gestreichelt

Wenn Träume wahr werden, laufen wir Gefahr, sie in unseren Erwartungen zu ertränken. So dimmte ich auf der Fahrt nach Bayern meine Vorfreude und meine Erwartungen den bevorstehenden Steinhau-Kurs betreffend auf Normalmaß herunter. Sogar an Umkehren hatte ich gedacht, noch in der ersten Hälfte, da ich mich gesundheitlich nicht sehr fit fühlte. Die Fahrt auf kaum bekannten Straßen forderte mich mehr heraus als auch schon und der dichte Freitagnachmittagverkehr zehrte zusätzlich an meinen Nerven. Was für ein Gemetzel! Auf der zweiten Reisehälfte fuhr ich dann auch in jeden Stau, der irgendwie möglich war. Baustellen-Nadelöhre, eins am anderen. Das kleine Dorf in der bayrischen Oberpfalz erreichte ich schließlich freitagnachmittags mit dreiviertelstündiger Verspätung.
Obwohl ich mitten in die Einführung des Steinhauhandwerkes hineinplatzte, wurde ich von allen Seiten sehr herzlich willkommen geheißen. Bald schon konnten wir aus einer riesigen Auswahl unseren ganz persönlichen Stein auslesen. Stopp. Eigentlich war es – jedenfalls bei mir – eher so, dass der Stein mich ausgelesen hat. Ein knapp fünfzig Zentimeter hoher und in der Grundfläche etwa zwanzig Quadratzentimeter messender Sandstein mit einer bezaubernden Maserung, und ein paar witzigen Bruch- und Sägespuren, die mich sofort faszinierten.

Kaum liegt er auf den Böcken bereit, beginnen meine Hände zu kribbeln. Schon nach den ersten Schlägen fühlt sich das Werkzeug in meinen Händen so an, als hätte ich schon immer damit gearbeitet. Zuerst betone ich die bereits vorhandenen Formen der Sägestellen. Ein Markstein soll es sein, weiß ich auf einmal. Ein Jetzt-Stein. Eine Momentaufnahme. Die eine Seite blickt rückwärts, die andere vorwärts. Doch der Stein, sein Herz, seine Mitte, ist immer Jetzt. Ich.
Während ich Schicht um Schicht abtrage, tauchen Bilder auf. Die innere Gestalt des Steins wird sichtbar. Eine Kugel, geborgen in einer Welle, die Flügeln gleicht, entsteht mit gezielten Fäustelschlägen auf das gut geschliffene Spitzeisen. Mit dem Beizeisen lege ich die Kugel auf zwei Seiten frei und schleife sie mit einer Art metallenem Bimsstein fein. Immer wieder streichle ich den Stein. Wie schön er sich anfühlt!
Nur in winzigen Schrittchen komme ich vorwärts, obwohl mein Stein keiner der superharten Sorte ist. Kein Marmor, wie ihn T., ein anderer Teilnehmer, unter Mühen bearbeitet. Kleine Schrittchen lehren mich Geduld. Doch da ich ebenfalls in Glückshormonen schwimme, wie Teilnehmer M. formuliert hat, finde ich die Arbeit zunächst überhaupt nicht anstrengend. Erst nach etwa zwei Stunden, es ist Abendbrot-Zeit, spüre ich die Anstrengung in den Knochen und Muskeln. Eine befriedigende, beglückende Müdigkeit.
Die Tischgespräche sind so anregend, dass kaum zu glauben ist, dass sich die meisten eben erst kennengelernt haben. Altersmäßig sind wir gut durchmischt. Der Jüngste und der Älteste der Gruppe sind Männer. Mit Walburga, der Leiterin, sind wir fünf Frauen in den besten Jahren. Die kurze Nacht reicht zum Glück aus, mich für einen intensiven Arbeitstag zu stärken. Bei einer kurzen Morgenrunde spazieren wir als Gruppe von Stein zu Stein und hören der Künstlerin oder dem Künstler und ihrem Objekt ein wenig zu. Angeregter Austausch. Assoziationen. Gesichter des Steins, die sich offenbaren. Schönes Miteinander.
Wieder am eigenen Stein angelangt, tauche ich ein in meinen eigenen Prozess ein. Zuweilen verliere ich mich im Detail, um dann wieder ein paar Schritte zurückzutreten und das Ganze auf mich wirken zu lassen.
Wer bist du, Stein?, frage ich oft. Was willst du mich lehren? Sein Material, das nicht homogen ist, sondern, wie bei Sandsteinen üblich, zwischen steinhart und bröselig abwechselt, da er eine Verkittung von lockerem Sand ist, fordert mich laufend heraus. Während die einen Stücke mit kleinster Anstrengung herausbrechen – oft mehr als mir lieb ist – spitze ich bei anderen mit so viel Kraft, dass es mir schwindlig wird. Wie im Leben begegne ich auch hier Situationen, die einfach fließen, dann wieder solche, an denen ich mir schier die Zähne ausbeiße.
Stein, mein Lehrer, bei dir gibt es keine Abkürzungen! Will ich schnell arbeiten, geht es bestimmt erst recht nicht voran. Du lehrst mich, mein Tempo zu finden.
Immer wieder tauche ich in meditatives Fließen ein. Der Klangteppich der sechsstimmigen Schläge würde mich unter anderen Umständen nerven. Hier aber erinnert er mich an vergangene Trommeltrancereisen. Ein Selbsterfahrungskurs der etwas anderen Art! Ein sehr erdiger allerdings. Ich höre zu denken auf und begreife intuitiv, warum ich Steine und die Arbeit mit ihnen so mag. Eine nicht in Worte zu fassende Verwandtschaft ist es.
Ein Schrei lässt mich zusammenzucken. Teilnehmerin I., die neben mir arbeitet, schaut entsetzt. Ihr dreieckiger Steinblock hat seinen Spitz verloren. Ein Bruch. Walburga findet gemeinsam mit I. eine wunderbare Lösung. Was im ersten Moment wie ein Schaden aussieht, wird, mittels eingelegter Eisenstange, erst richtig unterstrichen. Die in der Luft schwebende Spitze verleiht nun der Skulptur eine ungeahnte neue Dimension. Wandlung überall. Da und dort geschehen Durchbrüche. W. und M. haben ihre Steine von beiden Seiten mit vielen Schlägen angebohrt und schließlich den Durchbruch geschafft. Die Löcher werden größer und größer. Ein faszinierendes Erlebnis, das sind sich beide einig.
Durch die Arbeit am Stein erfahren wir, was wirklich zählt. Geschwindigkeit ist hier kein Thema. Ausdauer dagegen schon. Und eine Vision hilft ebenfalls. Klarheit entsteht, während ich schleife. Die Identifikation mit dem eigenen Objekt wächst, je mehr wir seine Formen ausgearbeitet haben.
Das bin auch ich!, sage ich zu Walburga, die gerade vorübergeht. Sie unterstützt uns bei Bedarf mit kompetenten Anregungen.
Na ja, ein bisschen komplexer bist du schon!, antwortet sie lachend. Recht hat sie. Natürlich.
Besonders mag ich das Kantenbrechen. Das Spitzeisen lässt die groben Teile zu Boden fallen. Ich trage Schicht um Schicht ab. Ich entkerne meinen Stein, ich häute ihn. Immer nackter wird er. Immer mehr das, was er auch ist. Was ich auch bin. Er und ich fließen miteinander dahin.
Da der Stein lange Zeit im Regen gestanden ist, schlägt Walburga vor, dass ich ihn vor dem letzten Schliff – draußen vor dem Atelier – mit dem Flammenwerfer trockne. Gesagt, getan.
Er geht sogar für mich durchs Feuer!, denke ich, während ich ihn von allen Seiten mit den Flammen liebkose. Warm, trocken und eine Spur heller trage ich ihn zurück zum Arbeitsplatz. Während ich nun die noch immer rauen Kanten mit immer feinerem Steinschleifpapier poliere und dazwischen immer wieder den feinen Staub abwische, begreife ich, dass meine Hände das Feine, Geglättete mögen. Grobes feinzuschleifen bereitete mir schon immer Genuss. Ob Speckstein, Holz oder – wie jetzt – Sandstein ist dabei einerlei. Schleifen ist eine geniale Sonntagmorgen-Meditation.
Harmoniebedürftig bist du, raune ich mir zu. Ja, stimmt, und wenn schon! Ich bin so. So wie jetzt. Und anders. Wie der Stein mit seinen vielen Seiten.
Während sich auf der einen Seite stilisierte Schmetterlingsflügel abzeichnen, sehe ich auf der anderen Seite, im anfänglich von der Säge hinterlassenen Parallelbalken, der die Figur von oben nach unten ziert, eine Art Säule, die oben mit unten verbindet. Erdung gleichsam. Als beim Schleifen das unterste Stück der einen Linie abricht, improvisiere ich und wandle die Säule in ein Ausrufezeichen um. Ein Ich lebe gerne!-Ausrufezeichen.
Der Stein macht mit mir, was er will. Eigentlich ist der Stein der Scheff, murmle ich.

Irgendwann kommt er, der Punkt, wo ich den Punkt setze. Noch sind die anderen mitten am Schleifen. Egal. Ich bin jetzt fertig. Ein Beschluss, der mir erstaunlich leicht fällt, mir, die ich für meine vielen unvollendeten Projekte berüchtigt bin. Ich setze einen Punkt. Natürlich, immer könnte ich da und dort noch … aber nein, heute sage ich: Fertig! Mit der Gießkanne und der Handbürste putze ich meiner Figur den Reststaub ab. Ich spüre förmlich, wie gut es ihr tut.
Am Ende des Kurses fotografieren wir uns mit unseren Figuren gegenseitig und als Gruppe. Erst bei der Schlussrunde begreife ich, dass etwas, das ich mag, nicht einfach – wie selbstverständlich angenommen – allen Spaß machen muss. I., eine Mitteilnehmerin, sagt, dass sie die Erfahrungen des Wochenendes zwar nicht missen möchte, doch dass das Steinhauen wohl kaum zu ihrem neuen Hobby werde.
Ich jedoch begreife, dass Wirklichkeit gewordene Träume schöner als geträumt sein können.

0 Kommentare zu „gestreichelt“

  1. Stein fordert mehr als Wachs. Aber:
    „Wer würde sich heutzutage an Sisyphus erinnern, hätte dieser seinen Stein erfolgreich auf dem Gipfel behalten!“ (Michail Genin)

  2. wunderbar erzählt, danke du Liebe fürs teilen… ich konnte dich klopfen, streicheln, sticheln, schleifen, gießen, feuern sehen…
    die steine sind wohl die ältesten der erdbewohner, so ruhig, so weise…

  3. ich bin sehr beeindruckt von der schilderung deiner „reise“ ins innere des steins + dem sichtbaren produkt…, du hast das flüchtige in stein gemeisselt, – welch wunderschönes paradoxon!

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