Ausgelesen #34 | Hope Hill Drive von Garry Disher

Ein Buch wie ein Song. Blues. Rock. Garry Disher ist ein Meister des Fading wie wir es aus der Musik kennen, denke ich, als ich das Buch zuklappe. Das Buch hört so leise auf, wie es angefangen hat.

In der unteren Bildhälfte ist die Stirnseite eines alten einstöckigen Gibelhauses zu sehen. Die Fassade desselben besteht aus zusammengestückelten ausgebleichten rotbraunen Holzflächen. Die zwei Fenster im Erdgeschoss sind zugemauert. Darüber, am blauen Himmel, stehen in schwarzer Schrift der Autorname, darunter in roter Schrift der Buchtitel und kleiner geschrieben das Wort Kriminalroman. Unter rechts der Name des Verlags.
Buchcover

Hochsommer. Das Land seufzt unter der Hitze. Ein Provinzpolizist, der eben noch bei einem Farmhaus, wo Brand gelegt und Kupferdraht gestohlen wurde, bei Feuerlöscharbeiten geholfen hat, findet auf dem Rückweg zum Revier einen abgemagerten Hund, auf den eine aktuelle Vermisstenmeldung passt. (Hier sich im Hintergrund ein einsames Saxophon vorstellen.)

Alltag im australischen Outback, wie ihn Paul Hirschhausen, von allen Hirsch genannt, kennt. Er mag seine neuen Aufgaben und geht ihnen mit einem herzlichen Engagement nach. Disher zeichnet seine Hauptfigur als unspektakulären Alltagsmenschen, was mir diesen sofort sehr sympathisch macht. Grummelige Superhelden ohne Privatleben gibt es schließlich genug. Wobei: Pauls Privatleben kommt in diesen zwei Wochen, von denen hier erzählt wird, auch eher zu kurz. Er muss sogar auf die eigentlich freien Weihnachtstage mit seiner Freundin Wendy und deren halbwüchsiger Tochter Katie verzichten. Zwischendurch sehen sie sich zwar, doch so richtig erholsam sind diese Tage nicht.

Der kleine Ort Tiverton bereitet sich auf das alljährliche Santa Claus-Event vor, bei dem diesmal Paul als offiziell gewählter Santa Claus hoch zu Ross allen Kindern Geschenke verteilen darf. Zugleich soll er, als Chef der örtlichen Polizeistelle, die Hausbesitzer:innen mit der schönsten Weihnachtsbeleuchtung küren.

Langsam bekomme ich als Leserin einen Blick und ein Gespür für den Ort, für die Menschen, für die Energie, die diesen Landstrich beherrscht. Zänkereien, Neid, psychische Krankheiten, Drogen und häusliche Gewalt gibt es auch in diesem Irgendwo im Nirgendwo. Hirsch gelingt es mit seiner empathischen und klaren Art, zu deeskalieren. Jedenfalls fast immer. Und fast immer sieht er, wenn die Menschen, die abdriften, einsichtig sind, von Strafverfolgung ab. So auch bei einer jungen Frau, deren Kind im geschlossenen Auto fast einen Hitzschlag erlitt, weil diese eine Minute zu lange für eine Besorgung gebraucht hatte.

Langsam nimmt die Lautstärke zu, der Rhythmus wird härter und schneller, der Sound wird dichter, und auf einmal findet sich Hirsch inmitten vieler einzelner Verbrechen, die so gar nicht an diesen Ort passen wollen. Tot gestochene Pferde zum einen, zum anderen zwei Leichen und zwei Mädchen auf der Flucht.

Verstärkung aus Sydney trifft ein und gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen aus den nächstliegenden Revieren gilt es die einzelnen Fälle aufzuklären. Weil Hirsch die Menschen hier am besten kennt, wird er – trotz seines niedrigen Rangs – immer wieder als Schlüsselfigur einbezogen. Und er ist es denn auch, der am Ende die Fäden aufdröselt und das Fade-Out schafft.

Auf einer Metaebene der Geschichte liest Paul immer wieder in einem alten Tagebuch, das er in der Schublade seines neuen Arbeitsplatzes gefunden hat. Das Tagebuch erzählt die Geschichte der Kolonialisierung Australiens aus der Sicht weißer Einwanderer, die den Anspruch hatten, sich alles zu unterwerfen. Ich höre ein Bassgitarre-Solo. Gestern und heute verweben sich in Hirschs Gedanken.

Jedes Dorf hat seine Gwynnes und seine Flanns, dennoch lässt sich Disher nicht auf stereotypisches Wiederholen von Klischees ein und selbst Nebenfiguren zeichnet er mit deutlicher Tiefenschärfe. Ich habe mich von Dishers Komposition mitreißen lassen und das Buch geradezu verschlungen.

Die bildhafte, sinnliche, unaufgeregte Sprache Garry Dishers hat mein Kopfkino inspiriert. Der Stoff eignet sich für eine Krimi-Serie, eine Mini-Serie, denn an Fäden, die es aufzuklären gilt, mangelt es nicht. Sogar den Soundtrack kann ich bereits hören.

Ich bedanke mich herzlich beim Autor und beim Team des Unionsverlages für die anregenden Lesestunden mit diesem Rezensionsexemplar.


Unionsverlag
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Erschienen im September 2020
Hardcover, 336 Seiten
€ 22.00, FR 30.00, €[A] 22.70
Gebunden
ISBN 978-3-293-00563-1
E-Book
€ 18.99
ISBN 978-3-293-31093-3 (EPUB)
ISBN 978-3-293-41093-0 (Kindle)
ISBN 978-3-293-61093-4 (Apple)

Ausgelesen #33 | Tagebuch meines Verschwindens von Camilla Grebe

Alles fängt mit einem Skelett an, das Jugendliche vor zwölf Jahren an einer Geröllhalde gefunden haben. Es ist das Skelett eines kleinen Mädchens. Eine dieser Jugendlichen ist die heutige Polizistin Malin, die inzwischen vom Fundort weggezogen ist. Sie wird zurück nach Ormberg geholt, als die für Ormberg zuständige Polizeistelle diesen alte Fall neu bearbeiten will. Auch Hanne und ihr Partner Peter, ein Ermittler der Stockholmer Kriminalpolizei werden an Bord geholt, da sie neulich bei der Aufklärung einer Mordserie so erfolgreich waren. Und wo Peter ist, darf natürlich auch Manfred nicht fehlen, ein guter Arbeitskollegen und Freund der beiden. Der junge Polizist Andreas vervollständigt schließlich das Cold Case-Team.

Buchcover zeigt vor schwarzem Hintergrund in der unteren Bildhälfte eine Frauenhand, die ein Medaillon umschließt. Darüber in großen goldenen Großbuchstaben der Autorinname und darunter in weißer Schrift der Buchtitel. Das Verlagssymbol am weiß auf rot am linken Bildrand.
Buchcover

Demenz, Rassismus in vielen Schattierungen, Alkoholismus, häusliche Gewalt, Mobbing, Transgender. In der Tat ziemlich viele brisante Themen, die in diesem vielseitigen Roman behandelt werden. In einem Roman allerdings, der unter dem Untertitel den Hinweis Psychothriller trägt. Themen, die inzwischen alltäglich geworden sind.

Schon im ersten Band der Geschichte – Wenn das Eis bricht – ist mir die Psychologin Hanne, die der Stockholmer Polizei zuweilen als Profilerin zur Verfügung steht, ans Herz gewachsen. Noch stand sie im ersten Teil am Anfang ihrer fortschreitenden Demenz, im zweiten Band ist die Krankheit bereits umfassender, einschneidender und deutlich sichtbarer.

In ihrem zweiten Band – Tagebuch meines Verschwindens – lässt die Autorin Camilla Grebe erneut mehrere Ich-Erzähler:innen zu Wort kommen. Zum einen hören wir Jake, einem fünfzehnjährigen Jungen, zu, der gern Frauenkleider trägt, zum andern Malin, der erwähnten jungen Polizistin. Hannes Stimme hören wir aus ihrem Tagebuch und in einigen aus ihrer Sicht erzählten Kapiteln.

Hanne und Peter befinden sich auf Grönland, wo sie sich gemeinsam – vor dem vollständigen Verlust von Hannes Erinnerungen – deren alten Reiseraum erfüllen, als sie ins Cold Cases-Ermittlungsteam nach Ormberg gebeten werden.

Es ist Ende November, der Anfang eines kalten, schneereichen Winters in der Pampa von Mittelschweden, und die Voraussetzungen, den alten Fall lösen zu können, sind schwierig. Zwar sind die Ermittlungsmöglichkeiten inzwischen fortschrittlicher, doch ist seit dem Skelettfund viel Zeit vergangen.

Jake trifft auf einem seiner seltenen Spaziergänge in Frauenkleidern im Wald auf die vor einer Gefahr flüchtende Hanne, die er schließlich zur Landstraße begleitet, wo sie ein Auto anhalten kann um wegen Unterkühlung und Dehydrierung ins Krankenhaus gebracht zu werden. Sie hat keinerlei Erinnerungen mehr an die letzten zwei Tage. Auch weiß sie nicht, wo Peter abgeblieben ist und warum sie beide überhaupt im Wald gewesen sind.

Jake hat sich, nachdem er Hanne in Sicherheit wusste, im Wald versteckt, denn er möchte nicht in Frauenkleidern gesehen werden. Doch er hat Hannes Tagebuch am Straßenrand gefunden, das ihr aus der Tasche gefallen sein muss, bevor sie in das rettende Auto steigen konnte.

Seit Hanne immer mehr vergisst, ist ihr Tagebuch gleichsam ihr ausgelagertes Hirn. Sie hat es sich angewöhnt, alles akribisch aufzuschreiben, damit sie sich später wieder erinnern kann. Jake liest in den nächsten Tagen alles, was Hanne während der ersten Ermittlungstage erlebt und erkannt hat. Bis zu ihrem Verschwinden also, in der ganzen Zweideutigkeit dieses Wortes. Er weiß, dass er das Tagebuch der Polizei übergeben müsste, doch dann müsste er ja zugeben, dass er jene junge Frau gewesen ist, die die Polizei als Zeugin sucht.

Im Laufe der Geschichte erkennen wir als Lesende, wie sehr die Bevölkerung von Ormberg sich abschottet und Neuem gegenüber verschließt. Geschehnisse, die über fünfundzwanzig Jahre zurückliegen, wurden unter den Teppich gekehrt. Damals verschwanden eine Frau und ein Mädchen aus dem Flüchtlingszentrum, das damals am Ortsrand in einer alten, stillgelegten Fabrik untergebracht war, spurlos. Inzwischen ist das Flüchtlingszentrum wieder aktiviert worden, um Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Sehr zum Unmut der Bevölkerung vom Ormberg, die nach zahlreichen Schließungen von Fabriken durch Abwanderung geschrumpft ist.

Ein erster Erfolg für das Cold Case-Team ist die Identifikation des Mädchens. Es ist das damals verschwundene, wie die DNA seiner Tante offenbart, von seiner Mutter fehlt jedoch noch immer jede Spur.

Während das Ermittlungsteam mit der Unterstützung von anderen Polizeidienststellen weiträumig nach Peter sucht, wird eine weitere Leiche entdeckt. Die einer Frau. Erschossen am Wochenende von Peters Verschwinden. Und wieder ist der Fundort die Geröllhalde, nicht weit von da, wo das Mädchen vor zwölf Jahren gefunden wurde. Wie hängt das alles zusammen, wer ist die grauhaarige Frau, warum liegt sie ausgerechnet dort und wo ist Peter? Von ihm fehlt noch immer jede Spur.

Jake erfährt im Laufe der Geschichte immer mehr über die Hintergründe und gerät schließlich ganz unerwartet auf eine Spur, die letztlich zur Auflösung der Fälle führt, die alle irgendwie zusammenhängen. Den Prozess, den er durchläuft, zeichnet Camilla Grebe ebenso nachvollziehbar und glaubwürdig nach wie den Malins. Zurück in der alten Heimat wird diese mit vielen alten Geschichten konfrontiert und muss einiges aufarbeiten, um endlich herauszufinden, wer sie ist, was sie will und wohin ihr Weg führen könnte.

Auch Hannes Weg ist kein einfacher. Natürlich verläuft jede Krankheit anders und natürlich bin ich zu unerfahren, um mich mit Demenz wirklich auszukennen, doch weil die Schwester der Autorin Psychologin ist und die beiden ja in ihren gemeinsamen Krimis um die Therapeutin Siri Bergmann bereits ihre Kenntnisse über menschlichen Innenwelten offenbart haben, halte ich die Erzählungen über Hannes Krankheit für glaubwürdig.

Die Geschichte verdichtet sich gegen Ende je länger je mehr. Der Ausgang überrascht. Die Aussagen des Täters zu seinen Motiven lassen mit sprachlos zurück und ich verstehe auf einmal, warum der schwedische Originaltitel Haustier lautet.

Der Autorin gelingt, was ich sehr schätze: Sie erzählt eine von Anfang an dichte Geschichte, schreibt gut, flüssig, spannend, orientiert sich jederzeit an ihrem spannenden Plot und dröselt die offenen Fäden bis zum Schluss glaubwürdig auf. Ich mag ihren Schreibstil und hre Herangehensweise an die heiklen Themen dieser Geschichte, die zudem je nach Figur unterschiedlich interpretiert werden und mich zu eigenem Nachdenken inspirieren.

Im Nachwort schreibt Grebe: „Es sind mehr Menschen auf der Flucht als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte. […] Mein Ormberg gibt es eigentlich nicht, aber es existiert trotzdem – überall um uns herum. Vielleicht wohnt du in Ormberg, ohne es zu wissen. [… ] Du könntest die sein, die vor Krieg und Hunger geflohen ist, sagt Andreas zu Malin. Und diese schlichte, aber zugleich wichtige Botschaft wollte ich mit diesem Buch vermitteln.“


btb
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Originaltitel: HUSDJURET
Originalverlag: Wahlström & Widstrand
Paperback/Klappenbroschur
608 Seiten
ISBN: 978-3-442-71881-8
Erschienen am 09. September 2019
Leseprobe

Ausgelesen #32 | Die Zukunft nach Corona von Matthias Horx

Angefangen zu lesen habe ich das Post-Corona-Buch des Zukunfsforschers Matthias Horx als George Floyd noch lebte. Nach dessen Tod habe ich es weitergelesen. Der Tod eines Menschen kann den Blick verändern. Die Umstände, unter denen wir ein Buch lesen, wirken sich auf die Leseerfahrung aus und verändern unsere Haltung.

Buchcover des besprochenen Buches. Digital anmutende, hellblaue grafische Linien im Hintergrund, im Vordergrund Autorname, Titel und Untertitel in dunkelrot und schwarz. Ganz unten Verlagsname.
Buchcover

Horx benutzt in seiner Vision von der Zeit nach Corona den Begriff Re-Gnose. Der Rückblick aus der vorgestellten Zukunft sozusagen. Vor zwei Monaten war ich diesbezüglich hoffnungsvoller, heute stelle ich fest, dass sich meine Re-Gnose in den letzten Wochen wieder verdüstert hat.

Höre ich Horx als Leserin zu, tue ich das als weiße Frau, geboren in einem der reichsten Länder der Welt, doch wie würde ich Horx lesen, wenn ich als dunkelhäutige Schweizerin geboren wäre? Und wie als Nigerianerin oder Chilenin? Und wie als Chinesin oder als Inderin? Gedanken, die ich mir in der letzten Zeit immer häufiger stelle. Nicht nur wenn ich ein Buch lese. Würde ich mich in den Szenarien, die der Autor hier entwirft, wiederfinden?

Ich verdanke den letzten Monaten ein wachsendes Bewusstsein für meine Privilegien, für die ich größtenteils nichts kann. Dass ich in einem Land lebe, dass die Verbreitung des Virus im Verhältnis zu anderen Ländern durch einen – wenn auch späten – Lockdown dimmen konnte, ist ein weiteres Privileg.

Am Anfang gefiel mir Horx’ visionäre Kopf-und-Herz-Reise in seine mental-psychische Dimensionen von Krise und Krisenlösungsversuch. Die Ansätze, die er entwirft, wollen Mut machen, die Welt besser zu gestalten. Wie wäre es, wenn ich in einigen Monaten, im Rückblick auf heute, auf April 2020, auf März 2020, lauter heilsame Erfahrungen aufzählen könnte, die von dort aus in die nahe und weitere Zukunft weiterwachsen? Wäre das nicht wunderbar?

Nein, Horx ist kein Phantast. Was er aufzählt, was er in Betracht zieht, wäre durchaus machbar. Theoretisch jedenfalls. Jedenfalls wenn wir Menschen nicht so wären, wie wir Menschen nun mal sind. Und ich glaube, das ist es schließlich auch, was mich immer mehr stört. Oder vielleicht beneide ich ja einfach nur Matthias Horx für seine Fähigkeit, sich die Welt so schön vorstellen zu können? Vielleicht bin ich neidisch darauf, dass jemand noch so viel Hoffnung auf eine bessere Welt haben kann?

Ich bereue es nicht, dieses Buch gelesen zu haben. Einige Gedanken haben mich sehr angesprochen, andere haben mich aufgewühlt, manches kam mir bekannt vor. Zum Beispiel habe ich mich in Horx’ depressiven Freund Ferdinand wiedererkannt. Dieser sei im Lockdown geradezu aufgeblüht.

»Bei Ferdinand hatte die Krise offenbar zwei Effekte gleichzeitig. Das, was er ständig prophezeiht hatte – dass alles zusammenbrechen würde –, war plötzlich Realität. Diesen Stimmigkeitseffekt hat bereits Charlotte Roche, die Autorin von Feuchtgebiete, beschrieben. Sie schilderte in ihrem Blog das Gefühl, in einer Welt aufzuwachen, in der all die Ängste, die man in sich trägt, plötzlich Wirklichkeit geworden sind. Roche hat ein schweres Trauma davongetragen, als ein Teil ihrer Familie bei einem Autounfall ums Leben kam. ’Jetzt ist das, was draußen passiert, im Gleichklang mit drinnen«, beschrieb Roche nun ihr Corona-Gefühl.’« (Zitatende)

Na ja, zwar bin nicht gerade aufgeblüht, aber das Phänomen, das Horx beschreibt, kommt mir doch bekannt vor. Da fürchtet man sich ständig vor Weltuntergängen und dann geht die Welt tatsächlich – jedenfalls gefühlt – ein wenig unter. Und – tada! – wir sind noch da, wir haben es überlebt. Corona-Syndrom nennt Horx das. Innen und außen im Gleichklang nennt es Roche.

Für mich, die ich aus Gründen eh sehr zurückgezogen lebe, fand noch ein weiterer Gleichklang statt, eine Art Angleichung an die Masse, denn auf einmal war mein Lebensstil die Norm. Und ja, das hat sich nicht mal so schlecht angefühlt. Auch die ungewohnte Ruhe da draußen, am Himmel, auf den Straßen, hat mir gefallen.

Wie gesagt: Vieles, was Horx schreibt, ist inspirierend, spannend, mutmachend. Doch da ist eben auch dieser so deutlich im reichen Westen verortete, satte Blick, der mich nicht wirklich davon überzeugt, dass wir Menschen in der Lage zu solch grundlegenden Wandlungen sind. Wir sind zu konsumgewohnt, zu träge, zu satt, zu gierig. »Mit den Schlüssen, die er aus dieser Erkenntnis zieht, bleibt er jedoch in der Mitte wohlhabender Industrienationen, in denen die Menschen sich um ihre innere Entwicklung kümmern können, um einen inneren Sinn fernab von Wachstum und Konsum zu finden. Ein sanfter Wandel, der das System nicht gefährdet,« schreibt auch Elke Engelhardt (hier) über Horx’ Aufsatz.

Selbstverständlich ist Horx’ langes Essay weder Anleitung, noch Prophezeiung noch Lehre, sie ist eine Möglichkeit, ein Versuch, die Welt anders zu sehen. Sie ist ein Spiel mit den Möglichkeiten. Ich lese von viel Hoffnung, viel Vertrauen und vor allem von viel Konjunktiv.

So oder so: Wenn wir etwas verändern wollen, braucht es viel Bewusstsein und den Mut, genau hinzuschauen. Auf uns. Wie wir leben, was wir wollen, wohin die Reise gehen soll.

Herzlichen Dank an den Autor und den Econ-Verlag für die anregenden Lesestunden.


Matthias Horx: Die Zukunft nach Corona.
Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert.

Econ
Hardcover
144 Seiten
ISBN 978-3-430-21042-3
Erschienen: 29.05.2020
€ 15,00 [D]
€ 15,50 [A]
Fr. 22.90

 

Depression zwischen Buchdeckeln #8 | Ausgelesen #31 | Marianengraben von Jasmin Schreiber

»Es geht um Depression, Trauer, kleine Brüder und um die langsamste Verfolgungsjagd in der Geschichte der Verfolgungsjagden.« So beschreibt die Autorin Jasmin Schreiber ihr Buch Marianengraben auf ihrer Webseite. Was irgendwie stimmt, aber irgendwie auch viel zu tief stapelt. Denn das Buch ist mehr. Es ist eine Liebeserklärung an das Leben. Nun ja, nicht von Anfang an, denn am Anfang wird gestorben. Paulas zehnjähriger Bruder Tim ertrinkt. In den Ferien. Und Paula, die Ich-Erzählerin, ist nicht da, um ihn zu retten.

Das Buchcover hat einen dunkelblauen, tiefseefarbigen Hintergrund. Darauf in hellviolett die Tentakeln eines Tintenfisches. In der Bildmitte in hellblau der Buchtitel, darüber kleiner der Name der Autorin, darunter der Begriff Roman, ganz unten am Bildrand der Verlagsname.
Cover des vorgestellten Buches

Paula, die kurz vor ihrer Doktorarbeit als Biologin steht, fällt in eine tiefe Depression. Zwei Jahre lang mäandert sie in tiefer Trauer durch ihr Leben und beginnt schließlich und endlich mit einer Therapie. Ihr Therapeut, mit dem sie – um dem Kern ihres Schmerzes nicht in die Augen schauen zu müssen – stundenlang über Kochrezepte diskutiert, gibt Paula den entscheidenden Schubser, der dazu führt, dass Paula eines Nachts Helmut kennenlernt. Eine turbulente Begegnung mit Folgen, die weder Paula noch Helmut hätten ahnen können. Und Hündin Judy schon gar nicht.

Paula begibt sich spontan zusammen mit Helmut auf eine abenteuerliche Reise. Und es wird eine von jene Reisen, die Menschen zuweilen brauchen, um zu sich selbst zurückzufinden. Paula, von Helmut zuweilen Heulboje genannt, da sie beim kleinsten Anlass in Tränen ausbricht, erzählt hier von ihren Erlebnissen nach dem Tod ihres Bruders und so ist dieses Buch letztlich ein einziger langer Brief an Tim, in welchem sie sich immer wieder an Gespräche mit ihm erinnert. Und an seine Begeisterung für das Meer, deren tiefste Stelle, der Marianengraben, den Titel für das Buch liefert. Aus Gründen. (Und ganz nebenbei lernen wir auch viel über die Tiefen der Tiefsee.)

Weil sich Paula an Gespräche erinnert, erfahren wir viel über die Dynamik ihrer Beziehung zu Tim. Ihre Kapitel benennt Paula nach der jeweils aktuellen Tiefe ihres persönlichen Marianengrabens, dem Synonym für ihre Trauer.

»Jetzt liebe ich dich nur noch gefangen in einer Zwischenwelt aus Präteritum und Konjunktiv und in einer Realität, die vor deinem Tod ein Leben und danach nur noch ein Zustand war.« (S. 9.)

»Ich hatte schon oft in meinem Leben das Gefühl, einsam zu sein. […] Aber erst jetzt verstand ich, dass man nur wirklich einsam ist, wenn man zurückbleibt, wenn man übrig ist. Und dann fährt man in die Berge, weil sie so unendlich groß und mächtig sind und man selbst so klein, und man hofft, dass das irgendetwas kompensiert. Dass die Weite des Gebirges den Raum ausfüllen kann, den der andere zurückgelassen hat, dass das Schmelzwasser der Gletscher in alle kleinen Ritzen und Lücken eindringt und alles wieder mit Leben befüllt. Aber kein Gebirge der Welt kann diese Leere kompensieren.« (S. 52)

Jasmin Schreiber, ursprünglich Biologin wie Paula, schöpft, was das Sterben betrifft, aus einem tiefseetiefen Erfahrungsschatz. Sie begleitet ehrenamtlich Eltern, deren Kinder im Sterben liegen oder gerade gestorben sind. Als ehrenamtliche Trauerbegleiterin weiß sie, wovon sie redet. Und auch Depressionen sind ihr persönlich bekannt.

Ihre beiden Figuren hat sie sehr glaubwürdig und vielschichtig gezeichnet. Helmut und Paula kommen sich im Laufe der Reise, die sie zusammen unternehmen, innerlich näher und teilen Gefühle und Gedanken um geliebte und verstorbene Menschen. Sie sprechen sozusagen die gleiche Sprache, die Sprache der Trauer.

»Wenn Trauer eine Sprache wäre, hätte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.« (S. 96)

Wer jetzt aber meint, dass Marianengraben ein furchtbar trauriges Buch sein muss, täuscht sich. Und zwar mega. Noch nie habe ich über Trauer so ein witziges Buch gelesen, und das ohne jegleiche Plattheiten, Geschmacklosigkeiten oder Kitsch. Wer allerdings Heile-Welt und Happy End sucht, ist hier falsch.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gleichzeitig so viel gelacht und geweint habe. Trotz aller Situationskomik erzählt die Autorin hier eine sehr schmerzhafte Geschichte, eigentlich sogar mehrere. Geschichten aber,  die mich allesamt – mit meinen eigenen Trauergeschichten – ein bisschen getrösteter zurücklassen. Und die mir Hoffnung schenken. Und immer wieder ein Lächeln.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei der Autorin und beim Eichborn-Verlag für das nicht nur innen, sondern auch außen wunderschön gestaltete Buch.


Eichborn Verlag

Webseite der Autorin: www.jasmin-schreiber.de

Ausgelesen #30 | nichts – Gedichte von Manfred Keitel

Dass Manfred Keitel ein sehr inniges Verhältnis zu Sprache hat, wird mir spätestens beim Öffnen des kleinen Büchleins klar. Schnell bekomme ich den Eindruck, dass der Autor inmitten von Wörtern lebt. Da ist etwas Organisches, Selbstverständliches, das mich sofort berüht. In seinen fünf Kapiteln lädt er uns ein, die Welt durch seine Augen und mit seinen Worten im Ohr zu betrachten und zu erfahren. Eine sinnliche, eine feinsinnige Reise.

Mal sind es melancholische Texte, mal heitere, mal absurde, komisch-verspielte, liebevolle, mal dem Tod hin-, mal der Liebe zugewandte. Allesamt mit einem feinen Gespür für die vielen Schichten mancher Worte, für Wendungen und Kontraste, für Quer-im-Raum-Stehendes und für Paradoxien geschrieben. Wenn ich mich auf die oft nur kurzen Texte einlasse, horche ich ihrem Nachhall; manche einzelnen Zeilen lese ich wieder und wieder, weil ich ihren Sinn und den Sinn dahinter und den darunter hören will, verstehen vielleicht sogar. Und jedes Mal sehe ich irgendwo noch ein weitere Bewegung, die ich beim ersten Lesen nicht gesehen habe. Das hier ist ein leises Buch, eins das inspiriert und zum Innehalten einlädt. Ich bin sehr angetan.

Es folgen ein paar Zitate.

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weiter hin

der Träumer ist weiterhin erwacht
Der Träumer ist weiterhin eine Katze

Zwischen Sternen ruhen Nächte
und er schläft doch nie
Was schläft ist anders wach

Es ist Gesang nur
und damit Welt
Weite weit aus die Ströme der Nacht

S. 9

+++

Ohne Deckel (Luftbestattung)

Ich wünsche ich könnte
Am dem Loch sterben

An der Lücke die er
In meinem Herzen
Dem daSein hinterließ
Mein Leben wäre erfüllt

[…]

S. 10

+++

Sternlüstergeflüster

ich bin den Sternen
von den Maschen gerutscht

für zu leicht befunden
im Staub zusammengekehrt
herab zum Ich geballt

nur wir im Dunkeln funkeln
glitzern sternschnuppenleer

S. 29

+++

alles rundum ist randvoll mit Heißhunger gestillt

keiner ist frei
Jeder bei sich
Selbst Wurzeln schlängeln

S. 51

+++

Kurz gesagt: Herzliche Leseempfehlung!

(Und nein, mein Büchlein ist kein Rezensionsexemplar. Ich habe es mir selbst geschenkt.)


Manfred Keitel | nichts | Gedichte

Mit einem Nachwort: Erratanomicon.
Mai 2019. 62 S.
Titelbild von Peter Thiersch. Umschlaggestaltung von Anke Enzmann
Format 12,8 x 20,8 cm.
ISBN 978-3-936905-71-7
Verlag ERV
13,80 €

Zur Webseite des Autors gehts hier lang.

Ausgelesen #29 | Es ist Sarah von Pauline Delabroy-Allard

Das Cover zeigt die schwarzweiße Fotografie einer rauchenden, jungen Frau, die in einem weißen Hemd oder Bademantel links im Bild auf dem Fensterbrett sitzt und nach außen rechts guckt. Draußen sind Bäume zu sehen. In schwarzen Großbuchstaben steht der Titel im untersten Bildfünftel, der Name der Autorin in weißen kleineren Großbuchstaben in der Bildmitte rechts.
Buchcover

Die junge Französin Pauline Delabroy-Allard schreibt als ginge es um Leben und Tod. Und letztlich tut es das auf temporeiche, geradezu schwindligmachende Weise auch.

Das hier ist eine Liebesgeschichte, wie ich sie so noch nie gelesen habe. Eine Amour fou, die je länger je mehr weh tut. Die zwei bis dahin heterosexuellen jungen Frauen – Sarah und die Ich-Erzählerin – begehren und lieben sich schon bald mit einer Raserei, die einem Flächenbrand ähnelt. Die beiden könnten nicht unterschiedlicher sein. Sarah, klassische Musikerin und Künstlerin, lebt zudem so ganz anders als die Ich-Erzählerin, die als Lehrerin arbeitet. Schon bald können die beiden nicht mehr ohne einander sein. Doch auch miteinander wird es immer schwieriger. So schwierig, dass die Ich-Erzählerin sich immer wieder krankschreiben lassen muss. Als Alleinerziehende mit einer kleinen Tochter und bis dahin immer zuverlässig Agierende steht ihre Welt auf einmal Kopf. Sie verliert ihre innere Mitte immer mehr, und der Boden unter ihren Füßen beginnt zu schrumpfen.

Es kommt wie es muss. Die beiden trennen sich. Das heißt, Sarah trennt sich von der Erzählerin. Doch nur, um immer wieder zu ihr zurückzukommen. Bis Sarah eines Tages ihrer Partnerin etwas erzählt, das das Leben der beiden noch grundlegender verändert als alles Bisherige.

Nach und nach wird Es ist Sarah auch zur Geschichte einer Depression, ja, es ist nicht zuletzt eine Geschichte zweier depressiver Frauen. Eine Geschichte von Verlassen und Verlassen werden. Eine Geschichte von Krankheit und der Sehnsucht nach Ganzheit. Eine Geschichte von der leisen Hoffnung, beim Versuch eines Tages wieder ein überschaubares, aushaltbares Leben zu führen, nicht kaputt zu gehen. Denn ja, dieses früher so normale, so alltägliche Leben ist für die Erzählerin inzwischen unvorstellbar geworden.

Pauline Delabroy-Allard hat mich mit ihrer eindringlichen Sprache und der allumfassenden Sinnlichkeit ihrer Erzählung buchstäblich aus den Socken gehauen. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, bis ich es fertig hatte. Weil es mitreißt. Weil es so rasant, so intensiv, so berührend, so erschöpfend, so aufwühlend geschrieben ist. Und so traurig. Es nicht gelesen zu haben, wäre allerdings keine Option.

Ich bedanke mich herzlich bei der Frankfurter Verlagsanstalt und der Autorin, die mir mit diesem Rezensionsexemplar aufwühlende Lesestunden geschenkt haben.


Frankfurter Verlagsanstalt FVA
Übersetzt von Sina de Malafosse
192 Seiten
Hardcover
Ca. € 22,– (Print, D), € 14,99 (eBook, D)
ISBN 978-3-627-00266-4 (Print), 978-3-627-02276-1 (eBook)
FVA

Ausgelesen #28 | aufgeschrieben von Hannah C. Rosenblatt

Von der ersten Seite des Buches an ringe ich darum zu verstehen. Aber ist, so frage ich mich, Verstehen überhaupt möglich oder ist dieser Wunsch vielleicht – hier und allgemein – eine Anmaßung? Geht es denn für mich als Leserin überhaupt darum, zu verstehen, was Hannah C. Rosenblatt in ihrem Buch ’aufgeschrieben’ aufgeschrieben hat?

Buch auf Holztisch. Der eierschalenweiße leinengebundene Umschlag ist oben mit kleinen schwarzgeprägten Lettern bedruckt, die der Name der Autorin nennen, unten steht mittig in schwarzen Lettern in geprägter Handschrift der Buchtitel ’aufgeschrieben’.
Buch auf Holztisch. Der eierschalenweiße leinengebundene Umschlag ist oben mit kleinen schwarzgeprägten Lettern bedruckt, die der Name der Autorin nennen, unten steht mittig in schwarzen Lettern in geprägter Handschrift der Buchtitel ’aufgeschrieben’.

Hannah C. Rosenblatt ist eine junge nicht binäre Person mit Kindheitserfahrungen im Bereich organisierter sexualisierter Gewalt. Nachdem sie_r diesen Alltag aus Bedrohung und Ausbeutung endlich verlassen hatte, war sie_r in ein Hilfesystem geraten, das nicht nur half, sondern auch behinderte. Zu dieser Zeit war sie_r bereits viele, eine Traumafolge. Ihnen wurde eine DIS, also eine dissoziative Identitätsstörung, diagnostiziert, eine dissoziative Identitätsstruktur. Wie genau das aussieht und wie es sich anfühlt, kann nicht mir nicht wirklich vorstellen. Darum zweifelte ich schon sehr bald an meinem Anspruch, Hannah C. Rosenblatts Buch mit einer Besprechung auch nur annähernd gerecht werden zu können. Als Leserin fühlte ich mich immer wieder als Voyeurin. Und war zugleich eben so oft von der Schönheit der Texte tief berührt. Verwirrt auch und immer wieder neben mir, atemlos, erschüttert.

Obwohl der kleine Band nur 96 Seiten dick ist, brauchte ich lange, um ihn zu Ende zu lesen. Manches Lesen tut weh. Dieses Lesen hier, weil in den Texten die erlebte Gewalt thematisiert wird. Mal subtil mal konkret. Obwohl das Wort Gewalt nicht oft vorkommt, wird sicht- und fühlbar, was Gewalt an einem Kind bewirkt. Bewirkt? Ob dies das richtige Wort ist für das, was ich meine?

Auch das macht dieser Text mit mir. Ich schaue genauer hin. Ich betrachte Wörter, ich betrachte Begriffe aus einer anderen Perspektive. Sie haben neue Farben, neue Gewichte bekommen.

Hannah Rosenblatts Texte läsen sich, würde ich nur die Oberfläche betrachten, wie Momentaufnahmen aus zusammenhangslos scheinenden Dialogen und Monologen. Doch der erste Blick täuscht. Jedes Gespräch erinnert mich an ein Ringen um Klarheit, an ein Balancieren auf einem dünnen Seil.

Sind es die unterschiedlichen Ichs der Autorin, die da miteinander sprechen oder sind es Personen aus Fleisch und Blut, die da mit der Autorin am Küchentisch sitzen? In der Buchwerbung steht: ’Hannah C. Rosenblatt konnte nur aufschreiben, was sie ihren Eltern zu sagen hat.’

Ich nenne es für mich ein Kammerspiel, wobei sich der Wortteil ’-spiel’ ganz und gar falsch anfühlt. Wie begrenzt wir doch mit unseren Ausdrücken sind. Bestenfalls die Lücken taugen. Womöglich sind auch sie so etwas wie Protagonistinnen in Rosenblatts Texten?

Ich springe beim Lesen in meinen eigenen Innenräumen hin und her und kaue an einzelnen Brocken herum. Schwer verdauliche Kost. Aber weggucken zählt nicht. Und ich will das lesen.

Es geht um Vertrauen, es »geht um Vertrauen in eine Welt, der ich maximal entfremdet bin«, lese ich auf Seite 51. Ich nicke, denn manches verstehe ich. Verstehe ich jedenfalls irgendwie, auf meine Weise. Die gleichen Wörter, die in das eine bedeuten, bedeuten für die Rosenblatts womöglich etwas ganz anderes, vielleicht ähnlich, niemals gleich. Manchmal maximal entfremdet. Ja, das resoniert in mir. Wie Echokammern, geht es mir durch den Kopf. Wie Echos aus der Vergangenheit klingen Rosenblatts Gespräche in mir nach und hallen weiter. Und machen etwas mit mir.

Ist das hier Lyrik, Poesie, Essay?, frage ich mich zuweilen. Novelle, wie es auf dem Buch steht, passt aus meiner Sicht nur bedingt. So oder so: Hannah C. Rosenblatts Texte passen in keine Schublade.

Jeder Satz wie ein fließender Bach, ein Fluss, ein Turm. Etwas Geschaffenes, etwas Geschafftes, etwas Abgetrotztes – nicht künstlich, umso künstlerischer. Immer so, als wäre jedes Wort dort, wo es steht, genauso gewachsen. Wie ein Baum, der zu wenig Wasser bekommen oder nicht genug Platz hatte, und kaum Erde um die Wurzeln. Und dennoch ist er gewachsen. Allem zum Trotz ist er sogar schön gewachsen.

Glitzer auf Scheiße? Wären diese Texte und die Gründe, sie zu schreiben, nicht so scheiße, wäre das alles hier buchstäblich und wortwörtlich wunderschön. Ja, dieses Buch hier in meiner Hand ist wunderschön. Leinengebunden, ein haptisches Hach-Erlebnis. Schön und scheiße – so nahe beieinander. Auf die Hinterseite des Buches ist folgender Text tätowiert:

»Jede Gewalt trifft einen Körper.
Jeder Körper ist ein Raum.
Jeder Raum kann Versteck
und Gefängnis gleichzeitig sein.
Jeder Raum ist Zeuge.

Dieses Buch öffnet eine Tür.«

Die Alltäglichkeit, die Üblichkeit bildet den Rahmen der oft sehr kurzen Kapitel. Doch kurz ist nur das, was wir im ersten Moment sehen. Fangen wir zu lesen an, stellen wir fest: Das hier ist hochkonzentriert, das hier ist eine Essenz, das hier sind eingekochte Gedanken, die sich nicht einfach hurtig überlesen lassen.

Als Figuren in Rosenblatts Erzählungen treten neben den verschiedenen Innens unter anderem Kaffeetasse, Teller, Tiefkühltruhe, Spüle, Sofa, Wanderschuhe und Tresen auf. Sie alle nehme ich sowohl gegenständlich als auch metaphorisch wahr. Absicht oder nicht? Oder sie kommen einfach vor, weil sie da sind. Weil sie die Welt der autistischen Autorin bevölkern.

Da ist die Erinnerung an eine Beratungsperson, die über das Kind Hannah gesagt hatte, dass es das Gras wachsen höre. Und wie das Kind Hannah danach versucht hatte, dieses Wachsen zu erlauschen, zu unterscheiden, und wie es daran scheiterte, sich wegen seines Unvermögens schämte und erst viele Jahre später als Leserin diese Redensart endlich verstehen konnte.

»So viele Ichs, da kann kein Selbst mehr sein.« Darum springt die Erzählperspektive oft von ich zu sie zu er zu wir. Ich bin die Betrachterin, ich stehe außen und ich habe letztlich keine Ahnung, wie es innendrin ist, wenn man viele ist.

Hannah Rosenblatt handhabt die Wörter wie Plastilin, formt sie um, gestaltet sie neu. Ich sehe Wörter, die sich neu gebärden, neu geborene Aussagen entwerfen und ich ahne die Notwenigkeit dahinter. Da sind schließlich immer wieder andere Du, andere Gegenüber, wie sollte da die Sprache sich nicht mitwandeln dürfen?

Damals, als die Rosenblatts noch ein Kind waren, haben es alle gewusst. Und alle haben geschwiegen, auch die pädagogischen Erwachsenen. Obwohl es doch nicht zu übersehen war. Und doch ist da keine Anklage im ganzen Buch. Es war so. Es gab nichts anderes.

»’Ich hasse euch nicht.’
Sie stehen im Rahmen der Küchentür und schauen sie ein letztes Mal an.
’Nicht einmal das.’

Das Ende dehnt sich aus und berührt meine Füße.«

Die Texte lassen ahnen, wie schwierig es ist, ein Leben ohne die gewohnte strukturelle organisierte sexuelle Gewalt leben zu lernen. Ein normales Leben eben – ohne zu wissen, wie das gehen könnte. Ein Leben, das in die Leben der anderen hineinpassieren kann.

Im Nachwort nimmt mich Mai-Anh Boger in die Pflicht. Ich bin als Lesende zur Zeugin geworden, sagt sie. Ich kann nicht mehr wegrennen, nicht mehr weggucken. Nein, das will ich auch nicht. Immerhin entbindet mich die Nachwort-Autorin aber vom Versuch, verstehen zu müssen. Denn das, bei aller Liebe, kann ich nicht. Nicht wirklich.

Die Autorin selbst schreibt in ihrem Nachwort darüber, dass Schreiben ihr Tor zu sich selbst ist. Wie sie die Grenzen der Stille abschreitet und die abgebrochene Steine und Steinchen aufhebt und aufschreibt.

Ich wünsche ihr, dass sie nicht aufhört, diesen Weg zu sich selbst zu erforschen. Und weiter aufzuschreiben, was gut tut.

Wer über das Buch hinaus mehr von Hannah C. Rosenblatt lesen will, ist herzlich eingeladen, ihr Blog zu besuchen: Ein Blog von Vielen.

Ich bedanke mich bei der Edition Assemblage herzlich für das Rezensionsexemplar.


Hardcover
120x180mm
96 Seiten
15.00€
978-3-96042-053-8
Edition Assemblage
März 2019

Ausgelesen #27 | Die wundersame Mission des Harry Crane von Jon Cohen

Buchcover zeigt auf einem dunkelblauen Hintergrund ein goldenes Blatt. In dunkelblauen Handlettering-Buchstaben steht darin der Titel des Buches. Unter dem Blatt sind in weißen Lettern Autor- und Verlagsnamen zu lesen. Auf dem blauen Hintergrund leuchten goldene Punkte, die an Goldmünzen oder Sterne erinnern.
Buchcover zeigt auf einem dunkelblauen Hintergrund ein goldenes Blatt. In dunkelblauen Handlettering-Buchstaben steht darin der Titel des Buches. Unter dem Blatt sind in weißen Lettern Autor- und Verlagsnamen zu lesen. Auf dem blauen Hintergrund leuchten goldene Punkte, die an Goldmünzen oder Sterne erinnern.

Am Anfang von Jon Cohens Märchenroman sterben zwei Menschen. Doch keine Angst, trotz des traurigen Auftaktes ist Die wundersame Mission des Harry Crane keine traurige Geschichte. Märchen, Heldenepos, Weisheitsgeschichte? Auf alle Fälle lesenswert!

Wie schon oft finde ich persönlich den deutschen Titel übrigens ziemlich schlecht gewählt, zumal ich diesen Bandwurm-Titel-Trend eh nicht mag. Im Original heißt dieser Roman schlicht Harry’s Trees, was der Sache schon näher kommt. Harrys Bäume. Als Titel hätte mir auch Orianas Wald gut gefallen.

Was wäre, wenn über Nacht Wunder geschähen und die Probleme, die uns am meisten belasten, sich von selbst oder durch Zauberfeenhand gelöst hätten und unsere Welt beim Aufstehen eine andere wäre? Was wäre am Morgen anders?

Harry Cranes Antwort wäre vermutlich ziemlich einfach: Seine Zauberfee hätte über Nacht die Uhr zurückgedreht. So hätte er dieses eine Los nicht gekauft und seine Frau nicht an dieser gefährlichen Straßenecke warten lassen. Stattdessen wäre er mit Beth, seiner großen Liebe, wie geplant schnurstracks ins Kino gegangen. Der tödliche Unfall wäre nicht geschehen und Beth noch am Leben. Auch die zehnjährige Oriana müsste vermutlich nicht lange überlegen: Ihr wunderbarer Vater Dean wäre nicht gestorben.

So aber ist geschehen, was geschehen ist. Kurzum: wir brauchen ein neues Wunder. Harrys Wunder geschieht, als er einen Anruf von seinem Anwalt bekommt. Die Baufirma, die Beths Tod zu verantworten hat, zahlt sieben Millionen Schadenersatz. Geld allerdings, das Harry gar nicht will. Nur seinem großen Bruder Wolf zuliebe ist er mit zum Anwalt, der schließlich eine Schadenersatzklage angeleiert hatte. Harry will nicht das Geld, Harry will Beth. Die Schuld, die er sich an Beths Tod gibt, ist im Laufe des seither vergangenen Jahres nicht kleiner geworden. Nach dem anwältlichen Anruf setzt er sich darum in sein Auto und fährt los. Mitten in die Wälder Pennsylvanias, die erbisher tagtäglich von Berufs wegen verwaltet hat. Harry will nicht mehr leben. Mit Blutgeld schon gar nicht.

Derweilen ist Oriana davon überzeugt, dass ihr Vater Dean nicht tot ist, sondern sich in ein geflügeltes Tier verwandelt hat. Darum legt sie ihm im Wald seine Lieblingsleckereien hin. Überhaupt ist sie ganz oft im Wald. Mit oder ohne Bücher, die sie sich bei der betagten Bibliothekarin Olive in der Stadtbibliothek holt. Von ihr hat sie auch das handgeschriebene Märchenbuch des alten Grum, eine Geschichte, die sie schon viele Male gelesen hat. Ausgerechnet dieses Buch aber hat sie verloren. Vermutlich im Wald, an einem ihrer vielen schöne Leseplätze.

Oriana, die mit ihrer Mutter Amanda nach dem verlorenen Buch sucht, findet Harry, der beim Versuch, sich das Leben zu nehmen, von einer maroden Mauer gestürzt ist. Drei Menschen, die um einen geliebten Menschen trauern, lernen sich kennen – der Beginn einer großen Seelenfreundschaft. Amanda bietet Harry an, seine Beule zu verarzten, ist sie doch von Beruf Krankenschwester und von Natur aus sehr pragmatisch, ganz anders als ihre belesene und von Märchen besessene Tochter.

So kommt es, dass Harry für drei Wochen ins Baumhaus der Familie einzieht, um die Bäume zu zählen. Als Forstbeamter kommt ihm diese Ausrede gerade recht. Vielleicht kann er in dieser Zeit ja ein bisschen Frieden finden? Waren Wälder, waren Bäume denn nicht schon immer – schon als er ein Kind war –, seine große Leidenschaft gewesen? Auf ihren Ästen und in ihrem Blätterwerk hatte er sich versteckt, wenn ihn sein großer Bruder Wolf piesacken wollte oder die Eltern sich einmal mehr in die Haare geraten waren.

Schließlich beginnt er, den Wald und dessen Bäume zu erkunden und zu erklettern. Immer ein bisschen höhere. Immer ein bisschen mehr kommt Harry wieder zu Kräften. Die sich entwickelnde Freundschaft zwischen ihm und Oriana weicht allmählich Orianas Fixierung auf die Rückkehr ihres Vaters als geflügeltes Wesen auf. Gemeinsam wollen die beiden jetzt die Geschichte des alten Grum in die Wirklichkeit holen, der sein Glück gefunden hat, nachdem er all seine Schätze verschenkt hat. Harry fühlt sich in den Wäldern Pennsylvanias je länger je sicherer. Auch vor seinem Bruder Wolf, der einen Anteil von Harrys Schatz für sich beansprucht. Derweilen schlägt sich Amanda mit ihren Verehrern herum, die nach ihrem Trauerjahr anfangen, mit den Hufen zu scharren. Doch dann geschehen Dinge, mit denen niemand gerechnet hat.

Die Geschichte entwickelt nach und nach eine ihr eigene Dynamik, die sowohl märchenhaft als auch lebensnah ist. Jon Cohen webt eine weise und phantasievolle Geschichte, von der ich am Schluss nicht weiß, ob sie Märchen, Heldenepos, Weisheitsgeschichte, Liebesroman, Coming of Age-Geschichte oder Feelgood-Roman ist. Nun – sie ist all das. Und noch viel mehr. Liebevoll und warmherzig geschrieben ist sie pure Medizin für Menschen, die Bäume lieben, gerne teilen, gerne träumen und die Hoffnung auf ein menschlicheres Miteinander nicht aufgeben wollen.

Herzlichen Dank an den Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Jon Cohen | Die wundersame Mission des Harry Crane – Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Kranefeld

Erschienen: 02.10.2018
insel taschenbuch 4662 | Klappenbroschur, 536 Seiten
ISBN: 978-3-458-36362-0
Auch als eBook erhältlich

D: 15,95 € | A: 16,50 € | CH: 22,90 sFr

Suhrkamp

Ausgelesen #26 | Into madness von A. K. Benjamin

Buchcover. Im Hintergrund laufen von oben nach unten abwechselnd gelbe und blaue Wellenlinien. Darauf zuoberst in weißen Großbuchstaben der Autorname, darunter in blauen Großbuchstaben der Buchtitel, kleiner der Untertitel, unten rechts der Verlag. Von unten links geht eine blaue Figur zum oberen Bildrand. Um sie richtig zu sehen, müsste man das Bild nach links drehen.
Buchcover. Im Hintergrund laufen von oben nach unten abwechselnd gelbe und blaue Wellenlinien. Darauf zuoberst in weißen Großbuchstaben der Autorname, darunter in blauen Großbuchstaben der Buchtitel, kleiner der Untertitel, unten rechts der Verlag. Von unten links geht eine blaue Figur zum oberen Bildrand. Um sie richtig zu sehen, müsste man das Bild nach links drehen.

Ich kann dieses Buch nicht besprechen ohne vor ihm zu warnen. Weil es ziemlich verrückt ist. Und weil es verrückt. Weil es Sichtweisen verrückt. Weil es auf den Kopf stellt, was wir für unverrücktbar hielten. Weil es Geschichten erzählt, die vom Verrücktwerden und vom Verrücktsein handeln.

Ich mag das Buch, weil es nicht nur verrückt, sondern auch zurechtrückt. Es räumt zum Beispiel mit dem Märchen des omnipräsenten Arztes und der allwissenden Ärztin auf.

Der englische Originaltitel lautet Let me not be mad – A story of anravelling minds (Lass mich nicht verrückt sein – Eine Geschichte über das Entwirren des Verstandes) und wie so oft gefällt mir dieser besser als die für die deutsche Ausgabe gewählte Version.

Was sich am Anfang wie ein persönlich gefärbtes Sachbuch mit spannenden Fallanalysen liest, wird zunehmend zu einer Spurensuche, die, je länger wir dem Neuropsychologen Alasdair Benjamin, Ally, beim Leben zuschauen, desto verrückter wird. Irgendwann sind wir von Lesenden zu Mitfühlenden geworden, Teil seiner Gedanken, Teil seiner Suche, Teil seines eigenen Leids.

Er hatte uns gewarnt, ziemlich am Anfang des Buches. Er hatte erklärt, dass die Fallbeispiele aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verfremdet worden seien. Was einleuchtet. Erst kurz vor dem Finale des Buches wird klar, was Benjamin mit seiner Information meinte, dass er auch über seine eigenen Erfahrungen schreibe.

Eben noch hatte uns der auf Diagnostik und akute Rehabilitation spezialisierte Arzt einige klinische Begegnungen präsentiert. Wir hatten eine verwirrte ältere Frau namens Lucy kennengelernt, die Alzheimer hat – oder nicht. Und da war dieser merkwürdige Junge gewesen, dessen Aggressionen und Autoaggressionen die Eltern hatten den Arzt aufsuchen lassen und dann war auch noch jener fünfzigjährige Geschäftsmann, dessen schwere Hirnverletzung ihn zu einem exaltierten unberechenbaren Menschen gemacht hatte. Benjamin entgeht in seinem Beratungsraum in einem verschuldeten Londoner Klinikum nichts. Auch nicht die Schweißflecken, die sich über Lucys Kleid bewegen und einer animierten Landkarte auseinander driftender Kontinente ähneln. Benjamins Blick ist scharf und er findet Worte, um den Dingen Gestalt zu verleihen, für die weniger Sensiblen, weniger für solcherlei Reize Empfänglichen der Blick fehlt. Er trägt nicht nur das Herz, er trägt auch das Hirn auf der Zunge und es gelingt ihm problemlos, all die Widersprüche des wissenschaftlichen Betriebes mit all seinen Grenzen in der Diagnose und der immer vorhandenen Möglichkeit von Fehldiagnosen nebeneinander zu stellen. Dass Weißkittel auch nur Menschen sind, dass auch sie gute und schlechte Tage haben, wird klar, als bei Lucy, die nach der Diagnose Demenz alle Anzeichen einer Demenz entwickelt, obwohl sie klinisch gesehen gesund ist und die Diagnose de facto falsch war. Benjamin zeigt, dass das menschliche Bewusstsein ein beschränkter Ort ist, an dem selten alles so ist wie es anfangs aussah. Und sich eben auch Ärztinnen und Ärzte irren können.

Nach und nach verändert sich das Erzähltempo – zuerst schier unmerklich –, und schon bald sind die Sprünge auf der Zeitachse der Erzählung nicht mehr immer ganz einfach nachzuvollziehen. Auch die Andeutungen mehren sich, dass Benjamin selbst ein Seiltänzer und Gratwanderer ist, ähnlich seinen Patientinnen und Patienten. Sein Blick hinter den Vorhang des alltäglichen Horrors neurodegenerativer Erkrankungen gleicht mit viel gutem Willen einer schwarzen Komödie und oft weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Unberührt sein geht nicht. Längst bin ich mitten drin. Teil der Geschichten. Intelligenz, Weisheit und Wahnsinn wohnten schon immer nahe beieinander.

Nach und nach offenbart sich, wie es um Benjamin selbst steht. Die Beziehung zur Mutter seiner beiden Töchter ist zerbrochen, neue Liebschaften scheitern an seiner analytischen Vorgehensweise und spätestens als er für den britischen Ironman trainiert und diesen dann auch tatsächlich bestreitet, wird klar, dass auch Benjamin selbst psychisch krank ist. Dass er es wohl schon immer war. Während er mit seinem Rennrad durch die britischen Berge rast, denkt er über das Profil seiner Kunstfigur Brad76 nach, das er erschaffen hatte, um auf einer Datingplattform eine neue Partnerin zu finden. Ein Prozess, der ihn wahnsinnig gemacht habe. Kein Detail seines Profils hat er dem Zufall überlassen. Obwohl fast nichts der Realität entspricht. Manisch und getrieben versucht er, sein Leben, das mehr und mehr auseinander zu brechen droht, zusammenzuhalten, versucht, bei der Arbeit, professionell zu bleiben, was ihm immer weniger gut gelingt, und wird schließlich eines Tages vor die Wahl gestellt, selbst in die Therapie zu gehen oder mit der Arbeit aufzuhören. Längst arbeitete er da schon nicht mehr mit Patient*innen.

Augenzwinkernd erzählt der Autor von einem Syndrom, das vom Kollegium nach ihm benannt wurde: Dieses Benjamin-Syndrom handelt vom Impuls, Geschichten zu erzählen, die vordergründig witzig und selbstironisch sind, sich aber ungewollt gegen die Erzählenden selbst richten. Sein Buch ist das beste Beispiel für das besagte Syndrom, denn Benjamin erzählt schonungslos, schönt nicht, übertreibt aber auch nicht wirklich, nicht jedenfalls im Sinne einer inszenierten Übertreibung. Mich erinnert der Text übrigens streckenweise an Knausgård.

Das Erzähltempo nimmt weiter zu, Benjamins Verwirrung, durchwoben von analytischen und gesellschaftpolitischen und -relevanten Erkenntnissen, klugen Lebensweisheiten und seiner unüberlesbaren Sehnsucht nach dem Verständnis der großen Zusammenhänge mit den kleinen Details wird dichter und schließlich bleibt seiner Vorgesetzten nur noch eins: Ihm ein Sabbatical aufzunötigen.

So verlässt Benjamin seinen Arbeitsplatz im Krankenhaus und verbringt einige Monate in einem Meditationszentrum irgendwo im Fernen Osten, wo er sich der Selbstheilung und der Achtsamkeit widmet. Auch hier – vor allem zu Beginn – geschieht nichts ohne Selbstironie, trotz aller Ernsthaftigkeit. Und es ist keineswegs ein einfacher Prozess, den er da durchläuft. Im Gegenteil. Wer immer über das Leben nachgedacht und es analysiert hat, kann diesen inneren Lärm nicht einfach ausknipsen. Der Autor durchlebt eine schwierige Zeit und obwohl es eigentlich verboten ist, schreibt er immer mal wieder einige Erkenntnisse auf. Mal dienen diese eher der Forschung, der Selbsterforschung, mal eher dem persönlichen Heilungsweg. Wie soll man das auch trennen können?

»’Wahnsinn’, das Symptom des Festhaltens am Ich: unser Zwang, uns ständig selbst zu bestätigen. Es ist, als würde man den Vorhang beiseite ziehen und entdecken, dass der große und schreckliche Zauberer von Oz ein tatteriger alter Mann ist, der zugibt, dass er statt eines Herzens und eines Gehirns nur eine Uhr und ein Diplom geben kann. […] Nach Vorhang über Vorhang ist nur noch ein nackter Neunzigjähriger im letzten Alzheimer-Stadium übrig, der kaum mehr blinzeln kann. Bis nichts mehr hinter dem Vorhang ist. Lass mich nicht nichts sein.« (Zitat, S. 221, eBook)

Benjamin wäre nicht er selbst, wenn er das Buch mit weisen violett schimmernden Szenen und verklärten Erkenntnissen aus dem Meditationszentrum beenden würde. Im Gegenteil. In seinem letzten Kapitel sitzt er in einem Londoner Pub, überlagert ist diese Momentaufnahme mit einer Szene aus einem Trickfilm. Und auch Alkohol ist mit im Spiel. Leben ist eben mehr, als die einzelnen Teilchen an die richtigen Stellen zu fügen. Das Gesamtbild ändert sich laufend und hat eigentlich keine klaren Ränder.

Ich mag A. K. Benjamins Buch sehr. Es ist letztlich, unabhängig vom Genre, ein Hilferuf, ein Beitrag zur Aufklärung über psychische und neurodegenerative Erkrankungen und hat viele Leserinnen und Leser verdient. Mutige Menschen, die sich nicht scheuen, sich auf diese doch recht verrückte Geschichten einzulassen. Inzwischen lebt Benjamin (Pseudonym) übrigens in Indien, wo er eine Klinik für Kinder mit neurologischen Störungen aufgebaut hat.

Herzlichen Dank an den Ullstein-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Into Madness | Geschichten vom Verrücktwerden
Erzählendes Sachbuch, Memoir
Hardcover und eBook
Aus dem Englischen von Simone Jakob
288 Seiten
ISBN: 978-3-86493-067-6
D: € 20.00/19.99 | CH: Fr. 25.90/Fr. 21.–

Verlag: Ullstein extra

Ausgelesen #25 | Durch Feuer und Wasser von Camilla Grebe und Åsa Träff

So lange habe ich ewig nicht mehr für das Lesen eines Buches gebraucht. Mehrere Wochen knabberte ich an Durch Feuer und Wasser. Und das, obwohl ich mich sehr auf das neue Buch, den fünften Teil, der beiden schwedischen Krimiautorinnen-Schwestern, gefreut hatte, deren bisher erschienene Bücher der Serie um die Therapeutin Siri Bergmann ich letztes Jahr alle gelesen habe.

Buchcover von Durch Feuer und Wasser. Es zeigt eine Schneelandschaft mit einer roten Autospur, die von unten in die Bildmitte verläuft und am Horizont verschwindet. Darüber, in der oberen Bildhälfte, die Namen der beiden Autorinnen und der Buchtitel. Beides in schwarzen Buchstaben.

Doch dieses Buch konnte ich nicht so nebenbei lesen. Es forderte meine ganze Aufmerksamkeit. Und das schafft längst nicht jedes Buch. Hier lag es zum einen daran, dass die beiden Schwestern schreiben wie sie eben schreiben und zum anderen am Thema.

Grebe und Träff schreiben sinnlich, authentisch und detailreich. So fühlbar, dass es mich zuweilen fast umhaut. Die beiden Autorinnen lassen mich immer wieder so unmittelbar an den Gedanken und Gefühlen ihrer Protagonist*innen teilnehmen, dass es mir zuweilen vorkommt, ich säße selbst mitten in der Runde der Ermittelnden.

Siri, die Psychotherapeutin und Hauptfigur der Serie, arbeitet seit einiger Zeit nicht mehr mit ihren Freunden in einer Gemeinschaftspraxis, sondern unterstützt die Kriminalpolizei Stockholm beim Erstellen von Täter*innenprofilen. Gleichzeitig versucht sie, Vergangenes aufzuarbeiten.

Auf einmal verschwinden kurz nacheinander das zehnjährige Mädchen Nova-Li und sein sechsjähriger Bruder Liam, die beide bei Pflegeeltern gelebt haben. Was hat es mit den Bildern auf sich, die die Ermittlungsgruppe kurz darauf von den beiden im Internet findet und wer ist die junge Frau auf den Bildern, die mit dem Mädchen Brot bäckt? Auch sie gilt als verschwunden und so langsam glaubt die Polizei nicht mehr, dass die labile und jähzornige Mutter der Kinder dahintersteckt. Aber warum hat diese versucht, beim Sozialamt an die fallrelevanten Unterlagen und Protokolle, die Auskunft über die Unterbringungsorte der Kinder geben, zu kommen? Und warum verschwindet eine zweite junge Frau, nachdem die Leiche der ersten jungen Frau gefunden wurde?

Merkwürdig ist, dass die beiden Kinder und die zweite junge Frau auf den Bildern glücklich aussehen. Doch warum wirken die Zimmer auf den Fotos, als wären die Szenen vor dreißig Jahren aufgenommen worden? Und wer ist überhaupt dieser Junge, dem wir als Lesende in datierten Rückblicken immer wieder über die Schultern blicken dürfen? Angefangen mit einem Brand, den dieser versehentlich gelegt hat und der sein Leben mit einer Nachhaltigkeit, die kaum zu überbieten ist, überschattet.

Parallel zur Aufklärung dieses vielschichtigen dramatischen Falls, der von ihr emotional alles fordert, gelangt Siri auch privat an ihre Grenzen. Sie versucht, ihre Ehe zu retten und der Beziehung zu Aina, ihrer ehemals besten Freundin, nach dem Treuebruch eine zweite Chance zu geben. Immer wieder bedrängt sie die Angst um das Leben der beiden verschwundenen Kinder, zumal Liam, der vermisste Junge, genau so alt wie ihr eigener Sohn, Erik, ist.

Die beiden Autorinnen erzählen erneut eine aufwühlende Geschichte, die weniger wegen Gewaltszenen als wegen ihrer sensiblen Themen unter die Haut geht und der ich auch diesmal wieder fünf von fünf Sterne verleihe. Übrigens unabhängig davon, dass mir der btb-Verlag das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Wofür ich mich an dieser Stelle herzlich bedanke.


Durch Feuer und Wasser, Psychothriller, Psychotherapeutin Siri Bergmann ermittelt (5)
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Taschenbuch, Broschur, 480 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-71724-8
10,00 [D] inkl. MwSt. | € 10,30 [A] | CHF 14,50 * (*empfohlener Verkaufspreis)
eBook epub
ISBN: 978-3-641-20282-8
9,99 [D] inkl. MwSt. |CHF 12,00 * (* empf. VK-Preis)

Verlag: btb