Es wäre ja mal spannend, erzähle ich Irgendlink heute morgen am Telefon, wenn wir das gleiche wie zurzeit in einigen Blogs mit Bildern geschieht, mal mit Texten ausprobieren würden.
Ich finde es so toll, wie in den verschiedenen Blogs die Kommentarkultur so phantasievoll geworden ist und aus einzelnen Bildern ganze Geschichten entstehen und wir einander Wollknäuel zuwerfen und mit diesen weiterstricken. Das könnte man auch mit Texten machen. Mit Geschichten. Mit einzelnen Szenen.
Es lebe die Phantasie! Petter, der Protagonist in Jostein Gaarders Geschichtenerzähler, das ich zurzeit lese, ist Träumer und Realist in Personalunion. Nicht einfach, wenn man bei allem, was einem vorgesetzt wird, von klein auf weiß, wie es richtiger und besser wäre. Als Schüler verkauft er sein Wissen und seine Ideen – in Literatur, in Mathe oder in Religion ist dabei unwesentlich – gegen harte Währung. Und noch während der Junge mit seiner Mutter im Theater sitzt, den Vater in den Zirkus begleitet, einer Radiosendung lauscht oder den Moderator im Fernsehen beobachtet, weiß er, wie auch hier das Ganze viel besser, viel lustiger, viel phantastischer inszeniert werden könnte.
Doch hört selbst.
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Wie die Geschichte weitergeht? Ich habe keine Ahnung. Nur ein paar Ideen. Und du?
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Das Buch: (klick drauf zu Amazon)

Und das sagt Wikipedia zur Geschichte: hier klicken!
Kategorie: Literatur
atmen
Heute erteile ich Linard Bardill das Wort.
Ein Wort zum Tag und eins zum Leben auch gleich:
Die Zeit heile Wunden
sagt man
doch die Zeit heilt nichts
es ist das Vergessen
das uns wieder lachen
lieben und singen lässt
Darum lobe ich das Vergessen
es macht uns lustig
und hilft uns
die grimmigen grauen
Gedanken fahren zu lassen
Wie der Wein
wie der Schlaf
Wie der Augenblick
der nie schmollt
oder grollt
oder atemlos ist
Ich zähle meinen Atem
Es gibt keine Wunden
Es gibt keine Zeit
Es gibt kein Vergessen
Linard Bardill im November-Newsletter
Herbstlektüre
Nach dem wunderschönen Feuerritual an einem verwunschenen kleinen See im Wald, das wir am Sonntag bis in die Abenddämmerung hinein gefeiert hatten, saßen wir gemütlich am Tisch, genossen Essen, Gemeinschaft, Lachen und regen Austausch. Und wenn ich so mit lieben Freundinnen und Freunden am gleichen Tisch sitze, geht es nicht lange, bis das Thema Literatur auf den Tisch kommt.
Kennst du eigentlich Schlinks Sommerlügen?, fragt Freund M. (1).

Nein, leider kenn‘ ich von Schlink bis jetzt nur den Vorleser, bekenne ich. Hast du das Buch? Ich leih es mir gerne aus.
Und nachher kannst du es gleich an mich weiterschicken!, sagt Freundin M. (1). Wenn es dir gefällt, leihe ich dir gerne Schlink Liebesfluchten aus.
Jaaa, sehr gerne! Sag mal, kennst du eigentlich Amélie Nothomb?
Kleine Buchbesprechungen machen die Runde, leuchtende Augen wärmen das Wohnzimmer. Lesen ist für uns immer wieder ein großes Abenteuer, eine Reise in andere Welten, das Betreten von Landschaften, die wir zwar zu kennen meinen, die uns aber trotz allem fremd sind.
Schlinks Schreibstil hat mir schon bei Der Vorleser sehr gut gefallen. Bei Sommerlügen nun fasziniert mich ganz besonders Schlinks wertfreie, akribische Beobachtungsgabe, und wie er diese in klare Worte übersetzt – dicht und weit zugleich. Bilder steigen auf und machen sich in mir selbständig.
Ich habe das Alleinsein verlernt, denkt der frischverliebte Richard auf der ersten Seite. Er mag diesen Gedanken. Schon die erste Geschichte des Buches, Nachsaison, hat mich gepackt: das Dilemma einer neuen Liebe, die nur lebbar ist, wenn Richard sein altes, sehr einfaches Musikerleben dem neuen in wohlhabenden Kreisen opfert. Auf die folgenden Geschichten bin ich nun total gespannt. Zeitlose Geschichten alle, die davon erzählen, wie oft und wie einfach und gerne wir alle uns selbst belügen.
Schnitt.
Im Wald entdecken wir heute den Korb eines Heißluftballons, an Seilen zwischen Bäume gehängt. Vermutlich Teil eines Waldkindergartens. Faszinierend diese Insel hier. Was als kleiner Rekonvaleszenz-Spaziergang gedacht war, wird – wie immer, wenn ich mit Irgendlink unterwegs bin – ein kleines Abenteuer. Wir stehen staunend da, auf einer kleinen Lichtung unter und zwischen den Bäumen, und ich wähne mich in einer anderen Welt, kaum fünfhundert Meter Luftlinie von Zuhause. Geschichten tauchen auf, Relationen verschieben sich und auf einmal scheint alles möglich. Fieberträume?
Meine Erkältung macht sich übrigens bereits auf den Rückzug. Womöglich verdanke ich das – außer dem Grog – auch den vielen lieben Wünschen meiner BlogleserInnen. Herzliches Dankeschön!
Umwege und Abkürzungen
Endlich mal wieder satte acht Stunden geschlafen! Wertvolle Lebenszeit – in Regeneration investiert. Nie verlorene Zeit, die ich schlafend verbringe. Köstliche Zeit. Hingegeben dem Reich der Mitte, meiner Mitte. Was auch immer da, dort, wo-auch-immer, geschieht, heute war es erholsam – trotz Vollmond. Und ich war ja auch sehr müde.
Die nächtliche Rückfahrt aus dem Schwarzwald war zwar anstrengend, doch vor allem war sie magisch.
Der Vollmond wird dir den Weg zeigen, sagte Freundin U. sibyllisch beim Abschied. Und das tat er, ganz und gar wertfrei schien er für alle. Und tut es noch (oft genug unbemerkt). Nicht, dass ich ihn immer gesehen hätte. Zu sehr waberte zuweilen Nebel zwischen den Silhouetten der Tannen. Fuchs und Hase huschen über die Fahrbahn. Oder war das eben ein Dachs? Selbst als ich mich ein kurzes Stück verfahren hatte – in H. bin ich nord- statt südwärts gefahren – beleuchtete der Mond meinen Weg. Dank Kompass- und Ortungsfunktionen meines Telefons bemerkte ich meine Irrfahrt und kehrte auf „den richtigen Weg“ zurück.
Über richtige und falsche Wege wurde schon viel gesagt und geschrieben. Und dass sogar Umwege letztendlich ans Ziel führen. Wie ich die letzten Tage „Biografie des Hungers“ von Amélie Nothomb gelesen habe, die in ihrer Kindheit und Jugend eine unglaubliche Exzessivität an den Tag gelegt hat, um ihren Hunger nach Süssem, Leben, Literatur und Liebe auch nur annähernd zu stillen und sich deshalb selbst „der Inbegriff des Hungers“ nennt, so – sinnierte ich nachts im dunklen Wald –, genau so kann ich mich mit Fug und Recht „Inbegriff der Umwege“ nennen.
Gibt es einen Umweg von A nach B? Gut, den nehme ich. Wieso sollte ich auch den direkten Weg wählen? Und es ist noch nicht mal so, dass ich das immer bewusst oder absichtlich täte, nein, es passiert mir einfach. Im Wald, im privaten Leben, im Beruf. Direkte Wege faszinieren mich nun mal einfach nicht. Auch Menschen, die immer nur widerhakenlos ihre Wege gehen, interessieren mich nur mäßig. Deshalb gefällt es mir mit Freundin U. auch so gut. Deshalb mag ich den Austausch mit ihr und mit all meinen Freundinnen und Freunden, die allesamt mein Reich der Umwege mitbevölkern.
Umwege? Oft sind es auch die Abkürzungen, die mich reizen. Steil den Wald hoch, durch Unterholz, statt dem Serpentinen des Weges zu folgen. Nicht, dass die Abkürzung weniger anstrengend wäre, doch das begreife ich normalerweise erst, wenn ich oben angekommen bin. Am Donnerstag, im Yoga, haben wir Vorübungen für den Kopfstand gemacht. Shirshasana, eine Asana, der ich seit elf Yogajahren treu aus dem Weg gegangen bin. Nicht ohne immer ein wenig mit ihr zu liebäugeln. Nun will ich es wissen. Ich will sie lernen. Ich will ihre Herausforderung, ihre Aufgabe endlich annehmen. Mir neues zutrauen. Schade nur, dass meine Unterarmmuskeln aktuell zu schlaff sind. Da gibt es nur eins: trainieren. Will heißen, den Weg, der serpentinenartig durch den Wald verläuft, nehmen. Eine Abkürzung? Gibt es keine, will mir scheinen – da muss ich durch, wenn ich eines Tages den Kopfstand können will, um so meine Welt auf den Kopf zu stellen. Ausnahmsweise interessieren mich nicht mal Umwege.
Umwege? Auch in meinen Träumen gehe ich kaum je direkte Wege. Ich gehe nicht zum Traumschalter, um mein nächtliches Traumkontingent abzuholen und dieses artig durchzuträumen. Ich verliere mich bereits im Entrée des Traumladens. Studiere Aushänge und lese Erfahrungsberichte an der Pinnwand. Schiebe mich allmählich weiter Richtung Traumraum, muss aber zuvor unbedingt noch aufs Klo und überhaupt … Wer will schon im Traumraum träumen, wenn es da drüben eine Terrasse mit Blick auf den Himmel gibt? Doch zuvor noch ein kleiner Schlenker in den Wald dort hinten. Und da, diese Höhle! Muss ich mir ansehen …
Stunden später tauche ich auf. Keine Ahnung mehr, wo ich überall war. Hätte ich doch bloß mein GPS und die Kamera dabei gehabt. Noch besser: Hätte ich doch bloß den Weg aufgezeichnet! Oder nein, besser nicht. Bestimmt war ich irgendwo in illegalem Grenzland und ritt auf irgendwelchen Zäunen – weder hier noch da. Die zurückgelegte Strecke, als roter Faden auf der Landkarte meines Lebens, hätte vielleicht die Form eines Wortes. Oder eines Satzes: „Geh weiter!“ Oder : „Mach dein Ding!“ Wie wäre es mit: …
… chrrrrr …
Frage nicht …
Frage dich nicht, was die Welt braucht.
Frage dich, was dich lebendig werden lässt und dann geh los und tu das.
Was die Welt braucht, sind Menschen, die lebendig geworden sind.
Howard Thurman (amerik. Philosoph 1899-1981)
Danke fürs Leben
Zugegeben, der Titel ist verwirrend. Jener über diesem Blogartikel ebenso wie der vom neuen Buch von Sibylle Berg, das ich seit gestern lese. Vielen Dank für das Leben.
Wie ich das Buch aus dem Stapel nahm um den Umschlagtext zu lesen, war es mir wie wenn ich in den Bergen oder an einem Fluss bin und einen besonders schönen Stein aufhebe.
Willst du mit mir kommen?, frage ich. Noch bevor ich den ganzen Cover-Text gelesen habe, sagt alles in mir Ja. Und ja, die Entscheidung war goldrichtig. Bis jetzt jedenfalls, denn ich bin erst in der Mitte. Eigentlich hatte ich ja in die Bibliothek gehen und die ausgelesenen Bücher gegen neue tauschen wollen, doch die Öffnungszeiten der Stadtbibliothek B. sind gewöhnungsbedürftig. So musste ich stattdessen in den Buchladen, denn alle Bücher, also fast alle Bücher, die in meinem Gestell stehen, sind ausgelesen. Und kein Buch zu haben, ist für mich kein aushaltbarer Zustand.
Okay, Bücher kaufen ist immer so eine Sache, denn meine Gestelle sind eigentlich berstend voll. Und die Bibliothek gut bestückt. Doch Bücher kaufen ist eben auch immer Kunstförderung. So gesehen gebe ich hin und wieder gerne dreißig Franken für ein Buch aus. Ich gestehe, von Sibylle Berg kannte ich bisher nur den Namen, doch ihr Buch macht Lust auf mehr.
Der Plot ist relativ simpel. Ein zweigeschlechtiger Mensch wird in der DDR des Jahres 1966 geboren und wächst lieblos erzogen in einem Waisenhaus auf. Nichts kann jedoch den jungen Menschen Toto daran hindern, an das Gute am Menschen zu glauben. Mit Neugier und stoischer Langsamkeit entdeckt er/sie die Welt, kann in jungen Jahren von der DDR in die BRD flüchten und sucht dort – in einer Welt, die er erst mal kennen- und verstehen lernen muss – sein Glück. Nein, falsch, er sucht nicht. Er ist. Er ist unterwegs. Da ist eine große Akzeptanz dem gegenüber, was da ist. Obwohl er es kritisch betrachtet, nimmt er alles einfach an. Natürlich friert er, natürlich hungert er zuweilen und natürlich trachtet er danach, sich möglichst ohne Anzuecken den schönen Seiten des Lebens zu nähern, doch wenn etwas nicht so ist, wie es sein könnte, dann ist es halt so. Ja, die Schönheit ist es, die er sucht. Falls er denn sucht, wie gesagt. Das Lied, die Musik, die er in sich trägt, hilft ihm, den Glauben an das Gute beizubehalten.
Bergs Geschichte ist Kulturgeschichte, ist politische Aufklärung, ist Desillusionierung und ist Zeitgeschichte – Deutschland als Bühne, als Metapher für eine Menschheit, die auf der Suche nach Sinn und Bedeutung über seine eigenen Füße gestolpert ist. Gnadenlos und kraftvoll schafft die Autorin Bilder, die unter die Haut gehen.
„Keiner fühlte sich wie die anderen. Die Menschen sind doch immer zu dick, zu dünn, sie sind taub oder blind. Contergan-Opfer, die Eltern geschieden oder Trinker oder zu spießig, sie sind homosexuell oder sexsüchtig oder asexuell, zu groß, zu klein, sie haben Autismus oder Epilepsie, Herzprobleme, Schweiß, einen Buckel, Akne, keiner entspricht der Norm und selbst aus Metall gestanzte Figuren wie Bankangestellte und Versicherungsmitarbeiter, Anwälte und Mitarbeiter diverser Aufsichtsräte leiden unter Blasenschwäche. Als Teil der Welt, die doch allen gleichermaßen gehört, fühlt sich keiner.“
Toto macht sich viele Gedanken über das Unglücklichsein der Menschen. Ganz besonders nicht verstehen kann er, in einem diktatorischen Land in einem diktatorisch geführten Heim aufgewachsen und von Anfang an wegen seines nicht eindeutigen Geschlechtes zum Außenseiter gestempelt, dass diese Menschen im kapitalistischen Westen, die doch alles haben, was das Herz begehrt, nicht glücklich sind.
Wie ich gestern das Buch an der Aare, nach einem erfrischenden Bad, zu lesen angefangen habe, werde ich seltsamerweise Seite um Seite glücklicher. Dankbarer dafür, dass ich – wenngleich auch ich vieles entbehrt und erlitten habe – doch das Glück hatte, in einem Land geboren worden zu sein, das bunt ist. Und das eigenem Denken Raum gibt. Nein, auch die Schweiz ist nicht perfekt. Und nein, auch der Kapitalismus ist nicht das Wahre. Aber hier kann ich mein Leben doch in gewissem Masse selbstbestimmt leben.
Toto als mein neuer Lehrer. Er zeigt mir, so fiktiv er auch ist, dass es vor allem darum geht, mit sich selbst in Frieden zu leben. Mit sich in Kontakt zu sein. Anders als all die Verlorenen, die sich selbst verloren Habenden, die ihm, als er in einer Kneipe als Barkeeper arbeitet, ihre Leben erzählen.
Die in der DDR geborene Autorin, die nun schon viele Jahre in der Schweiz lebt, erzählt, so ahne ich, vieles aus eigener Erfahrung. Sie erzählt von den großen Träumen kleiner Menschen. Von gescheiterten Träumen. Und sie erzählt sogar dort noch liebevoll, wo feine Ironie oder gar böser Zynismus durchschimmern und sie Kritik an bestehenden Systemen übt. Vor allem aber erzählt sie ganz und gar menschlich.
Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben
Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Und doch bleibt Toto wie unberührt. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung – das Wiedersehen mit Kasimir und sein einziges Talent: das Singen. Es führt Toto bis nach Paris. Ein wütender, schriller Roman einer großen Autorin über das Einzige im Leben, was zählt.
(Quelle: http://www.sibylleberg.ch/arbeit/buecher)
Drei Kleeblätter sind genug …
Auf Freundin L.s Klo bleiben alle länger als nötig. Auf L.s Klo wird man glücklich, denn auf L.s Klo liegt das Buch Glück kommt selten allein von Dr. med Eckart von Hirschhausen.
Da ich seit vielen Jahren kaum mehr Sachbücher – ist es denn ein Sachbuch? – lese, es sei denn, ich soll sie rezensieren, war meine Skepsis bei meiner ersten stinklangweiligen Sitzung im besagten Sitzungszimmer nach Anschaffung und Entdeckung des besagten Buches ziemlich groß. Doch sie schmolz wie der vielzitierte Schnee. Nicht nur bezauberten mich Hirschhausens Wortwitz und seine Witzworte augenblicklich – denn übers Glück nachdenken und lesen ist ziemlich lustig! – auch gefällt mir die Art und Weise ausgegsprochen gut, wie er uns Kopflastig-ernsthaft-nach dem Glück-Suchenden abholt. Auf über vierhundert Seiten vermittelt der Arzt und Komiker auf unterhaltsame, jedoch niemals seichte Art sein umfassendes Wissen über die Glücksforschung. Systematisch aufgebaute Erkenntnisvermittlung, liebevolle Ironie, fundierte Denkansätze und originelle Schlussfolgerungen. Und immer wieder entspannendes Lachen über sich selbst. Da gibt einer Tipps, nur um am Schluss sinngemäß zu sagen: Wenn du es herausgefunden hast, bring es mir bitte bei. Niemals erhobener Zeigefinger – jedenfalls nie lang. Und wenn, dann nie ohne Augenzwinkern.
Ich zitiere ein paar Bonmots des Autors:
- Shit happens! So ist das Leben: Mal bist du Taube, mal bist du das Denkmal.
- Optimisten machen Sudoku mit Kugelschreiber.
- Du willst anders sein? Andere gibt es schon genug.
- Willst du recht behalten oder glücklich sein?
- Es ist einfach, glücklich zu sein, schwer ist nur, einfach zu sein.
Diese kleine Zitate-Sammlung, so am Stück gelesen, könnte ein falsches, oberflächliches Bild des Buches vermitteln. Da ist sie wieder, diese Ernsthaftigkeit, die an mir haftet und klebt und mich daran hindert, einfach glücklich zu sein. Na ja, immer glücklich wäre wohl ein bisschen zu anstrengend, behauptet Hirschhausen, es würde uns überfordern. Warum? Lies selbst, doch fang unbedingt mit den beiden Vorworten an. Eins für Optimisten und Neugierige und eins für mich und andere Kritische.
Ein Buch, das gut tut. Und endlich ist es meins, denn Freundin L. hat es mir verspätet zum Geburtstag geschenkt. So lang kann ich nämlich weder bei ihr noch bei mir auf dem Klo sitzen, wie es da zu lesen gibt. Gute Nachricht: Es lässt sich auch auf dem Sofa und im Bett lesen. Im Zug sicher auch. Über deine lauten Lacher freuen sich deine Mitreisenden bestimmt. Glück sei nämlich ansteckend, sagt der Autor.
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Dr. med. Eckart von Hirschhausen: Glück kommt selten allein. rororo-Taschenbuch (4. Auflage, Januar 2012)
Ein Lesebuch der besonderen Art: mit Fotos vom Autor, Geld-Bastelbögen und Pinguin-Daumenkino. Ein erfrischend provokanter Perspektivenwechsel auf Finanzkrise, Partnerwahl und Erdbeermarmelade.
Gody, wer immer du bist …
Heute erteile ich Friedrich Dürrenmatt, einem meiner liebsten Klassiker, das Wort. Fast sicher bin ich, dass Dürrenmatt, hätte er heute gelebt, ein leidenschaftlicher Blogger gewesen wäre … 🙂
Ergreife die Feder müde
schreibe deine Gedanken nieder
wenn keine Frage nach Stil dich bedrängt.
Es ist heute wieder vieles zu durchdenken,
Felder liegen brach, die einst Früchte trugen.
Das Mögliche ist ungeheuer. Die Sucht
nach Perfektion
zerstört das meiste. Was bleibt
sind Splitter
an denen sinnlos gefeilt wurde.
Beginne, das Sonnensystem zu sehen.
Liebe
auch Pluto. Doch wer
macht sich schon Gedanken über ihn!
Ich aber
spüre sein Kreisen, ahne
die kleine Kugel, die glattgeschliffene.
Alles lässt sich besser schreiben
Darum lass die schlechtere Fassung stehn.
Nur beim Weitergehen kommst du irgendwohin
wohin?
Fern von dir.
Gehe weiter. Lots Weib
erstarrte beim Zurückschauen.
Erstarrt nicht. Korrigiert nicht.
Wagt!
Höre nie auf andere.
Trachte nicht danach, ein gutes Buch zu schreiben
Mache keinen Plan und wenn du ihn machst
Führe ihn nicht aus
Der Plan genügt.
Nichts ist notwendig. Das Spiel
kann jederzeit abgebrochen werden.
Es gibt Sätze, die stark machen
doch brauchen sie nicht nieder-
geschrieben werden.
Löse deine Hand.
Es kommt nie auf die Sätze an. Nur das
Werk allein zählt.
Die Narren kritisieren einen Satz
Wenige sehen das Ganze.
Gott kann dich verlassen
Gody soll dich verlassen.
Friedrich Dürrenmatt
Aus: Heimliche Gedichte, Diogenes Verlag 2007
Die Montagsmenschen
Montagsmenschen heißen sie deshalb, weil sie immer montags ins Yoga gehen, doch Montagsmenschen lässt mich auch an Montagspannen denken, an Produktionsfehler, an Ausschuss. Ob Milena Moser diese Assoziation beabsichtigt hat, weiß ich nicht. Fakt ist, dass die drei Yogalehrlinge, die wir in diesem Buch kennenlernen, alle ein klein bisschen anders sind. Ungefähr so anders wie du und ich, und du und du auch. Sie heißen Ted, Marie und Poppy und treffen sich Montag für Montag in der Yogaschule in Nevadas Kurs.

Nein, auch die sechsunddreißigjährige Yogalehrerin Nevada hat es nicht einfach. Sie hat es noch immer nicht geschafft, weder die Sache mit der Erlösung noch das Endlichgutgenug. Und auf einmal kippt sie um. Mitten im Hund fällt sie auf die Schnauze, beißt sich dabei vor Schmerz auf die Zunge und blutet aus dem Mund. Schmerzen, die – wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt –, von einer unheilbaren Nervenkrankheit herrühren. Von MS. Lange hat sich Nevada dagegen gewehrt, wissen zu wollen, woran sie leidet. Schließlich, beim dritten oder vierten Arzt, kann sie nicht mehr davonlaufen. In Schüben verlaufe die Krankheit, hört sie, doch das hat sie längst im Internet gelesen. Mit unglaublicher Zähigkeit versucht sie danach, nicht zuletzt dank ihrer letzten ihr noch verbliebenen Yogaklasse, ihren Alltag zusammenzuhalten. Du hast nur zu wenig geübt, betet sie sich vor, ist sie überzeugt. Auf Suche nach Antworten setzt sie sich vertiefter, auch im Unterricht, mit den Sutren des Patanjali auseinander. Diese Weisheiten sind wie Samen, die ganz leise in den Herzen aufgehen. In ihrem eigenen und in denen ihrer Schüler und Schülerinnen.
Ted ist in einer emanzipierten Frauen-WG im Bewusstsein aufgewachsen, das Leben in Freiheit, das sich seine Mutter für sich erträumt hatte, versaut zu haben. Ted, der Lehrer, der verlassene Vater, Ted, der zufällig in eine Yogastunde schlittert und bei Nevada hängen geblieben ist. Ein Ort, der ihm bald sehr wichtig wird, weil er hier nichts muss.
Marie und Poppy kommen schon länger in Nevadas Yogakurse. Beide sind sie auf der Suche nach einem Ort, wo sie sich fallen lassen und zur Ruhe kommen können. Marie, die Ärztin, flüchtet vor ihrem egomanischen Mann. Gion ist Fernsehschauspieler, dessen Serie abgesetzt worden ist und der sich nun, ohne berufliche Erfüllung, in ihrem Leben und in ihrer Wohnung so sehr ausgebreitet hat, dass ich beim Lesen an Efeuranken denken muss. Eines Tages kommt er sogar mit ins Yoga, was Marie zwar nicht recht ist, doch was kann sie schon machen? Immerhin findet der Schauspieler dort ein neues Publikum und mausert sich in Kürze zum neuen Yoga-Star, verrenkt sich für eine TV-Talkshow und beginnt einen Blitzkurs als Yogalehrer. Im Sommer will er sich in Indien mit seiner pubertierenden (Wochenend-)Tochter als liebender Yogi-Vater profilieren, doch zuvor will er sie zu sich in seine Wohnung holen. Weil er sie braucht, wie er sagt. Da platzt Marie der Kragen.
Poppy heißt eigentlich Annamarie und kann eigentlich ziemlich gut schreiben, ist eigentlich ziemlich begabt und ziemlich schlau. Wenn da bloß nicht dieser Hang zum Missgeschick wäre und zu Vergesslichkeit. Obwohl sie sich doch so Mühe gibt. Immer diese Waswollteichdochgleich?, diese Sehnsucht, diese Unruhe, Hast, Getriebenheit, Schussligkeit. Über allem drüber Schuldgefühle, wie eine Wolke, die alles Sonnenlicht schluckt. Ihr Mann hat sie verlassen, die Kinder haben es bei der Stiefmutter besser als bei ihr, denn die ist lieb und zuverlässig. Doch dann trifft Poppy eines Tages, mitten auf ihrer Suche nach Ganzheit und Lebendigkeit, dank Facebook ihre große Liebe wieder. Wolf ist leider inzwischen verheiratet.
Derweilen hat die Frau von Teds bestem Freund Tobias schon wieder eine Fehlgeburt und Emma, Teds Tochter, steht grad ein wenig der Karriere ihrer Mutter im Weg. Ein tolles Angebot in Amerika reicht ihr aus – und die langjährigen erfolglosen Kämpfe Teds um das Mitsorgerecht scheinen vergessen –, um Emma in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu Ted umzutopfen. Ted ist glücklich. Auch Emma entspannt sich allmählich und bald haben es die beiden super miteinander. Nur seine aktuelle Flamme, eine narzisstische Prinzessin wie alle seine Verflossenen, findet es überhaupt nicht toll, Nummer zwei zu sein.
Wie gesagt: Menschen wie du und ich. Verwoben, verwundet, verwirrt … Suchende und Findende.
Jedem Kapitel ist ein passendes Zitat aus den Sutren des Patanjali vorangestellt und die Unterkapitel sind mit den Namen der jeweiligen ProtagonistInnen überschrieben. Der rote Faden zwischen den einzelnen Menschen ist der gemeinsame Yogakurs.
Die große Yogaschule, die Nevada einst mit ihrer Freundin Melanie, inzwischen Lakshmi genannt, ist alles, was Nevada hat. Doch als Nevada immer leistungsschwächer wird und die Krankheit sichtbar Spuren hinterlässt, stellt sich das Team, angeführt von ebendieser Lakshmi, mehr und mehr gegen Nevada. So viel Gehässigkeit, Neid und Falschheit, Pseudospiritualität und Unsolidarität! Nevada, die vor zwanzig Jahren den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen hat, springt über ihren Schatten und gibt Mutter Martha eine neue Chance. Martha ihrerseits hat auch einen Weg zurückgelegt und erkannt, dass sie ihre kleine Tochter in der Kindheit grotesk vernachlässigt hat. Schwester Sierra engagiert sich sehr für Nevada und verhilft ihr zu einer neuen Lebensaufgabe. So ermöglicht die tödliche Krankheit neue Wege und das Aufdröseln verknoteter Beziehungen.
Als ein Mord geschieht und sich eine Unschuldige schuldig bekennt, weiß Nevada, was zu tun ist.
Milena Moser erzählt in diesem Buch die Geschichte von Menschen, die dank der Weisheit und dem tieferen Sinn des Yoga den Mut finden, unerträgliche Zustände auszuhalten oder zu verändern. So kann Ted seine Tochter, als Tina ihn nach ein paar Wochen dazu auffordert, ohne Aufstände seinerseits, nach Amerika ziehen lassen, denn er weiß, dass sie zurückkommt und dass deshalb seine Vaterliebe nicht kaputtgeht. Marie verlässt ihre Ehe und fängt an einem neuen Ort von vorne an. Und Poppy? Nein, mehr darf ich nun wirklich nicht mehr verraten. Lest selbst!
Von Milena Moser habe ich praktisch alle Bücher gelesen, schon früher, als sie noch fast unbekannt war. Und alle habe ich gemocht, doch dieses hier … ach, es ist einfach genial. Liebevoll, weise, frech, überraschend, noch weiser, und vor allem: ERMUTIGEND. Es zeigt: Yoga im Alltag ist möglich. Ohne dieses ganze pseudospirituelle Gelabber der Lehrerinnen in der Yogaschule allerdings, die in der Geschichte nicht wirklich gut wegkommen. Yoga ist nicht tumbes Verrenken der Glieder, sondern unter anderem ein Beweglichwerden des Geistes, ein Atmen mit dem Herzen und ein Weg, das Leben im Frieden mit sich selbst zu leben.
Mehr über Milena Moser: hier klicken.
Mehr über die Montagsmenschen: hier klicken.
Copy & Paste
Was für ein wunderbares Geschenk uns die programmierende Zunft mit der Kopierfunktion der Schreibprogramme gemacht habe, schrieb ich neulich. Du kannst einfach einen Textabschnitt markieren, ausschneiden und an einer anderen Stelle wieder einfügen. Du kannst Linkadressen von A nach B verschieben, du kannst Bilder kopieren oder ausschneiden und woanders wieder einfügen. Kopieren ist was tolles. Ein Geschenk der Technik.
Ich erinnere mich an die Schnapsmatrizen – ein anderes Wort oder gar den Fachausdruck für diese Kopiertechnik kenne ich leider nicht – die wir früher an der pädagogischen Fachhochschule verwenden haben, um Texte zu kopieren. Vorträge, Elterninformationen und der ganze Kram. Erst kurz, bevor ich mit der Ausbildung fertig war, gab es da und dort die ersten öffentlichen Fotokopierer. Und so lang her ist das nicht mal – oder bin ich möglicherweise nur einfach schon ziemlich alt?
Bis dahin schrieben wir alle zu kopierenden Texte von Hand oder mit der mechanischen Schreibmaschine auf diese wunderbar riechenden violetten Durchschlagdoppelbögen. Das Negativ davon wurde nachher in eine Art Walze eingeklemmt und mittels einer ganz bestimmten Technik mit Schnaps befeuchtet. Durch das Drehen einer Kurbel wurde das vorbereitete Spezialpapier, es war relativ glatt und saugfähig, bedruckt. Blatt für Blatt. Für ungefähr vierzig Bögen reichte eine Vorlage, nachher war sie ausgelutscht, doch reichte das in der Regel. Wer hätte damals von Copy & Paste geträumt?
Ähnlich wie ich mir zuweilen die Suchfunktion des Rechners ins wirkliche, nicht virtuelle Leben wünsche – wo ist bloß mein Schlüsselbund schon wieder? Und das Portemonnaie? – wäre so eine Kopiertaste zuweilen auch nicht schlecht. Ich würde mir, wenn es ginge, gerne ein bisschen von Freundin M.s Weisheit kopieren und bei mir einfügen. Oder von Irgendlinks Ausdauer und Gleichmut. Das Talent zur Heiterkeit von Freundin T. und die Liebe zum Leben von Freund M.. Oder dies oder das und warum nicht gleich noch jenes?
Im Geo-Interview, das Irgendlink für die Geo-online-Podcast-Serie gegeben hat, antwortete er auf die Frage, ob er die Absicht habe, dass andere seine Reise, anhand der von ihm gemachten Route, nachreisen können, dass dies absolut nicht seine Absicht sei. Es sei nicht möglich, dass jemand identische Reiseerlebenisse haben könne. Jeder und jede muss letztlich seinen eigenen Weg finden. Erfahrungen anderer sind bestenfalls Anhaltspunkte.
Ich erinnere mich, wie wir in Bern einmal einem Track, den jemand auf Everytrail im Internet veröffentlicht hatte, nachvollziehen wollten. Mit den Rädern fuhren wir also zum ersten Punkt der Route und von da von Wegpunkt zu Wegpunkt, nur um nach einer Stunde völlig frustriert festzustellen, dass es a.) überhaupt keinen Spaß macht und b.) wir überhaupt nichts anderes anschauten als diesen kleinen Kartenausschnitt auf dem Display unserer iPhones. Wir brachen das Experiment ab, machten dafür eine wunderbare Kunsttour durch die Altstadt und ein mir noch unbekanntes Stadtquartier und genossen die Erkenntnis des Nichtmüssens.
Nein, die Sache mit dem Kopieren ist so einfach nicht. Selbst zweimal den gleichen Haarschnitt gibt es nicht, auch wenn viele Jugendliche auf eine für mir nicht nachvollziehbare Art und Weise nach Gleichförmigkeit streben. Um bloß nicht aufzufallen.
Copy & Paste in Ehren, aber im echten Leben mag ich das Original. Und das darf sogar Fehler haben. Womit wir bei der Frage sind, was denn ein Fehler ist. Doch das, liebe Leute, das ist ein anderes Thema.

