Geschiebe #2

Wie ich nachts grüble, wachliege und versuche mich zu entspannen, geht mir die Sache mit dem Passwort durch den Kopf. Jedes meiner drei Mailaccounts hat genau zwei PW, eins für die Anmeldung im Mailprogramm – der Schlüssel zum Briefkasten hinter der Haustüre sozusagen – und eins, falls ich meine Mails unterwegs auf einem andern PC abfragen will. Jenes zweite Passwort ist quasi der Schlüssel zur Haustüre selbst.
Warum ich gestern mit dem dritten Mailaccount solange rumgewurstelt habe, ist, weil ich mit dem Haustürschlüssel den Briefkasten öffnen wollte und viel zu lange den Irrtum nicht bemerkt habe.
Nein, eine Moral von der Geschicht erzähl ich hier nicht.
Grad trink ich meinen Frühstücksyogitee und lese auf dem Beutelanhängedingsbums: Nur deine Erfahrung gehört dir. Jep. Und die teil ich gerne.

Geschiebe #1

Meine Nerven! Siebzehn nach Mitternacht hab ich endlich das Postfach ausgefegt und alle überflüssigen Altlasten entfernt. Alle Mails sind feinsäuberlich in Ordner abgelegt. Ich habe Übersicht geschaffen. Puh. Das Kissen ruft. Doch noch lauter schreit mein Blog: Schreibe! Natürlich gehorche ich ihm. Mein Blog weiß schließlich, was sich gehört.
Gestern hat mein drei Jahre alter Laptop, der mich bis jetzt noch nie im Stich gelassen hat, genau dies getan: mich im Stich gelassen nämlich. Auf einmal, es war kurz vor Mittag, fraß das Teil keinen Strom mehr übers Kabel. Es ignorierte, dass es mit dem Stromnetz verbunden ist. Warum mir das irgendwie bekannt vorkommt, kann ich mir nicht wirklich erklären. Was ich auch versuchte – Aus- und Einstöpseln aller Kabel sowie Neustart –, nix half: Mein Laptop verweigerte die Nahrung. Zum Glück war sein Akku randvoll. Vollgefressen streckte mir also mein Zweitliebster die Zunge raus und auch mein Allerliebster wusste sich keinen Rat. Er meinte, dass es wohl eher nicht am Ladedingsbums liege, sondern im Teil drin etwas nicht mehr richtig ticke.
Okay, doch was tun? Logisch: Daten sichern, solange es noch vollgefressen ist, das Tierchen, und sich Infos rauskitzeln lässt. Backups wollte und sollte ich eh längst machen. All die Texte, Artikel, Bilder und Tagebucheinträge! Gerade als ich die letzten Bilder auf die extraterrestrische Platte geschoben, geschubst und gezerrt hatte, stirbt das Teil. Auf dass es bald wieder belebt werde …Ein Winterschlaf, wer weiß das schon?
Nun mühe ich mich auf meinem alten Teil ab, das diesen Frühling – dank D. – seine Wiedergeburt feiern durfte. Abmühen tu ich mich primär mit Aktualisierungen aller Art, allen voran mit meinen beiden Mailprogrammen, die meine drei Mailkonten verwalten und die in der Zwischenzeit neue Zugangswege bekommen haben. Siehe da: Viertel nach Mitternacht kommt die letzte Testmail rein. Sie sagt: Alles geht, alles fließt.
Sage nun bloß keiner und keine, dass die virtuelle Welt nicht ihrer ganz eigenen Magie gehorcht!

Von Schatten, Männern und Signalen

Wie wohltuend! Ein Wochenende ohne Ich-sollte-dochs. Ein Wochenende einfach nur zur Erholung. Wie es ganz normale Menschen tun.
Übermut kehrt zurück. Kreativität klopft an.
Auf dem Rückweg von einem unserer Kunstspaziergänge, die wir dieser Tage nicht lassen konnten, sprachen wir darüber, dass iPhoneographInnen eigentlich immer und überall schöpferisch tätig sind. Sein können. Wenn sie wollen. Und wir wollten. Zumal es das Wetter ja auch super mit uns meinte.
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Der Mann, der langsamer ist als sein Schatten

Das Verkehrssignal, das träumte, ein Mann mit einem Bein zu sein

Der Mann, der träumte, ein Verkehrssignal zu sein

Pseudoschloss nur,

… doch das hier schließt richtig!

4004 – nicht mehr und nicht weniger!
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alle Bilder: iDogma-Art
1-3: bearbeitet und montiert
4-6: Rohkost

jetzt und immer

Wenn ich wie jetzt so dasitze – am Wohnzimmertisch in der warmen Stube –, denke ich: So könnte es eigentlich immer sein.
Wenn ich wie gestern Abend mit sympathischen, inspirierenden Menschen zusammen bin – mit den Frauen der neu ins Leben gerufenen Frauen-treffen-Frauen-Runde in meinem Wohnzimmer –, denke ich: So könnte es eigentlich immer sein.
Wenn ich alleine bin, alleine Auto fahre, alleine spazieren gehe, alleine in meinen Gedankenräumen herumtanze, denke ich: So könnte es eigentlich immer sein.
Heute beim Spätstück mit meinem Liebsten, wie wir so vor uns hin murmeln und über dies und das philosophieren, denke ich: Eigentlich ist mein persönliches Lebensziel ganz einfach: Glücklich zu sein.
Einfach? Sobald es mir gelingt, mir selbst bedingungslos das Beste zu gönnen. Ohne jegliche Selbsteinschränkungen wie „ich darf doch nicht glücklich sein, solange andere leiden!“ Niemand hat etwas gewonnen, wenn ich nicht gut zu mir selbst schaue!
Laut gedachtes, das hier, Gedanken in Worte gepacktes Gespinst. Ich erhebe keine literarischen Ansprüche. Heute nicht. Zu viel ist in mir drin in Bewegung, zu viel beschäftigt mich. Meine berufliche Zukunft ebenso wie was ich heute noch alles tun werde. Tun? Lassen! Sein!
Einmal nichts zu tun ist gar nicht so einfach. Vielleicht sogar ähnlich herausfordernd wie glücklich zu sein. Beide übrigens irgendwie anarchistische Ansinnen. Ganz und gar unökonomische Ansätze. Wer glücklich ist, muss nämlich keine Lecks füllen, muss nicht konsumieren, ist immun gegen Werbeversprechen. Wer nichts tut ebenfalls, da er ja nichts tut, eben auch nichts konsumiert.
Nichts tun konkret: Putzen? Nö, heute nicht, heute nur tun, was das Überleben sichert. Kochen und Holz holen, damit wir nicht verhungern und erfrieren, ist erlaubt. Und Buch lesen auch, die Seele füttern. Bloggen. Und glücklich sein. Jetzt.

Der Anfang vom Ende – Akt 1

Neeeeinnnnn … , ertönt es vielstimmig. Mehr als dreißig Kinderaugen starren mich an. Eine Mischung aus Enttäuschung und Unglauben.
Dann komm ich auch nicht mehr hierher!,
sagt der elfjährige M., nachdem sich das kollektive Nein wieder gelegt hat. Das können Sie mir doch nicht antun!
Und wenn ich mich nun umbringe?,
sagt der zwölfjährige F.. Und später: Das war doch eben nur ein schlechter Witz, Frau M., nicht wahr. Ich meine, dass Sie gehen?
Wenn Ihnen Ihre neue Stelle nicht gefällt, kommen Sie dann wieder zu uns zurück?, fragt H., eine vorwitzige Elfjährige, die mich schon beinahe an den Rand des Wahnsinns getrieben hat.
Wieso gehen Sie denn überhaupt?, fragt der neunmalkluge, zehnjährige L. Ich druckse herum. Dass sich das schwer erklären lässt. Will nicht, dass die Kinder meinen, dass ich wegen ihnen gehe. Denn das ist es nicht. Ich gehe mir zuliebe. Weil ich etwas anderes brauche.
P., die Gruppenleiterin, die ich bereits heute Morgen per Telefon mit meinem bevorstehenden Rücktritt schockiert habe, drückt mich fest an ihr Herz. So, das musste jetzt einfach sein, sagt sie, nachdem wir uns kurz im Team – bevor die Kinder kamen – ausgesprochen haben. War hart, mein Rücktrittsgeständnis, härter als gedacht. Wie traurig meine Kolleginnen reagiert haben, ging mir echt unter die Haut. Umso schöner, von ihnen allen auch viel Verständnis zu spüren.
Noch zwei Wochen. Ich werde es schon schaffen und ich erlaube mir, die Rosinen meiner Arbeit zu genießen. Heute hat die Arbeit mit den Kindern nämlich richtig Spaß gemacht. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich kann ganz offen sein. Muss niemandem mehr etwas beweisen, am wenigsten mir selbst. Muss nicht mehr müssen. Darf dürfen.
So müsste es sein. So dürfte es sein, meine ich natürlich 🙂

Sandsteinweisheiten

Irgendwo in einem kleinen Dorf lebte eine Frau, die in ihrem Leben schon ganz viele Steine gesammelt hatte. Jeder einzelne Stein hatte eine eigene Geschichte, wie er irgendwann in ihr Leben gekommen war. Einige Steine hatte sie selbst gefunden und nach Hause getragen, andere waren ihr von Freunden als Geschenk überreicht worden. Wieder andere waren schon lange vor ihr da gewesen. Genau da, wo später ihr Haus gebaut worden war. Doch wenn wir genau sein wollen, waren eigentlich alle Steine schon vor ihr da gewesen. Viel länger waren sie alle schon da, sehr viel länger. Vielleicht deshalb mochte die Frau ihre Steine so sehr. Zugegeben, es ist anmaßend, Steine als Besitz zu sehen. Das wusste die Frau und deshalb behandelte sie die Steine auch mit sehr großem Respekt.
Da lagen also überall in ihrer Wohnung Steine herum, Sandsteine einträchtig neben schlichten Kieselsteinen, Granitbrocken neben Edelsteinen und Versteinerungen neben erstarrten Lavaklumpen. Steine seien irgendwie weise, sagte die Frau eben zu ihrer Freundin, mit der sie Tee trank. Steine hätten schon alles gesehen. Den Anfang der Welt hätten sie miterlebt und sie würden auch noch da sein, wenn wir Menschen längst wieder vergangen seien.
Weise?, fragte sich ein kleiner Sandstein, den die Frau letzte Woche auf einem Spaziergang aufgehoben hatt. Er lag direkt an der Sonne, auf dem Fensterbrett. Von seinem Platz aus konnte er alles sehen. Und alle. Wie schön es hier war! Dass es so viele andere Steinarten gab, hatte er nicht einmal geahnt. Steine mit allen möglichen Mustern, in allen Schattierungen, Farben und Texturen. Wie schön sie alle waren! Zum Glück sah niemand zu ihm hin. Der kleine Sandstein konnte sich keinen Reim darauf machen, warum er hier war. Warum er mitten unter diesen wunderschönen Steinen sitzen durfte. Schließlich war er ja nur ein kleiner Sandstein. Ein paar Sandkörner, die vor unzähligen Jahren zufällig auf Quarz getroffen und sich durch ein paar weitere ebenso zufällige Begebenheiten mit diesem verkittet hatten.
Im Berg, wo er sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, waren übrigens noch ganz viele von seiner Sorte. Eines Tages als Menschenkinder in seiner Nähe herumgetollt hatten, waren einige von ihnen heraus gepurzelt. Lustig war das gewesen. Zuerst. Doch schon bald war es langweilig geworden. Am Boden liegend hatte er keine so gute Aussicht mehr gehabt wie zuvor in der Felswand. Sein Leben war irgendwie sinnlos geworden. Bis sie gekommen war, die Menschenfrau. Sie hatte ihn gefragt, ob er mit zu ihr kommen wolle. Zugegeben, das hatte ihm gefallen, und natürlich hatte er eingewilligt. Nun war er da. Inmitten all der Schönheiten. Am besten gefiel ihm der Stein dort drüben. Er glänzte, seine Oberfläche war anthrazitfarbig und er hatte viele verschiedene Einsprengsel, die je nach Tageszeit hell oder dunkel funkelten.
Hart wie Granit sollte man sein, hatte jemand von den anderen Steinen geflüstert. Vielleicht war es sogar der kleine, grüne Edelstein gewesen, der sich manchmal ein wenig aufspielte. Er könne heilen, hatte er vorgestern behauptet. Und wenn!, dachte der kleine Sandstein. Aber du bist dennoch nicht so schön. Und schon gar nicht so schön hart wie der Granit da drüben.
Hart, ja, hart wäre er gerne, unser kleiner Sandstein. Nicht so weich, dass er immer darauf aufpassen musste, nicht kaputt zu gehen. Eingebettet in der Felswand war das kein Problem gewesen. Erst nachdem er herausgefallen war, fingen die Probleme an. Wenn die Frau das Fensterbrett abstaubte, nahm sie ihn ganz vorsichtig hoch und wischte die Sandbrösel unter ihm weg. Ich vergehe, dachte er jedes Mal. Ich werde immer weniger. Bald bin ich ganz weg. Und meine Teile werden überall verstreut sein. Ich bin viele, bestehe aus unzähligen Körnern und nur dem Quarzzement verdanke ich, dass ich überhaupt da bin. Noch da bin. Glücklicherweise gefällt mir wenigstens meine Hautfarbe. Immerhin etwas. Rötlich und hellbraun ist wirklich ganz in Ordnung. Doch ich wäre einfach zu gerne hart. Ganz hart. Wie Granit. Niemand könnte mir etwas anhaben. Niemand könnte mich einfach zerbröseln. Niemand würde über mich spotten. Hart sein ist alles! Für uns Steine ist das das Wichtigste überhaupt!
Während sich der kleine Sandstein mehr und mehr in etwas hinein steigerte, das sich schon bald nicht mehr bremsen lassen würde, fühlte er auf einmal, wie er aufgehoben wurde. Schon wieder abstauben?, fragte er sich. Das hat sie doch heute Morgen erst gemacht.
Schau!, hörte er die Stimme der Frau, dieses Kerlchen hier habe ich neulich im Steinbruch drüben gefunden. Er lag auf einmal vor meinen Füßen. Fast wäre ich weitergegangen, doch ich konnte nicht anders. Ist er nicht wunderschön? Mir gefällt, dass er so fein, weich und zerbrechlich ist. Er fällt beinahe auseinander. Eigentlich ist er wie ich. Wie gerne wäre ich manchmal so hart wie der Granit dort drüben. Dann schaue ich mir diesen Stein hier an und denke: Es ist gut, so zu sein wie ich bin. Weich. Porös. Durchlässig. Zerbrechlich. Ich bin so. Sinnlos Granit sein zu wollen. Granit hat es genug auf der Welt. Aber wir Sandsteine sollten uns nicht mehr länger dafür schämen, dass wir Sandsteine sind. Diese Welt braucht uns …
Behutsam hatte sie den rotbraunen Stein wieder aufs Fensterbrett gelegt. Sie spazierte mit ihrer Freundin durch die Wohnung und ihre Stimmen wurden leiser. Auch unser kleiner Stein war ganz still geworden. Und ein klein bisschen größer geworden war er auch, innen drin auf jeden Fall.

was mich nährt

Letzten Donnerstag, genau also vor einer Woche, habe ich eine wirklich wunderbare Erfahrung machen dürfen.
Männer, jetzt bitte kurz weghören, ähm weglesen. Das hier versteht ihr nämlich nicht, nicht wirklich.
Mit Freundin M. war ich bei Franziska Schi. im St. Galler Frauentempel. Ich darf darüber einen Artikel, einen Erfahrungsbericht für „meine“ Zeitschrift schreiben. Nichts lieber als das! Beschreiben lässt sich zwar schwer, was wir zwölf Frauen da gemeinsam erlebt haben. Diese Atmosphäre! Ein Bad in Rosenduft und Kerzenlicht. Singen zur Shrutibox. Wie gut das getan hat, der Stimme auf diese Art Raum zu geben!

Der ganze Abend war so farbig, unglaublich nährend, berührend und ist von Herzen jeder Frau zu gönnen. Natürlich und eigentlich auch jedem Mann.
Doch die haben ja meist etwas andere Vorlieben. Ihr wisst schon: auf Löcher, Tore und Mücken zielen und so. Zugegeben, das verstehen dafür wir Frauen nicht. Jedem Tierchen eben sein Pläsierchen.
Letzte Woche, in Winterthur, kamen Irgendlink und ich im gastlichen Winterthurer Garten in den Genuss eines spontanen kleinen Openair-Konzerts. N. spielte Gitarre, R. seine Hang. Dieses Instrument wird in der Schweiz hergestellt, leitet seinen Namen vom berndeutschen Wort Hang für Hand ab und wird mit ebendieser – allerdings mit zweien – gespielt. Klingen tut das so:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=mS8eipuXYWg]
Zum Thema habe ich hier eine wunderbare Website gefunden. Davide Swarup ist wahrlich ein begnadeter Hang-Spieler. Seine Musik ist äußerst inspirierend für mich. Besonders beim Schreiben des neuen Artikels über den Frauentempel bei Franziska.

Urinstinkte

Als ich diesem Wort, ich war vielleicht neun oder zehn Jahre alt, das erste Mal begegnet war – vermutlich in einem der Erwachsenenbücher, die unser Büchergestell dank eines Buchclubabonnements dekorierten, zu dem sich meine Eltern, die beide kaum Bücher lasen, von einem Vertreter hatten überreden lassen –, hatte ich Urin stinkte gelesen.
Das ist ja falsch!, dachte ich damals, richtig muss da stehen: Urin stank. Die eigentliche Bedeutung erschloss sich mir erst beim nochmaligen Lesen der Passage. Zumindest theoretisch.
Instinkte – jede hat sie, kaum eine denkt mit zehn darüber nach. Instinkten verdanken wir, die wir leben, dass wir noch leben. Der erste Schrei nach Milch – nichts anderes als Instinkt, ein Urinstinkt. Natürlicher Trieb. Eine Verhaltensweise, die ohne reflektierte Kontrolle abläuft, steht bei Wiki. Zum einen sind dies Verhaltensweisen, die vollkommen ohne Erfahrung schon beim erstmaligen Ausführen beherrscht werden, zum anderen aber auch solche, die durch Erfahrung erworben wurden, sagte Darwin. Doch als zehnjährige hatte ich einfach ein neues Wort gelernt und meiner noch fast leeren Biofestplatte hinzugefügt.
Was ich mit zehn noch nicht wusste, ist, dass sich Instinkte auch ignorieren lassen. Jenen Instinkt, so gut wie möglich für sich selbst zu sorgen und sich das Bestmögliche zu gönnen, zum Beispiel. Kann so rum auch Selbstsabotage genannt werden. Opferhaltung ist ihre Schwester. Na ja, darüber habe ich damals nicht nachgedacht. Ganz viel wusste ich damals nicht. Und ganz viel weiß ich auch jetzt noch nicht. Doch immerhin erkenne ich heute Zusammenhänge. Und ich stelle fest, dass ich meinen Instinkten wieder mehr traue, selbst wenn sie meinem Kopf zuweilen widersprechen.
Konkret: Meine neue Arbeitsstelle, bei der ich mich die letzten zwei Monate täglich gefragt habe, wie ich da am besten wieder raus komme. Fluchtinstinkt. Bisher habe ich ihn ignoriert, habe ihn schweigen geheißen, habe weggeschaut. Keine Zeit zum nachdenken. Muss ja arbeiten. Und schlafen (was kaum ging). Um wieder arbeiten zu können.
Bis vor zehn Tagen. Ferien sind wirklich eine gute Sache! Endlich habe ich wieder Zeit und Raum für mich. Und ich kann wieder gut schlafen. Keine Alpträume mehr.
Instinkt trifft auf Vernunft. Bauch trifft auf Kopf.
Instinkt sagt: Schau, jetzt geht es dir wieder gut. Diese Arbeit ist Gift für dich!
Kopf sagt: Kannst da nicht weg, brauchst doch das Geld.
Stimmt!, sage ich. Beide habt ihr Recht!
Mein Überlebensinstinkt siegt. Ich werde mir kündigen lassen, habe ich gestern entschieden. Der Felsbrocken, der mir in diesem Moment von Schultern und Herz gepoltert ist, ließe sich in Deutschland glatt als Berg verkaufen.
Und jetzt? Ich war draußen und habe Holz geholt. Mein Ofen singt, das Holz knackt. Ich hacke Kleinholz zu Spänen. Trage Kürbisse in den Keller. Koche Suppe, später. Schreibe an meinem Manuskript weiter. Trinke Tee. Fülle die Anmeldung für eine Gruppenausstellung in Mainz aus. Schreibe Bewerbungen für eine neue Arbeitsstelle, die besser zu mir passt. Ich sorge gut für mich. Und ich vertraue auf meine Instinkte.
Es ist warm und behaglich in meiner Künstlerinnenbude. Für Wärme zu sorgen ist bestimmt auch irgend so ein Urinstinkt, da bin ich fast sicher.

Reiseerkenntnisse

Irgendwie wäre es richtig toll, wenn ich immer einen Rechtschreibe-Duden dabei hätte, sagte ich letzten Montag auf der Fahrt in die Schweiz. Irgendlink saß am Steuer und konzentrierte sich auf die Straße. Ich hätte immer etwas zu lesen, weißt du, erklärte ich. Alles da. Jedes Wort.
Alle Bücher deutscher Sprache bestehen einzig aus seinem gewichtigen Inhalt,
sagte J.
Weißt du was? Ich könnte eigentlich mithilfe des Rechtschreibe-Dudens meine nächste Geschichte schreiben.
Du hast etwas vergessen,
sagte J.. Da gibt es nämlich ein Problem, ein großes sogar: das Copyright! Du weißt doch, dass Abschreiben verboten ist!
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Was meinst du, fragte ich später, sind meine orthopädische Einlagen wohl eher Brillen oder eher Zahnspange für meine Füße?
Keine Ahnung,
sagte J., der auf seinem iPhone Bilder bearbeitete, während ich uns durch die Landschaft Richtung Winterthur lenkte.
Wenn ich es mir so überlege … eigentlich ist jeder Mensch irgendwie Brille oder Zahnspange für seine Mitmenschen, sofasophierte ich weiter.
Oder eine Dialyse, meinte mein Liebster.
Wie wäre es mit einem Herzschrittmacher?, sagte ich.
Noch besser: ein Nierentransplantat!, sagte er.
Wir sitzen eben alle im gleichen Boot, pardon, im gleichen Auto … 🙂