A little Byte …

Meine neue externe Festplatte, die ich zum Schnäppchenpreis im Internet gefunden habe, fasst sage und schreibe anderthalb Terabytes. Sind anderthalb Millionen Millionen Bytes. Ein Byte mit zwölf Nullen. Nein, ich will hier weder über die Wunder der Technik schwärmen noch über unseren Machbarkeitswahn lamentieren …

Nur dies: wäre ich ein kleines Byte, eins ganz ohne Nullen hintendran, vielleicht der Splitter einer klitzekleinen Textmail oder einer Datei wie dieser hier, würde ich mich jedenfalls auf dieser riesigen neuen Festplatte schrecklich klein fühlen. Bin aber nur ein klitzekleiner Mensch, dafür auf einer riesigen, uralten Kugel, doch auch hier fühle ich mich manchmal schrecklich klein. So zoome ich bisweilen von Weitwinkel auf Tele. Wähle einen Ausschnitt. Wähle ein Stück Erde, das mir Geborgenheit gibt. Wähle ein paar Menschen, ebenfalls klitzekleine Bytes auf diesem grünblaugrauen Rund hier, und schon fühle ich mich wohl.

Damit sich nun die ersten kleinen Bytes auf meiner riesigen leeren Platte nicht so einsam fühlen, schiebe ich nun laufend neue Daten auf das Ding. Alle meine Texte haben es sich dort nun bequem gemacht. Sie wurden von der alten, hundertelf Gigabytes fassenden Festplatte auf die neue verrückt. Verrückt, jawohl. Verrückt auch, dass Texte wie dieser hier, auf einem Textdokument wie Word entworfen, weniger wiegen als dreißig Kilobytes. Ein ganzes dickes Buch? Sagen wir mal fünfhundert Kilobytes. Nicht wirklich viel …

Und was wiegt eine Seele? Einundzwanzig Gramm geht das Gerücht. Und heißt auch ein Lied der Ochsen. Meine seit vielen Jahren liebste Berner Rockband wagt am Samstagabend das einmalige Experiment, mit dem Berner Symphonieorkester auf dem Bundesplatz gemeinsame Sache zu machen. Auch der wunderbare Song „21 Gramm“ werde klassisch interpretiert. Opulent und pathetisch klinge er, meinte Frontmann Büne in einem Interview, das ich heute in der Berner Kulturagenda auf der Titelseite gelesen habe ( >www.kulturagenda.be > Ausgabe Nr. 34).

Das besagte Lied, eben jetzt von A nach B verschoben, wiegt immerhin vierkommasiebendrei Megabytes. Ob das mehr oder weniger sind als einundzwanzig Gramm, weiß ich leider nicht. Klingen tut das Ganze irgendwie so, ist aber leider ziemlich ne miese Aufnahme …

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=COOzaCXRRU8]

beziehungsweise …

Weise, wer zu andern in Beziehung steht. Alle eigentlich, irgendwie, zu allem, zu Dingen ebenso wie zu Undingen wie anderen Menschen. Relativ jedenfalls, alles, immer relativ. Immer alles in irgendeinem Verhältnis zu irgendwem und irgendwas. Im Stehen oder im Gehen. Oder auch nur beim Sein. Alles verhält sich irgendwie, beziehungsweise eben alle, zueinander. Mal nähere, mal fernere Relationen. Verhältnisse unter Verwandten, könnte ich sagen, denn das sind wir ja, und alle andern auch. So oder eben anders, denn alles ist ja, wie gesagt, relativ.

Besonders Besitz. Wer wen besitzt, zeigt sich daran, wer wen gewählt hat. Die Beziehung zueinander. Besitzergreifend zum Beispiel das  iFöun. Da hatte ich also mal so ein Teil gesehen und erlebt und ein bisschen mitbenutzen dürfen, und schon war er da, der Virus. Leise flüsterte er mir zu: Du kannst ohne mich und meine Verwandten nicht mehr leben. Gib mir dein Leben. Ich hatte keine Wahl mehr und kaufte dessen Schwester. Seine Cousine, das Fixnetz-Telefon, war seinerzeit weit weniger zudringlich. Und doch: auch sie oder es besitzt mich. Außer nachts. Ebenso ergeht es mir mit meinen privaten Mailprogrammen, während jenes im Geschäft ein Stiefkind ist. Aber auch verwandt. Das schon. Besitzergreifend ist auch mein Blog, keine Frage. Es fordert mir jeden Tag einen Beitrag ab, einen Tribut, eine Steuer – schließlich habe ich das Ding selbst kreiert. Einem Kind gleich – oder einem kleinen Vogel – streckt es mir seinen offenen Mund, will heißen Schnabel, entgegen und will täglich gefüttert werden. Kein Fastfood natürlich, dafür biologisch und so. Mit Ballaststoffen und Vitaminen. (Wieso nur muss ich hier an den Zauberlehrling denken, der – lang ist’s her – nach den Geistern gerufen hatte …)

Anders verhält es sich mit Dingen, die ich besitze. Wo ich die Scheffin bin. Bei meinem Fahrrad zum Beispiel. Obwohl auch dieses Teil hin und wieder ein Eigenleben führt. Meistens jedoch darf ich sagen, wo es lang geht. Mein Auto? Dieses Verhältnis ist ausgewogen. Wir besitzen uns gegenseitig, würde ich mal sagen, wohingegen Dinge wie Bett und Bücher und Laufschuhe meine Herrschaft, öhm, Frauschaft ohne zu motzen respektieren. Vielleicht mucken sie ab und zu auf, verstecken sich zuweilen (Bücher), lassen Regen ein (Schuhe) oder quietschen ein wenig (Bett, Schuhe auch hin und wieder), doch meistens sind sie nett zu mir. Und ich auch zu ihnen.

Apropos nett und verwandt und Besitz … Wie ich heute Morgen mit dem Rad zur Post fahre, um das Geschäftspostfach zu erleichtern, radle ich an einer Frau vorbei, die ihr Baby wie ein Känguru im Beutel vor dem Bauch trägt. Eben als ich sie überhole, küsst sie ihr Kind auf die Stirn. Ertappt schaut sie mich an. Wir lächeln uns zu. Ein Anblick, der mich berührt. Diese Zärtlichkeit, dieser Hauch … Küssen tun wir nur, wenn wir in Beziehung stehen. Küssen, die Lippen schürzen, den geliebten Menschen mit unserem Mund berühren. Archaische Handlung, denke ich, wie ich weiterradle. Archaisch, sich und den anderen Menschen auf diese Weise zu nähren und sich ihm so zu nähern … mit einer Berührung, die dem Füttern ähnlich ist. Sich küssende Menschen sehe ich später noch mehr, am Bahnhof. Freundschaftsküsse. Abschiedsküsse. Dreimal auf die Wange. Auf den Mund. Mit oder ohne Zunge. Berührung von Haut auf Haut.

Wie gesagt: Weise, wer zu andern in Beziehung steht. Und wunderbar, wenn wir jemanden haben, den wir küssen mögen …

(Jaaa, endlich habe ich mal wieder einen Schlusssatz gefunden …)

Hühnerstallsophien

Naturkunde auf dem Einsamen Gehöft:

Ein Huhn hat das Loch im Zaun entdeckt und büxt immer wieder aus – nur um mich immer wieder eine halbe Stunde später um Einlass zu bitten. Wer da wohl wen dressiert hat?

Später, wieder ausgebüxtes Huhn: Aha, jetzt wissen wir endlich, wer sich auch noch an Mietzes Futter gütlich tut! Jenseits des Zauns schmeckt eben alles besser.

Am heissen Samstagnachmittag irgendwann verlässt die ganze fünfzehnköpfige Hühnerschar für ein Stück alten Kuchen  ihren Schattenplatz, wo sie Siesta gehalten hat.

Und die Moral von der Geschicht …

Lösungen

Bereits im Büro fing es an. Scheff textete mich, kaum angekommen, bereits mit Problemen zu, die ich dringend und unbedingt subito – will heißen gestern – noch lösen müsse. Und schon war er weg. Sitzung und so. Sofasophia zauberte innerhalb einer Stunde die Sorgen vom Tisch und denkt: Was für eine lösungsorientierte Energie! Guut, so kann sie getrost ins Wochenende fahren!

Die Kontrolluntersuchung bei meiner Ärztin verlief ebenfalls „lösungsorientiert“. Alle Tests fielen positiv aus, will heißen negativ für die Bakterien. Null Borreliose-Indizien mehr undsoweiter.

Nordwärts floss ich gestern so ruhig und entspannt wie kaum je. Was sind schon 333km von Bern nach 2brücken zu J. – nach 7000km bis zum Polarkreis wie vor einem Monat?

Kurz vor Colmar dann dies: Wir Autofahrenden werden, wegen einer neugebauten, aber noch nicht markierten Autobahnspur in eine einspurige, rechts und links mit Betonelementen befestigte Straße ein gespurt. An sich nichts ungewöhnliches, wenn da nicht auf einmal das Tempo immer langsamer geworden wäre. Schließlich Stagnation. Rien ne va plus.

Vor mir ein fetter Offroader, hinter mir eine zierliche Blondine in rotem Peugeot-Blech. Über uns eine Sonne, die noch einmal so richtig Sommer spielt. Die ersten fünf Minuten, noch angegurtet, in ständiger Bereitschaft, dass es gleich weitergeht. Die zweiten fünf Minuten verbringe ich mit Musikhören, was nur mit halbabgestelltem Motor geht und was ich sonst selten mache. Ökologie und so. Noch immer weiterfahrbereit und angegurtet. Die dritten fünf Minuten mache ich, Musik hörend, ein paar Bilder aus dem Auto und löse endlich die Gurte. Schreibe SMS und öffne die Fahrerinnentüre um ein bisschen Wind einzulassen.

Ich stelle mir vor, wohin wir alle unterwegs sind. Einige bestimmt, wie ich, zum oder zur Liebsten, andere in Urlaub, zu Oma, an ein Konzert, ins Theater, zum Arzt oder ganz einfach nach Hause. Donnerstagnachmittag, 25km südlich von Colmar. Fröhliche Menschen rollen uns auf der Gegenspur entgegen. Uns? Ja, längst habe ich solidarische Gefühle für uns Wartende entwickelt. Dass ich schon bald meine Mit-Leidensgenossinnen und -genossen, meines eigenen Vorteils willen, verlassen würde wie die berühmte Ratte das sinkende Schiff – wer hätte das gedacht?

Ich wünsche mir einen Hubschrauber, der mich aus dem eingeklemmten Zustand befreit – na ja, noch mehr wünschte ich mir aber eine dauerhafte, alle umfassende Lösung. So ähnlich wie „Frieden für die ganze Welt“. Doch wem hätte es gedient, wenn ich aus Solidarität zu den andern, die Hilfe, die schließlich eintraf, verweigert hätte? Eben!

Deus ex machina – die Erlösung fährt auf uns zu. Rechts von unserm Gefängnis ist, wie ich bereits schrieb, eine nigelnagelneue, zweispurige Autobahn, allerdings noch nicht für den Verkehr freigegeben. Ein geisterfahrender Securité-Wagen fährt uns ebendort entgegen und hält etwa zwanzig Meter hinter mir. Im Rückspiegel sehe ich jetzt, dass die Abgrenzung zur rechten von dort an nicht mehr aus Beton-, sondern aus rotweißen Kunststoffdingern besteht. Diese werden nun von zwei orangeleuchtenden Männern weggeklappt. Nun winken sie mal jene Autos, die hinter der Öffnung stehen, mal die Autos aus unserem Stau – wir müssen uns dazu bloß rückwärts ausfädeln – auf die neue Straße. Mein Glück, dass ich so nahe, vier Autolängen nur, von dieser Öffnung entfernt bin. Wäre fünf oder zehn Minuten früher losgefahren ecetraecetera …

Zuerst einmal fahre ich – auf der neuen Straßen angelangt – an einer unendlich langen, zwischen Betonelemente eingesperrten Autoschlange vorbei. Meine ehemaligen Mitleid(ens)genossInnen! Die ganze Welt auf ein paar Kilometern. Schwarz und weiß, jung und alt, rauchend, smsend, telefonierend, weinende Kinder beschwichtigend, plaudernd, lachend, flirtend, Adressen austauschend vielleicht. Wer weiß, vielleicht hatte gar Amor etwas zu tun, gestern Nachmittag auf der Autobahn nach Colmar! Zuvorderst stehen auch ein paar orange gewandete Straßenbauer im Siestamodus.

Die Auflösung? Nein, am Ende der einspurigen Strecke fand kein Unfall statt. Wie soll ich sagen, da war … einfach … nix. Okay, da stand eine kleine Stopp-Skulptur, doch ich denke mir jetzt, dass wir alle nur auf Grundeines Missverständnisses in dieser Spur gelandet sind. Oder ist es gar ein böser Scherz gewesen?

Bis Colmar bin ich beinahe alleine auf der Straße. Bald habe ich alle Mitgestauten überholt, Denn obwohl die Tafeln „110“ sagen, fahren viele – noch unter Schock – im Beinahe-Schritttempo.

Merke: Manchmal ist rückwärts vorwärts.

Nun sitze ich im Garten des einsamen Gehöfts und schaue einem Eichhörnchen beim Frühsport zu. Rückwärts, aufwärts, abwärts, Hauptsache Nüsse. So haben eben alle ihre Träume …

sich bücken

ist schreiben, ist leben, ist
lieben, ist weben nicht
einfach ein
bisschen wie volleyball
spielen. von mir
aus auch tischtennis. hin und
her mit dem ball. sich bücken immer
wieder, um das
ding wieder in die luft zu bekommen. vielleicht
ist schreibenlebenliebenweben
auch einfach beweg-
ung um der bewegung willen. wander-
ung. sprung.
sprung
in den himmel. oder die hölle. in der hoffn-
ung, zu fliegen. egal wohin. wie
die von feld zu feld hüpfenden
kinder auf dem platz zwischen den
häusern, heben wir ab, ein bisschen nur, doch
immer wieder, und landen auf
dem boden. immer wieder
wird der stein in den himmel geworfen. einfach
nur um in den himmel
zu fallen. auf dem teer.

Achtung, zerbrechlich …

Manche Texte sind mir so nahe, dass ich sie niemandem zeigen will. Dennoch, eben weil sie mir so nahe und so lieb und so wichtig sind, möchte ich sie andern zeigen. Ich möchte sie lieben Menschen wie ein kleines Kätzchen in die Hände geben und sagen: Sei vorsichtig. Es ist noch ganz jung. Ich möchte sie lieben Menschen wie eine noch ungebrannte Keramikschale in die Hände legen und sagen: Sei vorsichtig. Es ist sehr zerbrechlich.

Und dann beobachten. Zuschauen wie die Hände und die Augen und die Schale und das Kätzchen miteinander klarkommen. Ob das Kätzchen auch in der Hand eines anderen Menschen schnurrt, ob die Schale sich, auch wenn andere sie berühren, gut anfühlt. Solche Texte gibt es auch in meinem Blog. Irgendwo mittendrin habe ich sie leise dazwischen geschoben, ganz unauffällig, und mit anderen, stabileren Texten, die ihnen den Rücken stärken, getarnt. Dabei den Atem angehalten und die Ohren gespitzt, ob ich irgendwo ein leises Schnurren höre.

In Gedanken an die Lesung vom 14. September zur Eröffnung des Berner Geschichtenladens 1002 kreise ich um meine Textarchive wie ein Milan. Wie ein Falke, ein Sturm, ein großer Gesang. Soll ich eher kuhle, witzige, eher ironische Texte auswählen oder eher herzberührende oder gar leicht zerbrechliche? Falls ihr übrigens einen Lieblingstext in meinem Blog habt, oder einen Tipp, was ich am 14.9. lesen könnte, schreibt mir bitte an sofasophia ((at)) lebenswertvoll.ch. Danke!

Apropos kuhl: C. meinte heute, als sie mit der Schere an meinen Haaren rumschnipselte, dass ich eine total kuhle Frau sei. Na ja, sie muss es ja wissen, aber, so fragte ich mich und sie: will ich denn kuhl sein? Eher ist es so, dass ich mir mehr Mut wünsche, unkuhl zu sein. Kuhlheit ist irgendwie, na ja, frostig, doch sie ist ein guter Schutz. Frostschutz. Eiskruste. Damit nichts wehtut. Will ich, brauch ich das?

Eher brauche ich Mut. Mut zum Fehler. Mut zum Scheitern auch. Und Mut, nicht perfekt sein zu müssen. Das würde mein Leben massiv entspannen. Deins bestimmt auch.

Heute Nacht, als ich stundenlang über meine aktuell extrem arbeitsintensive Phase im Büro nachgrübelte und ob all der ToDos der nächsten Wochen den Schlaf nicht mehr fand, sass auf einmal dieser Satz auf meinem Kopfkissen:
Die Idee. Alles ist immer zuerst Idee.
Aber klar doch, sagte ich. Nix neues.
Alles BLEIBT IMMER Idee, war der nächste Satz, der um meine Aufmerksamkeit warb. Alle da draußen sind nur verkleidete Idee. Ideen, die schön tun und wichtig spielen. Die einen Ideen nennen sich Kunst. Sie zielen auf Wirkung ab. Sie wollen gesehen werden. Oder gehört. Andere Ideen nennen sich Wirtschaft. Sie sind Ideen, die sich prostituieren. Sie verkaufen ihr Herz und ihre Niere. Andere zielen auf Ethik und Religion, wieder andere verkünden Ideologien oder servieren dir Fertiggerichte für den Kopf. Schau gut hin! Jede Idee ist nur ein Samenkorn.

Irgendwann muss ich, mit dem Notizblock auf dem Kissen, doch eingeschlafen sein. Am Morgen, als der Wecker klingelte, hoppelte das Kaninchen, das auf Irgendlinks einsamen Gehöft Asyl gesucht und gefunden hatte, durch meine Träume und versteckte sich in seinem neuen Stall.
Habe ich Glück?, fragte es mich. Habe ich Glück, dass mir J. Asyl gibt und einen Stall gebaut hat? Habe ich Glück, dass ich hier Futter bekomme und in Sicherheit bin?
Vielleicht. Bestimmt. Denn draußen, in der freien Wildbahn, hätte das Tierchen keine Chance gehabt. Bald schon wäre es von einem Mäusebussard gepackt worden. Wie ich, wie wir, in Gefangenschaft geboren, ist es unfähig da draußen zu überleben. Ein Lob den Gitterstäben der Sicherheit und den Hamsterrädern der Wirtschaft …

Hier passt als Schluss eigentlich nur ein Doppelpunkt: oder ein Semikolon;

eigentlich #2

Eigentlich könnte ich so tun, als wäre heute ein Reisetag gewesen. Wie vor einem Monat, als wir durch Schweden reisten. Ich könnte eigentlich über das heutige Stück Weg schreiben.

Wie ich da so mit iFöun und hochgelagerten Beinen, müde, auf dem Sofa sitze, kommt Ferienfeeling auf. Ich könnte ja einfach so tun, als wäre ich den ganzen Tag statt durch Excel-Tabellen und über Papierberge geklettert, durch Wälder, Wiesen und Hügel gefahren. Statt mit nervigen Klientinnen zu telefonieren, stelle ich mir vor, ich hätte mich mit Zeltplatznachbarn über – sagen wir mal – das Wetter unterhalten. Und schon kehrt die Fingerfertigkeit und Geschwindigkeit zurück, mit der ich vor einem Monat auf der Mini-Tastatur schreiben konnte. Denn um den Laptop nach neun dicht gefüllten Bürostunden aufzustarten, bin ich zu müde.

Oops, was sag ich da? Büro? Weit-weit weg! Wo ich doch auf Reisen war – eigentlich. Kopfreisen. Alles, das meiste jedenfalls, und ganz besonders Probleme, bauen wir in erster Linie in unseren Köpfen, sagt mein Liebster zuweilen. Wenn wir sie im Kopf weben, dann können, ja, müssen wir sie auch im Kopf entwirren. Sage ich. Eigentlich. Ebenfalls im Kopf fangen alle unsere Reisen an.

Die Phantasie ist die Straße zwischen Kopf und Bauch. Keine Schnellstraße, nein, sondern eine ungeteerte Schotterpiste. Ohne Wegweiser. Es braucht Mut, sie einzuschlagen, da wir nie wissen können, wohin sie uns führt. Wie dieser Text. Denn eigentlich – wie schon der vielversprechende Titel verrät – wollte ich ja was gaaanz anderes schreiben. Nur etwas ganz kleines.

Eigentlich wollte ich von euch ja bloß einen Tipp. Ich rätsle nämlich seit gestern an einer alles entscheidenden Frage herum:
Ist das Blog die Eintagsfliege oder ist das Blog die Erdbeere der Literatur? Oder wie wäre es mit der Spargel? Na ja, das ist wohl einmal mehr eine der ganz großen Fragen, auf die es keine Antwort gibt. *seufz* Ich jedenfalls werde wohl kaum erfahren, ob ihr jetzt gleich mit der Fliegenklatsche euren PC traktiert.

Erdbeere wären mir ehrlich gesagt lieber.

Backstage

Ich bekenne, ich mag Kolumnen. Und Editorials. Und Blogs. Offensichtlich bin ich mit meiner Vorliebe nicht allein, anders kann ich mir die zunehmende Kolumnendichte in den Medien nicht erklären. Sie machen süchtig und ich will jedes Mal von Neuem wissen, was meine ProtagonistIn in der Zwischenzeit erlebt hat. So sehe ich durch unzählige Fenster in viele gute und weniger gute Stuben hinein. Offenbar ist es ein Bedürfnis vieler ZeitgenossInnen, Ausschnitte heranzuzoomen, statt sich im Weitwinkel zu verlieren.

Auch die kleinen Schwestern der Kolumnen, die Blogartikel, wachsen aus ihren Kinderschuhen heraus und erfreuen sich wachsender Beliebtheit – beim Publikum ebenso wie bei den Verfassenden. Wem sag ich das? Ein hoffnungsvolles Genre, wenn ich es mir so überlege. Hier ist der Schreiberling, die Schreiberin noch Königin und König und kann sagen schreiben, was er oder sie will. Unter dem Vermerk, dass sich die Meinung der Redaktion nicht mit jener der Kolumnistin decken muss, ist in den Medien alles möglich. Fast alles. In der Blogosphäre* sowieso. Über die Qualität sagt dies wenig aus und auch nicht, ob all die vielen Texte, die tagtäglich getippt werden, auch irgendwo und irgendwie ankommen. Unser Tempo ist rasant und niemand kann all die Informationen von überall wirklich verdauen. Die Quantität all der Outputs lässt mich oft leer schlucken. Dann wieder denke ich mir: Jeder Autor, jede Autorin hat (hoffentlich) ein paar Menschen, die ihre oder seine Texte lesen. Und das ist gut so.

Mein Bedürfnis, über unsachliche – will heißen persönliche – Dinge wie Alltag, Arbeit, Beziehungen oder Lebensperspektiven zu schreiben, dient dem Ausgleich. In einer Welt, wo es um Effizienz geht, wo Sachlichkeit und Professionalität gefragt sind, brauche ich einerseits das Spiel mit den Wörtern. Andererseits höre ich mir aber auch schreibend zu und erfahre so, was mich wirklich beschäftig. Habe ich mal in mein Tagebuch geschrieben. Das stimmt bedingt und natürlich vor allem im persönlichen Tagebuch.

Wenn ich viel outpute, ist eben auch die Chance grösser, dass ich mal was richtig gutes schreibe, sagte ich gestern Abend zu meiner Freundin K. Auch bei den Bildern, die ich mache, ist es so. Auch ein blindes Huhn … na, ihr wisst schon. Abgesehen davon ist auch das Durchschnittliche, das Alltägliche, das Gewöhnliche und nicht Herausragende irgendwie wichtig. Immer nur Orgasmen haben geht ja nicht. Auch Alltägliches hat, während es ist und erlebt und beschrieben wird, eine Wirkung auf mich. Und vielleicht auch auf andere, während sie es lesen oder betrachten.

Das Blog ist ein Filter. Was will ich hier von mir zeigen? Mal mehr, mal weniger. Je mehr ich dabei meine Leserinnen und Leser, die ich persönlich kenne, vor Augen habe, desto schwieriger ist es. Weil ich mir dann Diskussionen über den Artikel, den ich schreiben will, vorstelle und den Faden verliere zum Beispiel. Mit einem anonymen Publikum vor Augen schreibt es sich leichter. Ganz besonders, wenn ich einen Artikel für „meine“ Zeitschrift verfasse, muss ich mir sehr bewusst ein anonymes Publikum vorstellen. So oder so ringe ich ständig mit einer tammi hohen Messlatte. Besser also, ich stelle mir ein Publikum vor, das im Dunkeln sitzt. Was mich an die Lesung vor einem Jahr im ONO erinnert. Nein, besser ich stelle mir gar nix vor oder gar keins.

Und dabei begreife ich einmal mehr, dass ich letztlich für mich selbst schreibe. Weil ich nicht anders kann. Meine Texte, meine Bilder sind nichts mehr und nichts weniger als Stoffwechselprodukte*, wie mein Liebster mal bloggte. Wenn ich damit deinen Garten ein bisschen düngen darf, umso besser.

*Zitate aus der Irgendlinkschen Wortschatzkiste