Wenn ich mit dir unterwegs bin, erlebe ich ständig irgendwelche schrägen Sachen!, hatte ich neulich mal zu Irgendlink gesagt. Und kaum hatten wir heute Nachmittag das Haus verlassen, ging es auch schon wieder los.
Bereits im Treppenhaus hatte ich eine laute Stimme gehört. Woher sie kam, wurde mir allerdings erst klar, als ich das Haus verließ. Ein junger Mann telefonierte unmittelbar neben dem Fahrradabstellplatz bei unsern Rädern. Lautstark und in gebrochenem Deutsch. J. stand neben seinem Fahrrad, das er nur unter Verrenkungen hatte aufschliessen können, da der junge Typ keinen Zentimeter Platz gemacht habe, sagte er später. Nun erzählte der junge Mann seiner Gesprächspartnerin, was er für ein toller Hecht sei, wie trinkfest und gegenüber Schlägereien geradezu immun. Nein, nein, alles sei in Ordnung. Während ich mein Fahrradschloss öffnete, hielt er J. sein Handy ans Ohr. Ohne zu zögern improvisierte mein Liebster und parlierte mit der Lady am anderen Ende der Welt. Sagte, dass er ein Passant sei und dass er Ali, so hatte sich der junge Mann vorgestellt, nicht kenne. Und tschüss. Schon plauderte Ali weiter und weiter, halb ins Telefon, halb mit uns, und begleitete uns sogar bis zur Straße. Er pries J. seine Schwester an – die Frau am anderen Ende? –, die mindestens ebenso gutaussehend sei wie er. Sie suche einen gute Mann. Hier mischte ich mich doch endlich ins Männergespräch ein und klärte Ali darüber auf, dass Irgendlink doch schon eine Partnerin habe. Von ihm nur ein resigniertes Schulterzucken …
Noch immer grinsend durchquerten wir zehn Minuten später das Länggassquartier. Was ist denn das? Wandelnde Tannenbäume, die die Straße überqueren? Aber hallo, was haben wir denn heute gefrühstückt? Wir reiben uns die Augen. Tannenbäume auf Beinen? Was haben bitte sehr Tannenbäume im Februar mitten in der Stadt verloren?
Vor dem Hallerbistro nahmen sie schließlich Stellung auf, die Tannenbäume, samt Beinen und Köpfen darunter und dahinter. Mit Gitarren- und Bassgeigebegleitung wurde nun gar ein ziemlich schräges Liedlein dargeboten, das eine junge Frau hingebungsvoll dirigierte. Eine auf der gegenüberliegenden Straße aufgebaute Kamera nahm die kleine Performance auf. Samt unserm Applaus.
Lachend. Kopfschüttelnd. Grinsend … So fuhren wir weiter. Das Ziel unserer Radtour war klar: Neue Eindrücke von Bern und weitere Bilder für Irgendlinks Bern-Kunstprojekt „Die Straßen von Bern“ sammeln. Auf der Großen Schanze wer-weißten wir, ob wir heute nochmals in die Lorraine oder einfach drauflos fahren sollten. Wir beschlossen, uns laufend, bei jeder Gabelung, neu zu entscheiden. Rechts, links, mittendurch. So ließen wir uns treiben und ich entdeckte einmal mehr in meiner vertrauten Stadt unbekannte Ecken und ein noch nie begangenes Stück Aareweg. Wir blieben auf der linken Aareseite und stiegen Richtung Rossfeld auf um über die Felsenau, den Seftausteg und die Neubrügg schließlich wieder in bekanntere Gefilde, den Bremgartenwald, einzutauchen.
Ach, was haben wir für tolle Bilder gemacht! Vielleicht zeige ich demnächst ein paar …
Für heute erst einmal ein paar wandelnde Tannenbäume …
Draufklick macht das Bild groß.
