Ostermontagsrückblick

Bereits wieder zwei Tage her und die ganzen schönen spontanen Gedanken, die ich hatte aufschreiben wollen, sind mit Verblassen beschäftigt.

Was bleibt, ist dieses große Gefühl von Verbundenheit. Dort anknüpfen und weitermachen, wo wir das letzte Mal aufgehört haben.

Mit Frau Lakritze zu wandern ist immer wohltuend. Alle Jahre, alle paar Jahre tun wir es, aber, huch, sind wirklich schon fünf Jahre vergangen seit dem letzten Mal, sagt mein Blogarchiv! Wie kann das sein? Gesehen haben wir uns aber zwischendurch schon, zum Glück.

Wohltuend ist wandern ja sowieso, einfach darum, weil wandern entschleunigt. Gehen, Erzählen und Zuhören ist eine Kunstform, die ich liebe. Wir werfen einander Stöckchen zu, reden über Alltägliches, Lachen über Krudes, es gibt auch ein paar ‚Wisst-ihr-Noch?’s,  – natürlich, die gibts immer, wenn Menschen, die sich schon eine Weile kennen*, miteinander sprechen – und dann gibt es die stillen Momente, wo sich alle in eigene Gedanken zurückziehen. Teilen und teilhaben. Und zusammen hinschauen. Und staunen.

Zusammen zu staunen ist für mich eine richtig schöne Tätigkeit.

»Schaut doch nur wie schön der Rotenfels bei diesem frühen Abendlicht aussieht?«

Wir betrachten ihn, schon fast auf dem Rückweg, von einer riesigen Bank aus, auf der nur über eine Holztreppe zu sitzen überhaupt möglich ist. Hinter uns drei nordpfälzische Hotspots – der Disibodenberg mit seinen Klosterruinen, die Montfort-Ruine mit ihren hohen, noch immer erhaltenen Mauern, die ein Eidechsen-Dorado sind und dem Silbersee, in welchem Herr Irgendlink seinerzeit ein dreieckiges Floß gewässert hat. »Muss 50 Jahre her sein«, sagt er.

Erinnerungen, die ich zwar nicht habe, weil ich fern von der Nordpfalz aufgewachsen bin, aber ich kann meine eigenen Erinnerungen mit Irgendlinks und Lakritzes verweben. Natur, Berge, Wälder. Ich begreife, wie sehr sie für mich zum Glücklichseit nötig sind.

Für mein Glück brauche ich genau das: Ein Draußen ohne oder nur mit wenigen Menschen, Weitblick, Grün, Erde unter den Füßen, über mir der Himmel und dazwischen ein rauschendes, hellgrün schimmerndes Blätterdach oder im Winter auch nackte Bäume. Wir picknicken gemeinsam auf einer Bank im Klosterruinengelände, wo auf einmal immer mehr Leute herumspazieren. Unaufgeregt die meisten.

Im Labyrinth neben uns, das ein bisschen an das in Chartres erinnert und am Eingang der Klosterruinen-Anlage auf dem Disibodenberg angelegt ist, nehme ich den falschen Anfang – ja, sowas kann ich ziemlich gut, obwohl sich in einem Labyrinth zu verlaufen nicht vorgesehen ist –, nehme später eine kleine Abkürzung, doch dann lasse ich mich ein auf das Gehen von innen nach außen und von außen nach innen. Wie auch so oft im richtigen Leben gibt es hier kein Falsch und kein Richtig und ich entscheide, wo ich hingehe. Manchmal tut es dennoch gut, einem Weg zu folgen, den anderen bereits vor mir gegangen sind.

Alles hat seine Zeit und genau hier und genau jetzt fühle ich das mit all meinen Sinnen.

Ich hoffe, bis zum nächsten Mal warten wir nicht wieder so lange. Da wollen wir nämlich den Rotenfels erkunden.

[Nachtrag: Auch Irgendlink hat über unsere Wanderung gebloggt.]


* Kennengelernt haben wir uns im Oktober 2012, verrät mir mein Blogarchiv, bei einer Ausstellung gemeinsamer Blogkolleg*innen in Karlsruhe.

Neue Fallmaschen 111 | 2021

herausgefunden | Ich habe mal wieder einen kleinen WordPress-Lifehack für euch, und zwar für jene selbstgehosteten Blogs, die sich nicht auf Anhieb im WordPress-Reader abonnieren lassen. Nachdem ich einige neue Blogs x-mal vergeblich auf dem Handy zu abonnieren versucht habe, probierte ich es heute mit wenig Hoffnung endlich auch mal am Rechner. Und siehe da, mit folgenden Trick, den ich bei Emil abgeguckt habe, hat es endlich geklappt:

Setze ein WWW zwischen https:// und Blognamen, zum Beispiel so: https://www.blogname.servername.de. Füge diese URL in die Adresszeile des WordPressreaders (Verwalten-Modus). Kurz darauf wird dir der Blogname unter dem Adressfenster anzeigt. Klicke nun auf das Plus, um zu folgen.
Viel Glück!

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gelesen #1 | Zwei wohltuende, nachdenklich machende, inspirierende Texte möchte ich heute hier teilen. Im ersten geht es um ein ganz persönliches Auenland, gefunden bei Frau Lakritze.

»Jedes Mal, wenn beim Wandern – vor allem an heißen Tagen – das Weidenband eines Bachufers zwischen Wiesen sichtbar wird, beginnt in meiner Brust ein Fisch zu zappeln. Oh, das ist kühl! Das klingt so schön und riecht so gut! Eine andere Welt in anderem Licht – da will ich rein! Wenigstens mit den Füßen; … […]

Als Kind wäre ich hingestürmt, hätte mich beinebaumelnd draufgesetzt wie die Naturgewalt, die ich war, und hätte dieses Ufer neu gestaltet; heute aber kann ich das nicht mehr. Heute weiß ich, wie jeder Schritt, den ich tue, Gleichgewichte stören und wie leicht ich Schaden anrichten kann.

So habe ich mich selbst aus meinem Paradies vertrieben. Ich schaue nur von fern: da im Schatten, dicht unter der Wasserkühle liegen bei den Steinen die schönsten Erinnerungen, und ich komme nicht mehr dran.«

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gelesen #2 | Den zweiten Text hat Solminore geschrieben. Bei ihm geht es um artgerechtes Leben für uns Menschen. Und wie das aussehen könnte:

»Zu einer Arbeiterwohnung gehörte unbedingt auch ein Gärtlein hinter dem Haus. Nun ist heute für die Versorgung mit Eiern, Obst und Gemüse niemand mehr darauf angewiesen, Hühner zu halten oder einen Garten zu bestellen. Die Evolution hat uns aber so geschaffen, daß wir dasjenige wertschätzen, daß uns dasjenige glücklich macht, was notwendig ist. […]

Wir lieben offene Landschaften und erhöhte Standpunkte, weil uns der Überblick ein Gefühl von Sicherheit vor Freßfeinden vermittelt. […] Ein Smartphone dagegen, ein Rechner, ein Bügeleisen oder die doppelte Buchführung sind reines Menschenwerk, darauf hat die Natur nie abgezielt, als sie unsere Instinkte und mit den Instinkten unsere Vorlieben formte und uns das suchen ließ, was uns glücklich macht.

Was macht uns glücklich? Ein Lagerfeuer, Geschichten. Sich in Gruppen einbringen, die etwa 60 bis 100 Individuen umfassen. Zu Fuß gehen. Musik machen, malen, tanzen. Mit den Händen arbeiten. Früchte sammeln, jagen. Anerkennung in der Gruppe finden. In einem Umfeld leben, das wir unmittelbar kontrollieren können, in dem wir Selbstwirksamkeit erfahren.«

Reisen. Und reisen lassen

Lakritze findet einmal mehr die genau richtigen Worte:

„Zum Nordkap wird er wieder fahren, mit dem Fahrrad (würde ich nie machen!), und ich freue mich auf seine Texte und Bilder. Kostet auch gar nicht viel, wenn man als einer von vielen Lesern dabei sein möchte. (Nein, man muß nicht spenden. Ich habe es aber gemacht, weil ich will, daß solche Projekte möglich sind auch ohne Großsponsoren. Und weil es mir wichtig ist, etwas zurückzugeben für Dinge, die mein Leben bereichern.)“

Patchwork | Textklau, Kunst oder Hommage?

Gestern schrieb ich auf fb ungefähr folgende Zeilen:

Wenn ich jetzt aus all den heute gelesenen wunderbaren Blogartikeln meine Lieblingssätze nehmen würde, nur mal angenommen, und damit – aus diesen veredelten Rohstoffen sozusagen – eine neue, eigene Geschichte schreiben würde, wäre das eine Hommage, Klau, Kunst gar oder alles aufs Mal? Und funktioniert – so ähnlich jedenfalls – nicht alles irgendwie? Everything Is A Remix?

Heute Morgen dachte ich mir: Warum eigentlich nicht. Und hier ist er nun, mein Remix mit Textelementem von Lakritze, Fürhilde, Demenz für Anfänger, Mützenfalterin, Der Emil, Andreas Glumm, Irgendlink und mir selbst. Die Text-Verbindungen stammen ebenfalls von mir. Teilweise habe ich einzelne Wörter und/oder Wort- und Satzteile gelöscht oder eingefügt, damit es als Ganzes sinnvoll ist.
Selbstverständlich freue ich mich, wenn auch andere diese Idee umsetzen. Vielleicht auf der Dada-Schiene oder …?

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Damals, die Geschichten mit gutem und schlechtem und die ohne Ende, das liegt schon tief innen. Wollte ich das loswerden, ich müsste mich aushöhlen. Diese Schwebe trägt mich von kleinen Glücken in die Nischen aus Kämpfen. Ständig muss man um irgendwas kämpfen, man muss andauernd sicher sein, und sichergehen, während man glaubt eigentlich unterzugehen, während man sicher ist, dass man gar nicht weitergehen kann, dass nur noch eine Pille deine Neurotransmitter überlisten kann. Aber du musst ja. Du musst ja atmen, wenn du das Gefühl hast unter dem tristen Alltag zu ersticken. Atmen. Atmen. Und ruhen. Schlafen. Ich könnte immer schlafen. Heute hätte ich sogar problemlos eine Stunde länger schlafen können, hätte eine Stunde weniger schwitzen müssen, mich eine Stunde weniger so angefressen gefühlt. So recht weiß ich grad nicht, wie und was das hier werden soll. Der Impuls, einfach meinen Krempel zu nehmen und wieder heimzugehen, ist stark …

Um fünf Uhr in der Früh schreckte ich auf. Nachdem ich vielleicht zwanzig Minuten am Stück geschlafen hatte, wachte ich von der Stille auf. Mutters Atem hatte ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelte sie. Dann atmete sie weiter. Ich verliere alle Erwartungslosigkeit. Und die Schwellen, an denen auf einmal alles schwierig scheint, voraussetzungsvoll ist, weh tut. Und die Liebe, die alles überwindet. Vielleicht sogar den Tod. Mein Blick gleitet aus dem Fenster. Die Kinder auf der Bank am Bahnhof. Bewegungslos. Still. Eines dick und ganz grau gekleidet, das andere schmal und bunt. Sommerkleider, die gegen den Regen antreten.

Die Frage für wen man schreibt und warum. Und dass das nie folgenlos bleibt. Ein rosa Raunen, das dem Finger entschlüpft, überzeichnet das Alter – mein wahres Gesicht.

Wir müssen weinen und laut lachen. Wir müssen anhalten, einatmen und auch wieder aus. Wir müssen ausscheiden und unsere Schuhe binden, wir müssen Material vorzeigen und Emotionen beseitigen. Wir müssen so tun als ob, auch wenn dahinter eine Horde Rabauken wüten, die wir verschließen sollen, weil: wir müssen ja Anstand haben, und Werte, und wir müssen ja sittlich sein und solide. Wir müssen ja schreiben was die anderen lesen wollen, und sagen was die Menschen hören wollen, wir müssen ja lachen, wenn man lachen soll und weinen, wenn jemand bestattet wird.

Seit einer Woche verfällt Vater zusehends. Da ist nicht nur die runterhängende, an einen Schlaganfall gemahnende Backe, das Gesicht insgesamt wirkt schief und instabil, ein versinkendes Reich: Man hat wieder einmal versäumt, ihm die obere Zahnprothese einzusetzen. Ich löse die Bremsen seines Rollstuhls und schiebe ihn über den Gang in sein Zimmer.
„Da tun wir dir erst mal die Zähne rein.”

„Gerade Ihr Vater ist so ein netter Mann,“ sagt die Schwester mit dem dunklen Teint. „An guten Tagen macht er immer seine Späßchen mit mir. Weil wir beide den gleichen orangefarbenen Schlüsselanhänger um den Hals tragen, stellt er sich mir in den Weg, wie ein Bandit, und ruft: He, rück meinen Zimmerschlüssel raus! Verdammte Italienerin! Dabei bin ich gar nicht aus Italien, ich seh nur südländisch aus.”
Ich muss lachen. Verdammte Italienerin beschimpfte Vater Zeit ihres Lebens meine Mutter, eine Halbitalienerin.

Kein guter Tag. Ich bin froh, als ich mich verabschiede, und im Dunkeln auf den Bus warte. Ein scheiß Tag. Mit einem Ende, das einen glauben machen kann, der Herrgott erlaube sich seine Späßchen mit uns Menschen.

Unsere Unzufriedenheit – ist sie nicht in erster Linie die Unzufriedenheit mit uns selbst. Weil wir nicht wirklich handeln, wie wir wollen. Weil wir nicht wirklich sind, wer wir sind. Weil … oh, nun köchelt meine Gedankensuppe. Die Suppe dickt ein. Die Essenz kommt zum Vorschein. Ihr Name ist Inkonsequenz. Darum, begreife ich, darum sind wir mit uns nicht im Frieden. Mit uns nicht. Mit der Welt nicht. Banal? Gut möglich. Mir egal, denn in mir drin habe ich diese Erkenntnis, die ja nun wirklich nicht neu ist, bisher nie so ganz mit allen Sinnen begriffen. Der Kopf reicht eben nicht um zu verstehen. Nicht ganz. Er ist nur ein Teil und selbst mein aktuelles Verstehen ist immer nur ein Anfang. Verstehen wollen ist nur ein Weg, eine Möglichkeit, das Leben irgendwie zu schaffen.

Nicht, dass nicht jeder Mensch grundsätzlich ganz viele Möglichkeiten hätte. In der Regel verbringt man aber sein Leben derart kanalisiert, dass die Möglichkeiten nicht so möglich erscheinen, dass man sie wählen könnte. Im kanalisierten Leben verbirgt sich die Unzahl dessen, was man alternativ zu der einen Sache, die man tut, machen könnte hinter einem dicken Vorhang namens Es-hat-ja-doch-keinen-Sinn. Und so laufen wir immer weiter auf unserer Sinnsuche. Auch ich laufe. Ich laufe immer wieder durch die Mittelstraße und denke: Mittelweg. Ob es den überhaupt gibt? Aufschreiben sollte ich das. Ein Buch schreiben. Einen Roman gar? Ein Roman ist ein anderes Kaliber. Fiktion, plotten, Geschichten weben, Personage lebendig werden lassen. Das ist echte Strafarbeit – im Vergleich dazu ist das Liveschreiben wie wenn man in der Schule eine Klassenarbeit schreibt, während der Lehrer mal eben den Raum verlässt und man nach Herzenslust abschreiben kann.

Oder vielleicht doch lieber selbst etwas erfinden? Eine Nachbarin, die mich kennt. Weiß sie etwa, dass ich die Bilder kenne, dass ich alles von ihr auf den Bildern gesehen habe? Ist in den Bildern vielleicht ein Programm verborgen, das die Betrachter der Bilder über die Webcamera des Notebooks überwacht?

Nein, ich verstehe nicht, wie das alles hier zusammenhängt, nur dass es das tut. Auch wenn da ganz bestimmt nicht überall Kameras hängen. Nicht so, wie ich es als Kind dachte, wenn ich Streiche spielte – dass nämlich immer jemand alles sieht, was ich tue. Einen allwissenden Big Brother gibt es nicht und auch keinen Liebgott, der alles sieht. Nicht meine Gedanken jedenfalls. Und auch nicht meine Phantasien. Schlimmstenfalls das, was ich hier in die Zeilen hacke und publiziere. Aber meine Gedanken und Träume? Nein. Nie. Vielleicht, weil ich sie selbst oft genug nicht sehe, nicht verstehe, sie mir nicht glaube?

Und ich kann auch oft nicht glauben, dass ich noch an mich glaube, ich kann nicht verstehen, dass Menschen das hier lesen. Ich kann nicht einfach nicht wissen, wieso manches passiert und weshalb nie etwas endet, was mich kaputt macht. Ich kann nicht und das ist das Problem.

Doch ich gehe weiter. Ob Mittelweg oder Umwege. Nein, ich bleibe nicht stehen. Ich fülle mir auf dem Weg nach Hause die Taschen mit Kastanien und Nüssen und ich bin nicht die einzige: mich beobachten Mäuse, ein prächtiges Eichhorn und Dohlen mit Eissplitteraugen. Unmäßig bin ich nicht, und es gibt genug, beruhige ich sie und ziehe meines Wegs.

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Ich bedanke mich für die Text-Anleihen hiermit allerherzlichst bei Lakritze, Fürhilde, Demenz für Anfänger, Mützenfalterin, Der Emil, Andreas Glumm, Irgendlink. Verzeiht, dass ich nicht vorher gefragt habe. Oder verzeiht mir auch nicht. Ich wollte einfach. Ich musste … Danke!

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Quellen in alphabetischer Reihenfolge:
http://demenzfueranfaenger.wordpress.com/2014/10/17/der-nachste-tag/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/16/privattagebuch-tagesklinik/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/17/kunstfuegung/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/18/kennenlernen/
http://fuerhilde.wordpress.com/2014/10/17/du-bist-was-du-musst/
http://glumm.wordpress.com/2014/10/17/geplant-war-ewigkeit-13-die-letzten-tage/

http://lakritze.wordpress.com/2014/10/16/jahresringe/
http://lakritze.wordpress.com/2014/10/17/fulle/
http://muetzenfalterin.wordpress.com/2014/10/17/grau-und-grun/
http://sofasophia.wordpress.com/2014/08/15/10223/