Sie hängt zwischen den Zeilen, den ungeschrieben, fest. Eingekeilt von wollen, sollen, nichts und allem.
Die schwarzen Löcher, sagte die Therapeutin zur Frau, achten Sie ganz besonders auf die schwarzen Löcher, wenn Sie sich zurückerinnern. Diese erzählen oft mehr als das, was wir noch genau wissen.
Kategorie: Herzgespinst
Vom Durst
Gedankennetze. Wirr. Nicht nachvollziehbar. Traumfetzengleichnissen gleich. Ähnlich wenigstens.
Kind auf Schaukel. Mama, schau, was ich kann! Guck her und klatsch in die Hände.
Oder nein, schau besser nicht hin. Ich bin unsichtbar.
Weniger schnell alles mit allen teilen. Wieder mehr hinter der geschlossenen Türe brüten, wie es der Schriftsteller Stephen King in seinem autobiografischen Buch über das Leben und das Schreiben geraten hat (übrigens das einzige Buch von ihm, das ich je gelesen habe, dafür mit viel Gewinn).
Dass ich in meinem Blog die Kommentarfunktion ausgeschaltet habe, ist ein Kompromiss. Die Türe ist halb offen, sozusagen. Und sie ist auch halb zu.
Schreiben will ich weiterhin. Mal für hier, mal für nicht-hier. Ich will an meinem Schreibbrunnen sitzen und vom Wasser trinken, das in den Tiefen und aus den Tiefen fließt. Damit das Rohr nicht rostig wird, soll meine Schreibe hin und wieder aus allen Rohren fließen dürfen. Je nachdem mal über- und mal unterirdisch.
Heute diesen Satz aufgeschnappt:
Was hinter und was vor uns liegt, ist nebensächlich, verglichen mit dem, was in uns liegt.
Zitat: Ralph Waldo Emerson.
Schreiben, bis das Wasser wieder klar ist. Und dann erst recht.
Denn das weiße Blatt schreit nach Worten. Wie schon Mani Matter wusste. Durstig ist es …

Schere, Stein, Papier …
Gegen ein Leck ist offenbar auch das stärkste Seil machtlos, geht es mir durch den Kopf, als ich dieses verrückte Bild auf pixartix_dAS bilderblog und auf irgendlink hochlade.
Mein Liebster hat heute auf dem Weg nach Kristiansand, auf seiner Reise ums Meer (Nordseeumradelung) an der Schärenküste einen zwar fest vertäuten, dennoch gesunkenen Kahn fotografiert.
Leck trotzt Seil. Papier ist stärker als Stein ist stärker als Schere ist stärker als Papier …
Ein kleines Leben (nur)
Gestern Vormittag. Auf dem Land. Irgendwo in der Nähe von Bern im Garten meiner Freundin T. Auf einmal schreit T. auf und deutet auf den Boden. Fast zeitgleich scheucht sie ihre Hündin Julia weg und bittet Little-J. vorsichtig zu sein.
Ein klitzekleiner Vogel, noch ganz ohne Federn, liegt vor uns auf dem Plattenweg. Unter dem Hausdach hängt ein Vogelhäuschen. Wir beugen uns zu dritt über das kleine Wesen, dessen Herz gut sichtbar schlägt. Was tun? Während wir uns beraten, will die Hündin ganz nahe ran, schnüffelt, zappelt rum, während J., mit seinen noch nicht einmal zwei Jahren und einer ganz und gar wertfreien Neugier das kleine Tierchen betrachtet. Er will es anfassen, was wir aber nicht wollen. Zu unkoordiniert sind kleine Bubenhändchen. T. holt Latexhandschuhe und Haushaltpapier, während ich auf Vogel-, Hunde- und Menschenbaby acht gebe. Sie nimmt das Tierchen ganz vorsichtig in die Hand, traut sich kaum, es zu bewegen, aus Angst, es zu verletzen. Wir sind so sehr mit dem ersten Vögelchen beschäftigt, dass wir nicht sofort bemerken, wie und dass das zweite auf den Boden fällt. Auf einmal liegt es da. Ich hebe es mit einem Haushaltpapier auf, betrachte es eingehend auf und muss schließlich begreifen, dass es tot ist.
Keine fünf Minuten vorher hatte T von einem neulich verstorbenen Kaninchen erzählt und wie traurig I., ihre vierjährige Tochter, gewesen sei. Ich hatte von meinen eigenen Erlebnissen erzählt. Von mir als Kind. Von den vielen gestorbenen Tieren. Von den Haustieren – Kaninchen, Katzen und Goldhamster – und jenen, die ich im Wald oder am Straßenrand gefunden hatte. Alle habe ich sie beerdigt und immer war ich traurig. Ihnen verdanke ich, dass ich den Tod als Teil des Lebens zu verstehen gelernt habe. Dass ich heute den Tod als Bruder oder Schwester betrachten kann und das Leben und alle Beziehungen als endlich und abschiedlich.
Mit einer der Sandkastenschaufeln buddle ich nun unter den Augen Little-J.s ein Loch und beerdige das tote Küken. Mit einem großen Stein decken wir das Grab zu. Ich erzähle J., dass es gestorben sei. Was immer das bedeuten mag. Wie lernt ein Kind, wie lernt ein Mensch Sterben, Abschied, Vergänglichkeit?
Es war zu schwach zum Leben, sage ich. Ohne zu wissen, ob er schwach versteht und weiß, was leben ist. Erzähl einem Fisch bloß nichts von Wasser!
Später wird das andere, das noch lebende Vögelchen auf der Kaffeemaschine, wo es schön warm ist, weich gebettet und mit einem kleinen Klecks Hundefutter vor der Nase, noch einige wenige Stunden leben. Auf die Wassertropfen, die T. ihm eintröpfeln will, reagiert es nicht. Ein paar Mal bewegt es den Schnabel. Irgendwann stirbt es. Später, als ich schon wieder zuhause bin, erfahre ich, dass T. und ihre Kids noch ein drittes, lebendes Vögelchen gefunden haben. Ob es lebensfähig ist?
Blau
Warum wir an einen Himmel glauben wollen? Weil wir uns nach einer letzten Gerechtigkeit sehnen. Das irdische Leben ist unfair. Also haben wir uns den Himmel ausgedacht!, sagte ich vorgestern, als ich mit Freundin U. im Schwarzwald die letzten Sonnenstrahlen genoß. Das war kurz bevor sich der Himmel mit Wolken überzog und wir in die gemütliche Wohnküche umziehen mussten.
Blau wäre das Göttliche – diese allem innewohnende, alles zusammenhaltende, alles durchdringende Kraft, für das ich hier das Wort göttlich verwenden will. Alles Blau des Universums zusammengenommen wäre also das Göttliche. Und ich wäre logischerweise ein kleines blaues Partikelchen. Ein kleiner blauer Funke. Genau gleich blau wie das große Blau. Wie im großen so im kleinen. Identisch, was die Zellinformationen betrifft. Doch weil das Göttliche mehr als nur blau ist, nämlich auch gelb, rot, weiß, schwarz, braun, grün und einfach alles, darum bin auch ich alle Farben. Und einfach alles. Und du auch, erzählte ich heute Morgen meinem iPhone, das meine Gedanken aufnehmen kann. Und hüten.
Heute ist der Himmel blau. Aber nicht nur der Himmel.
Auf dem Kopfkissen Besuch
Seid ihr Menschen nicht besessen davon, euch zu ändern? (…) Also, ich finde als Fee, ihr Menschen vergesst vor lauter Änderungswahn, die zu werden, die ihr seid. Wenn ich zwischen den gesegneten Gebetsfahnen aus Bhutan hindurch fliege, höre ich ein fernes Murmeln ‚akzeptiere dich, wie du bist!‘, schreibt Siri, die Buchfee, heute in einem Blogkommentar zu Irgendlinks Artikel Skelett.
Nach dem nachmittäglichen Gespräch mit meinem Berater der Regionalen Arbeitsvermittlung döste ich auf meinem Sofa ein. Obwohl ich doch im Buch Dina weiterlesen wollte. Den gleichnamigen Film habe ich mir bereits vor ein paar Tagen zu Gemüte geführt.
Kaum schloss ich die Augen, echote, zischte und brodelte es wie ein leise kochendes Süppchen in meinem Hirn. Und im Herz. Im Bauch auch. Eigentlich überall.
Ändern – immer wollen wir uns verändern – immer – wahnsinnig eigentlich! – wer bist du? – was willst du sein? – wie willst du sein? – du bist doch – werden – sein – werden … flüsterte die Stimme. Ob sich wohl die Buchfee Siri auf mein Kopfkissen gesetzt hat?
Schnitt.
Wieso bist du eigentlich zurück in die Schweiz gekommen? Hat es dir in Deutschland nicht gefallen? Wieso bist du …? wieso hast du …? Fragen, die ich in der letzten Zeit sehr oft gestellt bekomme. Und mal so mal so beantworte.
Wohl geht es auch da um Veränderung. Zu meinem Berater sagte ich heute Nachmittag, dass ich halt schon immer von einem Ideal aus gehe, wenn ich mich auf die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle mache. Und für mich ergänzte ich: Nicht nur in der Arbeitswelt, auch in Sachen Wohnen, Beziehungen und Umgebung wünsche ich mir das Ideale.
Wach auf, Sofasophia. Das Ideale gibt es nicht. Das ganze Leben ist nicht ideal.
Aber höre ich denn nicht auf mich zu entwickeln, wenn ich nicht mehr nach Verbesserungen und Veränderungen strebe? Kann ich denn nicht beides? Mich weiterentwickeln und mich zugleich akzeptieren wie ich bin?, flüstere ich ins große Ohr der kleinen Fee, die mir bestimmt Siri geschickt hat. Und gewiss ist meine Fee eine ihrer vielen Cousinen. Sie versteht jedenfalls meinen Dialekt. Wie schön, dass es auch in der Schweiz Feen gibt. Sie nickt und findet das ebenfalls eine gute Sache.
Verändern und sich weiterentwickeln ist nicht das gleiche, sagt sie schließlich. Ähnlich ja, aber beim Verändern bist du – das ist jedenfalls meine Meinung! – immer ein wenig unzufrieden mit der Grundform und bastelst daran herum. Bei der Weiterentwicklung hast du jedoch Freude an der Grundform, was ja auch die eigentliche Persönlichkeit von etwas ausmacht, und willst sie verfeinern. Aber eigentlich kann ich dazu gar nicht so viel sagen, weil … wir Feen, wie Siri es ja schon geschrieben hat, wir Feen verändern uns ja nicht. Wir sind einfach. Ach, ihr Menschen, ihr habt es nicht leicht. Sagt sie noch, bevor sie davonschwebt.
gespiegelt …
Ich denke etwas – oder nein, es ist mehr dass ich etwas fühle. Aber in Worten. In Sätzen. Es ist da. Es hat eine Farbe. So ist es, genau so, und während ich es fühle und denke, weiss ich genau, was es bedeutet und es hilft mir, mich besser zu verstehen. Es ist wie ein Puzzleteil für mich und mein Leben. Doch dann will ich es aufschreiben und schon ist es weg. Oder ich schreibe es sogar auf, doch wenn ich es lese, ist das, was da steht, ungenügend. Auch wenn ich es auf Tonband aufnehme, ist es nichtssagend.
So erzählt mir heute Abend eine liebe Freundin am Telefon. Sie habe heute in ihren alten Therapietagebüchern gelesen und beschreibt mir nun dieses Gefühl, dass sie damals so oft hatte, als sie jünger war und viel mehr als heute geschrieben hat. Auch heute habe sie es noch oft, dieses Dilemma, keine Worte zu finden, die auszudrücken vermögen, was sie wahrnimmt. Weil Wahrnehmung nicht nur mit Sprache fassbar ist. Weil die zur Verfügung stehenden Ausdrucksmittel nicht genügen. Was sie da sagt, könnten meine Worte sein. Wie gut ich sie verstehe!
Und dann, eines Tages, als ich mich wieder einmal ganz furchtbar einsam fühlte, weil ich mich selbst nicht wirklich verstand, aber doch die einzige war, die mich zumindest annähernd verstehen konnte, sagt sie weiter, begriff ich auf einmal, dass das, was ich jetzt fühle – selbst wenn es mir nie gelingen wird, dafür passende Worte und Sätze zu schaffen – irgendwo anders, vielleicht früher oder später, vielleicht sogar gleichzeitig, ebenfalls genauso gefühlt und gedacht wird. Und dass ich desbalb mit meiner Wahrnehmung nie wirklich allein bin. Weil da irgendwo jemand ist, der das auch kennt. Selbst wenn wir uns nie begegnen werden. Diese Erkenntnis hat mich fast umgehauen – und unglaublich und dauerhaft getröstet.
Ich höre zu und habe das Gefühl, in einen Spiegel zu schauen. Sie. Sie spiegelt mich und sie ist jetzt diese eine, diese andere, die irgendwo-seiende Person, durch die ich hindurch töne. Per son – per sonare – hindurch tönen (siehe: mein Blog). Und sie in mir. Und durch mich. Weil ich sie verstehe. Weil sie mich versteht.
So ein schönes Telefongespräch habe ich heute – nach meinem wunderschönen sonnesatten Aarespaziergang – gerade noch gebraucht, quasi als Dessert, während ich die gepflückten Wiesenblumen in zwei Vasen verteile. Die Vorspeise war der junge, braun gelockte Jüngling mit Gitarre, der mich lachend gegrüßt hat, als ich auf dem Heimweg achtsam die Wiesen im nahen Park abgegrast habe.
Die Zahnspange und andere Kompromisse
Gäbe es den Konjunktiv nicht, müsste ich ihn erfinden, denke ich des Öfteren, wenn ich mir beim Denken zuhöre. Weil ich ständig so vieles tun und so manches lassen möchte, das eben nicht in meiner Kraft liegt. Die Welt retten ebenso wenig wie wirklich ganz und gar das tun und lassen, was ich bin und will.
Kompromisslosigkeit versus Kompromiss. Immer wieder diese Diskrepanz in mir, die mir auf den Schulter hockt.
Ins linke Ohr flüstert sie: Ja, so ist gut, wehr dich! Befreie dich! Mach dein Ding!
Ins linke Ohr: Das kann du so nicht bringen! Du brüskierst und verletzest die anderen!
Ja, zugegeben, die Konsequenzen habe ich mir nicht überlegt. Wie es sein wird, wenn ich nicht mehr um jeden Preis nett bin, kenne ich nicht. Wie es für mich ist und wird ebenso wenig wie es sich für die anderen anfühlt. Da sind drei Menschengruppen: Die, die ich liebhabe und sie mich. Die werden mich eh liebhaben, auch wenn Nettigkeit nicht mehr so weit oben hocken wird. Dann jene, die mich ein wenig kennen – oder nur vom Blog. Wie wichtig sind sie mir? Vielleicht sind sie jene Menschen, die meine Blogstatistik am meisten beeinflussen? Wie viel Rücksicht haben sie verdient? Werde ich sie vergraulen?
Du wirst erst glücklich sein, wenn dich das, was andere über dich denken, nicht mehr kümmert, hat Irgendlink vor Jahren mal theoretisiert. Ohne dieses Glück bereits im ganzen Umfang gefunden zu haben. Auf dem Weg dahin sind wir unterwegs. Er. Ich.
Und die dritte Gruppe? Die, denen ich egal bin oder die mich eh irgendwie doof finden. Die größte Gruppe. Und zugleich die, die mir am egalsten ist. Denen, die mich doof finden, bin entweder zu „so“ oder zu „so“. Und wenn ich jemandem egal bin, kann mir das ja egal sein.
Trotze ich? Und wenn ja, warum und wem gegenüber? Oder ist meine aktuelle Infragestell-Phase von allem möglichen gar ein Veränderungsprozess in Bezug auf meine Standardeinstellungen, wie das die Mützenfalterin in ihrem Blog thematisiert hat? Sie zitiert im Kommentarstrang Foster Wallace:
„Als wäre die grundlegende Sicht eines Menschen auf die Welt und den Sinn seiner Erfahrungen irgendwie automatisch in ihm verdrahtet wie Körper- oder Schuhgröße, oder als würden sie wie die Sprache von der Kultur vorgegeben. Als wäre unsere Konstruktion von Sinn keine Frage der persönlichen und ausdrücklichen Wahl, der bewussten Entscheidung. (…) Ein solches Denken ist meine angeborene Standardeinstellung. Es ist die automatische, unbewusste Haltung, in der ich die langweiligen, frustrierenden und überfüllten Teile des Erwachsenendaseins erlebe, wenn ich auf Autopilot laufe und unbewusst glaube, ich bin der Mittelpunkt der Welt, und meine unmittelbaren Bedürfnisse und Gefühle sollten in der Welt Priorität haben.”
Was klar so nicht ist. Ich bin ausschließlich die Mitte meines eigenen Lebens. Und nicht mal das wirklich. Zum Glück bin ich – sind wir alle – ständig in der Lage uns zu verändern. So jedenfalls sind wir konsturiert. Nicht alles lässt sich sofort ändern und nicht alles gleich gut, zugegeben, doch zumindest das oft genug festgefahrene Denken. Wir können immer aufhören „so“ und anfangen „so“ zu denken. Theoretisch zumindest.
„Es ist immer auch eine Art Herausforderung, egal wo und wie wir geboren werden. Erst wenn wir diese annehmen, gerade hier und jetzt mit dem was ist, und tun, was zu tun ist, kann Entwicklung geschehen und vielleicht auch Zufriedenheit wachsen“
So schrieb Freundin U. neulich in einer Mail. Und die Mützenfalterin schrieb:
„Ich weiß gar nicht, ob Veränderung ein Ziel haben muss, außer sich selbst treu zu bleiben, d.h. die Dinge immer wieder in ein Verhältnis zu setzen und zu hinterfragen.“
Neuanfänge und Veränderungen sind bei mir aktuell hochaktuell. Mehr als sieben Wochen bin ich nun – schon oder erst – wieder in der Schweiz. Meine Heimat. Ich denke oft in Bildern, wenn ich mich in der altvertrauten Landschaft neu orientiere. Ich denke dabei an Weben. Ein erstes Mal, wenn ich einen neuen Weg gehe, sind alle meine Sinne weit offen. Ich nehme auf und integriere, was ich wahrnehme in das neubegonnene Gewebe in meinem Kopf. Ich verankere den neuen Faden mit dem Kamm. Mit jedem Mal, den ich ihn gehe, wird der Weg vertrauter. Gibt mir Heimatgefühl, je besser ich ihn kenne. Was sich ziemlich gut anfühlt. Meistens.
Oft gehe ich nun auch schon von früher bekannte Wege, lange nicht mehr gegangene allerdings. Eine Zeitreise sozusagen.
Bin ich überhaupt je weggewesen?, frage ich mich. Was dazwischen war, schrumpft und verschwindet. Tut wenigstens so. Die alte Heimat fühlt sich an wie ein altes, zuhinterst im Schrank wieder entdecktes Kleidungsstück. Passt noch, ist aber seltsam mich darin im Spiegel zu sehen.
Bin das noch ich? Welche Ich?
Mir treu bleiben ist einfach. Wenn ich in den ausgetretenen Spuren und Standardeinstellungen verharre. Aber ist das Treue zu mir? Was in mir fordert meine Treue?
Mir treu bleiben ist schwer. Denn es gilt herauszufinden, was es ist, dieses „mir“, dem ich Treue versprochen habe.
Passe ich mich mir an? Wachse ich mit? Gönne ich mir neue Schuhe oder quetsche ich mich in die alten?
Schreiben ist – denk ich grad, wie schon oft, wie ich mir über die Schultern schaue, während ich denke und mitschreibe, ein Denkprotokoll quasi niederschreibe – schreiben ist mein seelischer Verdauungsprozess. Aber ich schweife ab.
Der Vergleich, der Wettbewerb ist die Zahnspange unserer Gesellschaft. Erfunden wurde dieses heute so unvermeidliche und sogar stylish gewordene Teil ursprünglich, um Menschen, deren Zähne in einer schlimmen, gesundheitlich problematischen Stellung wuchsen, zu helfen. Heute ist daraus ein Ding geworden, das alle Zähne aller Menschen auf Gleichheit trimmt. Behaupte einer, dass all die vielen jungen Menschen, die Zahnspangen tragen, wirklich ein Problem mit der Zahnstellung haben.
Zahnspangen brauchen wir Schreibenden nicht. Nicht für den Stil jedenfalls. Ich behaupte, dass die Richtlinien, die uns Grammatik, Syntax und Rechtschreibung, geben, reichen. Kreativität braucht kein Raster. Gleichförmigkeit ist langweilig. Lassen wir uns keine Zahnspangen verpassen!
Zum Schluss noch dies, weil es auf dem Zettel neben mir auf dem Tisch steht und geschrieben werden will: Wie viel schön pro Tag brauchen wir um zu leben, um zu überleben?
Und wie viel schön pro Tag ist gesundheitsschädigend?
Kleine und große Worte
Man sollte sich trauen.
Man sollte SICH trauen (vertrauen).
Man sollte sich TRAUEN (getrauen).
Wie echt bin ich?
Bin ich, was ich wirklich bin?
Tue ich, was ich wirklich will – zumindest in meiner Freizeit?
Was ist Freizeit? Wer definiert meine Freiräume?
Was treibt mich – und wohin? Wieso?
Was bremst mich – und empfinde ich es gut oder schwierig?
Wie viel Sicherheit gibt mir das Immergleich meines Alltags?
Wie viele Unstabilität ertrage ich?
Was verunsichert mich und wieso?
Weiß ich nur, was ich nicht will oder auch was ich will?
Du liest hier mit, weil du das willst. Wirklich?
Mehr Fragen als Antworten. Mögliche Antworten greifen nur temporär.
Beim Schreiben einer Geschichte ganz und gar ein allfälliges Publikum vergessen.
Oder mir mich als Geschichtenerzählerin mit Publikum vorstellen und meinen Text an diese Menschen richten.
Was will ich?
Eines Tages
Ich esse Vollkornbrot vom Großverteiler, aus, so vermute ich, monokulturell angebautem Getreide. Schmeckt gut. Das Ei, das ich mir dazu gebraten habe, sei Bio, steht auf dem Karton. Ob das Huhn, das es gelegt hat, glücklich ist? Ob es ahnt, wie ein Hühnerhof aussieht? Tiergerechte Haltung – was wissen wir schon?
Mmh, köstliches Zitronenjoghurt. Auch Bio. Ich stelle mir glückliche Kühe auf grünen und blumenbunten Magerwiesen vor, mit Margeriten und Hahnenfuß, mit Weiß- und mit Rotklee. Und mehr als nur zwei Grassorten. Glückliche Kühe. Food Facts. Auf den Becher gedruckt. Aufs Gramm genau kann ich schauen, was ich esse. Wie viel Eiweiß die Kuh aus Gras und Blumen generiert hat.
Meine Gedanken schweifen ab.
Gestern schrieb ich in einer Mail an S., dass ich mich zurzeit sehr ausgeschrieben fühle, ausgeleert und ausgewrungen. Und nichts mehr zu sagen habe, sozusagen. Alles gesagt. Und dass ich darum das Bloggen sein lassen werde. Eigentlich stimmt das nicht ganz. Es ist nur ein Teilaspekt, denn das Schreiben und das Denken kann und will ich nicht lassen.
Hier geht es um Energie. Meine Energie, die ich zurzeit als sehr begrenzt erlebe. Der Austausch mit meinen Leserinnen und Lesern ist mir zwar wichtig, doch ich stelle oft fest, dass mich das Antworten nicht befriedigt. Dass mir, um mich zufriedenzustellen, mehr Energie zur Verfügung stehen müsste. Kurze Antworten werden den Kommentaren nicht gerecht und sind auch immer mal wieder missverständlich und lange Antworten sind oft so persönlich, dass sie im Blog nicht am wirklich passenden Ort sind. Zu öffentlich. Darum habe ich mich nun durchgerungen, die Kommentarfunktion zu deaktivieren. Obwohl ich den Austausch mit euch liebe. Obwohl ich die Kommentare schätze. Obwohl. Ja.
Mit einem Augenzwinkern gesagt, befreit mich und dich das davon, um jeden Preis etwas Schlaues zu meinen Artikeln und den Kommentaren sagen zu müssen. Wer will, darf natürlich gerne per Mail mit mir Kontakt aufnehmen. Die Adresse findet sich auf der Kontaktseite oben. Oder ihr habt sie schon.
Da sitze ich also und esse Vollkornbrot, Bioeier, Biojoghurt und denke über das Bloggen nach. Aber ich denke auch an den Drachenläufer. Gestern geguckt. Eine wunderbar von Marc Forster umgesetzte Geschichte nach dem gleichnamigen Roman.
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Wegen eines ethnischen Makels – ja, unsere Herkunft stempelt uns fürs Leben! – geht eine Bubenfreundschaft unwiederbringlich kaputt. Und vor allem wegen Feigheit, fehlendem Mut. Auch beim Geschichtenerzähler, dem Buch von Mario Vargas Llosa, das ich gerade lese, geht es um Ethnien. Um Akkulturierung. Um den Verlust der Wurzeln und um Kolonialisierung, Verwestlichung, Domestizierung, Anpassung und Unterdrückung. Wenn ich es mir so recht überlege, ist das Dschungelbuch – die uralte Filmversion aus den Vierzigern (!), die ich neulich geguckt habe – eigentlich ein Film voller Übergriffe und Falschinterpretationen uns unbekannter Kulturen und Lebensweisen. In Bezug auf das „exotische“ (indische) Volk ebenso wie auf die den Urwaldtieren angedichtete Charaktere. (Das Buch habe ich – ja wirklich! – nie gelesen. Andere Verfilmungen kenne ich nicht. Ich mache hier nur eine Aussage über diesen einen Film).
Fazit: Wir domestizieren. Wir beherrschen. Wir unterdrücken. Wir manipulieren. (Falls du nicht und nie auch nur ein bisschen, dann Glückwunsch. Lies einfach weiter – oder lass es bleiben.)
Aber wir passen uns auch an. Wir lassen uns die Flügel stutzen. Wir hören uns an, wie wir zu sein hätten. Wir lassen uns vorschreiben, was richtig ist. Zutiefst menschliches Verhalten in wohl fast allen gewesenen und lebenden Kulturen der Welt, wie ich vermute.
Betrachte ich das Blatt Papier vor mir (dass ich von Hand mit den obigen Sätzen beschrieben habe, während ich frühstücke), betrachte ich meine Schrift, betrachte ich die aufgedruckten feinen horizontalen und vertikalen Linien meines Schreibblocks, stelle ich fest: Meine Lehrpersonen waren erfolglos damit, mir meine wilde Schrift ab- und mir dafür eine andere gesellschaftskompatible, lesbare, nichtmeine Schrift anzugewöhnen. Nicht, dass ich nicht auch (relativ) lesbar schreiben könnte. Wenn ich muss und wenn ich will. Aber wenn nicht, dann nicht. Selten treffe ich Zeilen oder Linien. Die a, die e, die z, die s, die g, die undsoweiter sehen bei mir nie gleich aus. Jede Graphologin würde sich die Haare raufen. Mein Vorteil: Ich kann die meisten Handschriften auf Anhieb lesen. Aber ich schweife ab.
Wie wären wir wirklich? Wie wäre ich wirklich? Wenn? Wenn ich nicht? Wenn was? Ohne die Zivilisation? Ja, wie wäre ich – heute und hier – ohne unsere jahrtausendelange Wegführung von der Verbundenheit, die der Mensch eins zur Natur hatte. Zu den Tieren. Zu Pflanzen und Elementen. (Natürlich sind all diese Fragen müßig, aber ich denke sie trotzdem. Und gerne.)
Diese tiefe Sehnsucht nach Wildheit und Eingebundensein in die ursprünglichen Zusammenhänge hatte ich schon immer. Spontane Naturrituale machte ich schon als Kind. Beim Toter-Vogel-bestatten ebenso wie Beim durch-den-Wald-streifen. Und beim Steinesammeln ebenfalls. Meine Intuition erscheint mir heute, als Erwachsene, zuweilen wie ein Relikt aus uralten Zeiten, die mich in dieser überzivilisierten Welt – wie eine Kompassnadel, die von zu vielen Geräten irregeführt wird und wild im Kreis tanzt – oft in die falsche Richtung weist. Richtig schon, aber nicht umsetzbar, denn würde ich ihr immer gehorchen, könnte ich schon bald nicht mehr in dieser Gesellschaft leben. Zum Beispiel empfiehlt mir meine Intuition in einer Stresssituation Rückzug und Ruhe, doch die Umsetzung ist meist nur schwer möglich. Oder falls ich es tue, manövriere ich mich ins Abseits.
Back to topic. Born to be wild? Thrill um jeden Preis. Highheels statt barfuß. Weil es kaum mehr Orte gibt, wo wir Wildheit und Urtümlichkeit spüren, leben, riechen, berühren können und erfahren (falls wir es denn noch wollen, noch spüren, noch ersehen), schaffen wir uns diese Orte selbst. Wir springen an Seilen von Brücken, ohne Seil dafür mit Stoff über dem Kopf aus Flugzeugen und besteigen die höchsten Berge und Türme.
Nein, ich darf nicht verallgemeinern. Das sind ja eh immer alles nur die anderen. Und außerdem haben wir alle grundverschiedene Bedürfnisse. Haben wir das? Ist da nicht der Wunsch in uns allen, uns lebendig zu fühlen? Lebendig und in Verbindung mit uns und dem Leben?
Schnitt. Zoom. Ich. Wie gehe ich mit dieser Zerrissenheit um? Ich lebe hier in meiner zivilsierten Welt mit Warmwasser und Kühlschrank, mit Laptop, iPhone, DVDs und Büchern, mit Internet und Telefon. Ich liebe diese Dinge. Ja, und ich liebe die Natur. Die Aare. Wasser und Feuer. Wind. Erde an den Händen.
Entweder-oder geht hier nicht mehr. Sowohl-als auch ist der Weg, für den ich plädiere. Integration. Zurück in die Steinzeit kann ich nicht. Und will ich auch nicht. Dennoch frage ich mich, wie es wäre, wenn … Und auch, wenn es anders gewesen wäre. Wenn die Zivilisation organischer vorangegangen wäre. Weiblicher, matriarchaler. Ob die Atombombe erfunden worden wäre? Sexismus und Rassismus wäre vielleicht Wörter ohne Inhalt. Und darum inexistent.
Integration – was genau ist das überhaupt? Ist es das Zauberwort, um mich aus meiner Zerrissenheit und dem schmerzhaften Spaghat zwischen uralt-innerem Wissen und dem pseudouniversellen Wissen des weltweiten Netzes zu befreien?
Wie das Biohuhn, das mein Ei gelegt hat, wohl wenig Ahnung von einem richtig tollen Hühnerhof hat und schon gar nicht, wie es in der Wildnis aussieht, die es für Hühner bestimmt auch einmal gegeben hat, wie das Biohuhn also, bin ich eine Mischung aus alle dem, was ist und war. Verbunden durch meine EUrinnerungen, durch alle Zeiten mit allen Zeiten und mit allem, was lebt.