Der Sommer ist endgültig vorbei. Seit gestern Morgen ist es merklich kühler. Schon am Donnerstagabend, als ich mit meiner Freundin M. in St. Gallen war, setzte ein leichter Regen ein. Nachts, mit den Rädern vom Bahnhof nach Hause, regnete es ebenfalls und wir kamen schlotternd zuhause an. J. saß mit Fieber im Wohnzimmer und las. Ich stürzte aus den nassen Kleidern in den Pyjama und bald war mir warm.
Wie viel wir bereits erlebt haben! All die vielen Begegnungen! Das Bad im Pfäffikersee mit M., S. und M. Das kleine Spontankonzert im Garten von N. und R. – eigens für uns. Der Besuch bei B., Z. und Little-B.. Reiche Begegnungen. Geborgenheit. Zuhause-Gefühle. Ein kleines Schaudern taucht immer wieder auf, wenn ich an mein neues Zuhause denke. Werde ich mich dort eines Tages auch so zuhause fühlen wie hier, inmitten Gleichgesinnter?
Die Reise nach Bern verlief stressfrei, doch mein Liebster musste sich hinlegen, sobald wir in Freundin A.s Wohnung angekommen waren. Wie lieb von ihr, dass wir bis morgen einfach ihre übers Wochenende leere Wohnung bewohnen dürfen! Katze füttern als Gegendienst. Wie schade aber auch, dass sie nicht da ist!
Wir haben gut geschlafen. Neuer Mut erfüllt mich, obwohl nun auch mein Hals kratzt. Heute ist heute, sage ich mir, ich lebe immer nur im Jetzt und wozu soll ich mir Sorgen um eine Zukunft machen, die ich nicht kenne? Fatalistisch? Stimmt.
Heute Morgen, noch in A.s wunderbarem Bett, mit J. über das Rad der Zeit geredet. Dass eigentlich alles gleichzeitig ist, sagte ich. Tagsüber sind wir alle wie Zahnräder, die mit den benachbarten Zahnrädern im Gleichtakt drehen. Nachts, wenn das Getriebe ruht, fallen wir aus dem Kontext und alles ist möglich. Sommerland. Das Land unter oder hinter der Alltagswachheit, das Land der Träume und der Phantasie. Ein Vorhof zum Jenseits. Die Rädchen, die wir sind, rollen hier frei und kennen keine Grenzen, weder von Zeit noch von Raum. Deshalb sehen wir zuweilen Dinge, die – chronologisch gefühlt und gesprochen – bereits vergangen sind. Oder die erst kommen. Das ist übrigens auch meine Erklärung für mediale Phänomene: Ein Medium ist ein Mensch, der geübt darin ist, das Räderwerk von Zeit und Raum bewusst zu verlassen und achtsam das grenzenlose Jenseits zu betreten. Der offene Vorhang: Wer ihn einmal offen sah, wird nie mehr gleich sein wie zuvor. Das irdische Leben ist danach nicht einfacher. Dennoch bereue ich nicht, dass ich dahinter gesehen habe.
Jetzt, hier, ja sagen zum Kranksein, zur Schlappheit, dankbar für die warme Wohnung. Es ist, wie es ist. Nicht hadern.
Genau jetzt blinzelt die Sonne durch die Regendecke da draußen.
Jahr: 2011
Nadelöhr
Ich halte diese Enge, die immer entsteht, bevor etwas voran geht – aktuell bevor wir morgen losfahren – grad nur schwer aus. Listen liegen herum, für C. dies und für M. jenes einpacken. Klar freue ich mich riesig auf unserer Reise in die Schweiz. Wir werden schließlich ein paar meiner Lieblingsmenschen treffen. Die meisten habe ich seit dem Frühling nicht mehr gesehen. Und am Donnerstagabend werde ich an einer Veranstaltung teilnehmen, über die ich schreiben werde. Für meine Zeitschrift. Ein Auftrag. Futur I.
So weit so gut, Grund zur Freude. Futur I? Präsens?
Fakt ist, dass meine Erschöpfung heute die Talsohle erreicht hat. Präsens. Will heißen, ich hoffe, dass es nicht mehr tiefer geht. Ich fühle mich einfach nur erschöpft und müde. Menschenmüde vor allem, diedeckeüberdenkopfziehenwollend sozusagen. Darum schwingt neben der großen Vorfreude auf meine Freundinnen und Freunde in der alten Heimat auch ein wenig Angst mit. Präsens. Dass es zu viel sein wird. Dass wir zu viele Termine abgemacht haben. Dass es stressig wird. Dass … Futur I.
Nein, Sorge auf Vorrat bringt nichts. Die Abwechslung wird gut tun. Wenn wir endlich losfahren, wird die Schwere von mir abfallen. Futur I.
Der Augenblick allein zählt – oder wie war das gestern gleich noch? Geht es vielleicht schlicht darum, nichts mehr zu hoffen und zu erwarten und deshalb, und genau jetzt, glücklich zu sein? (Zitat J.) Präsens.
Ob ich die nächsten sechs Tage von unterwegs bloggen werde? Keine Ahnung. Ich werde dem Lustprinzip frönen. Präsens und Futur I.
Winkewinke schon mal 🙂
besser
Nach einem abwechslungsreichen und arbeitsintensiven Samstag musste J. gegen Abend noch zum Baumarkt. Staubmasken für die laufenden Renovationsarbeiten da und dort standen ganz zuoberst auf der kleinen Liste, die sich – wüsste ich nicht Bescheid – ein wenig wie die Einkaufsliste eines Bankräubers anhörte. Ich hatte mich eben müde mit einem Norwegenkrimi aus der Bibliothek an die Sonne gesetzt und genoss das letzte Himmelsglühen der untergehenden Sonne. Vor mir der Garten, üppig und reich. In mir endlich mal wieder eine Ahnung von Ruhe. Dankbarkeit. Freude über den Augenblick.
Tschüss, bis gleich!
Kaum war der Liebste losgefahren, befiel mich die Lust, uns köstlich zu bekochen. Ich erntete Lauch, Fenchel, Tomaten, gelbe Kugelzuchini, Paprika und Auberginen und verwandelte das meiste davon in ein üppiges Ratatouille. Den Fenchel, zusammen mit Kartoffeln und Karotten aus dem Vorrat, verzauberte ich in ein göttliches Gratin.
Da hast du dich mal wieder selbst übertroffen!, meinte Irgendlink, als er sich zum dritten Mal nachschöpfte. Schöner Mist eigentlich, wenn ich es mir so recht überlege, denn jetzt kann eigentlich nichts besseres mehr kommen.
Warum müssen wir uns eigentlich immer selbst übertreffen?, fragte ich. Könnten wir wohl mit einem gleichbleibenden Status leben? Sogleich fiel mir der Abschiedsbrief einer Frau ein, die sich das Leben genommen hatte. Sie hatte geschrieben, dass sie die Hoffnung auf etwas Gutes, das noch kommen könnte, verloren und sich darum für diesen Weg entschieden habe.
Müssen wir, um am Morgen motiviert aufstehen zu können, ja, um überhaupt unser Leben leben zu können, etwas zukünftiges haben, auf das wir hoffen und worauf wir hinleben können: eine bessere Zukunft, eine Vision, der Wunsch, der Nachwelt etwas zu hinterlassen?
Oder geht es vielleicht schlicht darum, nichts mehr zu hoffen und zu erwarten und deshalb, und genau jetzt, glücklich zu sein?, sagte J.
Mit vollem Bauch lässt es sich wahrlich gut sofasophieren …
innen
Gestern hatte ich mir nur einen einzigen Satz ins Blog geschrieben und unter privat gepostet: Heute bin ich eine Scherbe … Gestern. Gestern ist Vergangenheit. Scherbe sein ist anstrengend. Doch Scherbe sein ist Realität. Alltägliche. Alles ist Bruchteil. Teil vom Ganzen.
Gestern diese starke Wahrnehmung meiner Dünnhäutigkeit und geringer Belastbarkeit.
Wie als Echo darauf habe ich heute im Spiegel-online über die Hochsensibilität, derer ich mir ja schon seit viereinhalb Jahren bewusst bin, diesen Artikel hier gelesen: www.spiegel.de/panorama/gesellschaft Gut so! Nun hat es also auch der Rest der Welt begriffen: Es gibt die einen und es gibt andere.
Heute? Heute bin ich … Eine Blume vielleicht? Eine Sonnenblume, die sich freut, dass sie nun vierzehn und ein paar Tage mehr Zeit hat, nur der Sonne zuzulächeln und ihren Hals nach deren Licht zu wenden. Ihr Innen nach innen und ihr Außen nach außen drehen. Zurechtrücken, zurecht schütteln. Alles so, wie sie es will, die Blume. Sie hat Ferien.
Innen-innen will ich mir begegnen, nicht mehr nur in diesen lärmigen Außen-Innenräumen hängenbleiben, die mich irgendwie ausdörren und aushöhlen zugleich.
Was ich finden werde? Keine Ahnung. Bis jetzt weiß ich nur eins: Mein Innen-innen hat ganz gewiss keine Regale.
Spuren finden
In der neuen Ausgabe der Schweizer Zeitschrift Spuren zum Thema ver-rückt fand ich ein paar geniale Artikel. Zu erwähnen ist ein Gespräch mit dem Psychotherapeuten Theodor Itten, der, zum Thema Normalität befragt, erzählt:
Wir können von einer Normalitätsglockenkurve sprechen, das ist jene statistische Figur, die beispielsweise entsteht durch die Verteilung von gleichmäßig nach unten fallenden Sandkörnern. In der Mitte haben wir die höchste Erhebung. Der Berg ist die Normalität, die Ränder links und rechts sind die Abweichungen. Doch was passiert, wenn wir die Ränder, die sich außerhalb der Norm befinden, wegnehmen, um sie der Mehrheit in der Mitte zuzufügen? Sogleich rutschen Sandkörber aus der Mitte nach und füllen die Lücken. Das heißt, die fünf bis zehn Prozent an den Rändern stützen die Norm.
Das Bild ist klasse. Macht wunderbar Mut zum anders sein! Was wäre eine Gesellschaft ohne uns SpinnerInnen?
Auch andere, die in dieser Spuren-Nummer zu Wort kommen, beeindrucken mit Bildern, die sich in mir festsaugen. Der Holzbildhauer Erwin Schatzmann sagt:
Gemäß dem Grundsatz, dass falsch nicht sein kann, was alle tun, gilt der tägliche Wahnsinn als nicht verrückt. Die großen Fehler unserer Zeit werden nicht von einigen wenigen, sondern von der großen Mehrheit begangen. Das bewirkt, dass dagegen nichts auszurichten ist, da die Mehrheit sich selbst nicht anklagt und politisch sich keine Mehrheit gegen etwas findet, was die Mehrheit tut. (…) Nicht durch Verbrecher, sondern durch das Gesetz wird das Unheil vollzogen. (…) Es gibt gute und schlechte Spinner. Der schlechte verheddert sich in seinem Gespinst, verstrickt sich in einem Gewirr von Fäden und kommt schließlich zu Fall. Der gute Spinner aber folgt einem Faden, den er nicht verliert und den er sauber auf eine Spule aufwickelt. Damit kann er oder ein anderer Kleider weben für sich und die ganze Welt. (…) Mit dem Regenbogen ging es mir so. Ich wollte auf ihn raufklettern, sah mich bereits schon auf ihm. (…) Aber immer war er weg oder löste sich gar ganz auf. Inzwischen habe ich begriffen: Nirgends ist der Ort des Regenbogens. Er ist immer dort, wo man nicht ist. Aber jeder Ort ist ein Ort für das Unfassbare. Sonne und Regenbogen sind nicht zu fassen und vielleicht gerade darum unfassbar schön.
Und so weiter. Das Heft ist ein richtiger Prachtsbaum im Blätterwald.
besser leben
Ich könnte besser leben, habe ich heute beim Lesen des eben erschienenen Spuren-Heftes Nr. 101 gedacht. Besser. Gesünder. Sinnvoller.
Wozu ich überhaupt lebe, frage ich mich nicht zum ersten Mal, wie ich da so im Wartezimmer des Orthopäden B. eine Antwort auf meine ständigen Fußschmerzen erhoffe. Lebe ich womöglich, um den anderen, die neben und mit mir unterwegs sind, ein paar Tipps zu geben? Tipps zum Beispiel, wie leben nicht funktionieren kann, denn da kenne ich ziemlich viele. Oder hilfreiche Tipps, wie A. sie zuweilen aus dem Rucksack zaubert. Immerhin hat sie mir geraten hat, hierher, zu genau diesem Orthopäden hier, zu gehen. Gut geraten. Was für eine schöne Praxis! Richtig angenehm, hell, luftig.
Besser und sinnvoller leben – wie das wohl geht?, sinniere ich, mir mit Schreiben die Wartezeit verkürzend. Oder will ich lieber erfolgreich leben? Was ist Erfolg überhaupt? Noch steckt mir das mulmige Gefühl in den Knochen, das ich heute Nachmittag, beim Lesen des Spiegel-Interviews mit Frau Chua hatte, der umstrittenen US-Chinesin, die ihre zwei Töchter zum Erfolg gedrillt hat. Über ihre fragwürdigen Ansichten zu Erziehung und Weltbild wurde schon viel geschrieben und geredet. Ich fokussiere darum nur einen kleinen Bereich des ganzen Themenkreises: Macht Erfolg glücklich? Und schon taucht sie wieder auf, die große Frage: was ist Erfolg überhaupt? Kann Erfolg auch das Gelingen von Herzensdingen meinen? JA, unbedingt. Gibt es eine allgemein gültige Definition? NEIN. Ist Glück gar eines der vielen Synonyme von Erfolg? …???
Besser leben … eigentlich ist aus meiner Perspektive ein besseres Leben primär an bewusstes, klares, absichtsvolles Sein, Lassen und Tun gekoppelt. An nährende Begegnungen. An Austausch. An Kreisläufe. Geben und nehmen, lernen, lehren, beobachten, wahrnehmen, be- und verarbeiten, ausdrücken.
Der Nussbaum macht es mir vor. Der Fluss auch, der See, das Meer. Kommen und gehen. Winziger Augenblick, bevor die Welle bricht. Winzige Stagnation, bevor alles von neuem anfängt. Der Punkt sei mehrdimensional, sagte gestern St., J.s Freund und Besucher aus Paris. Neueste Erkenntnis. Und bald werden wir die bis dahin unglaubliche vierte, fünfte, zehnte Dimension entschlüsselt haben. Verstehen kommt wohl erst später. Oder nie. Intuition wird ein Name einer dieser noch ungezähmten Dimensionen sein.
Wäre es gar besser, nicht zu verstehen oder machen uns Erklärungen glücklich? Macht Wissen glücklich? Zu wissen, was meinen Füßen fehlt und dass mir Einlagen beim besseren Leben und Gehen helfen werden, ist doch schon ein erster Schritt. Der ja, so die Volksweisheit, der Anfang jeder Reise ist. Auch jener durchs Leben.
Bitte Backup erstellen
Wie gerne würde ich zwischendurch ein Backup meiner Innereien erstellen. Per Mausklick würden alle Gedanken – die ich mir wie die Bilder an der Wand unserer Ausstellungsraumes vorstelle – gescannt und abgespeichert. Ich könnte sie nach Bedarf einfach abrufen. Gerade jetzt, wo so viele lose Fäden in meinem Kopf herumwirbeln. Sie einfach per Datenspeicherung auf meine biologischen Festplatte bannen zu können, wäre wirklich genial.
So aber muss ich mit Notizzetteln vorlieb nehmen oder zwischendurch ein paar Stichworte ins iPhone tippen. Stichworte, die mir später kaum mehr etwas sagen. Oder die ich nicht mehr entziffern kann. Kaum fange ich zu notieren an, lösen sich die inneren Notizen auch gleich schon auf und der Zettel bleibt nach den ersten Sätzen einfach leer.
Bin ich wirklich und wenn ja, wer?, grübelte ich neulich, ausgelöst durch einen Blogcomment von Irgendlink bei AxeAge. Einer der besten Blogkommentare übrigens, den ich je gelesen habe. Bin ich gar mehrere, wie Pessoa* schreibt, oder bin ich nur dann, wenn ich von anderen gesehen und bestätigt werde? Und die anderen – sind sie nur durch mich? Wie viel Narzissmus, wie viel Selbstdarstellung braucht ein Mensch? Und wie viel Selbstachtung und Selbstliebe?
Schnitt.
Neulich habe ich mich im Gespräch mit J. über eine Kollegin zu folgendem Satz verstiegen:
*ironiemodusein* Ich glaube, ich werde sie in eine meiner Geschichten einbauen. Dann hat sie wenigstens nicht umsonst gelebt. *ironiemodusaus*(ja, so böse bin ich manchmal auch …)
Schnitt.
Gestern am Hochzeitsfest von B. und J. mit anderen Gästen über die Möglichkeiten der iPhonekunst diskutiert. Auf einmal steht ganz groß die Frage im Raum: Kann man heute einem Foto überhaupt noch trauen? Heute ist ja alles manipulierbar. Das Echte – die Sehnsucht nach ihr wird wiederkommen, sagt Gast M.. (Notiz an mich: Ist ein bearbeitetes/verfremdetes Bild tatsächlich weniger echt? Was ist überhaupt echt?)
Schnitt.
Ich entscheide mich, einer Person des öffentlichen Lebens zu glauben. Ich will die Aussagen, die diese Person gemacht hat, nicht anzweifeln, auch nicht dem Wahrheitsgehalt des Dokumentarfilmes, den sie gedreht hat. Will glauben, dass es so war, wie sie es darstellt. Warum? Weil ich den Sinn nicht einsähe, so etwas zu fälschen. Wozu auch. Okay, Manipulation ist überall. Leichtgläubigkeit ebenfalls. Ist deshalb glauben und vertrauen zu wollen grundsätzlich naiv? Nochmals: Was ist wirklich? Und nochmals: Bin ich wirklich und wenn ja wer?
Bin ich gar eine Romanfigur und lebe nur um dieser einen, ganz bestimmten Geschichte willen?
Besser als gar nichts. Das würde mir jedenfalls erklären, warum sich meine eigenen Romanfiguren zuweilen selbständig machen.
*Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.
(aus: Fernando Pessoa, “Livro do Desassossego”, Aufzeichnung vom 20.12.1932)
Haltebucht
Anhalten und aussteigen. Dem Weg folgen, ein wenig, ihn
verlassen. Eigene Wege gehen. Über Felder. Brach
liegen sie da. Erholen sich von der Ernte. Über
Wiesen gehe ich nun. Sonnenwarmes
Gras. Im Windschatten des
Maisfeldes lege ich mich
hin. Lasse mich fallen und meine Augen über
den Himmel spazieren. Tanke blau. Und grün. Die
Augendeckel werden schwer. Ich versinke tief in
die Arme von Mutter Erde. Geborgen. Getragen. Gestärkt
wache ich irgendwann wieder auf. Zurück aus der
Zeitlosigkeit, wo Vögel sich
austauschen, Selbstgespräche führen
vielleicht. Ganz weit weg das
Rauschen von Autos. Ich stehe auf. Füße
auf unebenem Boden
seufzen wohlig. Glück jetzt. Und jetzt. Jetzt auch.
—

—
Einsteigen. Nach Hause fahren. Zuhause ist überall
da, wo ich sein kann, die ich bin.
rückwärts schreiben
Gegen den Strom anfühlen. Über schönes schreiben – sollen-wollen jedenfalls – in dieser trüben Welt. Denn schönes ist immer irgendwo. Auch. Nicht immer nur schwarz. Die Dinge in den Dingen und dahinter von vielen Seiten betrachten. Wahrnehmen. Sinne öffnen. Neue Wörter finden für das Alltägliche. Wörter für Unbeschreibliches. Wörter für die Liebe. Und Wörter für die Schichten unter der Fassade.
Wenn ich diese Wörter hier lese, bereits jetzt, kaum geschrieben, Wörter, die sagen sollen, was ich spüre, stoße ich sogleich mit dem Kopf an. Grenzen ringsum. Fast als hätte ich ein Bild zu malen oder zu fotografieren, und stellte fest, dass mir entweder die entscheidende Farbe zu mischen nicht gelingt, oder dass mir das richtige Licht fehlt, um abzubilden, was und wie ich es mir vorstelle. Unzulänglichkeit in Bezug auf meinen Ausdruck, auf meine Ausdrucksmittel – eine Erfahrung, die mich immer wieder so hilflos macht. Tiefenschärfe – mal gelingt sie, mal nicht.
Ungeduld spüre ich, Ungeduld im Wunsch, Worte zu finden, um Erlebnisse auch für andere nachvollziehbar zu machen. Worte, die über eine einfache Beschreibung hinaus gehen. Worte, die fühlbar machen sollten, die konservieren könnten, was ich spüre, was ich wahrnehme.
Es ist dieser Wunsch, der mich das Schreiben als Ausdrucksmittel hat finden lassen. Dieser Wunsch ist es, der mich vorantreibt. Ein Wunsch, der mich so oft mit meiner Unzulänglichkeit konfrontiert.
Beobachten lernen, noch besser, noch sensibler, das ist der Weg, den ich gehen will.
ver-rückt irgendwie
Ich schaue mir selbst zu, wie ich schneller und schneller mein Alltagshamsterrad trete, wie ich temporeich von A nach C hüpfe – in Gedanken ebenso wie im reallen Leben – und wie ich kaum Pausen einlege …
Stopp, SoSo, das kann es nicht sein!
Selbst wenn es mir, wie jetzt, dabei gut geht und ich gerne lebe – sogar die Arbeit macht zuweilen Spaß! -, darf diese Tempo einfach nicht der Normalfall sein. Mit meinem Liebsten und mit Freundinnen habe ich dieser Tage verschiedentlich über das Übel der Teilzeitarbeit sofasophiert: Arbeitest du „nur“ in Teilpensen, sagte ich, klebt der Makel der Unvollständigkeit an dir und du suchst, wie ein Pilger die Absolution, nach einem Weg zur Vollständigkeit. Im meinem Fall sieht das so aus, dass ich, kaum zuhause, in einer beliebigen Ecke meines Lebens weiterarbeite. Haushalt oder Kunst ist dabei – zur Illustration meines Dilemmas – sogar einerlei. Der Motor kommt nie, außer Nachts, zum Stillstand. Schlafen tu ich gut. Immerhin. Intensiv träumend durchschreite ich meine Nächte.
Selbst jetzt, wo ich es mir am Ofen bequem gemacht habe, mit einem Buch auf dem Schoß, lese ich nicht, sondern blogge.
Blogito, ergo sum!, um J. zu zitieren, ich blogge, also bin ich.
Darum mach ich jetzt Feierabend. Wie wär’s denn mit einem guten Film, Liebster?