Als wäre ich heute Nacht in diesem großen Kinohaus gewesen, weißt du, jenes in Saarbrücken, wo es von unten bis oben einen Kinosaal neben dem anderen hat, sagte ich heute Morgen nach dem Erwachen zu Irgendlink. Als wäre ich die ganze Nacht von Raum zu Raum gegangen und hätte mir da und dort ein paar Filmsequenzen angeschaut. Bilder zogen vorüber, Dialoge … Und immer ging ich weiter und weiter.
Ja, ruhelos waren die Träume und dennoch fühle ich mich wohlig erholt und gut gelaunt. Wir haben wieder im „richtigen Bett“ geschlafen, im irgendlinkschen, nicht im (schwieger)elterlichen Wohnwagen, in den wir während des Festivals ausgewichen waren, da Irgendlink seine Wohnung „untervermietet“ hatte.
Ruhe auf dem Hof. Keine Gitarrenklänge mehr, die drei Tage wie ein Klangteppich alles untermalt hatten – Stimmen, Lachen, sphärische Musik, Geschirrgeschepper und auch das Schlagen der Axt auf den Spaltstock. Auf dass das Grillfeuer niemals ausgehe.
Ruhe in mir, trotz der Bilderflut, so dass sich all die vielen bunten Eindrücke auf dieser neu aufgeschlagenen leeren Buchseite in mir verteilen und sich eine Nische suchen können.
Schon wie wir gestern – nur noch eine kleine ungefähr zehnköpfige Gruppe – mit dem LandArtisten Hundefänger im den Wald spazieren, um seine Kunstwerke, die er aus herumliegendem Holz gebaut hat, zu betrachten, stelle ich verwundert fest, dass der dem Event vorausgegangene innere Stress auf einmal von mir abgefallen ist. Auf dem Rückweg mache ich mit vier anderen noch einen kleinen Schlenker zu einem LandArt-Kunstwerk vom letzten Jahr. Wir steigen in eine Schlucht hinunter, vier Stadtmenschen und ich. Zumindest zwei sind kaum je in der Natur und im Wald. Wie wir auf dem Rückweg darüber reden und ich ihnen dabei zuschaue, wie sie relativ mühsam auf den rutschigen Wegen in der Schlucht unterwegs sind, wird mir bewusst, dass sogar das eine Ressource ist: sich im Wald zurecht finden. Etwas für mich Selbstverständliches ist für andere überhaupt nicht selbstverständlich. Ja, gut, ich weiß, das ist nicht neu. Doch ich vergesse zuweilen, dass das, was ich kann, eben nicht einfach Allgemeingut ist. Wie oft bewundere ich andere dafür, dass sie dies und das können, sich dies und das trauen. Würde ich jedoch in ihre Haut schlüpfen, wüsste ich, dass das alles ganz einfach ihr Ding ist.
Eigentlich war das ganze 9. Mainzer Kunstzwergfestival wie ein bunter Teppich. Als Jan am Samstagabend seine Musik mit uns teilte, ich sass mit geschlossenen Augen im Raum, hatte ich den Eindruck, dass jeder Klang, den er mit seinen technischen Hilfsmitteln und Instrumenten erzeugte, eine Farbspur ist. Ein Farbtropfen, der ins Wasser fällt und sich mit den anderen Tropfen vermischt. Und er sei der Alchemist, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort den richtigen Hebel bewegte und so quasi die Töne, ihre Essenzen, miteinander vermischte. Die Töne flossen ineinander, legten sich umeinander und trugen mich mit sich fort.
Irgendwie ähnlich floss alles miteinander ineinander, was war. Auch all die vielen Gespräche. Am meisten Spuren haben wohl die politisch und philosophisch gefärbten Gespräche hinterlassen, die ich mit dem Performancer Dr. Treznok und seiner Assistentin Friederike geführt habe. Um die „postnatale Abtreibung behinderter Neugeborener“ ging es dabei vor allem, denen ja angeblich nur ein Leben voller Leid bevorstehe, wenn man dem Australier Peter Singer glauben will (dies hier mal als Stichwort/Notiz. Ich habe vor, mich damit später (vielleicht auch im Blog) eingehend zu beschäftigen).
Wie wir beide gestern, nachdem alle abgereist sind und alles mehr oder weniger wieder an seinem Platz stand oder lag, miteinander am Feuer sassen und vom übrig gegebliebenen Nudelsalat schmausten, war sie auf einmal da, die Ruhe.
Verrückt: Heute Abend schon werde ich wieder in die Schweiz zurückfahre. Jetzt aber bin ich hier. Und das ist gut so.
(geschrieben auf dem iPhone, da wir noch immer kein Internet haben)
Kategorie: kulturell
Gody, wer immer du bist …
Heute erteile ich Friedrich Dürrenmatt, einem meiner liebsten Klassiker, das Wort. Fast sicher bin ich, dass Dürrenmatt, hätte er heute gelebt, ein leidenschaftlicher Blogger gewesen wäre … 🙂
Ergreife die Feder müde
schreibe deine Gedanken nieder
wenn keine Frage nach Stil dich bedrängt.
Es ist heute wieder vieles zu durchdenken,
Felder liegen brach, die einst Früchte trugen.
Das Mögliche ist ungeheuer. Die Sucht
nach Perfektion
zerstört das meiste. Was bleibt
sind Splitter
an denen sinnlos gefeilt wurde.
Beginne, das Sonnensystem zu sehen.
Liebe
auch Pluto. Doch wer
macht sich schon Gedanken über ihn!
Ich aber
spüre sein Kreisen, ahne
die kleine Kugel, die glattgeschliffene.
Alles lässt sich besser schreiben
Darum lass die schlechtere Fassung stehn.
Nur beim Weitergehen kommst du irgendwohin
wohin?
Fern von dir.
Gehe weiter. Lots Weib
erstarrte beim Zurückschauen.
Erstarrt nicht. Korrigiert nicht.
Wagt!
Höre nie auf andere.
Trachte nicht danach, ein gutes Buch zu schreiben
Mache keinen Plan und wenn du ihn machst
Führe ihn nicht aus
Der Plan genügt.
Nichts ist notwendig. Das Spiel
kann jederzeit abgebrochen werden.
Es gibt Sätze, die stark machen
doch brauchen sie nicht nieder-
geschrieben werden.
Löse deine Hand.
Es kommt nie auf die Sätze an. Nur das
Werk allein zählt.
Die Narren kritisieren einen Satz
Wenige sehen das Ganze.
Gott kann dich verlassen
Gody soll dich verlassen.
Friedrich Dürrenmatt
Aus: Heimliche Gedichte, Diogenes Verlag 2007
Johnny und ich
Wie oft ich die neue CD nun schon gehört haben mag? Zehnmal? Könnte hinkommen. Ein paar Lieder bestimmt öfter. Obwohl ich bei der neuen Patent Ochsner-Platte „Johnny“ kein einziges Stück nicht mag – bei früheren Platten gab es immer mal wieder solche, die ich hin und wieder übersprang –, gibt es doch Stücke, die mich noch mehr berühren als andere.

„Sunnedeck“, das so tut als sei es ein Gute-Laune-Lied, was es ohne Zweifel auch ist, hat – wie die meisten Ochnser-Songs – einen doppelten Boden. Ursprünglich sei das Lied als Intermezzo gedacht gewesen, sagt Büne in seinem Interview mit Hitparade.ch. Er nennt es das Gebet eines Menschen, der nicht religiös ist, an einen Menschen, den er sehr lieb hat, nämlich an seine Tochter. Im Lied geht es darum, dass er zu ihr steht, sie festhält, wenn sie fällt, aber auch loslässt, wenn sie Boden unter den Füssen hat. Trivial? Nur auf den ersten Blick. Das Fazit dieses Songs wird sowohl musikalisch als auch in Worten vermittelt: Das andere und das eine, sind oft gar nicht so anders als man meint. Zwischen den beiden Liedstrophen verlassen wir den ursprünglichen Sound und tanzen um die Welt, nach Afrika, durch den Bosporus und via Balkan in die Schweiz zurück. Ein Lied über die Unterschiede, die – wenn wir genau hinschauen – gar nicht mal soo groß sind. Eben: viel, viel kleiner als man meint.
„Wir haben alle unser eigenes Leben und sind unterschiedlich beeinflusst, aber wir haben miteinander zu tun. (…) Wir sollten versuchen, im gemeinsamen Umgang wieder etwas sorgfältiger zu werden“, sagt Büne im bereits erwähnten Interview.
Quelle: Hitparade.ch.
Jedes der Lieder entfaltet seine einzigartige Aussage erst beim wiederholten Hören. Voller Staunen denke ich, dass es alle diese Lieder vor zwei oder drei Jahren noch nicht gab, nicht mal im Kopf von Büne. Und jetzt sind sie da. Melodien und Texte, die sich verbunden haben und nun eine große Fangemeinde begeistern.
Natürlich klicke ich mich durch Zeitungsinterviews, denn – ich bekenne – ich bin Ochsner-Fan der mindestens zweiten oder anderthalbten Stunde. (Ich fane sonst nicht so schnell und vor allem nicht so ausdauernd für etwas oder für jemanden. Da muss mehr dahinter sein als nur netter Sound.)
Und genau das ist es eben bei den Ochsen, wie die Band liebevoll von ihren Fans genannt wird, das mich begeistert. Das sind Menschen, Profis, Musiker und Musikerinnen, die ihre Musik mit Leidenschaft, Emotion, Herzblut spielen. Patent Ochsner sind einfach authentisch. Sie sind begeistert, sie sind emotional und sie sind uncool. Am alleruncoolsten ist Büne.
Wie ich mich so durch Plattenkritiken klicke, treffe ich immer wieder so Statements wie: Früher waren die Ochsen besser. Früher war es so und so und so. Heute – das ist ja nur …
Natürlich sehe ich daneben schon auch, dass die meisten Stimmen, die sich äussern, die neue Platte toll finden, doch ich gewichte in solchen Momenten die kritischen Stimmen schwerer.
Was für Banausen!, murmle ich, die sehen gar nicht, worum es wirklich geht. Die sehen die Tiefe nicht, nur das oberflächlich Sichtbare. Und sie haben nicht begriffen, dass sich die Band weiterentwickelt hat. Die verstehen nicht, dass – bei ähnlich gebliebener Bild-, Sound- und Songsprache – die Essenz tiefer geworden ist.
Zuweilen wird Büne seine Uncoolness unter die Nase gerieben. Seine Songs seien banale Herzschmerz-Lieder und er strippe seine Seele. Er sei sentimental, altmodisch, kitschig.
Sentiment? – ja, das stimmt. Mann zeigt Gefühl. Mutig, mutig.
Zum Cool-Sein braucht es keinen Mut und für Zynismus erst recht nicht. Auf den Werken anderer herum trampeln kan jeder. Es braucht Mut, zu seinen Gefühlen zu stehen. Zu seinen Prozessen. Zu seinen Schaffenskrisen. Die Arbeit am Lied, von der rohen Idee bis zur fertigen Platte, ist ein Weg. Und der hat sich tausendfach gelohnt.
Darum wohl tut es mir weh, wenn jemand schreibt, dass die Platte Schrott sei – oder verstaubtes Neuaufwärmen. Wer das schreibt, hört nicht richtig hin. Es tut mir deshalb weh, weil ich der Band beim Entstehen der Songs über die Schulter geguckt habe, da Büne vieles mit der Öffentlichkeit in seinem Logbuch geteilt hat. Die Leiden und Freuden. Die intensive Arbeit. Den Krampf. Die Mühe. Viele kritische Einwände finde ich primär respektlos und zweitens undifferenziert. Auch meine Begeisterung ist subjektiv.
Und letztlich ist auch Qualität subjektiv und nicht messbar. Jedenfalls nicht hier, nicht im künstlerischen Raum, wo es keine empirischen Vergleichsmöglichkeiten wie in der Wissenschaft gibt, sondern nur relative, subjektive. Was willst du wirklich als Vergleichsmaßstab heranziehen? Zumal eine der Variablen immer auch der Spiegel der Zeit ist (und komm mir jetzt nicht damit, dass der Zeitgeist bei der Wahrnehmung von Kunst und ihrer Definition unerheblich sei.).
Mir fallen diese blöden Sprüche, wie sie zuweilen an Ausstellungen fallen, wieder ein. Ein paar Menschen stehen vor einem Bild und sagen: Das hätte ich auch gekonnt.
Mag sein, doch sag: warum hast du es denn nicht gemacht? Geh hin und mach dein Ding. Finde deine Sprache.
Kunst ist subjektiv. Kunst ist kontrovers. Kunst scheidet die Geister. Kunst ist alles. Nichts vermutlich auch.
Und Kunst lässt sich nicht abschließend definieren.
festgeklebt
Als hätte jemand meine Mundwinkel hochgeklebt! Das Lächeln klebt schon seit Stunden fest. Seit ich den Briefkasten geleert habe, um genau zu sein.
Mitten zwischen anderen Briefen, Zeitungen, dem neuen Telefonbuch, Werbung und der neuen Spuren-Nummer mit meiner Buchbesprechung von Cambras neuem (Blog-)Buch liegt er. Hat er mir nicht eben zugeblinzelt? Ich grinse zurück.
Johnny, heißersehnter Johnny, endlich bist du da! Wie lange habe ich auf dich gewartet! Ich habe mitgefiebert, seit du gezeugt, ufpäppelet u ghämpfelet worden bist. Dein Papa, der große Johnny – aka Büne Huber – hat ja fast täglich in seinem Logbuch drüber berichtet, wie du langsam Gestalt annimmst. Die Freuden und Leiden einer Schwangerschaft quasi.
Ab morgen wirst du in den Läden erhältlich sein, doch schon heute darf ich dich hören. Ach Johnny, du übertriffst meine kühnsten Hoffnungen! Schon beim ersten Mal bin ich hin und weg von dir. Du wickelst mich um den Finger wie es sonst nur einer kann.
Wortwitz, Melancholie, Herzschmerz, Übermut und geniale musikalische Arrangements, überraschende Instrumentewahl, Vielfalt, Oppulenz … ach, ich finde noch gar keine Worte, dich zu beschreiben. Du wirst die nächsten Tage in der Endlosschlaufe liegen und mir dennoch nicht verleiden.
Das Lächeln klebt fest. Bünes beigelegte Autogrammkarte und der schöne, von Hand angeschriebene Briefumschlag machen mich durch die Wohnung tanzen. Bei so viel genialem Sound kein Wunder.
Mein Glück verdanke ich einem mittelmässigen Poem (machen wir uns nichts vor!), das ich vor drei Jahren auf der Patent Ochsner-Gästebuchseite als Wettbewerbsbeitrag hinterlegt habe – im Rahmen einer kleinen CD-Verlosung. Wie ich in den Kreis der SiegerInnen gekommen bin, habe ich vergessen. Egal.

Gibt Lächeln Muskelkater?
Ist Bloggen Literatur?
Liebe Bloggerinnen, lieber Blogger, liebe Webtagebuch-AutorInnen
Ich recherchiere für einen Artikel über das Bloggen. Unten findet ihr den Link zu einem PDF mit einigen Fragen, die ich euch zu beantworten bitte. Ich versende die Umfrage auch privat an ein paar mir bekannte BloggerInnen und danke euch allen schon im Voraus herzlich dafür, wenn ihr mir alle oder einige der folgenden Fragen kurz in eigenen Worten beantwortest.
Gerne zitiere ich euch in meinem Artikel, den ich für Federwelt, eine tolle Zeitschrift für Schreibende, verfassen darf.
Ich werde für alle Zitierten Belegexemplare der Nummer mit meinem Artikel drin organisieren! 🙂
Hier nun zum Link (PDF)

Zucker, Zitronen und Artischocken
In weniger als zwei Wochen erscheint endlich endlich das langersehne neue Album meiner Lieblingsberner Rockband Patent Ochsner – Johnny, Rimini Flashdown II. Die Voraus-Single habe ich so oft gehört, dass ich schon jedes Wort mitsingen kann.
Hört selbst:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Q0j1ENpiqwA&feature]
Leider wird es nichts mit dem Gurten Open-Air, auf das ich seit Monaten hingefiebert hatte, weil da die Ochsen am Samstag spielen. Als ich Tickets kaufen wollte, war alles schon ausverkauft – wer hätte das gedacht! Zum Trost fahre ich in jenen Tagen an die Nordsee. Nach Norddeutschland. Vielleicht fliege ich auch, denn der Flug ist nur ein Tröpfchen teuerer als der Zug. In einem Monat bin ich dort, mit dem Liebsten. Jippiiie!
Auch im Lied hier gehts um Liebe, natürlich, wie oft bei Büne Huber. Die Essenz des Liedes sei hier auch meinen deutschen Leserinnen und Lesern verraten:
Der Wahnsinn am ganzen – dass SIE zuweilen doch recht bittersüss sei und nicht immer ganz einfach, aber ER ja, zugegeben, auch nicht und überhaupt – der Wahnsinn am ganzen aber ist: Ich will dich gar nicht anders als du bist.
Schwerwiegende Entscheidungen
Dass auch so heikle Angelegenheiten wie Intersexualität und Suizid Thema eines Tatort-Krimis sein können, dazu erst noch mit viel Fingerspitzengefühl vermittelt, hat uns das Schweizer Tatortteam aus Luzern gestern bewiesen. Ein deutsches Filmteam hätte den gleichen Plot ganz anders umgesetzt. Mir hat die Schweizer Inszenierung ausgesprochen gut gefallen.
Zur Geschichte: Sonntagnachmittag. Im Wald. Dee Kinderarzt Dr. Lanther wird während eines Benefizlaufes, an dem er teilgenommen hat, tot hinter einem Baum, mit einem Skalpell im Hals, aufgefunden. Verdächtige gibt es viele, denn beliebt war der in die Jahre gekommene Arzt weder im Team noch bei den Patientinnen, Patienten und deren Eltern.
Wie die Leute des Luzerner Kriminalpolizeiteams da im Sitzungsraum beraten, drückt die schweizerische Umgangsart, die ich so mag, durch. Da sitzen sie, vor ihren Laptops und einem riesigen, mit Details zum Fall überfüllten Flipchart und sammeln Beobachtungen. Dieses nicht hierarchische Miteinander auf gleicher Augenhöhe – es ist ungekünstelt und authentisch. Ich nehme die Menschen als einzelne wahr. Niemand flippt cholerisch aus, alle hören sich zu. Und doch wird deutlich sichtbar, was jeder denkt, eigene Ansichten haben Platz nebeneinander. Bereits da fällt die junge Brigitte auf. Sie ist sichtlich angespannter und betroffener vom Mord am Kinderarzt als die andern.
Verdächtige gibt es zuhauf, wie gesagt. Als erstes werden die schöne Witwe und deren Liebhaber – ebenfalls Kinderarzt und nicht nur privat sondern auch im Krankenhaus ein Konkurrent des ermordeten Arztes – in U-Haft genommen. Dies nicht, weil das Kommissarenteam Reto Flückiger und Liz Ritschard, die das fünfköpfige Ermittlungsteam leiten, das so sehen, sondern weil es der medien- und wahlstimmengeile Vorsteher des Polizeidepartements befiehlt – eine herrliche Karrikatur eines braunen Hardliners. Er will Resultate. Und er will Macht.
Noch vor der Vernehmung bittet Brigitte ihren Vorgesetzten Flückiger um Dispens während diese Falles. Ihrer Schwester gehe es nicht gut, sagt sie. Ich kann dich nicht entbehren. Wir brauchen dich hier!, sagt er und so vernimmt sie wenig später mit Liz zusammen die Witwe, während Reto und ein junger Kollege sich deren Liebhaber vornehmen. Als die Frau in ihre Zelle geführt worden ist und auf ihrer Pritsche weinend zusammenbricht, öffnet Brigitte kurz die Sichtklappe der Zellentür. Ihr Gesicht spiegelt Betroffenheit. Ein Bild, das hängenbleibt.
Diese Spur führt ins Leere und die Verdächtigen werden entlassen. In diesem Moment erreicht eine dramatische Todesnachricht das Team. Brigittes Schwester hat sich das Leben genommen. Um die Situation zu begutachten, Gewalteinwirkung von außen auszuschließen und ihrer Kollegin Brigitte beizustehen, fahren Reto und Liz sofort zur Wohnung der Familie. Das noch junge Mädchen hat sich in der Badewanne – mit einem Skalpell – die Pulsschlagadern aufgeschnitten. Klarer Fall von Suizid. Allmählich wird klar – obwohl die Eltern das Tabu nicht anrühren, denn darüber redet man nicht – dass Brigittes Schwester intersexuell geboren, doch ganz früh zum Mädchen gemacht worden ist. Von Dr. Lanther. Obwohl sie sich später immer als Junge gefühlt hat.
Als weitere Suizidfälle von frühoperierten Intersexuellen in den Akten gesichtet werden und das Team im Internet die Website eines Initiativkomitees gegen Frühoperationen bei Intersexualität findet, verdichtet sich der Verdacht, dass Dr. Lanther mit seinem Ansinnen den doppelgeschlechtig geborenen Kindern eine schlimme Kindheit zu ersparen, diesen einen Bärendienst erwiesen hat. Ihre Persönlichkeitsentwicklung verlief ganz oft sehr schwierig, vor allem in jenen Fällen, in denen das Kind sich mit dem gegenteiligen Geschlecht zu identifizieren begann. Ohne seine Geschichte zu kennen.
Als typisches Beispiel treffen Liz und Reto die junge Claudia an, die als Kind zum Buben operierte Tochter des heutigen Komitee-Initiators. Sie erzählt Reto und Liz, während diesen auf ihren Vater warten, davon, wie es ihr ergangen ist, bevor ihr Vater sie über ihre OP als Zweijährige in Kenntnis gesetzt hatte. Sie habe sich nie als Junge gefühlt, wollte sich sogar umbringen, wusste nicht, warum sie das Gefühl hatte, verkehrt zu sein. Erst mit der Aufklärung kam Licht in ihr Leben und dieses führt sie nun als junge Frau, doch in einem männlichen Körper gefangen. Ihr Vater kämpft heute dafür, Intersexuelle erst zu operieren, wenn diese es selbst wollen.
Ihr Vater ist trotz dieser wichtigen Aktion dringend tatverdächtig. Bei einer Tatortbegehung will Flückiger ihn von seiner Theorie des Tathergangs überzeugen, gemäss welcher er den Arzt umgebracht haben soll. Doch der Verdächtige streitet die Tat glaubwürdig ab und muss schließlich mangels Beweisen gehen gelassen werden. Derweil Brigitte noch immer in U-Haft sitzt, da sie ebenfalls am Lauf teilgenommen und ebenfalls ein starkes Motiv hat. Doch leider bisher ohne Alibi. Der Ermordete habe immerhin das Leben ihrer Schwester, die eigentlich ein Junge wäre, zerstört, waren die Argumente des Teams, obwohl natürlich alle von ihrer Unschuld überzeugt sind. Hier wiederholt sich die Szene mit der Klappe an der Zellentüre. Diesmal ist Brigitte jedoch auf der anderen Seite, als Gefangene, und eine Kollegin schaut betroffen zu ihr hinein.
Erst kurze Zeit nachdem eine Gruppe Jugendlicher, darunter ein Mädchen, das eigentlich ein Kerl ist, bei einer Nachtaktion auf dem Luzerner Bahnhof festgenommen werden, findet sich ein Zeuge, der Brigittes Alibi bestätigt. Sie wird unverzüglich freigelassen und übernimmt sofort die heikle Aufgabe, den jungen Menschen – nicht Mädchen, nicht Junge und beides zugleich – über seine ehemals doppelte Sexualität aufzuklären.
Noch immer viel zu viele Verdächtige und viele Motive. Die beiden jungen Ermittler des Teams überprüfen andere Eltern von Suizidopfern und stoßen dabei auf die Eltern von Toni. Anton-Antonia. Auch die beiden haben ein starkes Motiv. Ihre Wut auf den Arzt, der schon früh ihren Sohn in ein Mädchen verwandelt hatte, verbergen sie nicht und auch nicht ihre Erleichterung über seinen Tod. Doch sie haben ein sicheres Alibi. Die beiden jungen Ermittler bleiben dennoch misstrauisch.
Das Team tauscht sich immer wieder intensiv aus. Die kleinen Alltagsdialoge kommen authentisch rüber. Schön auch die Szene mit Reto und Liz, nachts am Luzerner Bahnhof. Am Hotdog-Stand erwarten sie das Auftauchen des Mädchens, das eigentlich ein Kerl ist. Wer bist du sonst so?, will Reto von seiner neuen Kollegin Liz wissen. Sie kontert und beide lachen herzlich. Besonders bei diesem Dialog ist mir klar geworden, wie unterschiedlich in Deutschland und der Schweiz im Alltag geredet wird. Feinste Nuancen sind es, die hier sehr gut wiedergegeben werden. Zwischendrin wird auch mal vaterländisch geflucht – auf gut Schweizerdeutsch. Natürlich wird ansonsten hochdeutsch geredet, doch die schweizerdeutsche Melodie und Satzstellung, Schweizer Redewendungen und Helvetismen kommen ganz natürlich, selbstbewusst und ohne Plumpheit rüber. Unser Deutsch ist anders, aber es ist gut so!, scheinen sich die DrehbuchautorInnen beim Schreiben der Dialoge gedacht zu haben. Sympathisch!
Im Verlauf der Tatortbegehung kam Reto auf die Idee, dass das Skalpell, das Dr. Lanther umgebracht hat, auch aus weiter Distanz hätte abgeschossen werden können. Sofort fällt den beiden jungen Ermittlern der zuvor besuchte Vaters jenes andern Suizidopfers ein. Der ist nämlich Armbrustschütze. Und – trotz Alibi – hätte er höchstens zwanzig Minuten bis zum Tatort gebraucht. Wem fällt an einem Fest schon auf, wenn einer zwanzig Minuten Pause macht?
Sofort fährt das Team zur Werft am Vierwaldstättersee, dem Arbeitsort des Vaters. Dieser flüchtet und verschanzt sich in einem Atelier. Die mit einem Abhörgerät verwanzte Brigitte und die Frau des mutmaßlichen Täters sollen als Vermittlerinnen fungieren. Doch während Scharfschützen und Sonderkommandos draußen die Umgebung sichern, wechselt die Ehefrau, kaum im Atelier drin, die Seite und zeigt ihr wahres Racheengelgesicht. Brigittes wütender Appell bringt endlich die Wende, so dass der mit seiner Armbrust bewaffnete Mörder zur Einsicht kommt und sich nun gegen seine Frau richtet, die ihn zur Tat angestiftet hat. Am Ende einer dramatischen Aktion werden die beiden überwältigt und festgenommen.
Die abschließende Szene ist weise gewählt: Der Teenie im Untersuchungsgefängnis wird entlassen. Flückiger übergibt ihm seine dicke Krankenakte, die in der Schweiz von Rechts wegen dem Klienten gehört. Der Junge im Mädchenkörper, der nun endlich die Wahrheit über sich weiß, hat sich beruhigt. Noch vor zwei Tagen hat er Flückiger bei der Festnahme gewalttätig Widerstand geleistet und ihn ins Gesicht geschlagen.
Sorry, wegen dem Auge, sagt er und verschwindet im Lift.
(Rezension des Fernsehkrimis Tatort vom 28. Mai 2012, Skalpell, Drehort: Luzern/Schweiz)
Böse ist es
Tatort mutiert zum Psychothriller. Ab und zu jedenfalls. Jener neulich aus Saarbrücken zum Beispiel und auch jener gestern aus Frankfurt.
Der Plot ist simpel und ganz und gar nicht neu im Psychothrillerbereich: Sexuell frustrierter, von der Schöpfung ästhetisch arg benachteiligter und deshalb (?) von der Gesellschaft und der bösen Mutter geplagter Mann bringt Frauen um. Immer nach dem gleichen Muster. In diesem Fall sind es vier Sexarbeiterinnen, die mit dem Leben bezahlen. Die Mordserie stoppt erst, nachdem der den Zuschauenden bekannte Täter von seiner sehr dominanten Partnerin verlassen wird und nach einem missglückten Suizidversuch in der Psychiatrie landet. Zwar stand er bereits unter dringendem Mordverdacht, durfte aber mangels Beweisen nicht länger festgehalten werden und ermordete danach eine weitere Frau.
Das Leben eines zweiten Tatverdächtigen wird ganz nebenbei ruiniert, weil dessen Doppelleben auffliegt. Obwohl verheirateter Familienvater, besuchte er regelmäßig Prostituierten, war davon geradezu besessen. Unter Tatverdacht geriet er, weil alle vier Frauen kurz nach seinen Besuchen ermordet aufgefunden wurden. Seine Frau verlässt ihn, während er vernommen wird, Hals über Kopf. Der Mörder, der im gleichen Haus lebt, beschattete seinen Nachbarn schon eine Weile. Nach dessen Besuchen suchte er hinterher die gleichen Frauen auf. Von Kopf bis Fuß in Haushaltfolie eingewickelt, um keine Spuren zu hinterlassen und weil sich so – so interpretiere ich – seine Hässlichkeit verbergen lässt und es ihn anturnt, tötete er seine Opfer. Er übertötet sie sogar, denn nachdem sie längst tot sind, schneidet er ihnen den Kehlkopf durch. Den Sitz der Stimme, wie er in der Fast-Schlussszene gesteht. Diese böse weibliche Stimme, die ihn immer drangsaliert und überfordert hat.
Der Plot, die Täter-Opfer-Story, ist, wie ich schon sagte, simpel gestrickt. Eine weitere Missbrauchsgeschichte mit ihren vielen Gesichtern. Nein, simpel ist so eine Geschichte trotzdem nicht. Nie. Zumal diese Geschichte auf wahren Begebenheiten basiert.
Die eigentliche Geschichte baut sich um die junge, ehrgeizige Hauptkommissarin und Ermittlungsleiterin Conny Mey auf, die die Leitung des Falls beinahe einem erfahreneren Kollegen, Seidel, abtreten muss, der, nach einem beruflichen Unterbruch, in den Dienst zurückgekehrt ist und den sie verabscheut. Sie kämpft darum, die Untersuchungsleitung zu behalten und kniet sich in den Fall rein, als ginge es um ihr Leben.
Im Laufe der Geschichte kann sich die attraktive Kommissarin – Typ groß gewachsenes Superwoman mit Cowboystiefelchen, die trotz Dekolleté und viel Sexappeal recht machohafte Züge zeigt – jedoch immer weniger abgrenzen und wird deshalb vom Fall abgezogen, kurze Zeit sogar krankgeschrieben und in den Bereitschaftsdienst um geteilt. Dort überführt sie mit ihrem neuen Kollegen einen Frauenschänder aus der Oberklasse, den sie in ihrer Wut über seine Brutalität zu Boden tritt. Seine Frau habe ihn eben provoziert, hatte der Mann als Ausrede für seine Prügel gesagt. Paralysiert sitzt sie danach im Polizeiauto, unfähig ihren vorherigen Wutausbruch zu verstehen. Immer wieder wird in eingeblendeten Sequenzen die innere Qual der Kommissarin veranschaulicht.
Unterdessen ist die Mordserie aus erwähnten Gründen abgebrochen. Die Untersuchungen des Falls sind stagniert, der mutmassliche Mörder verschwunden. Im Gespräch mit dem ehemaligen Fahndungskollegen Steier, dem dritten im Team, einem netten älteren Kommissar, der für das Täterprofil zuständig war, denkt die Kommissarin über den Verbleib des Tatverdächtigen nach. Einer Intuition folgend finden ihn die beiden, endlich geständig, in der Psychiatrie.
Ich bleibe ratlos auf dem Sofa sitzen. Was war das jetzt? Die schauspielerischen Leistungen, besonders der Kommissarin und des Psychopathen, fand ich beachtlich. Echt stark fand ich Kamera, Schnitt und Drehbuch, speziell all die Einstellungen, die das Innenleben besonders dieser beiden Figuren sichtbar machten. Glaubwürdige Dialoge. Beklemmend nah an der Realität. Beklemmend auch jene Szene, wo die Kommissarin unerlaubt im Heimbüro eines Klatschjournalisten herumstöbert und entsetzt die Bilder an der Wand betrachtet – Zeitungsausrisse von verstümmelten Frauenleichen. Ohnmacht in ihren Augen, aber nur kurz. Dann Entsetzen. Schließlich Unverständnis und Wut.
Trotz allem ist dieser Film auch nur eine weitere gesellschaftliche Momentaufnahme. Nicht das Ganze, nur ein Ausschnitt – wie alles.
Ein schales Gefühl bleibt zurück. Immer wieder und beinahe überall findet dieser sinnlose Krieg zwischen Frau und Mann statt (Krieg ist notabene immer sinnlos). Im Film hier sind es starke Frauen und schwache Männer. Ehemalige Opfer können TäterInnen werden. Nichts neues. Nein, nichts neues. Deswegen nicht weniger schlimm. Und deswegen auch keine Ausrede.
Finden wir wohl den Weg zurück ins Miteinander?
Über das Schreiben zu schreiben
Am liebsten schreibe ich die Rohform. Ich liebe das weiße Blatt vor mir auf dem Bildschirm, das mich lockt, umschmeichelt, verführt, es schreibend mit meinen in Worte, Sätze und Lücken gepackte Gedanken zu füllen. Ich liebe den kreativen Rausch, den ein leeres Blatt in mir auslöst. Ich liebe es, ganz neue Sätze zu formulieren. Schlichte Hauptsätze. Wichtige Nebensätze. Klammern. Leerschläge.
Schreiben ist wie weben. Ich nehme neue Fäden zur Hand, die genau so, genau in diesem Rhythmus, genau in dieser Konstellation noch nicht geschrieben worden sind. Natürlich stand das Wort Konstellation schon hinter dieser und vor noch. Aber die Vorvorwörter sind so, ich meine genauso mit ihren eigenen Vor- und Vorvorwörtern, noch nie genau so gewesen. Und obwohl es diese Wörter schon ewig gibt, fast ewig jedenfalls, lagen sie noch nie so auf einem Blatt Papier nebeneinander.
Falsch, der erste Satz stimmt so nicht. Die Rohform ist mir nicht die liebste, denn genau genommen ist mir das Überarbeiten genauso lieb, auch wenn es die Fleissarbeit des Schreibprozesses ist. Und weniger kreativ. Oder wohl besser gesagt anders kreativ.
Ich schreibe verschiedene Textstile. Meine persönlichen Genres fließen zuweilen fast nahtlos ineinander über und doch unterscheide ich vier Hauptgefäße.
1.) Das ganz und gar unzensierte Tagebuch, das nur für mich selbst bestimmt ist. Wo ich sehr assoziativ schreibe und ohne jegliche Überarbeitung.
2.) Literarische Texte (Romane, Kurzgeschichten, Lyrik), die später (möglicherweise) veröffentlicht werden sollen oder worden sind. Oder auch nicht. Das entscheide ich allerdings erst, wenn der Text fertig ist.
3.) Blogartikel
4.) Journalistische Artikel. Das sind in der Regel Aufträge zu Sachthemen, die mich interessieren und über die ich Bescheid weiß. Meistens sind dies Sachartikel, Interviews und Buchbesprechungen.
Wenn ich einen Auftrag erhalte, ein bestimmtes Thema zu bearbeiten, so und so viele Zeichen zu schreiben und den Text dann und dann abzugeben, pulsiert sofort das Adrenalin durch meine Adern. Ich liebe solche Herausforderungen.
Ich werde zum Hamster. Assoziiere. Brainstorme. Mappe meinen mind. Drehe Schneebälle und recherchiere. Finde. Verknüpfe. Denke-denke-denke. Nach und über.
Wenn ich alles Material beisammen habe, das ich erwähnen will, ist der Rohtext meistens viel zu schnell geschrieben, der Genuß viel zu schnell vorbei. Die Praline ist wie immer viel zu schnell gegessen, denn ein solcher Text entsteht längst vor dem Schreiben im Kopf. Nicht im Detail, aber das Rauschen seines Fluss ist unüberhörbar. Ich schreibe also am Rechner nur auf, was bereits da ist. Kleide es in Worte, auch wenn es noch wild ist, was aus den Tasten auf die weißen Seiten purzelt. Ungezähmt und voller Tippfehler ist das neue Wortgespinst.
Ein derart unzensiert und intuitiv geschriebener Text hat zwar bereits eine Form, doch gleicht diese eher einem verschlungenen Waldpfad denn einem schönen Rad- oder Fußweg und ist für Außenstehende verwirrend und nicht nachvollziehbar. Meine Rohtexte zeige ich niemandem. Seid froh.
Bereits beim ersten Durchlesen merze ich die in der Eile gemachten Tippfehler aus, da ich oft schneller denke als ich schreiben kann – obwohl ich, zugegeben, ganz schön schnell schreibe. Im gleichen Zug wie ich erste Tippfehler korrigiere, merke ich mir auch Unstimmigkeiten in der Reihenfolge. Manchmal ist es nur ein Satz, der am falschen Ort steht, weil ich ihn einfach aufgeschrieben habe, als er mir einfiel. Darauf vertrauend, dass ich ihm später den richtigen Platz zuweisen werde. Häufig passiert es mir, dass ich Verben innerhalb eines Satzes wiederhole – am Anfang und am Schluss –, weil ich vergessen habe, dass ich das Verb bereits geschrieben habe. Oder ich habe dem Satz während des Schreibens einen anderen Verlauf als den zuerst gedachten geben und es ist auf einmal noch ein Neben- oder Nachsatz aufgetaucht. Beim ersten Schreiben unterbreche ich mich selten für solche Berichtigungen, weil sie den Schreibfluss stören. Manchmal stelle ich beim Durchlesen fest, dass ganze Abschnitte besser woanders hinpassen. Copy&Paste ist eine tolle Erfindung der Schreibprogramme kreierenden Zunft.
Auch Abschnitte mache ich erst beim Überarbeiten. Sie gestalten den Text fürs Auge mit, denn ein Text ohne Abschnitte erschlägt uns. Abschnitte sind die Pausen in der Melodie. Ohne sie geht es nicht. Atemholen. Kurz innehalten. Nachdenken. Wirken lassen.
Ganz wichtig: Kürzen nicht vergessen! In der Regel bekomme ich von der Redaktion ein Zeichenlimit. Sagen wir dreitausendfünfhundert Zeichen mit Leerschlägen. Natürlich habe ich immer viel zu viel zu einem Thema gefunden und zu sagen. Da gibt’s nur eins: einköcheln, verdichten bis die Zeichenzahl stimmt.
Füllwörter? Raus. Minus vier bis fünf Zeichen. Das Wort und am Anfang eines Satzes? Weg damit. Schon wieder drei Zeichen weniger. Das Wort und in der Mitte eines Satzes lässt sich oft durch ein Komma ersetzen. Drei Zeichen weg! Wenn ich Substantive durch Verben ersetze, habe ich stilistisch und zeichenzahltechnisch ebenfalls viel gewonnen, da der Satz sich hinterher flüssiger liest. Er wird aktiver und leichter. Doch all das lässt sich in einschlägigen Büchern und im Internet nachlesen.
Erfahrung, Sprachgefühl, Kenntnis der Werkzeuge in der Kiste – Grammatik, Rechtschreibung und vieles mehr – und zu wissen, wie ich mit ihnen umgehe, sind wichtig, sicher, doch bei aller Kenntnis von Schreibtechniken und Regeln wünscht sich jede Geschichte der Welt, jedes Thema der Welt, jede Idee der Welt von uns Schreiberlingen vor allem eins: Sie will so erzählt werden, dass wir sie lesen wollen. Nenn es Talent.
Ist der Text schließlich zwei- oder dreimal überarbeitet, lasse ich ihn, wenn es die Zeit zulässt, ein paar Tage liegen. Gerne gebe ich in dieser Phase meine Entwürfe auch textsensiblen FreundInnen zum Lesen. Von ihnen erhoffe ich mir vor allem Rückmeldungen zu Stimmigkeit, Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit. Ist der Artikel schließlich fertig, wird er meistens noch von der jeweiligen Redaktion ein klein bisschen bearbeitet.
Zugegeben, ich mag es, meine Texte anschließend in gedruckter Form zu sehen. Nenn es eitel. Ich nenne es Freude am eigenen Schaffen. Freude am kreativen Tun. Und da ist auch große Dankbarkeit für dieses Talent und dass ich in einem Land lebe, wo ich es ausleben kann.
Gedruckte Texte zählen mehr, haben wir verinnerlicht. Gedruckte Texte haben mehr Gewicht. Ich habe ein Buch geschrieben, zählt mehr als zu sagen: Ich schreibe seit acht Jahren ein Webtagebuch. Was ist schon bloggen? Wer liest schon Blogs und wer hat schon Lust, seine Freizeit auch noch am Rechner zu vergeuden – schreibend oder lesend?
Fragen und Gedanken, die mich schon eine ganze Weile beschäftigen. Immer wieder anders. Dieser Tage starte ich mit der Arbeit an einem Auftragsartikel über das Bloggen als neues Genre der Gegenwartsliteratur und der Kunst. Da freu ich mich schon riesig drauf!
Sofasophia tut sich gut
oder Sofasophia genießt das Leben
– Heute habe ich keine Schmerzen! (Dank der vom Arzt verschriebenen Symptomtherapie, der meine Schmerzen als ernstzunehmende Entzündung diagnostizierte, mehrheitlich als Folge einer Erstentzündung, die durch Verkrampfung und Schonhaltung weitergestiegen ist – bis in den Nackenbereich. Therapie: Entkrampfung und Entzündungshemmung durch Schmerzmittelkur … Ich springe über meinen Schatten und nehme die Mittel. Mal gucken, ob mein Körper, so ganz ohne Schmerzen, die entzündeten Teilchen von alleine wieder ent-entzündet und selbstheilt. Er kann das.)
– Heute bekam ich tollen Besuch von Freund M. (1), meinem guten alten WG-Kumpel, und seiner Liebsten S. Schöööön, dass sie nun (wieder) so nahe wohnen. Oder wohl eher ich. 🙂
– Mit tollen Gesprächen mit Irgendlink nach und aus Good Old England.
– Mit Lesestunden auf dem Sofa
– Und jetzt? Winkewinke und ab in die Wanne. Auch eine gute Therapie für Entspannung und Entkrampfung … dazu die neue Züri West-Scheibe hören!
GÖTEBORG … jiippie!
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