Urinstinkte

Als ich diesem Wort, ich war vielleicht neun oder zehn Jahre alt, das erste Mal begegnet war – vermutlich in einem der Erwachsenenbücher, die unser Büchergestell dank eines Buchclubabonnements dekorierten, zu dem sich meine Eltern, die beide kaum Bücher lasen, von einem Vertreter hatten überreden lassen –, hatte ich Urin stinkte gelesen.
Das ist ja falsch!, dachte ich damals, richtig muss da stehen: Urin stank. Die eigentliche Bedeutung erschloss sich mir erst beim nochmaligen Lesen der Passage. Zumindest theoretisch.
Instinkte – jede hat sie, kaum eine denkt mit zehn darüber nach. Instinkten verdanken wir, die wir leben, dass wir noch leben. Der erste Schrei nach Milch – nichts anderes als Instinkt, ein Urinstinkt. Natürlicher Trieb. Eine Verhaltensweise, die ohne reflektierte Kontrolle abläuft, steht bei Wiki. Zum einen sind dies Verhaltensweisen, die vollkommen ohne Erfahrung schon beim erstmaligen Ausführen beherrscht werden, zum anderen aber auch solche, die durch Erfahrung erworben wurden, sagte Darwin. Doch als zehnjährige hatte ich einfach ein neues Wort gelernt und meiner noch fast leeren Biofestplatte hinzugefügt.
Was ich mit zehn noch nicht wusste, ist, dass sich Instinkte auch ignorieren lassen. Jenen Instinkt, so gut wie möglich für sich selbst zu sorgen und sich das Bestmögliche zu gönnen, zum Beispiel. Kann so rum auch Selbstsabotage genannt werden. Opferhaltung ist ihre Schwester. Na ja, darüber habe ich damals nicht nachgedacht. Ganz viel wusste ich damals nicht. Und ganz viel weiß ich auch jetzt noch nicht. Doch immerhin erkenne ich heute Zusammenhänge. Und ich stelle fest, dass ich meinen Instinkten wieder mehr traue, selbst wenn sie meinem Kopf zuweilen widersprechen.
Konkret: Meine neue Arbeitsstelle, bei der ich mich die letzten zwei Monate täglich gefragt habe, wie ich da am besten wieder raus komme. Fluchtinstinkt. Bisher habe ich ihn ignoriert, habe ihn schweigen geheißen, habe weggeschaut. Keine Zeit zum nachdenken. Muss ja arbeiten. Und schlafen (was kaum ging). Um wieder arbeiten zu können.
Bis vor zehn Tagen. Ferien sind wirklich eine gute Sache! Endlich habe ich wieder Zeit und Raum für mich. Und ich kann wieder gut schlafen. Keine Alpträume mehr.
Instinkt trifft auf Vernunft. Bauch trifft auf Kopf.
Instinkt sagt: Schau, jetzt geht es dir wieder gut. Diese Arbeit ist Gift für dich!
Kopf sagt: Kannst da nicht weg, brauchst doch das Geld.
Stimmt!, sage ich. Beide habt ihr Recht!
Mein Überlebensinstinkt siegt. Ich werde mir kündigen lassen, habe ich gestern entschieden. Der Felsbrocken, der mir in diesem Moment von Schultern und Herz gepoltert ist, ließe sich in Deutschland glatt als Berg verkaufen.
Und jetzt? Ich war draußen und habe Holz geholt. Mein Ofen singt, das Holz knackt. Ich hacke Kleinholz zu Spänen. Trage Kürbisse in den Keller. Koche Suppe, später. Schreibe an meinem Manuskript weiter. Trinke Tee. Fülle die Anmeldung für eine Gruppenausstellung in Mainz aus. Schreibe Bewerbungen für eine neue Arbeitsstelle, die besser zu mir passt. Ich sorge gut für mich. Und ich vertraue auf meine Instinkte.
Es ist warm und behaglich in meiner Künstlerinnenbude. Für Wärme zu sorgen ist bestimmt auch irgend so ein Urinstinkt, da bin ich fast sicher.

0 Kommentare zu „Urinstinkte“

  1. Ich hab zuerst den Blogbeitrag von Herrn Irgendlink gelesen und dann direkt danach nach hierhier umgeklickt… und ja, ich musste die Überschrift dann auch zweimal lesen, um sie zu verstehen! 😉 Das passte aber auch wirklich sooo gut zum Irgendlink’schen Beitrag nebenan. 😀
    Wenn dich deine Arbeitsstelle so sehr bedrückt, dann hat es sicherlich keinen Sinn, dass du dich weiterhin täglich dort quälst. Du bist eine tolle Frau mit vielen wunderbaren Fähigkeiten und du findest ganz bestimmt ganz schnell was viel schöneres! Ich drück dir fest die Daumen!
    Kürbissuppe ist übrigens eine super Idee! Ich glaub, die mach ich morgen Abend auch mal! Danke für die Idee! 🙂
    Dir und Herrn I. liebe Grüße,
    Andrea

  2. liebe andrea
    ich danke dir herzlich für die ermutigenden zeilen … die blogs sind eigentlich ganz unabhängig entstanden. den titel und text hatte ich gestern abend schon im kopf, ich war nur zu müde zum schreiben. umso mehr habe ich gelacht, als ich heute morgen dann irgendlinks urinal gesichtet habe … 🙂
    herzlich, d.

  3. Genau dasselbe brachte ich vor einem halben Jahr hinter mich, habe mir auch kündigen lassen. Diese Arbeitsstelle hat mich kaputt gemacht, habe mich immer noch nicht ganz erholt davon. Inzwischen kommt in mir wieder etwas Kraft zum Vorschein für neue Ideen, und ich weiß ich werde wieder stark genug werden, um eine Lösung zu finden, von der und mit der ich leben kann. Existenzangst hat auch mit Urinstinkten zu tun, der Mensch braucht Sicherheit. Aber nicht um jeden Preis.
    Ich wünsch dir von Herzen alles Gute für deine Entscheidungsfindung!

  4. liebe a.
    ich habe heute oft an dich gedacht. ich glaube, dein vorbild hat mir mut gemacht, den schritt (dazu im neuen land, keine ahnung, wie das dann geht) zu wagen.
    auch ich bin zuversichtlich, für dich und für mich!
    ich freue mich, dass es dir nun besser geht!
    herzlich, d.

    1. Liebe Sofasophia,
      ob ich als Vorbild tauge, weiß ich nicht, aber wenn du einen Schubser in Richtung Mut bekommen hast, dann freut es mich richtig. Probleme lösen sich ja nur, wenn man sich bewegt, einen Schritt tut. Aber aus Angst vor diesen Problemen tut man’s oft nicht.
      Wir dürfen uns aber nicht kaputt machen lassen, das haben wir nicht verdient. WIR NICHT! 😉
      Dazu hat uns Gott nicht das Leben geschenkt, sondern dass wir etwas daraus machen. Viel Glück, alles Liebe!

  5. urin stinkt bringt mich zum lachen… sehr schön, was zehnjährige lesen – noch viel schöner, wie eine erwachsene frau dann doch auf sie hört… gegen kranksein und ängste- dein berg ist in d willkommen ;o)
    ich wünsche dir glück, aber das weißt du ja…

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