Rette die Welt

In meiner heutigen Mittagspause habe ich, wie oft an Montagen, die Wochenzeitung des Großverteilers mit dem orangen M gelesen. Immer wieder entdecke ich darin journalistische Perlen. Ein Interview in der heutigen Ausgabe hat mich ganz besonders gepackt. Schon die erste Frage ging mir, als Vegi, unter die Haut …

Jeremy Rifkin, in der Schweiz wurde kürzlich darüber debattiert, ob es Tierquälerei ist, wenn Fischer über zehn Minuten brauchen, um einen Hecht an Land zu ziehen. Was sagt dies über uns Menschen aus?

Die Empathie des Menschen dehnt sich auf die Tiere aus. Wissenschaftlich und persönlich finde ich diese Diskussion bemerkenswert. Meine Frau und ich sind engagierte Tierschützer, deshalb interessiert mich dieses Phänomen persönlich. Ich bin glücklich darüber, dass der Begriff Mitgefühl heute breiter gefasst wird.

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Wie sind wir Menschen wirklich?

Empathisch, weil alle Säugetiere, wie erwähnt, biologische Voraussetzungen für Mitgefühl haben. Säugetiere sind soziale Wesen, und der Mensch ist das sozialste Geschöpf überhaupt. Eine empathische Zivilisation ist deshalb keine moralische Forderung. Oder glauben Sie, dass Eltern, die ihr Kind betrachten, darin ein kaltes, rationales und egoistisches Wesen erblicken? Das ist lächerlich.

Warum ist es so wichtig, dass wir den Menschen als empathisches Wesen betrachten?

Nur so können wir das Bewusstsein entwickeln, dass wir eine einzige, große Familie sind. Wenn wir uns das vorstellen können, dann werden wir auch die Menschheit retten können.

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Ist es nicht naiv, auf eine solche Entwicklung zu hoffen?

Nein. Heute schon kann man beobachten, dass Jugendliche dank Facebook und Twitter beginnen, sich kooperativer zu verhalten. Die Kehrseite davon ist tatsächlich, dass auch der Narzissmus zunimmt und dass Menschen immer mehr wie Schauspieler auf der Bühne stehen. Die Jugendlichen werden beides: toleranter, aber auch selbstverliebter.

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Warum ist der Körper wichtig?

Empathie beruht letztlich auf dem Bewusstsein des Todes. Im Himmel gibt es keine Empathie. Sie entsteht auch damit, dass die Vergänglichkeit des Lebens erkannt wird.

Wie ist Ihre persönliche Einstellung zu Körper und Tod?

Ich möchte so lange wie möglich leben. Aber ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich halte es wie der Schriftsteller Norman Mailer. Als er kurz vor seinem Tod gefragt wurde, wie er sich fühle, antwortete er: «So schlimm kann es nicht sein. Alle haben es bisher geschafft.» Ein wunderbares und sehr tröstliches Zitat.

Angenommen, es entsteht tatsächlich eine empathische Zivilisation. Wie wird sie aussehen?

Es wird kein Paradies sein. Wenn die Menschheit wie eine riesige Familie wird, dann wird es auch in dieser Familie weiterhin Streit geben. Aber je empathischer eine Gesellschaft wird, desto weniger wird sie Angst haben vor der Angst vor dem Tod.

Quelle: http://www.migrosmagazin.ch/index.cfm?id=37643
Interview Philipp Löpfe

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