Just another Blog?
Alles neu macht …
Für einmal ist es bereits der April, der alles neu macht, denn ungefähr am ersten April – kein Scherz, nein! – werde ich hier den Vorhang lüften und erzählen, wie es mir in der Fremde ergeht.
In der Fremde?
Na ja. Irgendwie nah und irgendwie fern …
fern von Bern …?
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Was bisher geschah?
Sofasophia verlässt ihre geliebte Heimat. Bern – die Stadt ihres Herzens. Sie will es wissen. Sie will Neues entdecken. Dem Ruf der Liebe folgen. Nein, der Liebste hat sich nicht gedrängt, aber er hat sie eingeladen, an seiner Seite – in der schönen Pfalz, jenseits der schweizerischen Grenze – zu leben, zu spinnen, zu wohnen, zu lieben und zu sein.
Sofasophia ist neugierig. Und auch ein wenig ängstlich. Und sie freut sich auf deinen Besuch hier.
Demnächst in diesem Kino!
Jahr: 2011
wohin und woher
Part I
Wenn ich aufstehe, das zerwühlte Bett verlasse und Richtung Küche tappe, noch schlaftrunken, noch ohne Licht, noch erwachend, kann ich mir die Welt da draußen nicht vorstellen. Sie ist nicht. Es ist nur das, was ich jetzt bin. Nur ich. Ich und meine Träume, die langsam von mir abfallen. Ich und meine Visionen, meine Hoffnungen, meine Sorgen, meine Ängste.
Ich ziehe die Jalousien hoch. Sonnenstrahlen küssen den Küchentisch. Und den dort herum fläzenden Möbelprospekt, der als Beilage die Wochenzeitung eingedickt hatte. Betten. Perfekte Schlafzimmer, minimal möbliert, mit Kunstdrucken an den Wänden. Perfekt gemachte Betten, faltenlos wie die leichtbekleideten Damen, die sich darauf räkeln.
Sterile Betten, die so gar nicht nach Lust, nicht nach Liebe, nicht nach Leidenschaft aussehen.
Seltsam eigentlich, ist doch das Bett, ist doch das Schlafzimmer jener Ort, wo wir am meisten uns selbst sind. Ganz. Wild. Verträumt …
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Part II
5. Habe keinen Respekt vor der Autorität anderer, denn es gibt in jedem Fall auch Autoritäten, die gegenteiliger Ansichten sind.
Ein Satz, den ich neulich beim Blogroll-Surfen via Wildgans bei Zigeunerweib gelesen habe. Hat Betrand Russel gesagt. Unter anderem.
Nicht, dass ich den Satz so ganz unterschreiben könnte, aber die Essenz hat was. Jede Ansicht hat ihr Gegenteil – bloß: was war zuerst?
Diese Woche ergab es sich, dass ich für Internetrecherchen ein paar Mal hintereinander virtuell Zeitung gelesen habe. Wie bei Blogs lassen sich solche online-Artikel kommentieren. Und wie die guten alten Papierbriefe von Lesenden spiegeln Kommentare die Sicht der jeweiligen Gesellschaft wider. Ob es eine Durchschnittssicht ist, die da auf dem Bildschirm abrufbar ich, kann ich allerdings nicht beurteilen. Sowenig wie ich übrigens an sogenannt repräsentative Umfragen glauben kann. Sind nicht immer die eine Gesellschaftgruppen lauter und melden sich eher zu Wort als andere? Deshalb weiß ich also nicht, ob es repräsentativ ist, wenn auf einen kritischen Artikel mit eher rot-grünen Klang zur Wahl des Hardliners Amstutz in den Ständerat, vor allem braune Antwortschreibende das Wort ergreifen, den Artikelschreiber mit Wortmüll bewerfen und ihn gar einseitig nennen. Und drohen, Amstutz‘ Wahl, sei erst der Anfang gewesen … Mir stockt der Atem. Wohin gehen wir? Wir – als Gesellschaft, als einzelne?
Demokratie heißt nebeneinander leben, sich respektieren. Heißt kommunizieren, versuchen, andere Ansichten zu verstehen, heißt sich reiben ohne sich aneinander aufzureiben.
Habe zwar Respekt vor der Autorität anderer, doch denke daran, dass es immer Autoritäten gibt, die gegenteiliger Ansicht sind. Dein Respekt sei wohlwollend, aber nicht unterwürfig.
(by Sofasophia)
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Part III
Ich öffne die Haustüre. Sie ist die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, die Schleuse zwischen Innen und Außen. Fast unmerklich ziehe ich, sobald ich die Schwelle überschreite, eine Schutzhaut an. Traum, Wildheit, Geborgenheit lasse ich drinnen und betrete die kalte Welt da draußen.
Die kalte Welt?
Jede Ansicht hat ein Gegenteil.
heute auch
… oder mein Nachwort zum Frauentag
Auch heute ist Frauentag – nicht international, doch ganz persönlich.
Ich bin auch heute ganz Frau. Frauentag ist überall. Und ich bin all den Frauen, die vor mir gekämpft und sich für ihre Anliegen sogar lächerlich gemacht haben, von Herzen dankbar.
Lächerlich? Sind es nicht gerade auch andere Frauen, die beim Kampf um gleiche Rechte – im Alltag, in der Sprache – peinlich weggucken und betonen, sie seien im Fall sicher keine Emanzen?
Es gibt noch viel zu tun, sagt Frau Luise F. Pusch im Migros-Magazin 10 vom 7. März 2011.
Kompetenzen
Kompetenzen? Früher eins meiner Lieblingsgänsehautwörter. Ich und Kompetenzen? Nö, hab ich nicht, will ich nicht, kann ich nicht … Kompetenz riecht nach Karriere, fand ich und Karriere mag ich nicht. Also mag ich auch Kompetenzen nicht, basta. So einfach war das damals bei mir. Früher, wie gesagt. Älter werden und sein hat auch sein Gutes, denn heute mag ich es, über meine und die Kompetenzen anderer zu philosophieren.
Gestern, am Ufer des Murtensees, verstieg ich mich auf die Theorie, dass wir alle eigentlich nur über jene Dinge reden sollten, zu denen wir etwas zu sagen haben. Wo wir kompetent sind.
Eben passierten wir ein geparktes Auto, das wahrhaftig magisch das Sonnenlicht auffing und dessen Farbe sich kaum in Worte fassen ließ. Beglückt blieben wir stehen und genossen das Schimmern des Lichts und die Auflösung desselben in alle Himmelsfarben.
Was für eine wunderbare Farbe, nicht schwarz, nicht braun, eine Farbe wie …, hob Irgendlink an. Doch halt, nein, ich kann doch gar nichts dazu sagen, ich kenne mich ja mit Autos nicht aus. Hum, andererseits … hier geht’s ja eigentlich um Farben. Da wiederum kenne ich mich als Künstler aus. Darf ich jetzt was dazu sagen oder darf ich nicht?
Stell dir vor, wie still die Welt wäre, wenn wir alle nur über jene Dinge reden würden, bei denen wir uns auskennen?
Nur reden, wo wir kompetent sind.
Wie klug die Welt bald wäre! Und wie still! Herrlich.
Ja, ohne all das sinnlose, ohne als das leere Gelabber.
Politikerinnen und Sesselkleber müssten ihre Ämter niederlegen, weil sie nichts mehr zu sagen wüssten.
Gewisse Parteien würden aussterben, andere würden wachsen.
Und niemand würde einfach drauflosreden.
All die Stammtische würden verwaisen.
Das wahre Paradies …
… hm, und vermutlich – na ja, versteh mich richtig, aber – vermutlich wäre es uns schon bald sterbenslangweilig!
Am Röstigraben
Warum der Röstigraben heißt, wie er heißt, steht hier, doch warum ich mich gerne in der Drei-Seen-Region und an der französisch-deutschen Sprachgrenze aufhalte, ist nicht so einfach in Worte zu fassen. Ein Argument Pro Röstigraben ist, dass ich mich dort immer ein bisschen wie im Urlaub fühle.
Hier ein Link zum Everytrail-Spaziergang, den ich heute mit Irgendlink genossen und aufgezeichnet habe. Mit ein paar wenigen iPhone-Bildern.
Endlich kam auch meine Nikon mal wieder zu Einsatz (ein Draufklick macht die Bilder groß):
Sugiez – noch am Brojekanal …
Kiosk-Wagen-Spiegelung (beim Campingplatz)
Hier lang!, sagt Irgendlink, steht ja auf dem Pfeil.
an den Ufern des Murtensees …
gut vertäut …
auf dem Rückweg durch die Dörfer
Unser Traumhaus …
Kitsch oder Kunst?
… ein Thema übrigens, das uns zu einer spannenden Diskussion über unsere wahren Kompetenzen – im Gespräch ebenso wie in unseren Alltagsaktivitäten – bringt. Kein schlechtes Blogthema, wenn ich es mir so recht überlege …
bis bald?
Wir sind eben in Indien. So was kann schon mal dauern, werfe ich um halb neun in die gemütliche Runde. Vier meiner Freundinnen und Freunde sitzen mit J. und mir am Tisch. Abgesehen von den inzwischen unüberhörbar laut knurrenden Mägen ist die Welt in Ordnung. In bester Ordnung. Leise indische Musik im Hintergrund. Opulente bollywoodeske Dekoration. Gerüche von Kardamon, Koriander und Co.. Auch an Gesprächsstoff mangelt es uns nicht.
Eben habe ich die Geschichte von Walsers Buch, das J. am Freitag erjagt hat, zum Besten gegeben, als auch schon die wildesten Geschichten kursieren.
Wie T. wohl ist?, fragt K..
Bestimmt hat sie M., ihren damaligen Geliebten, der ihr das Buch gewidmet hat, umgebracht. Darum der neue Name unter ihrer Telefonnummer, mutmaßt A..
Hat es im Buch gar codierte Botschaften, die es zu knacken gilt?, fragt J. Zum Beispiel: Wer befreit mich endlich von M.? Der schenkt mir Jahr für Jahr neue Bücher von Walser! Hilfe!
Oder ist sie gar nicht Opfer, sondern Täterin?, sage ich.
Auf einmal sitze ich wie neben mir und lasse die Jahre Revue passieren, die ich die Menschen in dieser Runde nun schon kenne. Der Kern meiner Schreibgruppe – oder so ähnlich. Wie viele selbstgeschriebene Texte haben wir zusammen schon diskutiert? Wie viel haben wir miteinander gelernt, erlebt, gelacht und erlitten? Und wie viele Biere haben wir zusammen getrunken? Auch haben wir besser gelernt zu kritisieren und Kritik anzunehmen. Wohlwollende Kritik, die weiterbringt. Wir haben Handwerkzeug kennengelernt und es miteinander getauscht und geteilt. Wir alle haben Fortschritte gemacht. Ein Stück Lebensschule war sie, diese Runde, denn jeder eigene Text ist ein Stück meiner selbst und die Auseinandersetzung mit seinem Inhalt, seiner Struktur und seinem Stil ist eine Auseinandersetzung mit mir selbst. Ich seufze innerlich, halb wehmütig, halb dankbar. Vielleicht sind Umbrüche und Umzüge und Neuanfänge dazu da, uns zum Loslassen, zum Innehalten, zum Dankbarsein aufzufordern?
Als das Essen endlich serviert wird, wir sitzen inzwischen schon seit zwei Stunden bei Tee, Lassi, Wasser und Bier am Tisch, seufze ich wieder, diesmal laut. Genüsslich. Wir teilen aus unseren Töpfchen, probieren dies und das und genießen das Zusammensein. Auch ein paar Wisst-ihr-noch-Geschichten machen die Runde und J. wird laufend über die Geschichte und die Geschichten unserer Schreibgruppe aufgeklärt. Am Anfang … später … damals …
S. mit seinen ewigen Heimkehrer-Geschichten, die er jeweils im zu jener Zeit aktiven Forum zum besten gegeben hat und unsere Nach-den-Schreibtreffen-Resümees waren lange Zeit Tradition. Fehlen sie mir? Schwer zu sagen. Ich gehe einfach immer weiter. Vorwärts. Rückwärts. Stolpere, falle gar hin, wie vorgestern im Wald, stehe wieder auf, putze mir die Blätter von der Hose und gehe weiter.
Wann ist das letzte Mal? Das letzte Mal im Könizbergwald. Das letzte Mal im Bremgartenwald. Das letzte Mal im Quartierladen einkaufen. Das letzte Mal im Maharaja essen.
Das erste Mal lässt sich genau definieren: Dann und dort, du weißt schon, dies und das war so und so. Das letzte Mal weißt du nie. War es jetzt schon, kommt es erst?
Fehlen werden mir nur die Leute, nicht die Erinnerungen, denn die nehme ich ja mit.
Besucht uns mal, sagt J. beim Abschied.
das Buch
Von seiner Bilderjagd bringt J. heute Abend ganz überraschend neben den knapp zweihundertfünfzig Bildern mit Berns Straßenschildern auch ein Buch mit. Die Jagd. Gebraucht und zerlesen. Von Martin Walser, einem Autoren, dem ich bisher aus dem Weg gegangen bin. Wie ich es oft bei allzu hochgelobten oder allzu runtergemachten Schreiberlingen tue. Reine Vorurteile natürlich. Nicht dass mich der Plot der Geschichte besonders reizt, aber mich spricht Walsers Sprache an. Ich mag dichte kurze Sätze, lese ein paar Abschnitte und schaue mir das Impressum an.
Das Buch, so illustriert mir J. anhand eines Bildes, hat er buchstäblich auf der Straße gefunden.
In einem Koffer. Mit der Aufforderung „zum Mitnehmen“. An der Ju….straße, sagt J.
Soweit so gut. Wenn da bloß nicht diese Widmung drin wäre und das Herz hinter dem Männernamen. Das Buch ist zudem signiert und, das Beste, die im Erscheinungsjahr des Buches, 1988, beschenkte Dame hat oben rechts auf der ersten Seite ihren Namen hingeschrieben, da sie das Buch bestimmt Freundinnen und Freunden ausgeliehen hat.
Ich nehme mein iFon zur Hand, öffne die Telefonbuch-App und gebe auf Geratewohl ihren Namen ein. Es gibt exakt eine Frau in der ganzen Schweiz, die diesen nicht mal besonders ausgefallenen Namen trägt. Und sie wohnt, wen wundert’s, an der Ju…straße.
Frage ich ihre Telefonnummer ab, erscheinen auch prompt zwei Namen. Doch nein, der zweite ist nicht jener Männername vor dem Herz in der Widmung. Ein neuer Mann.
Wer sie wohl ist, T., die ihre handsignierte Jagd einfach auf die Straße legt? Und wo hat T. damals, vor dreiundzwanzig Jahren, gelebt, gejagt, geliebt und gelesen?
Was wird mit all meinen Büchern geschehen, die in den Taschen fürs Brockenhaus bereit liegen?
Ja, ein Buch kann mehr als bloß jene eine Geschichte erzählen, die auf seine Seiten gedruckt worden ist.
Von Übergängen und anderem Überzöix
Übergänge wäre ein guter Titel. Oder genug. Nein, eher zu viel. Womit wir doch wieder bei den Übergängen wären, die sich irgendwo zwischen genug und zu viel im Niemandsland aufgebaut haben. Zollposten gleich.
Zwischen den rotweißen Balken stehe ich irgendwo. Zwischen drin. Weder innen noch außen. Noch nicht drüben und nicht mehr hier. Wie in einem der Lieder meiner Lieblingsband. (Nonid u schonümm, Seite 4) Kaum auszuhalten sind solche Phasen und mein Körper reagiert mit Erschöpfung. Seit vier bin ich wach. Das laut und schnell klopfende Herz ließ sind auch mit Baldrian nicht beruhigen. Um halb sechs, nach anderthalb Stunden mich hin- und herwälzender Unruhe, griff ich zum Krimi und konnte mich so zum Glück ein bisschen ablenken. Ablenken von all den Pflichten, die mich im Büro erwarteten. Zu viel. Zu viele Pflichten, die mir einerseits mein den Urlaub genießender Scheff aufgetragen hat, andererseits Pflichten, die zu meinem Alltagsjob gehören und dann auch solche, die mit meiner Funktion als Mitglied der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit zusammenhängen. Nicht zuletzt mein Anspruch von Perfektionismus. Besonders in Bezug auf die Übergabe meiner Aufgabenbereiche an meine Nachfolgerin, die vor drei Tagen angefangen hat.
Die Zeit, sie rennt. Sagen derzeit alle. Überall. Schreibt Irgendlink. Oder sie versteckt sich vor mir und macht sich klein.
Alles baut sich auf, scheint es mir, alles spitzt sich zurzeit zu, der Spannung vor einem Gewitter gleich. Alles verdichtet sich in meinem Leben und fokussiert das Monatsende. Das Finale in Bern. Täglich schieben sich neue ToDos in meinen eh schon ziemlich vollen Kalender. Dazu wollen mich liebe Freundinnen und Freunde nochmals sehen und Abschied nehmen. Und ich natürlich auch von ihnen. Mir ist, als würde ich nach Australien auswandern, nicht bloß in die Pfalz. Was im Grunde nicht viel weiter ist als in die Süd- oder Ostschweiz. Nur eben über die Grenze. Und das ist doch ein ziemlich großer Schritt, zugegeben.
Obwohl. Grenzen überschreite ich zurzeit täglich, meine ganz persönlichen. Nicht immer zum guten, leider, denn meine eigenen Ressourcen kommen kaum nach sich zu erneuern. Ich gestehe, ich fühle mich überfordert.
Wie eine Decke, an der alle ziehen, sagte ich heute zu Kollegin M., meiner Nachfolgerin. Mein Körper bremst mich aus. Fieber, seit heute Morgen, nicht hoch, aber doch genug, damit ich begreife, dass ich entschleunigen muss. Zum Glück habe ich drei Tage frei.
Heute eine Einladung zum Mittagessen bei Freundin C.. Soll ich absagen? Mit Fieber werde ich keine tolle Besucherin sein, überlege ich ihm Büro. Nein, halt, ich will C. sehen!, entscheide ich und radle los. Zu spät zwar, aber besser als nie.
C., du hast mir das Leben gerettet!, sage ich ein paar Stunden später, beim Abschied. Little-F., der kleine Strahlemann und seine Mama winken zum Abschied. Mein mentales Gleichgewicht ist trotz des Fiebers wieder im grünen Bereich.
Heißes Bad, Grog, schlafen … hilft alles zusammen ein bisschen. Doch noch dröhnt der Kopf. Noch bin ich zu aufgekratzt um loszulassen. J. kommt heute Nacht, will in den nächsten fünf Tagen das Bern-Meisterwerk vollenden. Und mich sehen auch, natürlich, und ich ihn. Trotz meiner Erschöpfung, die sogar Vorfreude frisst.
Grad wünsch ich mir nichts sehnlicher als das ganze Überzöix wie Pflichten im privaten und im Berufsleben einfach wie eine Schlangenhaut auszuziehen, abzulegen und mich fallen zu lassen.
Im Blogarium
Ich innen drinnen.
Du außen draußen guckst durch Glas,
das trennt und das verbindet. Undurchschaubar.
Ein Kaihu nach Irgendlinks Definition. Die europäische Antwort auf Japans Haikus. 5-8-11 lautet die Formel.
Formel? Aber ja doch, denn alles will definiert werden, alles will geklärt sein. Alles will in unserer materiellen Welt geformt und gefasst, gezähmt und eingegrenzt sein. Ich gestehe, dass mich diese Machbarkeit zuweilen überfordert. In diesen Augenblicken fühle ich mich wie sich wohl meine Rennmäuse gefühlt haben müssen, die inzwischen längst alle – unumglast – im Mäusehimmel herumrennen.
Da war dieser Moment – ich hatte ein paar Freundinnen zu Besuch –, wo wir uns alle um meine Terrarien gestellt und den Mäusen beim Klettern und Knabbern, beim Turnen und Tanzen zugeschaut hatten, als Freundin B. sagte:
Vielleicht sind da, sie zeigte nach hinten, oben, außen und wir alle folgten gebannt ihrem Finger, der ebenso gut das Universum wie die Nachbarin im oberen Stock meinen konnte, vielleicht sind da welche, die größer sind als wir. Und die uns nun zuschauen, wie wir den Mäusen zuschauen, und die über unsere Klettereien und Liebes- und Lebenstänze fachsimpeln. Oder die sich, wie wir bei den Mäusen, über tier- will heißen, menschengerechte Haltung, den Kopf zerbrechen.
Vielleicht.
Menschengerechte Haltung: Ist das Batteriehaltung in Hochhäusern, ist das Mobilität in engen Bussen auf verstopften Straßen? Ist das Arbeiten eingeklemmt zwischen Ordnern, Shredder, ToDo-Listen und Rollschränken?
Hallo, ist da jemand?
Kater Findus flirtet mit Micro Rennmaus. Bild aus meinem Archiv.
La cigale et la fourmi
Da war diese Fabel. Im Französisch-Lehrbuch oder in einer unserer unzähligen Klassenlektüren. Was im Grunde egal ist. Sie war auf einmal da. Seither hockt sie in meinem Hinterkopf. Eines meiner kleinen Monsterchen namens la cigale et la fourmi.
Öl auf die Mühlen meines pubertären, sich entwickelnden Gerechtigkeitsempfindens. Die tolle, begabte, begnadete Grille, die den Mut hatte, das Leben zu genießen und auf das Rackern – um der Kunst willen – verzichtete! Wie arm sie am Schluss der Geschichte dran war! Daneben die reiche Ameise, die den Sommer über Vorräte gesammelt und an die Zukunft und an den kalten Winter gedacht hatte. Inbegriff des Kapitalismus. In dieser moraltriefenden Geschichte jene Figur, die auf der richtigen Seite steht.
Noch heute identifiziere ich mich mit der Grille. Wie sie habe ich eine Affinität zu Kunst, zu Schöngeistigem, zum Denken und Spinnen, zu Literatur und Schriftstellerei, zu Ausdruck, Weben und Genuss, kurz zum gegenwärtigen Sein. Schon nach Ende meiner Ausbildungen habe ich immer nur Teilzeit gearbeitet, auf die Karriereleiter verzichtet, kaum was auf die Seite gelegt und die freie Zeit für Kreatives als meinen großen Reichtum betrachtet. Meinen Ameiseneltern und ihrem Erbe verdanke ich es wohl, dass ich nicht verarmt bin. Alle stehen wir auf der richtigen Seite.
Es gibt für jedes Problem eine Lösung!, hat mir mein Vater mit auf den Weg gegeben. Bloß nicht aufgeben.
Auch Grillen müssen leben!, denke ich.
Und wenn Grillen und Ameisen miteinander teilen, was sie haben und was sie können, besteht Hoffnung – für beide Seiten.
(Notiz an mich: Eine Ameise! Wo ist meine Ameise? Ein Königreich für eine Ameise!)
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Heute habe ich diese alternative Version aus dem Netz gefischt:
„Es war einmal eine Grille, die das Leben liebte und mit ihren Freunden viel Spaß hatte. Diese Grille war durchaus bereit, eine ihr gemäße Arbeit anzunehmen, aber es stellte sich heraus, dass keiner der vielen Arbeitsplätze, die ihr angeboten wurden, für sie zumutbar war. Die Arbeitsagentur bestätigte sie in dieser Auffassung. Mit Verachtung blickte die Grille auf eine ihr bekannte Ameise, die sich bedenkenlos von den Kapitalisten ausbeuten ließ, und dies für eine Hand voll Euros. Die Grille zog es vor, ihre Zeit den schönen Dingen des Lebens, wie Wein, Weib und Gesang, zu widmen.
Es kam der Winter und die frierende Grille berief eine Pressekonferenz ein, in der sie zu wissen verlangte, ob es mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit vereinbar sei, dass die Ameise ein großes beheiztes Haus hat und Nahrungsvorräte im Überfluss, während andere in der Kälte litten und hungerten. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigte Bilder der fröstelnden Grille und in starkem Kontrast dazu Aufnahmen der Ameise in ihrem gemütlichen Heim vor einem Tisch voller Speisen. Führende Kommentatoren der Tagespresse zeigten sich schockiert über diesen krassen Gegensatz und fragten: „Wie ist es möglich, dass in einem so reichen Land so viel Armut zugelassen wird?“
Der Fall erregte landesweite Aufmerksamkeit und bald schaltete sich NEID (Nationale Einheitsgewerkschaft der Insekten Deutschlands) ein, deren Vertreter in einer populären Talkshow darauf hinwies, dass die Grille, die unübersehbar eine grüne Körperfarbe hat, das Opfer einer bisher schon immer latent vorhandenen Grünenfeindlichkeit geworden ist. Bekannte Persönlichkeiten der Popmusik gründeten die Initiative „Rock für Grün“ und alle Welt war gerührt, als ein von der britischen Königin geadelter Popstar auf einem Konzert dieser Bewegung das eigens für diesen Anlass komponierte Lied „It’s Not Easy Being Green“ anstimmte.
Sowohl Vertreter der Regierungs- als auch der Oppositionsparteien nutzten jeden öffentlichen Auftritt, um ihre Warmherzigkeit und ihr Mitgefühl zu zeigen, indem sie erklärten, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun würden, um der armen Grille ihren gerechten Anteil am allgemeinen Wohlstand zu verschaffen, dass die hartherzige Ameise es lernen müsse zu teilen und dass Einkommensunterschiede immer ein Ausdruck von Ungerechtigkeit sind.
Die Bundesregierung, der von Journalisten immer wieder vorgeworfen worden war, dass sie dieses brennende Problem aussitzen wolle, zeigte ihre Handlungsfähigkeit und legte im Bundestag ein „Gesetz zur wirtschaftlichen Gleichstellung grüner Insekten“ vor, das Ameisen mit einem Solidaritätszuschlag auf deren Einkommensteuer belegte. Dieser Gesetzesvorschlag wurde von allen Parteien des Bundestages angenommen. Von nun an lebten alle Mitglieder der Volksgemeinschaft in mitfühlender Geschwisterlichkeit und niemand störte es, dass aus unerklärlichen Gründen die Wirtschaftsleistung des Landes von Jahr zu Jahr zurückging.“








