Sie sollte nicht ahnen …

Fünf Stunden! Und das ohne Pause! Mein Rekord von Z. nach Bern. Normalerweise brauche ich dafür Dreidreiviertelstunden reine Fahrzeit. Doch normalerweise ist sowieso alles ganz anders. Und normalerweise habe ich auch keine solchen Sch… Nein, halt, alles schön der Reihe nach! Müsste ich da wohl mit dem Orkan anfangen? Mit Xynthia!

Dank ihr, der Stürmerin, blieb ich nämlich sicherheitshalber eine Nacht länger bei J.. EIN positiver Nebeneffekt immerhin. Dank Xynthia fuhr ich also erst heute Morgen zurück nach Bern. Doch dafür, dass „meine“ Stamm-Tankstelle in Z. umgebaut wird und deshalb geschlossen ist, konnte nicht mal Xynthia etwas. Und Xynthia kann auch nichts dafür, dass mein Auto einen relativ kleinen Tank hat. Und dass ich also schon bald tanken musste. Da französisches Benzin günstiger ist als deutsches und ich ja außerdem eh schon fast an der Grenze war, beschloss ich, dies in Bitche zu tun.

Hätte ich besser bleiben lassen und bis Haguenau gewartet. Bestimmt hätte das Benzin bis dort gereicht. Als ich mich nämlich wieder in die Straße nach dort einfädelte, war ich genau jene berühmte Minute zu spät, die alles auf den Kopf stellte. Hätte ich es doch bloß geahnt! Genau jene Minute war es, die ich an der Tankstellenkasse auf die Kassiererin hatte warten müssen. Oder jene, die ich in der Einbahnstraße verbummelt hatte, auf der Suche nach der angekündigten Tankstelle. Oder jene Minute in Z., als ich bei der geschlossenen Tankstelle kurz angehalten hatte. Eine Minute, nur ein paar Sekunden eigentlich, zu spät war ich, um es noch vor jenen Hundert-Tönner, der großartig mit den Worten „Convoi undsoweiter“ angeschrieben war, durch den Kreisverkehr zu schaffen. Genau vor mir und meinem Vorderauto wand er sich auf die Straße. Breit und lang füllte er beinahe den ganzen Kreis aus. Flankiert von Töff (vorne) und zwei blinkenden Begleitfahrzeugen (vorne und hinten). Wurden wir da etwa Zeuginnen und Zeugen eines hochgiftigen Transports nuklearer Abfälle? Schneckengleich und nicht zu überholen schoben sich die vier Fahrzeuge Richtung Haguenau. Mein Vorfahrer versuchte immer wieder, sich an den „Gefährten“ vorbei zu schieben, doch kaum wechselte er vom rechten Straßenrand in die Mitte um die Sicht zu checken, fuhr ihm das Begleitfahrzeug genau vor die Nase. Meine Nerven!!!

Erst ganze vierzig Minuten, ganze tausendundeine Überholgelegenheiten, ganze dreißig Kilometer später, winkte der Motorradfahrer endlich die kilometerlange Schlange, die sich inzwischen hinter uns gebildet hatte, an sich vorbei. Was für ein Gefühl, endlich wieder Gas geben zu können!

Doch jene Verspätung, die ich mir antat, weil ich später, irgendwo bei Mulhouse den Abzweig nach Basel verpasst hatte und plötzlich auf der Autobahn Richtung Belfort fuhr, kann ich weder Hundert-Tönnern noch Xynthias in die Schuhe schieben. Sekundenschlaf zählt auch nicht als Ausrede. Schlicht und einfach Unaufmerksamkeit! Tja. Wie heißt es doch so schön? Hauptsache wir kommen gut an! Und was sind schon sechzig Minuten Verspätung im Laufe eines Lebens? (Die Abweichung fällt mir ein. Eine kleine Geschichte, die ich gestern geschrieben habe. … doch davon vielleicht ein anderes Mal!)

Später meinte mein Scheff, dass ich es wirklich gut gemacht habe.
Den Sturm?, fragte ich. Danke für dein Vertrauen in meine Talente, aber bitte überschätz mich nicht!
Nein, nein, ich meine doch bloß: Gut gemacht, dass du erst heute gefahren bist!