Am liebsten schreibe ich die Rohform. Ich liebe das weiße Blatt vor mir auf dem Bildschirm, das mich lockt, umschmeichelt, verführt, es schreibend mit meinen in Worte, Sätze und Lücken gepackte Gedanken zu füllen. Ich liebe den kreativen Rausch, den ein leeres Blatt in mir auslöst. Ich liebe es, ganz neue Sätze zu formulieren. Schlichte Hauptsätze. Wichtige Nebensätze. Klammern. Leerschläge.
Schreiben ist wie weben. Ich nehme neue Fäden zur Hand, die genau so, genau in diesem Rhythmus, genau in dieser Konstellation noch nicht geschrieben worden sind. Natürlich stand das Wort Konstellation schon hinter dieser und vor noch. Aber die Vorvorwörter sind so, ich meine genauso mit ihren eigenen Vor- und Vorvorwörtern, noch nie genau so gewesen. Und obwohl es diese Wörter schon ewig gibt, fast ewig jedenfalls, lagen sie noch nie so auf einem Blatt Papier nebeneinander.
Falsch, der erste Satz stimmt so nicht. Die Rohform ist mir nicht die liebste, denn genau genommen ist mir das Überarbeiten genauso lieb, auch wenn es die Fleissarbeit des Schreibprozesses ist. Und weniger kreativ. Oder wohl besser gesagt anders kreativ.
Ich schreibe verschiedene Textstile. Meine persönlichen Genres fließen zuweilen fast nahtlos ineinander über und doch unterscheide ich vier Hauptgefäße.
1.) Das ganz und gar unzensierte Tagebuch, das nur für mich selbst bestimmt ist. Wo ich sehr assoziativ schreibe und ohne jegliche Überarbeitung.
2.) Literarische Texte (Romane, Kurzgeschichten, Lyrik), die später (möglicherweise) veröffentlicht werden sollen oder worden sind. Oder auch nicht. Das entscheide ich allerdings erst, wenn der Text fertig ist.
3.) Blogartikel
4.) Journalistische Artikel. Das sind in der Regel Aufträge zu Sachthemen, die mich interessieren und über die ich Bescheid weiß. Meistens sind dies Sachartikel, Interviews und Buchbesprechungen.
Wenn ich einen Auftrag erhalte, ein bestimmtes Thema zu bearbeiten, so und so viele Zeichen zu schreiben und den Text dann und dann abzugeben, pulsiert sofort das Adrenalin durch meine Adern. Ich liebe solche Herausforderungen.
Ich werde zum Hamster. Assoziiere. Brainstorme. Mappe meinen mind. Drehe Schneebälle und recherchiere. Finde. Verknüpfe. Denke-denke-denke. Nach und über.
Wenn ich alles Material beisammen habe, das ich erwähnen will, ist der Rohtext meistens viel zu schnell geschrieben, der Genuß viel zu schnell vorbei. Die Praline ist wie immer viel zu schnell gegessen, denn ein solcher Text entsteht längst vor dem Schreiben im Kopf. Nicht im Detail, aber das Rauschen seines Fluss ist unüberhörbar. Ich schreibe also am Rechner nur auf, was bereits da ist. Kleide es in Worte, auch wenn es noch wild ist, was aus den Tasten auf die weißen Seiten purzelt. Ungezähmt und voller Tippfehler ist das neue Wortgespinst.
Ein derart unzensiert und intuitiv geschriebener Text hat zwar bereits eine Form, doch gleicht diese eher einem verschlungenen Waldpfad denn einem schönen Rad- oder Fußweg und ist für Außenstehende verwirrend und nicht nachvollziehbar. Meine Rohtexte zeige ich niemandem. Seid froh.
Bereits beim ersten Durchlesen merze ich die in der Eile gemachten Tippfehler aus, da ich oft schneller denke als ich schreiben kann – obwohl ich, zugegeben, ganz schön schnell schreibe. Im gleichen Zug wie ich erste Tippfehler korrigiere, merke ich mir auch Unstimmigkeiten in der Reihenfolge. Manchmal ist es nur ein Satz, der am falschen Ort steht, weil ich ihn einfach aufgeschrieben habe, als er mir einfiel. Darauf vertrauend, dass ich ihm später den richtigen Platz zuweisen werde. Häufig passiert es mir, dass ich Verben innerhalb eines Satzes wiederhole – am Anfang und am Schluss –, weil ich vergessen habe, dass ich das Verb bereits geschrieben habe. Oder ich habe dem Satz während des Schreibens einen anderen Verlauf als den zuerst gedachten geben und es ist auf einmal noch ein Neben- oder Nachsatz aufgetaucht. Beim ersten Schreiben unterbreche ich mich selten für solche Berichtigungen, weil sie den Schreibfluss stören. Manchmal stelle ich beim Durchlesen fest, dass ganze Abschnitte besser woanders hinpassen. Copy&Paste ist eine tolle Erfindung der Schreibprogramme kreierenden Zunft.
Auch Abschnitte mache ich erst beim Überarbeiten. Sie gestalten den Text fürs Auge mit, denn ein Text ohne Abschnitte erschlägt uns. Abschnitte sind die Pausen in der Melodie. Ohne sie geht es nicht. Atemholen. Kurz innehalten. Nachdenken. Wirken lassen.
Ganz wichtig: Kürzen nicht vergessen! In der Regel bekomme ich von der Redaktion ein Zeichenlimit. Sagen wir dreitausendfünfhundert Zeichen mit Leerschlägen. Natürlich habe ich immer viel zu viel zu einem Thema gefunden und zu sagen. Da gibt’s nur eins: einköcheln, verdichten bis die Zeichenzahl stimmt.
Füllwörter? Raus. Minus vier bis fünf Zeichen. Das Wort und am Anfang eines Satzes? Weg damit. Schon wieder drei Zeichen weniger. Das Wort und in der Mitte eines Satzes lässt sich oft durch ein Komma ersetzen. Drei Zeichen weg! Wenn ich Substantive durch Verben ersetze, habe ich stilistisch und zeichenzahltechnisch ebenfalls viel gewonnen, da der Satz sich hinterher flüssiger liest. Er wird aktiver und leichter. Doch all das lässt sich in einschlägigen Büchern und im Internet nachlesen.
Erfahrung, Sprachgefühl, Kenntnis der Werkzeuge in der Kiste – Grammatik, Rechtschreibung und vieles mehr – und zu wissen, wie ich mit ihnen umgehe, sind wichtig, sicher, doch bei aller Kenntnis von Schreibtechniken und Regeln wünscht sich jede Geschichte der Welt, jedes Thema der Welt, jede Idee der Welt von uns Schreiberlingen vor allem eins: Sie will so erzählt werden, dass wir sie lesen wollen. Nenn es Talent.
Ist der Text schließlich zwei- oder dreimal überarbeitet, lasse ich ihn, wenn es die Zeit zulässt, ein paar Tage liegen. Gerne gebe ich in dieser Phase meine Entwürfe auch textsensiblen FreundInnen zum Lesen. Von ihnen erhoffe ich mir vor allem Rückmeldungen zu Stimmigkeit, Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit. Ist der Artikel schließlich fertig, wird er meistens noch von der jeweiligen Redaktion ein klein bisschen bearbeitet.
Zugegeben, ich mag es, meine Texte anschließend in gedruckter Form zu sehen. Nenn es eitel. Ich nenne es Freude am eigenen Schaffen. Freude am kreativen Tun. Und da ist auch große Dankbarkeit für dieses Talent und dass ich in einem Land lebe, wo ich es ausleben kann.
Gedruckte Texte zählen mehr, haben wir verinnerlicht. Gedruckte Texte haben mehr Gewicht. Ich habe ein Buch geschrieben, zählt mehr als zu sagen: Ich schreibe seit acht Jahren ein Webtagebuch. Was ist schon bloggen? Wer liest schon Blogs und wer hat schon Lust, seine Freizeit auch noch am Rechner zu vergeuden – schreibend oder lesend?
Fragen und Gedanken, die mich schon eine ganze Weile beschäftigen. Immer wieder anders. Dieser Tage starte ich mit der Arbeit an einem Auftragsartikel über das Bloggen als neues Genre der Gegenwartsliteratur und der Kunst. Da freu ich mich schon riesig drauf!
Kategorie: Literatur
So eine Art Doppelleben
Nein, Doppelleben ist nicht richtig. Dreifachleben? Hm. Auch nicht, denn das alles bin ich. Viele bin ich, um mal wieder Pessoa zu zitieren.
Ich bin die, die Dokumente verschusselt. Meine Anmeldebestätigung der Einwohnergemeinde habe ich seit Tagen nicht mehr gesehen und schulde sie doch, als Kopie, meiner neu-alten Krankenkasse. Vermutlich bleibt mir nichts anderes übrig, als auf der Gemeinde *göttinwiepeinlich* ein Doppel zu verlangen. Schussel ich!
Ich bin die, die heute nach einem kleinen Einkauf und einem kurzen Besuch auf der Post total erschöpft nach Hause kommt und eine Runde schlafen muss. Die Schmerzen haben mich heute, nach eingehender Internetrecherchen über meine Symptome, doch davon überzeugt, dass ich meinen Nacken, meine Schulter, meinen rechten Arm und mein Handgelenk, die seit Wochen schmerzen und einfach nicht bessern wollen, einem Arzt zeigen sollte. Männlich. Den erstbesten habe ich genommen, nachdem die favorisierte Ärtzin ferienabwesend ist. Mal gucken, was er meint. Hoffentlich ist es nichts chronisches. Ich möchte mich einfach gerne mal wieder normal bewegen können. Und das Fieber ist auch nicht so toll.
Ich bin die, die heute endlich einen richtigen und sogar rechten (nicht linken) Autospiegel erhalten hat (Stammlesende erinnern sich vielleicht an Murphys Tag und Nachspiel). Nun muss er nur noch eingebaut werden. Ach Liebster, wieso bist du auch so weit weg? 🙂
Ich bin die, die ihr eigenes Blog und die eigenen Kommentare beinahe vergisst, weil sie sich so sehr in das Blogprojekt Irgendlinks reinkniet.
Ich bin die, die eigentlich Lust auf Gesellschaft hätte, aber nicht wirklich rausgehen mag. Umso froher bin ich, wenn die Leute zu mir kommen. Wie Freund M. (1) morgen mit seiner Liebsten S.. Da freu ich mich schon sehr drauf.
Ich bin die, die jetzt Feierabend macht. Mit Buch ins Bett, wenn schon der Liebste nicht da ist. Auf den Flügeln der Buchstaben und Wörter reise ich mit Rebecca Gablé durch das England des zwölften Jahrhunderts.
Hiobs Brüder.
Hier klicken für mehr Infos.
Pflicht und Kür
Schon seit Stunden sitze ich am Laptop. Erledige, was zu tun ist. Nebenan wartet die Küche auf mich. Küche in Kisten verpacken ist nicht mein Liebstes. Meine Stunden in dieser Wohnung sind gezählt. Am Mittwoch fahren wir mit dem Umzugwagen in die Schweiz.
Ja doch, flüstere ich mir zu, die Zeit wird reichen.
Aber laut sage ich: Die Zeit wird knapp. Viel zu oft.
Die Zeit ist ein Trichter. Ein immer enger werdender Trichter.
Zeit ist immer. Wir setzen uns Grenzen selbst. Durch Termine. Pläne erfüllen sich. Oder auch nicht.
Die letzten Tage in Mainz hallen nach. Ich lese in meinem iPhone-Notizbuch; „Wie präsentiere ich Kunst? Heißt das nicht eigentlich: Wie locke ich Menschen an?
Konkret: Wo stelle ich den Tisch hin? Welches Bild hängt wo? Was zieht?
Menschen kommen und gehen. Die einen spülen ganz von allein in die Koje. Und eben so einfach wieder raus. Andere brauchen ein einladendes Lächeln, um die unsichtbare Schwelle zu überschreiten. Dritte werden von einem ganz bestimmten Bild in die Koje gezogen. Gesogen sozusagen. Wieder andere meinen Photoshop und Konsorten zu erkennen. Sie ziehen Parallelen und wollen erzählen. Dann gibt es Standbesuchende, die grundsätzlich in jede Koje kurz eintreten, um alles gesehen, nichts verpasst zu haben. Und schließlich sind da noch die, die Prospekte und Gratiskarten sammeln – wozu auch immer? Habe ich jemanden vergessen?
Allen gemein ist, dass alle ganz und gar verschieden sind und unterschiedliche Bedürfnisse haben. Während die einen lieber unbeachtet sein wollen, brauchen andere ein Lächeln, einen grüßenden Blick oder ein Wort. Gut hinspüren, Lachen und Lächeln sind Magie pur.“
Gestern Mittag fuhr ich für ein paar Stunden nach Wiesbaden. Im Frauenmuseum war die Buchpräsentation und Ausstellungseröffnung von Cambra Skadés neuem Buch. Die Frage, wie sich ein Buch, dazu ein Blog-Buch, überhaupt ausstellen lässt, wurde auf sehr überraschende Weise beantwortet. Doch da lasse ich wohl besser die Bilder sprechen … (((Die Ausstellung dauert übrigens noch bis Ende Oktober. Hingehen lohnt sich!)))

(((durch Anklicken werden alle Bilder größer …)))
Viele der im Buch abgebildeten Szenenbilder hat Cambra auch gleich mit ausgestellt, was dem Ausstellungsraum Tiefe und Heiterkeit verlieh.


Gleich zu Anfang fand im Erdgeschoss nach einer tiefsinnig-heiteren Laudatio, umrahmt von den Herzgesängen einer begnadeten Musikantin, eine szenische Einführung von Cambra und zwei Freundinnen statt. Sehr stimmungsvoll und sehr stimmig. Alltag-Magie-Schamanismus-Kunst. Alles verbunden. Ohne Punkt und ohne Komma. Alles gehört zusammen.
Das Summen der mehr als hundert Frauen- und wenigen Männerstimmen vor der Veranstaltung wirkte auf mich, die ich von den langen Ausstellungstagen in Mainz schon recht weichgekocht war, angenehm einschläfernd. Geborgenheit. Geborgen in ganz viel Frauenkraft. Mutige Männer, die sich auf diese anarchistische Energie, die in diesen Räumen waberte, eingelassen haben! Kindergeschrei. Marktplatzstimmung. Und immer wieder Stille. Heiterkeit auch. Übermut sehr. Danke, Cambra, ich bin froh, gekommen zu sein.
Kür ist, wenn ich mir nach und neben all den Pflichten, die einfach getan werden müssen, den Raum zum Schreiben schaffe.
Die Tastatur ist die Türe zu meinem Innern, mein Verdauungsapparat sozusagen.
Ich wünsche mir, dass ich in der nächsten Zeit wieder mehr dazu kommen werde …
__________________________________________________________________
Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
Heute mal ohne Titel, denn Missverständnisse wären nicht auszuschließen
Wie ich meinen Rücken im Hund dehne und dabei den Po gen Himmel recke, fällt mir mein heutiger Blogartikel-Titel ein: Die Leidenschaft des Sichnacktausziehens. Nein, lieber nicht und nein, ich übe Yoga nicht nackt. Schlechter Titel. Zu viele Suchanfragende mit andersgearteten Absichten würden sich bei diesem Titel ganz unvermutet auf meinem Blog wiederfinden. Gut zwar für die Statistik, na ja, aber … nein. Nein, danke. Außerdem ist sich nackt ausziehen eigentlich auch nicht korrekt. Und Seelenstrip ebenfalls nicht. Beides hat zwar was, denn Bloggende machen sich sichtbar, aber …
Wie ich mich im Sonnengruß in alle Richtungen dehne und der Kobra in mir erlaube, sich selbst zu sein, fällt mir auf, dass ich a.) nicht bei der Sache bin und b.) mein erster Gedanke nicht wirklich stimmt. Eigentlich geht es ja nicht um das Sichsichtbarmachen im Blog, sondern um suchen, finden und erfinden. Sich. Ideen. Die Welt. Das Leben. Sichtbarwerdung ist bloßes Nebenprodukt. Und schon gar nicht leidenschaftlich beabsichtigt.
Der Wunsch, mehr über mich und das Leben herauzufinden ist es, der mich Wege des Ausdrucks beschreiten lässt. Der mich vorwärts bringt. Oder rückwärts. Womit nicht Rückschritt gemeint ist, sondern jeder Schritt, der in eine andere Richtung geht, als der Nase nach. Hauptsache authentisch.
Wie ich mich dieser Tage durch Irgendlinks im Bücherregal wiederentdecktes Blog-Buch aus dem Jahre 2002 lese und immer wieder auf philosophische Perlen stoße, werde ich den Gedanken nicht los, dass wir am meisten über uns selbst erfahren, wenn wir uns öffnen und dabei nicht allzu viel zensurieren. Öffnung gegenüber uns selbst in einem persönlichen Tagebuch zum Beispiel. Einem lieben Menschen gegenüber vielleicht. Und schließlich auch in Richtung eines virtuellen, dennoch realen Publikums.
Kunstprojekte sind gut und um ihrer selbst willen lebensberechtigt. Doch wenn sich andere mitbegeistern lassen, ist das umso schöner. Auf den Rundbriefversand der letzten Tage haben wir schon ein paar richtig schöne Rückmeldungen erhalten. Danke! (Wer den Rundbrief lesen möchte, klickt bitte hier.)
Da war gestern die Mail einer alten Bekannten, der ich den Rundbrief einfach so mit angehängt hatte. Sie ist im Bereich Körperarbeit tätig, publiziert und wirbt dafür mit großer Begeisterung. Ich freue mich immer sehr über ihren Rundbrief, obwohl ich ihn einfach lese, ohne darauf zu reagieren.
Ich bin selbst eine Reisende und mache es nicht öffentlich, schrieb sie. Den leisen Vorwurf habe ich möglicherweise nur interpretiert? Ja, wir alle sind Reisende. Die meisten reisen still und leise – von den bunten Postkarten mal abgesehen, die verschickt werden. Doch was du mit Leidenschaft betreibst, was deinem Leben Inhalt und Begeisterung gibt und dich und deine Phantasie nährt, das willst du mit anderen teilen. Ob das nun Körperarbeit oder Fotografie, Literatur oder das Kunstreisebloggen ist, ist unwesentlich. Hauptsache, du verfolgst dein Ding mit Begeisterung, denn sie macht dein Leben bunt. Auch wenn Begeisterung und Alltag oft schwer vereinbar sind. Und zu Problemen führen können.
Zurück zum Konflikt, schrieb Irgendlink vor fast zehn Jahren, zurück zum Konflikt, in dem ich mich befinde, den ich hier nach und nach ausbreite. Das ist es, was mich verunsichert hat die letzten Tage: was soll das hier in der theoretischen Öffentlichkeit des Internet? Was geht die große weite Welt, also Sie, der/die Sie das lesen, mein eigener kleiner Konflikt zwischen Realität und Traum an? Was könnte Ihnen das nützen und warum muss ich dermaßen intim mit ihnen werden? (…)
Der Künstler Irgendlink und der Postmann Irgendlink sind nur Platzhalter in dieser Geschichte. Zwei Kästchen, in die sie mühelos Ihr eigenes kleines Leben einfüllen können. (…)
Der öffentliche gelebte, ureigene Konflikt hier in diesem Blog könnte auch Ihr Leben sein. Tauschen Sie nur die Parameter aus. Ändern sie Ort, Zeit, Namen, Beruf, Kollegen und auch den Lebenstraum …
Quelle: Rincks Alltag – Weblog (Zweite Staffel) – 12. November 2002
Einige wenige handsignierte, nummerierte und handverschraubte Exemplare gibt es übrigens noch 🙂
Bestellungen gerne direkt bei Irgendlink.
unfertig
Vor ein paar Tagen, genau gesagt, als wir damit angefangen haben, Irgendlinks Fernradreise-Liveblogprojekt professioneller anzugehen, dachte ich: Wenn er seine Europenner-Website fertig redesigned und relauncht hat, werde ich mal so richtig Werbung machen – hier auf dem Blog und mit einer Rundmail. Denn was ich bei mir kaum kann, kann ich bei andern sehr gut: Erkennen, was gute Kunst ist und ein bisschen pushen. Außerdem freuen sich meine Freunde, Freundinnen und meine treue LeserInnen womöglich genauso wie wir über das, was da werden wird. Das Projekt ist einfach zu gut, um es nicht sichtbar zu machen. Und wenn alles fertig ist, dann rühre ich für meinen Liebsten die Werbetrommel. Dachte ich.

Wenn ich so und so, dann … Wenn wir so und so, dann … Über den Konjunktivismus und die lange Bank der Prokrastination habe ich hier schon viel geschrieben. Wie ein Kehrreim ist das Thema. Wie ein Ohrwurm. Hartnäckig und klebrig. Glück vorgaukelnd, Sehnsüchte weckend und Illusionen nährend taumelt es durch unsere Gegenwart und vertröstet uns auf später.
Ich behaupte nicht, dass es nur das Jetzt gibt. Zu sehr prägt mich die Vergangenheit. Zu sehr werfe ich Schatten in die Zukunft, in die nahe ebenso wie die ferne, in meine und auch in die von J., denn letztlich sind sowohl das Projekt „Ums Meer“ als auch mein Umzug in sechs-sieben Wochen jetzt noch Zukunft. Doch Zukunft muss vorbereitet werden. Die Zeit ist der rote Faden auf dem die bunten Lebensperlen baumeln. Holzperlen. Glasperlen. Süßwasserperlen. Alle echt. Manchmal fällt eine zu Boden, rollt unters Sofa, und zeigt sich erst beim nächsten Staubsaugen. Manche Perlen verblassen, andere fassen wir so oft an, später, dass sie glatt und glänzend werden, während wieder andere Risse bekommen. Und doch baumeln sie alle am gleichen Faden.
Rote Fäden haben es an sich, sich zu verheddern. Manchmal führen sie uns aus dem Labyrinth scheinbar nicht mehr heraus. Manchmal scheinen sie sich rückwärts zu bewegen und wir vergessen kurz, dass auch rückwärts vorwärts ist, weil die Zeit nicht der Chronologie einer Zeitachse, sondern jener der Spirale folgt.
Was ich sagen will: Nein, die Europenner-Seite ist noch nicht fertig, doch lesbar. Sehr sogar! Und wer wissen will, was es mit diesem Wort auf sich hat, lese hier weiter. Die Seite wächst beim Gehen. Der Weg wächst, wenn du ihn gehst. Ein irisches Sprichwort, meine ich mich zu erinnern, das die Vorversion von europenner.de untertitelte. Ich hoffe, dass ich richtig zitiert habe.
Zur Reisevorbereitung in Sachen PR gehört unter anderem die Überarbeitung des Jakobsweg-Buches, das J. vor vierzehn Monaten auf irgendlink.de live gebloggt hat. Dort rückwärts lesbar – heißt der neueste Artikel zuoberst –, wird es jetzt auf europenner.de in lesefreundliche Weise neu ins Netz gestellt >>> hier zum Text. Irgendlink hat es sanft überarbeitet und ein klein bisschen geschlankt. Für mich ist es auch mit Abstand – nicht mehr im Live-Modus, da Vergangenheit – eine wundervolle Lektüre.
Auch „Ums Meer“ wird Irgendlink wieder live bloggen. Und live Bilder einstellen. Wir alle können mitreisen.
Ich zitiere aus dem Brief, den wir an Menschen, die das Projekt womöglich finanziell unterstützen wollen, versenden werden.
„Reisen Sie mit!
Als Sponsor oder Sponsorin unterstützen Sie Rincks aktuelles Projekt finanziell oder materiell. Im Gegenzug erscheint Ihr Firmenlogo auf Rincks Reise- und Alltagsblog irgendlink.de. Selbstverständlich werden Sie auf Wunsch in Publikationen namentlich erwähnt. Bitte nehmen Sie Kontakt mit uns auf.
Auch als Spenderin oder Spender können Sie mitreisen: Kleine oder große Spenden sind herzlich willkommen. Wir verraten Ihnen auf Anfrage gerne die Bankverbindung zur Überweisung Ihres Beitrags.
- Mit 30 Euro ermöglichen Sie Rinck zwei Wochen freies Internet bei T-elekom.
- Mit 50 Euro ermöglichen Sie Rinck drei Tage Verpflegung aus dem Gaskocher von Trangia.
- Mit 100 Euro kann sich Rinck fünf Campingplatz-Nächte leisten
- Mit 200 Euro ermöglichen Sie ihm freies Internet für die ganze Reise bei T-elekom.
- Mit 200 Euro: Der Künstler kann sich einen Rundum-Service für sein Fahrrad leisten. Neue Bremsbeläge, neue Schläuche, neue Reifen.
- Mit 500 Euro: Jürgen Rinck kann sich einen ganzen Monat verpflegen und vielleicht sogar eine norwegische Pizza essen gehen.
- Mit 1000 Euro: Campingplatz und Verpflegung für einen Monat sind gewährleistet.
Wer das Projekt mitträgt, wird auf Wunsch in Publikationen und im Blog namentlich dankend erwähnt.“
(((Vielleicht hat ja auch hier jemand Lust, sich ähm, finanziell, *hüstel* zu beteiligen?)))
Fertig sind die PR-Dokumente noch nicht. Noch baue ich an einem Interview, das wir dem Versand teilsweise beilegen wollen. Auch die Web-Auftritte sind noch nicht fertig. Vielleicht nie. Wie im richtigen Leben. Bloggen und leben haben ziemlich viele Ähnlichkeiten. Beides geschieht laufend. Beides endet erst mit dem letzten Atemzug oder dem letzten Punkt. Ob fertig oder nicht. Und ob das jemand je wissen kann?
Oh, die Spülmaschine ist fertig. Toll, wenigstens sie kann es.
Lebenslügen
Ich kann nicht die sein, die ich bin, sagt sie. Nicht hier. Und vielleicht nirgends. Jedenfalls nicht die, die sie wirklich sei. Nicht nach außen jedenfalls. Aus Angst vor Missverständnissen passe sie sich an, spiele ihre Rolle, gibt sie zu. Allerdings sei sie wohl zu wenig gut, um wirklich erfolgreich täuschen zu können. Die anderen vielleicht, sich selbst aber nicht – nicht wirklich, nur oft und nur scheinbar. Diese alles entscheidende Frage, wozu sie eigentlich hier sei – wirklich-wirklich, übergeordnet, sinnstiftend – würgt sie einmal mehr und sitzt ihr im Nacken. Diese Frage aller Fragen hat, wie es aussieht, nur eine Weile geschlafen – oder hat sie sich gar tot gestellt? –, aber weg war sie nie, nicht wirklich (und sie frage sich, sagt die Frau, wie andere diese Frage für sich so gut verdrängen oder so erfolgreich und befriedigend beantworten können) und während sie sich weiterhin nach außen hin adäquat verhält und die Rolle geschickt, so gut es eben geht, spielt, fällt niemandem groß auf, nicht mal ihr selbst, dass sie irgendwie falsch spielt. Eigentlich. Nicht absichtlich, sondern einfach um zu überleben, was in sich eine Paradoxie darstellt, da sie ja nicht weiß, wozu sie eigentlich lebt, wie sie sagt. Mein Fluss staut, ich hinke, ich stolpere. Warum ist ‚einfach leben‘ so schwer?
(by me)
Schnitt.

Das Buch, Unter dem Tagmond der neuseeländischen Autorin Keri Hulme, das Luisa Francia am 25.November 2011 in ihrem Internettagebuch beiläufig erwähnt hat, lässt mich seit Tagen nicht mehr los. Der Titel hatte sich mir beim Lesen des Artikels eingeprägt. Er hat sich mir auf die Schultern gehockt und mich bedrängt, ihm zuzuhören. Schließlich war das Buch gekauft.
Eine verstörende, unbequeme Geschichte, in der Tat, wie es auf dem Umschlag steht. Fertig bin ich noch nicht. Noch ungefähr hundertachtzig Seiten des umfangreichen Buches fehlen. Es zu lesen, tut zuweilen so weh, dass ich weinen muss. Es ist die Geschichte der exzentrischen Künstlerin Kerewin, die eines Tages in ihrem selbstgebauten Wohnturm einen tauben, blonden Jungen findet und tags darauf dessen Pflegevater Joe, einen Maori, kennenlernt. Das Kind sei vor drei Jahren, noch vor Kerewins Ankunft an dieser Küste, nach einem heftigen Sturm wie Strandgut an Land gespült worden. Das gesunkene Schiff wurde nie geborgen. Die Eltern, ebenfalls an Land gespült, waren tot und weltweit nirgends als vermisst gemeldet worden. Eine kleine Spur führt nach England, doch sie versandet. Auch der Pflegevater hat seine Wurzeln zur Herkunftsfamilie verloren, zudem sind seine Frau und sein kleiner Sohn kurz nach dem der Findelsohn Simon in die Familie aufgenommen worden ist, an Grippe gestorben. Kerewin, die unnahbare, höchst sensible, verletzliche und zu Depressionen neigende Künstlerin, hat vor einigen Jahren wegen tiefgehender Probleme ihre Familienbande gekappt und ist als vorläufige Station ihrer Selbstfindung – und offenbar mit genug Geld, um ohne Anstellung leben zu können – hier, im Turm, am einsamen Strand, gelandet.
Die drei zufällig Zusammentreffenden entwickeln eine seltsame, intensive Freundschaft. Die beiden Erwachsenen sind in erster Linie um das Wohl von Simon besorgt, der sich, nicht zuletzt wegen seiner Sprachlosigkeit, sehr unangepasst und unkonform verhält. Dass sein Vater ihn liebt und ihn züchtigt scheint für Kerewin am Anfang normal zu sein, bis sie entdeckt, dass der ansonsten zärtliche und liebevolle Vater seinen Sohn zuweilen bis aufs Blut misshandelt.
Wir teilen als Lesende den Alltag dieser Schicksalsgemeinschaft. Wir lauschen philosophischen Gesprächen von Kerewin und Joe, erfahren Joes Lebensgeschichte und warum Kerewin eine Weile in Japan gelebt und dort Aikido studiert hat, diesen Lebensweg der Versöhnung. Wir sehen Wutausbrüche, wir erleben Versöhnungen. Und schließlich sind wir dabei, als alles überbordet und die Staumauern einreißen.
Die Autorin ist stilistisch in keine Schublade zu stecken. Sie erzählt oft sprung- und bildhaft, Gedankenfetzen werden eingewoben und Dialoge sind nicht immer als solche erkennbar – waren das eben Gedanken oder haben die beiden miteinander geredet? Dann wieder erzählt sie ganz klassisch, was die drei Menschen jetzt in der Hütte aus Kerewins Kindheit erleben, die sie gemeinsam für ein paar Wochen Ferien aufsuchen. Niemals zählt sie auf, niemals erklärt sie zu viel, und immer bin ich als Betroffene mitten drin. Sogar die Wutausbrüche Simons, Joes und Keres sind irgendwie nachvollziehbar.
Was die drei Menschen erleben, hat für mich etwas sehr archetypisches, beinahe gleichnishaftes, ohne aber je moralisch zu sein. Zwingend existentiell die Thematik. Letztlich geht es auch um Lebenslügen. Um Hoffnungslosigkeit ebenso wie um Sehnsüchte. Nach Erlösung. Nach Freispruch. Nach Heilung. Und letztlich ist es eine Liebesgeschichte der ganz und gar anderen Art. Wie sie endet? Darauf bin ich schon sehr gespannt.
Goldschnittchen
Über die Technik gäbe es dieser Tage viel zu erzählen. Und über Kontraste auch: Innen und außen (Temperaturen, Befindlichkeiten und so Sachen), drinnen und draußen (dito), früher und heute … Und noch früher erst recht.
Da waren wir also am Freitagabend mit Journalist F. auf der Piste. An der langen Nacht der Bibliotheken, welche die ansässigen Büchereien heuer das zweite Mal durchgeführt hatten. Weil wir die Einlasszeit zur ersten der drei Veranstaltungen verpasst hatten, genossen wir die Pause bei Flammkuchen und angeregten Gesprächen.
In der historischen Bibliothek gab es danach einen Crash-Kurs in Buchbinderei. Vom Buchblockbinden zum Goldschnitt. Damals und heute. Handgeschriebene Unikate mit Holz- und Ledereinbänden. Mit blattgoldenen Strukturen auf Ledereinband und Buchrücken. Die Weiterentwicklung zum gedruckten Buch, das bereits mit maßentauglichen Strukturrollern verziert wurde, war geradezu revolutionär. Ein erster Schritt zur Rationalisierung. Möglicherweise so revolutionär wie der Schritt vom Papierbuch zum eBook. Bücher wurden übrigens lange Zeit als umschlaglose Buchblocks gehandelt, auf dass die Käuferin damit zum Buchbinder ihres Herzens gehen und sich einen Einband nach Wunsch (und Inhalt des Geldbeutels) anfertigen lassen konnte. Was für ein wunderschönes (Kunst-)Handwerk! Schade, dass sich das heute kaum mehr jemand leistet.
Von der Goldschnittbibel in der Vitrine pilgerten wir danach in die Stadtbücherei. Großer Kontrast: Hörbücher, DVDs, Ratgeber, Romane quellen aus den Regalen. Mein Herz hüpft. Wie immer wenn ich inmitten von Büchern bin. Mit einem Drink in der Hand schreite ich die Regale ab. Es folgt ein rock-bluesiges Konzert dreier saarländischer Gitarristen, die ihr Hand- und Mundwerk verstehen. Wortkunst einmal anders. (((Michael Riehm und Co. auf YouTube)))
Noch mehr Technik schließlich gestern. Da das neulich ausgeführte Datenrettungsbackup meines winterschlafenden Laptops leider doch nicht ganz vollständig war, galt es dessen interne Festplatte auszubauen und in ein eigens dazu gebautes Case mit USB-Anschluss zu stecken. So konnte ich das Teil – wie eine externe Festplatte – bei meinem alten, wiederbelebten Laptop einstöpseln und so auch noch die letzten fehlenden Daten kopieren. Coole Technik! Was doch alles so geht!
Und jetzt, wo ich meine Bewerbungsunterlagen zur Verfügung habe, finde ich keine Ausreden mehr. Nun kann ich loslegen: Bewerbungen schreiben. Neue Stelle finden. Und morgen Vormittag zur Arbeitsagentur nach P. fahren.
Dass die mir eine Umschulung zur Buchbinderin bezahlen, ist eher unwahrscheinlich, doch träumen ist wohl immer erlaubt.


______________________________
beide Bilder: iDogma-Art –
Alte Zeit trifft neue Zeit.
Reichlin zum dritten
Man liebte und wurde verletzlich, schon eine Stecknadel riss tiefe Wunden, man stülpte das Innerste nach außen unter der Bedingung, dass der andere ebenso verletzlich war wie man selbst. Schmerz wurden mit Schmerz vergolten. (…) Andernfalls war diese ungeheuerliche Entblößung des Herzens nicht zu verantworten. Einseitigkeit war lebensgefährlich, hier ging es um ein exaktes Gleichmaß der Schwäche. Und Liebe war nichts anders als wunderbare, köstliche, schreckliche Schwäche. (…) In etwas derart Verrücktes durfte man sich nicht einseitig hineinbegeben. Nur wenn beide verrückt waren, verlor man nicht den Verstand.
Schreibt Linus Reichlin, will heißen, lässt er Hannes Jensen denken, Antiheld und frühpensionierter Polizist. Diesmal erlebt dieser allerdings keine metaphysischen Horrorstories oder Kriminalgeschichten wie in den beiden früheren Werken Reichlins. Diesmal erleben wir Jensen bei der Begegnung mit Gespenstern der etwas anderen Art. Eifersucht und Vergangenheit heißen zwei davon.

In einem Rutsch habe ich an diesem Regentag das Buch „Er“ verschlungen. Allerdings erst, nachdem ich den hässlichen Schutzumschlag entfernt habe. Über den immer wieder neu überraschenden Erzählstil Reichlins habe ich mich ebenso gefreut wie über die Handlung. Sie berührt, obwohl eigentlich gar nicht so viel passiert. Der Plot des dritten Romans dieses deutschsprachigen Autoren ist weniger spektakulär als jener der beiden Vorgängerromane, dennoch erschafft Reichlin mit seiner Erzählkunst, in der er zwei scheinbar nicht miteinander zusammenhängende Geschichten laufen lässt, eine unglaubliche Dichte, die mir zuweilen den Atem raubte.
Besonders faszinierten mich jene Passagen, in denen Jensen und eine weitere Figur beinahe assoziativ einen Ausschnitt ihrer Wahrnehmung mit uns teilen. Kurze knappe Beschreibungen ohne erklärender Schnickschnack. Dazu gänzlich wertfreie Zeichnungen der verschiedenen Personen. Ja, Bilder mit Worten malt Reichlin. Und Schnappschüsse zeigt er. Von Außen- ebenso wie von Innenräumen. Kein klassischer Adrenalin treibender oder gar maßentauglicher Krimi ist das, aber eine Geschichte, die es lohnt, gelesen zu werden. Ein echt starkes Stück!
mehr:
zur Website des Autors
und hier zur
Krimicouch-Buchbesprechung.
die Welt verändern
Ich habe, wie so oft, vergessen, wie sich dieses Buch seinen Platz in meinem Büchergestell erschlichen hat. Es stand jedenfalls schon eine ganze Weile auf dem Tablar der zu lesenden Bücher herum und wurde eins ums andere Mal überholt. Krimis lese ich nun mal meist lieber als Bücher, die nicht eben leichte Kost sind. Was ich diesem Buch wohl ansah.
Nein, leichte Kost ist Im Namen der Salomé nicht. Dafür nährend.

Julia Alvarez ist – wie die Protagonistinnen dieser wahren Geschichte – selbst ein Kind der Dominikanischen Republik. Auch ist sie, wie diese, aus politischen Gründen in die Vereinigten Staaten geflohen. Sie weiß, wovon sie redet.
Wahre Lebensgeschichten zu erzählen, ist eine große Kunst. Alvarez rollt dazu zwei Fäden auf. Den einen, jenen Camilas, der Tochter, rückwärts. Im Alter der Pensionierung anfangend, wo wir sie in den Staaten kennenlernen, begleiten wir sie bis zurück in ihre Kindheit. Die Geschichte Salomés, Camilas Mutter, hören wir von frühester Kindheit an und erleben so die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts auf einer von Kriegen und Revolutionen geplagten karibischen Insel mit. Salomé Ureñas Poesie, die zuerst anonym, später unter ihrem richtigen Namen veröffentlicht wird, macht den Menschen Mut. Salomé, eine schüchterne junge Frau, wird unvermittelt zur Volksheldin gekürt und bald schon Muse der Nation genannt.
Die alles entscheidende Frage, die ihr so manches Opfer abverlangt, ist jene nach der Patria. Was ist Vaterland? Was ist Heimat? Wofür lohnt es sich, zu kämpfen? Immer wieder neue Revolutionen erschüttern das Land und immer wieder neue Anfänge werden gemacht. Salomé baut schließlich, als erste Frau, ein Lehrerinnenseminar auf, damit die jungen Frauen ebenfalls eine Bildung erhalten. Ihr Einsatz für Ihr Land ist leidenschaftlich. Der ihres Mannes, der später sogar – allerdings nur ganze vier Monate lang – Präsident des Landes wird, ebenso. Beide kämpfen sie für Freiheit und reiben sich dabei aneinander auf. Eine Beziehung, die trotz Leidenschaft und Hingabe zeitlebens eine einzige große Herausforderung ist. Vor allem für Salomé.
Die Autorin verwebt die beiden Fäden abwechselnd miteinander, so dass sich die beiden Frauen gleichsam in der Mitte treffen. Salomé stirbt an Tuberkulose, als ihre Tochter Camila erst drei Jahre alt ist. Ihr Leben lang geht Camila auf die eine oder andere Weise in den Spuren ihrer Mutter, doch versucht sie auch, sich selbst auf die Spur zu kommen und den eigenen Zielen Raum zu geben.
Politik, Freiheit und Emanzipation werden somit zu sehr persönlichen Themen. Letztlich kann niemand die Welt verändern ohne dabei sich selbst zu wandeln. Innen und außen sind zwei parallele Ebenen, die sich übergangslos ineinander auflösen.
Obwohl Camilas Geschichte – im Gegensatz zu jener Salomés – in der dritten Person erzählt wird, ist mir Camila näher als Salomé. Vielleicht weil sie in einer Zeit lebt, die mir vertrauter ist. Ihre Suche nach ihrer eigenen Art, leidenschaftlich zu leben und die Welt lebenswerter zu gestalten ohne dabei all die Mitmenschen, die sie liebt und denen sie sich verpflichtet fühlt, aus den Augen zu verlieren, ist eine schmerzhafte Gratwanderung. Wie gerne würde sie Spuren hinterlassen, wie gerne würde auch sie einfach einmal glücklich sein und aus den Schatten der Vergangenheit, der Geschichte, der Verwandtschaft, des Erbes ihrer Mutter treten und sich selbst sein. Ganz.
Mütter und Töchter – ein Thema, das wohl jede Frau auf die eine oder andere Weise beschäftigt, denn Töchter sind wir alle, auch nachdem uns die Mütter eines Tages verlassen haben.
Alvarez‘ Erzählstil ist schlicht. Melodiös irgendwie, dennoch kommt er ohne Schnörkel und Wertung aus. Der rhythmische Wechsel zwischen Salomés in erster Person erzählten Geschichte und jener Camilas hat durchaus etwas poetisches.
Lesen! 🙂
Wie das Internet unser Denken verändert
Heute Morgen in der Zeitschrift DU geniale Gedanken über unseren täglichen Umgang mit dem Internet gelesen:
Anthroplogie – Nicholas Carr
Wie das Internet unser Denken verändert
Literaturstudenten, die keine Bücher mehr lesen. Informationsstakkato, das die Kreativität blockiert. Nervenstrukturen, die sich rasch umwandeln: Der Erfolg der digitalen Technik verändert nicht nur unser Leben, sondern auch unser Gehirn. Nicholas Carr zeigt, in welche Richtung.
Hier gucken für Infos zum DU-Heft. Eine Leseprobe aus dem Buch („Wer bin ich, wenn ich online bin …“), woraus der Artikel aus dem DU-Heft zitiert worden ist, gibt es hier.
Ach, und schon bin ich mittendrin, mitten im weltweiten Netz von Links und Hyperworld. Hilfe, ich bin eine Gefangene im Netzwerk unserer Bilder-Community!, habe ich vor drei Tagen zu meinem Liebsten gesagt, spätabends, vor dem Laptop sitzend.
Internet macht zwar Multitasking, aber wir sind dabei – weil sich unser Hirn im Laufe der Zeit verändert – andere Kompetenzen zu verlieren. Urteilsvermögen zum Beispiel. Wir übernehmen auch nur so als Beispiel ungefragt Vorgaben und Strukturen, die das Internet vorgibt. Die vermeintliche Freiheit von Internet ist trügerisch. Wir sind alles Süchtige. Wir lenken uns ab. Wir verlieren Tiefgang und Konzentrationsfähigkeit. Sagt Carr. Und vieles mehr, das sehr lesenswert ist. Und zu denken gibt.
