Können und nicht können

Kunst kommt von können. Doch können ist mehr als Kunst, können ist auch Macht. So ist zum Beispiel Holzhackenkönnen eine mächtige Kunst. Eine, die man zum Überleben auf dem einsamen Gehöft können sollte. Wie froh ich bin, dass es nicht mehr so kalt ist. Wir brauchen deutlich weniger Holz und können heute den Haupthahn wieder aufdrehen und schon bald das kühle Nass ohne Umwege über Bottiche genießen. Wohl wird es vermutlich in ein paar Tagen nachts wieder kühler, doch das interessiert uns heute nicht und morgen auch nicht.
Holzhacken gehört zu den vielen Künsten, die ich nicht beherrsche. Kleine Stücke hacken geht, aber so richtig und richtig gut kann ich auch die nicht. So müsste ich hier wohl erfrieren, wenn nicht der Liebste. Aber der liegt darnieder. Mit Magendarmgrippe, die ihn heute Nacht um vier niedergestreckt hat. Er liegt im Bett oder auf dem Sofa, trinkt Honigtee und Cola. Bouillon später. Er sagt wenig. Er mag nicht. Und er muss oft. Nun flüstert er mir zu, welche Wasserhähnen ich zuerst schließen muss, damit die Hauptleitung geöffnet werden kann und das Wasser schon bald fließen. Auch eine Kunst. Eine, die ich lernen kann. Das Wissen eines Eingeweihten, das soeben weitergegeben wird. Bauesoterisches Wissen, sozusagen, sorgfältig gehütet. Ich werde nichts verraten.
Mögen mich die Käfer verschonen. Noch summt zwar mein Kopf vom gestrigen Kopfweh und der Bauch murmelt aus Mitgefühl übellaunig mit, mehr nicht. Gut.

Rupert oder warum wir sehen, was wir wollen

Neulich habe ich den fünften Band der Galaxis-Trilogie von Doug Adams in die Finger bekommen und verschlungen. Das letzte Buch der Serie: Einmal Rupert und zurück. Das erste habe ich schon vor einiger Zeit gelesen und die drei mittendrin noch gar nicht. Was ich aber sicher nachholen werde.
douglas-adams-einmal-rupert-und-zuruck
Nein, warum Doug Adams‘ Bücher Kult sind, muss nicht erklärt werden, nur warum ich diese Geschichten so mag. Mich begeistert die geniale Mischung aus traditionellem englischem Lebensstil inklusive dazugehörigem knochentrockenem Humor, einem großen Quäntchen Lebensweisheit und diesem genial-schrägen Mix voller Außerirdikum. Einem sehr schrägen Mix, der mir außerordentlich gut gefällt – und das mir, die ich mit dem üblichen Sciencefiction-Kram sonst nichts am Hut habe.
Arthur Dent sucht im ersten Drittel des 5. Buches mal wieder seinen verschollenen Heimatplaneten und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Universum durch. Er landet schließlich auf einem der Erde ähnlichen Planeten, wo er, so verheißt es der Reiseprospekt, bei einem der vielen Weisen seinen persönlichen Ratschlag erhalten kann. Er findet nach einiger Suche eine alte Frau, die in einer stinkenden Höhle lebt und sich mit Fliegenklatschen die Zeit vertreibt. Alles stinkt und wäre Arthur nicht so sehr auf einen Tipp angewiesen, wie er den Rest seines Lebens irgendwie und irgendwo gut und sinnvoll leben kann, hätte er wohl aufgegeben. Er spricht sie zögerlich an. Sie bittet ihn – im Gegenzug für einen Ratschlag – darum, ihr dabei zu helfen, ihren Solardrucker aus der Höhle an die Sonne zu tragen. Danach druckt sie einen längeren Text für ihn aus und überreicht ihm diesen.

„Das wäre, ähm, wäre dann ihr Rat, ja?“, sagte Arthur, unsicher in den Kopien blätternd.
„Nein“, sagte die alte Dame. „Das ist meine Lebensgeschichte. Um die Qualität irgendwelcher Ratschläge, die man von irgendwem kriegt, richtig beurteilen zu können, muss man nämliche wissen, wie der Lebenslauf des Ratgebers aussieht. Also, beim Durchblättern dieser Unterlagen werden Sie sehen, dass ich alle bedeutenden Entscheidungen unterstrichen habe, um sie hervorzuheben. Sind außerdem alle in einem eigenen Verzeichnis ausgeführt und mit Kreuzverweisen versehen. Sehen Sie? Und ich rate Ihnen grundsätzlich nur Entscheidungen zu treffen, die das genaue Gegenteil von denen sind, die ich getroffen habe, weil sie dann wahrscheinlich Ihren Lebensabend …“ Sie verstummte kurz und füllt ihre Lungen mit Luft, um ordentlich brüllen zu können. „… nicht in einer stinkenden alten Höhle wie der hier verbringen müssen!“

(S. 112/113)
Später überlebt Arthur einen Raumschiffabsturz und wird Sandwichmacher auf einem Planeten, der ungefähr dem evolutionären Level unseres Mittelalters entspricht. Eines Tages, Arthur hat sich gut eingelebt, erscheint Trillian, die Weltraumjournalistin, die er bereits im ersten Band kennengelernt hat. Sie stammt ebenfalls von der verschwundenen Erde und bringt ihm, aus Sicherheitsgründen, ihre gemeinsame Tochter, von der Arthur Dent keine Ahnung hatte. Wie auch, denn das Mädchen hat Trillian mit Samen aus der Samenbank gezeugt, wo Arthur Dent – um seine vielen Raumschifffahrten bezahlen zu können –, argolos Samen hinterlegt hatte. Nun soll er seine Vaterpflichten erfüllen, denn bei ihm ist das Mädchen sicherer als bei der immer reisenden Mutter. Natürlich ist es dem Teeniegirl Random, von ihrer Mutter verlassen worden und bisher an Space und Speed gewohnt, im mittelalterlichen Dorf sehr bald langweilig. Eines Tages findet sie ein Paket, das ihr Vater Arthur für seinen alten Kumpel Prefect Ford aufbewahren soll. Sie packt es heimlich aus und findet darin eine neue, von den Vogonen hergestellte und manipulierte Version des guten alten interaktiven Reiseführers durch die Galaxis, den wir bereits im Band 1 kennenlernten. Der neue Führer manifestiert sich als allmächtiger Vogel. Hören wir doch einfach einmal zu, wie die beiden nachts in einer abgelegenen Höhle miteinander diskutieren. Es regnet und der Vogel-Führer lässt Licht in die Tropfen strahlen.

„Und was siehst du jetzt?“
Das Licht ging aus.
„Nichts.“
„Dabei tue ich genau das gleich wie vorher, nur mit ultraviolettem Licht. Du kannst es nicht sehen.“
„Und was soll das für einen Sinn haben, mir was zu zeigen, was ich nicht sehen kann?“
„Nur den, dir eines begreiflich zu machen, nämlich selbst wenn man etwas sieht, bedeutet das noch keineswegs, dass es auch tatsächlich vorhanden ist. Und wenn man etwas nicht sieht, bedeutet das keineswegs, dass es nicht vorhanden ist. Du siehst lediglich, was deine Sinne dich erkennen lassen.“

S. 204/205
Viel Spaß beim Selbstlesen!

Durchblick?

Da sitze ich also bereits zum dritten Mal im lokalen Optikerfachgeschäft und lasse mir meine neue Brille ausmessen, denn die alte zerfällt so langsam in ihre Einzelteile. Eine nette Optikerin misst die letzten Details wie Augenabstand, erkundigt sich nach Gläserqualität und notiert jetzt die einzelnen Preisdetails auf den Umschlag. Preis des Gestells. Preis der Gläser. Preis der Montage. Alles zusammenzählen kann sie nicht so schnell wie ich (obwohl ich auf dem Kopf stehend lese – die Zahlen, nicht ich …). Ich schlucke leer. Und innerlich stehe ich wirklich Kopf. Ich hätte das Geld, ja, ich habe ja ein bisschen was geerbt. Aber. Nein. Nein, das kann ich mir nicht leisten. Will ich nicht. Zumal ich ja nur noch bis Ende Monat Arbeitslosenuntetstützung bekomme. Achthundertfünfzig Stutz ausgeben für eine richtig gute, schöne und vor allem stabile Brille? Für eine Brille, die – so ähnlich – bei Stamm- und Billigoptiker F. höchstens dreihundert kostet? Ich winde mich. Ich schwitze. Ich sage, dass ich mir diese Brille nicht leisten kann. Dass ich nicht gedacht hätte, dass die Gläser so teuer sind. Und dass die Montage einzeln kostet. Dass … Ich will raus hier, nur raus. Ist das peinlich! Ich gebe der Optikerin ein Trinkgeld für die Beratung und fliehe.
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