instant sterben

Ein bisschen wie Quicklunch ist es, das heutige Leben. Gieß heißes Wasser darüber, lass es kurz stehen, rühre ein bisschen und genieße es. Sterben geht ähnlich. Und tut kaum mehr weh bei so viel Chemie, habe ich mir sagen lassen.
Apropos sterben: Da bekam ich doch gestern eine Mail von einer meiner vielen Schwestern. Tante L., sei gestorben, schreibt sie, und dass ich auf der Website xyz Todesanzeige und eine Link zum Kondolenzbuch fände.
Ich klicke auf die blaue Zeile und finde tatsächlich, was V. angekündigt hat. Der Tod im Netz. Mit Bild. Voll krass, denke ich noch, bevor ich sofort ein paar mitfühlende Zeilen eintippe. Auf dem iPhone natürlich. Dekadent! Wo führt das hin?
Das schlechte Gewissen lässt sich innert Minuten wegtippen und immerhin werde ich, da ich in Deutschland lebe, nicht zur heutigen Abdankung erwartet. Zumal ich Tante L. kaum wirklich kannte. Siebenundachtzig Jahre hatte sie auf dem Buckel, die Gute.
Die Generation meiner Eltern ist in meiner Verwandtschaft auf beiden Seiten – bis auf eine letzte Tante, die zwar sterben will, aber nicht kann – ausgestorben. Wir rücken in die erste Reihe vor, meine Geschwister, Cousinen und Cousins. Wir sind die Nächsten. Die Nächsten, die den Löffel abgeben werden. Vielleicht nicht heute, aber Punkt-Punkt-Punkt. Sogar mit Internetanzeige und allem Pipapo. Falls wir das wollen.
Während J. heute Morgen seine Lunchbrote schmiert, übertrumpfen wir uns mit Geschichten über unsere jeweiligen buckligen Verwandten. Über deren Ticks, Verrücktheiten und Vorlieben. In einer Ecke meiner Phantasie höre ich gleichzeitig meinen Nichten und Neffen zu, wie sie später einmal ihren Kindern und Kindeskindern von der seligen Tante Sofasophia erzählen, die sich dazumal als Künstlerin versucht hatte. Je nachdem, was ich noch vor mir habe, kann die Geschichte nun so oder so weitergehen. Eine Geschichte, die erst noch fertig geschrieben werden muss. Den Schreibstift, sprich die Tastatur, habe ich noch in der Hand. Den Löffel ebenfalls. Ich brauche ihn schließlich, um umzurühren! Heißes Wasser bitte!

0 Kommentare zu „instant sterben“

  1. wie ich im schon zum vorletzten Artikel schrieb, du bist doch wirklich sehr begabt, nun mal ran an dein Werk und ab damit an die Verlage… da freuen sich bestimmt viele… deine Werke zu lesen! So wie sich ja auch viele freuen deine Bilder zu schauen… Mutmach… Augenzwinker

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