene Anregungen beitragen?
Selten hat mir eine Arbeitssitzung so viel Spaß gemacht. P. L. ist ein toller Mensch und sehr engagiert, T. H. ist zwar noch sehr unsicher, ist sie doch erst seit zwei Jahren in der Schweiz, doch sie ist unglaublich motiviert und motivierbar und es war eine richtig tolle Stimmung am Tisch. Die Sitzung dauerte sogar weniger lang als gedacht, weil wir so sprudelnd und effizient arbeiteten.
Was tut frau, die sich seit Wochen ziemlich unter Druck fühlt und gerade eine Herausforderung gut gemeistert hat? Die auf einmal eine halbe Stunde Zeit geschenkt bekommt, bevor die Reise weitergeht? Die sich eine kleine Belohnung gönnen will, zumal sie mitten in der Einkaufsmeile Berns steht? Ja. Sie konsumiert! Zumal sie gleich um die Ecke das verführerische Schild eines Schuladens blinzeln sieht.
Der Frühling kommt bald, sage ich mir. Jetzt habe ich ja noch Geld. Es ist, wie fast immer, wenn ich Schuhe kaufe, Liebe auf den ersten Blick. Und natürlich passen sie wie angegossen. Nur der Preis lässt mich drei Mal leer schlucken. Darf ich mir das leisten? Das ist fast ein ganzer Arbeitstag, in Schweizer Dimensionen gedacht. In deutschen gar ein Wochengehalt – je nach Arbeitsstelle. Als ich dann noch den hölzernen Schuhlöffel schön drapiert herumliegen sehe und sich die Verkäuferin rührend um mich kümmert, beschließe ich, die Wirtschaft anzukurbeln.
Ich zahle mit Karte. Das heißt, ich will mit Karte zahlen. Das Gerät zickt – schon den ganzen Tag, wie mir beschieden wird. Ich sehe nichts auf dem Display, mache einfach was Verkäuferin Nr. 1 mir sagt und gebe den PIN ein. Bei Abbruch Nr. 3 fängt sie an zu hypern und ruft nach Tämmi, einer Kollegin. Die mit dem goldenen Technikhändchen. Nun klappts. Da ich keine Anzeige habe, kontrolliere ich zumindest den Beleg, den sie mir reicht. Tämmi ist leider Zahlenlegasthenikern und hat mir sechsunddreißig Franken zu viel abgeknöpft. Ich lache und frage, ob sie mir das zu viel verrechnete Geld in bar geben könne. Geht nicht, sagt sie. Also nochmals Karte rein. Wir albern über Technik. Verkäuferin Nr. 1. schenkt mir ein Imprägnierspray zum Trost. Mit der richtigen Quittung in der Hand, den richtigen Schuhen an den Füssen und dem richtigen Grinsen im Gesicht verlasse ich das Geschäft, radle nach Hause, wechsle die Schuhe, packe die große Tasche mit den Decken, Tüchern und dem Taboulé für danach und fahre mit Sternchen, meinem guten alten Toyota, in meine alte Heimat.
Auf einmal fällt der ganze Druck der letzten Tage ab. Zwar hat es unglaublich viel Feierabendverkehr, doch richtig Stehstau hats nicht. Mich kann jetzt nichts mehr aus der Ruhe bringen. Ich komme sogar rechtzeitig zu spät im Wald an. A. ist auch erst angekommen. Mein alter, neulich wieder getroffener Bekannter. Weil er noch B. und J. am Bahnhof abgeholt hat, ein herziges Pärchen, das ebenfalls an der Schwitzhütte teilnimmt, sind sie ebenfalls eine halbe Stunde zu spät da. Zum Glück war ich nicht pünktlich. Zuerst bin ich ein wenig enttäuscht, dass wir nur zu viert sind und A. somit Feuerhüter und Zeremonieleiter sei muss, sein wird. Doch im Nachhinein muss ich sagen, es war perfekt. So eine kleine Gruppe in einer Schwitzhütte ist auch mal schön.
Ich habe schon Hütten – früher, in vergangenen Leben – erlebt, wo wir sogar in zwei Reihen saßen und uns kaum rühren konnten. Meist jedoch habe ich das mir so wertvolle Ritual in Gruppen mit zehn bis fünfzehn Leuten erlebt. Wie gesagt: früher. Seit ich wieder in Bern gelebt habe, habe ich zwar die eine oder andere Hütte besucht, nie aber wirklich das Gefühl gehabt, meine Gruppe gefunden zu haben. So ließ ist es eben bleiben. Bis ich A. vor einem Monat beim Trancetanzen wiedertraf, bei dem ich früher ein paar Hütten besucht hatte. Mit seiner Einladung in der Hand wusste ich: Ich will da hingehen.
Später am Feuer, das die Steine zum Erglühen bringt, kann ich nicht mehr verstehen, dass ich am Morgen noch ans Absagen gedacht hatte. Weil ich doch so viel zu tun habe, bei der Arbeit und zuhause. Umzugkisten packen. Putzen. Einkaufen. Bürokram.
Alles kalter Kaffee. Im Wald. Am Feuer. Ich bin ganz ruhig und fühle mich zuhause. Gespräche, die sich um die persönliche Entwicklung drehen. Dazwischen Lachen. Anekdoten aus dem Alltag eines Werklehrers, die A. beiläufig einstreut.
Wie ich es liebe, im Schwitzhüttenkreis zu beten. Zuerst mit der Gebetspfeife, später ohne. Beten – ein Wort, das ganz viele Assoziationen auslöst, ich weiß. Ein heikles Wort. So wie ich es brauche, so wie wir es bei Ritualen anwenden, meint es einfach unsere Rückbesinnung, unsere Rückverbindung mit der spirituellen Mitte in allem. Das Ahnen, das Bewusstsein, dass alles miteinander verbunden ist, bildet schon viele Jahre meinen spirituellen Kern. Im Kreis benenne ich meine Ängste und verbinde mich sehr bewusst mit meinem Lebensmut.
Nein, kein Hokuspokus, kein Spektakel. Im Stockdunkel und in der Hitze der Hütte wird alles gewandelt, kann ich alles loslassen. Ein bisschen wie Sterben und Wiedergeburt. Die Hütte als Bild für den Mutterleib. Alchemie pur. Holz, zu Glut und Asche geworden, hat die Steine zum Glühen gebracht. Zu Dampf verwandeltes Wasser, über die in der Mitte der Hütte liegenden, glühenden Steine gegossen, hüllt uns ein. Atemluft, so heiß, dass die Gedanken nicht mehr dem Kopf, nur noch der Intuition gehorchen können.
Wir beten für uns. Wir beten aber auch für Menschen, die uns lieb sind. Und wir singen viel. Wir sind. Wir sind still. Wir sind Schweiß. Und irgendwann, die Unerträglichkeit der Hitze ist beinahe erreicht – hundert Grad mindestens bei hundert Prozent Luftfeuchtigkeit – gebären wir uns neu. Kriechen aus der Hütte. Und ich kann nicht anders als jubeln. Leben, ist hab noch was vor mit dir!
Später, am Feuer, stellen wir fest, dass es schon halb eins ist. Was? Über drei Stunden waren wir da drin? Wie immer nach einer Schwitzhütte erstaunt es mich, wie ich im Ritual aus der linearen Zeitwahrnehmung falle. Mein iPhone sagt, wann J.s und B.s letzter Zug fährt. Wir essen etwas kleines, räumen auf, umarmen uns herzlich und fahren nach Hause. Zurück ins Leben. Darum geht es. Ein Ritual ist nur dann ein gutes Ritual, wenn es mir dabei hilft, meinen Alltag zu leben. Mit allen Sinnen. Selbst wenn ich danach Stacheln aus den Fußsohlen pullen muss.