Samstagabend im Olten. Wohltuende Besuche hinter und ein warmes Bett vor mir.
Bilder: iDogma –
aufgenommen mit Hipstamatic. Bild drei bearbeitet mit Pro HDR und PS Express (Library Funktion: Sandwichtechnik).
Fallmaschen & Herzgespinste
Samstagabend im Olten. Wohltuende Besuche hinter und ein warmes Bett vor mir.
Bilder: iDogma –
aufgenommen mit Hipstamatic. Bild drei bearbeitet mit Pro HDR und PS Express (Library Funktion: Sandwichtechnik).

Bild: iDogma-Art –
Mit dem rechten Mittelfinger auf Art Studio Lite-App kreiert und bearbeitet und mit der Blogger+-App veröffentlicht.
Bild: iDogma-Art –
Mit dem rechten Mittelfinger auf Art Studio Lite-App kreiert, mit PS Express bearbeitet und mit der WordPress-App veröffentlicht.
Mir Träumen erlauben und sie erfüllen. Wer weiß schon, wie lange ich noch lebe, dachte ich als ich vor zwei Stunden über den Friedhof spazierte. Seit siebeneinhalb Jahren gehe ich hier regelmäßig vorbei. Früher häufiger. Das Grab meines Sohnes – in mitten all der anderen Kindergräber – ist mir ein tröstlicher Ort der Ruhe. Nach einem sehr arbeitsreichen, sehr anstrengenden und auch irgendwie sehr befriedigenden Arbeitstag – der am Nachmittag eine Sitzung mit einer junger Flüchtlingsfrau beinhaltete, die im hintersten Dorf inmitten der sanfthügeligen Landschaft des tiefsten Emmentals wohnt –, gönnte ich mir eine kleine friedhöfliche Auszeit. Morgen bin ich krankgeschrieben. Mein Kreislauf rotiert und kommt kaum mehr zur Ruhe. Wenn ich jetzt nicht die Bremse ziehe, weiß ich auch nicht, wie ich die nächste Woche überleben soll. Das große Event, auf das hin wir seit Monaten arbeiten, wird endlich – am Mittwoch – Wirklichkeit. Und am Tag danach feiere ich meinen Büroabschied. Zwei Tage später laden wir den Umzugswagen. Vier Tage später ist Bern Vergangenheit. Wirklichkeit dies alles? Oder nur ein paar Ideen im Kopf? Wer weiß schon, was morgen ist?
Sich Träume erlauben. Ihre Erfüllung zulassen. Angesichts des Super-GAU in Japan vielleicht die einzige Alternative zu leben, sagte Irgendlink sinngemäß. Gegenwart ist die einzige Wirklichkeit.
Auf dem Friedhof ist ein weiteres Feld erneuert worden. Wie viele Grabkreuze habe ich in den letzten siebeneinhalb Jahren verschwinden sehen? Und wieder sind viele alte Kreuze und Grabsteine entfernt und viele über zwanzig Jahre alte Gräber ausgehoben worden. Nun ist von den Menschen, die einst unter Tränen dort begraben worden sind, nichts mehr da. Selbst die Knochen wurden, gemeinsam mit vielen anderen Knochen, dem endgültigen Zerfall überlassen und werden wieder zu Erde. Nichts ist mehr da. Oder endlich alles. In homöopathischen Dosen. Im Wasser, in der Erde, wie gesagt, und in der Luft. Und in hundert Jahren sind auch meine Knochen Erde, habe auch ich mich aufgelöst. Ganz ohne SuperGAU. Nein, das meine ich nicht zynisch. Ein Fakt. Ein Trost sogar. Irgendwie. Und eine befreiende Erkenntnis
Mit ihr ging es sich auf einmal ganz locker durch die Gräberreihen. Was rackere ich mich auch ab? Eines Tages ist ja eh nichts mehr da. Von mir nicht und von niemandem mehr. Kein Stress mehr und keine Sorgen. Kein Leid und kein Schmerz. Und auch kein Lachen mehr. Kein Garnix. Wozu also sich sorgen?
Da war doch dieser Tage jenes Gespräch über ein möglichst langes Leben?
Nein, ich will nicht möglichst lange leben, aber glücklich!, hatte ich gesagt. Genau. Alle meine Lebensträume drehen sich um ein glückliches und sorgloses Sein. Zufriedenheit. Nicht in Saus und Braus muss ich leben, sondern im Frieden mit mir selbst. Dazu umgeben von Menschen, die ich mag und wo Liebe, Freundschaft und Respekt im Zentrum stehen. Außerdem jederzeit bereit zu gehen. Mir meiner Vergänglichkeit bewusst.
Ein schöner Traum. Idealistin, die ich bin, ewige.
(verfasst am 16.3., abends)
Frühmorgens erwacht. Einschlafen geht nicht mehr. Nein, sich sorgen um die Sorgen des Tages ist müßig. Eigentlich. Doch das Kopfkino-Team kümmert sich nicht um Erkenntnisse von Vernunft und Verstand und vernebelt meinen müden Geist mit Aussagen, die im Tageslicht nicht bestehen können.
Meine größte Sorge ist zurzeit das Missverhältnis zwischen der mir verbleibenden schrumpfenden Zeit hier in Bern und der scheinbar über Nacht sich verdoppelnden Länge meiner Listen. Listige Listen (siehe Artikel vor ein paar Tagen). Schlingpflanzen. Obwohl … Die größte Sorge ist eigentlich, ob ich allem gerecht werden kann, was zu tun ist.
Und eigentlich wollte ich ja über gestern Abend schreiben. Über eine Spurensuche der etwas anderen Art. Mit meinem Lieblingsbruder habe ich auf dessen Dachboden die über zweihundertfünfzig teils mehr als hundert Jahre alten Bücher mit zumeist historischem Inhalt gesichtet. Seit zehn Jahren staubt dieses Erbe unseres Vaters vor sich hin. Zwei Archive haben gemeinsam etwa fünfzig Bücher erbeten, die es nun zu suchen und zu finden galt, damit ich sie ihnen zuschicken kann.
Wir haben geschichtet und gesichtet, uns an unsern Vater erinnert, haben uns Anekdoten erzählt und dabei für ein paar Stunden Alltagssorgen ausgeblendet.
Sorgen? Eben habe ich einem Arbeitskollegen, der heute ein letztes Mal mit mir essen wollte, per Mail abgesagt. Ich brauche eine Mittagspause allein, sonst schaff ich den Tag nicht. Die beiden langen Sitzungen … Ob ich es schaffe?
Hast duuu Sorgen!, schelte ich mich oft in den letzten Tagen. Wann immer ich an Japan denke.
Der Assistent der Sterne. Von Linus Reichlin. Genau! Darüber hatte ich gestern bloggen wollen. Gestern Morgen, gleich nach dem Aufstehen. Doch später war die Idee weg. Einfach so. Verschwunden waren Aufhänger und Einstieg ins Thema. Und mit ihnen auch der Grund, warum ich über dieses Buch hatte schreiben wollen. Über dieses Buch, das mich – wie schon lange keins mehr – gepackt hatte. Ein Krimi, den ich gar in der Nähe meiner Lieblingskrimischreiberlinge Jo Nesbø und Fred Vargas anzusiedeln wage. Die Figuren sind wie bei diesen beiden eigenständig, eigenwillig und überraschen immer wieder mit der Tatsache, dass sie nicht den gängigen Klischees entsprechen. Die Geschichte bleibt unvorhersehbar bis zur letzten Seite und am Schluss weißt du nicht, wer nun eigentlich der Bösewicht ist. Oder sind es gar alle wie im richtigen Leben? Auch gibt es bei Reichlin keine dieser immer irgendwie unglaubwürdigen Wendungen zum Guten. Die Rettung von außen. Deus Ex Machina. Was geschieht, geschieht, weil es folgerichtig ist. Und doch unerwartet. Und trotz der Dramatik unspektakulär. Verrückte Kontraste bis ins Detail. Dazu eine schlichte, komplexe Sprache, die mich anspricht.
Okay, das alles war es aber nicht, was ich gestern hatte schreiben wollen. Da war nämlich noch ein Fetzen Traum drin gewesen und darüber hatte ich schreiben wollen. Ich hatte die Geschichte nach dem Ende des Buches weitergeträumt. Leider kommen verblasste Träume selten zurück. Ihre silbernen Haare lassen sich nicht festhalten. Träume fliehen, wenn du ihnen zu nahe kommst. Auch Ideen haben es an sich, ätherischem Öl gleich, zu verduften. Wenn du sie nicht aufschreibst zumindest. Manchmal selbst dann.
In Worte fassen lassen sich nicht alle gern, weder Ideen noch Menschen. Geschichten schon gar nicht. Nur wenn du Glück hast und sie es zulassen.
Jetzt gehe ich besser ins Bett. Mein Tag war lang und streng und ich bin müde. Ich weiß kaum mehr, wo oben und unten ist und ob Buchstaben nicht einfach eine andere Form von Wassermolekülen sind – die vierte Form, neben Wasser, Eis und Dampf sozusagen – und Geschichten demzufolge nichts anderes als Getränke. Sie können uns benommen machen oder nähren, aber sie können uns auch beruhigen oder auf- und anregen.
Ach, und noch was, Reichlin lesen ist eine gute Idee. Fast so gut wie Trinken und Träumen.
Heute in die Pfanne gehauen …

Bild: iDogma. Mit ProCamera fotografiert, mit PS Express bearbeitet (beschnitten, geschärft, gesättigt, scetched) und mit Blogger+ ins Netz geschubst.
Es ist die Angst vor dem Aufstieg, die mir zuweilen die Freude am Leben vergällt. Auf einmal wusste ich es. Glasklar. Wenn ich diese Angst überwinden könnte, würde ich meine latenten Ängste vor dem Leben mehr und mehr verlieren.
Wir hatten Z. längst hinter uns gelassen, J. und ich, und radelten Richtung Hornbach. Immer südwärts. Der erste Frühlingstag. Der erste Tag ohne lange Unterhose. Der erste Tag ohne Mütze und Handschuhe … Kilometer um Kilometer fuhren wir vorwärts. Geradeaus. Abwärts. Und wieder geradeaus durch die bald schon in üppigem Grün strahlende Landschaft. Immer südwärts, wie gesagt. Feriengefühle ein bisschen.
So mag ich Radfahren, sagte ich zu Irgendlink. Damals, als der Po noch nicht weh tat. Kleine Steigungen nahmen wir locker. Die Sonne schien, die Vögel pfiffen. Mensch, was willst du mehr?
Die Idee von der Radtour kam von meinem Liebsten. Ich selbst hatte für heute nur ein einziges Anliegen auf dem Herzen. Eine deutsche SIM-Karte samt Vertrag für mein smartes Mobiltelefon wollte ich erstehen, denn bald schon würde ich im deutschen Netz fischen und telefonieren. Ganz zuoberst auf meinen Wochenplan hatte ich vorgestern diese Pendenz gekritzelt, da ich ja endlich mal meine Adressänderung verschicken wollte. Wir würden also einfach auf der Durchfahrt beim Telecom-Laden vorbeifahren und anschließend weiter südwärts radeln. Gesagt, getan.
In Hornbach Boxenstopp. Wasseraustausch. Gedanken ebenfalls.
Erinnerst du dich? Heute Vormittag beim Frühstück hast du vorgeschlagen, wir könnten heute eine größere Tour machen, an die sechzig Kilometer. Mir sei das zu viel, habe ich dir gesagt. Untrainiert wie ich bin, sagte ich zu Irgendlink. Zuweilen überfordern wir Menschen uns gegenseitig mit unseren Ideen, Wünschen, Bedürfnissen, Begrenzungen. Du mich zuweilen mit deinen großen Plänen, ich dich wohl mit meiner Angst vor dem Abenteuer.
Mittelwege gehen … Hm, was meinst du, kann das Gehen von Mittelwegen, kann das Finden von Kompromissen langfristig glücken, ohne das die beiden Menschen, die sie schließen, unglücklich dabei werden? Führt womöglich der einzig wahre Weg der Selbstverwirklichung über den Egoismus?
Manchmal wohl ja, manchmal nein. Gewiss müssen wir manchmal kompromisslos unser Ding tun, doch manchmal müssen wir uns aneinander reiben und dabei gemeinsame Wege finden. Laut denken, sagte ich, verhilft mir zu Klarheit. Ist es ein Zeichen der Reife und der Liebe, fragte ich J., oder ist es ein Zeichen der Resignation, wenn wir uns mit Mittelwegen zufrieden geben?
Ein Thema, das wir ausgiebig diskutierten … Bis zur nächsten Steigung zumindest. Denn die kommt immer irgendwann.
Es ist die Angst vor dem Aufstieg, die mir zuweilen die Freude am Leben vergällt, begriff ich, es ist die Angst vor der Angst. Es ist meine Nichtakzeptanz von Steigungen in meinem Leben. Mein Trotz gewissen Naturgesetzen gegenüber, sozusagen.
Sich anstrengen, sich verausgaben, nach Atem schnappen, das rasende Herz im Hals klopfen zu spüren, während ich eine Steigung nehme, empfinde ich als unangenehm, doch hinterher fühle ich mich gestärkt und bin stolz, es einmal mehr geschafft zu haben und oben angelangt zu sein.
Grenzen sanft weiten wie im Yoga, immer ein klein wenig weiter, ein klein wenig länger aushalten, das mag ich. Aber bitte auch schön sanft im richtigen Leben! Einfach immer schön so, dass ich dabei in meinem eigenen Tempo vorangehen und meiner Angst in meinem Tempo begegnen kann.
Einundvierzig Kilometer und viele Höhenmeter später langen wir um achtzehn Uhr wieder auf dem einsamen Gehöft an. Mein Po ist wund. Meine Beine, meine Füße sind müde und ich bin glücklich. Erschöpft lasse ich mich ins Bett fallen. Und ein klein bisschen mutiger.
Listenreich sei der
Mensch. Heißt es. Hinterlistig liegen sie auf der
Lauer. Lungern herum. Be-
decken Küchen- und
Schreibtisch. Listen, die mich daran erinnern, was
zu tun ist. Listen, die mir sagen, was ich einzu-
kaufen muss. Listen, die mich informieren, welche
Menschen anzurufen, zu treffen, über dies und jenes zu
informieren sind. Listen überall. Den
einen wird gegeben. Den anderen wird
genommen. Kurz und gut sind sie mir
am liebsten.