Um den Kopf zu leeren und wieder für neue Eindrücke offen sein zu können, habe ich heute unterwegs auf der Autobahn E4 damit angefangen, Sprachmemos aufs Handy zu sprechen. Als wäre, was ich erlebe, was wir erleben, irgendwie wichtig. Aber es zeigte mir, dass Bloggen eine ziemlich gute Methode ist, Erinnerungsfäden zu legen, ein Gespinst, ein Gewebe zu schaffen. Als Vorrat für magere Zeiten. Jetzt bin ich froh drum, denn mit all den neuen Eindrücken verblassen die alten, die gestrigen bereits.
Gestern? Ewig lang her. Wie wir am Morgen den Camping in Oknö verlassen haben und keine zwei Kilometer weiter bereits wieder angehalten haben. Lang her. Dieser Badeplatz in einer dieser vielen Buchten voller Schären, jener kleinen Inseln, die wie grüne Haarschöpfe aus der Ostsee sprießen. Hier würden wir uns kurz abkühlen. Es war schon um die fünfundzwanzig Grad. Die Ostsee kühl, die kleine Erfrischung war dennoch genial. Sie hielt eine Weile vor, während wir bei steigender Temperatur wieder Richtung Autobahn fuhren. (Dass die schwedische Autobahn wie die bei uns in der Schweiz grün ausgeschildert ist, ist mir ja sympathisch.) Wie so vieles in Schweden. Ja, ich liebe dieses Land. Trotz allem, das ich inzwischen als eher lästig und unangenehm empfinde. Als ich vor neun Jahren das erste Mal, dazu allein, durch Schweden reiste, ahnte ich ja nicht, dass ich mich in dieses Land so verlieben würde. Es war eigentlich eher so eine Art Test gewesen: Kann ich alleine reisen?, war die eine Aufgabe. Antwort: Ja, ich kann. Die andere war: Wie fühlt sich dieses Land meiner Kindheits- und Jugendträume in echt an? Mag ich es auch in natura? Ja, ich mag es. Sehr sogar. Verliebt – ja, das trifft es gut. Diesmal, mein fünftes Mal, ist aus der Verliebtheit Liebe geworden, stelle ich fest. Was eben auch bedeutet, genauer hinzuschauen. Die rosa Brille auszuziehen.
Neben all der Schönheit, die ich sehe, immer gesehen habe, und die ich aufsauge wie ein Schwamm, die mein Herz nährt, die manchmal so atemberaubend ist, dass sie fast schmerzt, sind da eben auch Dinge, die ich bisher schöngeredet, ignoriert oder schlicht nicht wahrgenommen habe. Blinde Flecken. (Auf Twitter haben wir beide darüber schon geschrieben.)
Ohne Kreditkarte bist du in Schweden nämlich aufgeschmissen, praktisch illegal. Heute, in Uppsala, mussten wir erneut schwarz parken, denn auch unser Joker – die letzte noch ungestestete Karte, Irgendlinks Maestrokarte – obwohl Maestros angeblich gehen sollten –, konnte kein Parkzeitguthaben generieren. So schrieb ich einen Zettel mit genau dieser Info und legte ihn statt des Parktickets unter die Frontscheibe. Wir hatten Glück.
Doch zurück zu gestern. Wir fuhren eine ziemlich lange Strecke, nur unterbrochen von kleinen Pausen zwecks Staunen, Magenbefüllung und Blasenentleerung. Langsam ging das Wasser zur Neige, als wir den wunderschön – was sage ich? paradiesisch gelegenen – Campingplatz in Huddige, einem Stadtteil oder Vorort von Stockholm erreichten. Zuerst hatte uns eine iphoneeigene Kartenapp in die Pampa gelotst, auf Schotterpisten und Nebenwege. Kein Zeltplatz weit und breit. Ich sage es ungern, aber die App vom Kartenriesen ist wirklich zuverläßiger; und so fanden wir – es muss schon halb sieben gewesen sein und wir beide müde und weichgekocht von der Hitze – den Zeltplatz doch noch. Die Rezeption war leider bereits seit anderthalb Stunden geschlossen und es gab keine Telefonnummer für NachzüglerInnen wie wir. Nach einem spannenden Schwatz mit einem anderen Gast erfuhren wir, dass wir noch nicht einmal mit Hilfe eines anderen Gastes die Schranke zum Öffnen hätten bringen können, weil die Karte registriert, wie oft der Gast sie zum Raus- und Reinfahren benutzt. Auf anderen Campings sind wir schonmal einfach hinein und haben am Morgen die Anmelde- und Zahlformalitäten erledigt. Hier? Keine Chance!
Was tun? Wildzelten? Nun ja, das Wasser könnte knapp reichen. Vielleicht noch zwei Liter. Aber einkaufen müssten wir mal wieder. Am besten etwas, das schnell geht und im Falle von Wildzelten, also ohne Infrastruktur und mit wenig Wasser, zubereitbar ist.
Vielleicht finden wir ja noch einen Zeltplatz näher in der Stadt?, überlegten wir, denn auf der Karte waren so einige eingezeichnet.
Stockholm sehen oder nicht? Wir beschlossen, weiter zu fahren. Sollte sich uns aber eine Campingabfahrt ab Stadtautobahn in den Weg stellen, würden wir diese nehmen. Was nicht der Fall war. Stockholm – ja, ich mag diese Stadt, die ich vor drei Jahren, nachdem der Liebste ab Falun, nach unseren Ferien in Dalarna, weiter ans Nordkap geradelt war, auf eigene Faust durchwandert hatte. Aber jetzt? Jetzt sehnte ich mich eigentlich eher nach Wiederraus-aus-dem-Gewimmel-Getümmel-Gemetzel, denn ja, auch Stockholm kann Stoßverkehr.
Kurz nachdem wir die Stadt durchquert hatten, kauften wir noch ein paar Kleinigkeiten und eine große Wasserflasche ein. Und fuhren weiter. Weiter. Weiter. Nordwärts. Das heißt Irgendlink fuhr. Ich war sehr müde und brauchte eine Weile, mich auf das Neue einzulassen, das Erhoffte loszulassen. Da war dieses Ideal. Dieses Ziel. Schöner Platz. Erfrischende Dusche. Gemütlicher Feierabend. See. So Sachen halt, die man sich am Ende eines langen Reisetages wünscht. Doch ähnlich wie ein Navi, das reklamiert, wenn man eigenmächtig einen neuen Weg wählt und eine Weile braucht, um eine neue Route zu finden, brauchte ich eben auch eine Weile, um vom Ideal wegzukommen und mich auf neue Alternativen einzulassen. Als da wären: Einen anderen Zeltplatz zwischen Stockholm und Uppsala finden, wildzelten oder im Auto schlafen. Oder durchfahren. Kulinarisch gab es die Optionen, etwas zu essen zu kaufen, jetzt schon, also unterwegs auf einem Rastplatz, etwas selbst zu kochen oder aber erst später, wenn wir einen Platz gefunden hatten.
Endlich fuhren wir wieder über Land, Äcker und Wälder, Dörfer mit ihren markanten Kirchtürmen am Weg und die Straße war wieder nur noch höchstens vierspurig.
Auf der Karte sah ich ein paar Seen. Da hat es bestimmt einen Zeltplatz sinnierte ich. Sollen wir es einfach probieren? Ja, tun wir.
Nun ja. Obwohl es eine sehr schöne Gegend rund um Sigtuna ist, gibt es hier keinen Campingplatz. So zelteten wir am Dorfeingang wild, kochen einen Nudeleintopf und legen uns erschöpft und von Mücken geplagt ins Innenzelt, das Außenzelt blieb im Auto. Dass es eine kalte, windige Nacht werden könnte, ignorierten wir. Und erwachten schon vor fünf Uhr. Mit klappernden Zähnen. Zum Glück konnten wir uns mit Kaffee und Tee und unserm Trangia-Kocher aufwärmen. Nach Zeltabbau und einem kleinen, windigen Spaziergang ins nahe Museumdorf setzten wir uns ins Auto Richtung Uppsala.
Schluss für heute. Bin zu müde für Bilder. Träumt was Schönes.
(Fortsetzung folgt).