Schlampen-Ich und Geschichten-Ich

Diesmal war der Titel zuerst da – Huhn oder Ei? …

Er wartet schon seit ein paar Stunden. Na ja, ob er wartet, weiss ich nicht wirklich, denn da er ziemlich schlampig ist, stört ihn Warten nicht. Wozu auch? Was ist Warten denn anderes, als Sein? Wozu überhaupt warten, wenn Sein genügt?

Habe ich meine Schlampenidentität gefüttert, kann ich dazu übergehen, meine literarischen Tagesziele zu erfüllen … Was es denn frisst, mein Schlampen-Ich? Ein paar Scheiben Chillen extra soft. Dazu ein paar Schlucke Bier. Und die Erlaubnis, da sein zu dürfen, das Wissen, willkommen zu sein. Easy, nicht wahr?

Nach einem gefühlsintensiven Tag im Büro – „Was ist heute bloss mit den Sternen los? Wieso sind heute alle so dünnhäutig?“ (O-Ton meiner Kollegin F. kurz vor Feierabend) –  hatte ich das dringende Bedürfnis, zuerst zwanzig Minuten crossend Dampf abzulassen, um nachher auf dem Sofa sophierend vor mich hin zu schlampen. Jaaa! Nichts tun. Nichts müssen. Nichts leisten. Nichts! Gar nichts  …! Die Batterien leeren. Die Batterien sich füllen lassen. Ohne mein Zutun. Einzig durch meine Hingabe ans Nichts. Ebbe. Flut.

Tagessoll? Das bedeutet, meinen unschlampigen, literarischen Vorsatz umzusetzen, jene Geschichte, die ich am 11. Oktober im Rahmen eines Gottesdienstes lesen soll, zu entwerfen … (Gottesdienst? Würkli? Ja, lacht nur … habe ich zuerst auch, als ich angefragt wurde …! Doch inzwischen sehe ich das Ganze als Mögilchkeit, statt nur über Toleranz zu reden, diese zu leben …).

Sie war einfach da. Heute morgen als ich erwachte, baute sie sich vor mir auf. Sie liess sich weder vertreiben noch umbauen. Breitbeinig stand sie vor mir, meine Geschichte. Unübersehbar. Kiekste mir den Schreiber an die Brust und sagte: Schreib! Doch erst nach Feierabend und Schlampenfütterung war ich in der Lage, ihrem Befehl ihrer Bitte nachzukommen.

Das Leben hat sie geschrieben, diese Geschichte. Hand in Hand mit meinem Geschichten-Ich, das bisweilen riesige Ohren hat. Und Augen, die die dunkelste Nacht durchschauen. Gestern Abend war ich mit M*, einem Ex, mal wieder am Gerzensee. Wie immer führten wir – im Wasser und an Land – angeregte Gespräche. Als dann noch eine ehemalige Arbeitskollegin in meinem Blickfeld auftauchte  – „Oh wie schön! Lange nicht gesehen! Was lebst du auch?“ – , wurden die Gespräche noch einen Zacken intensiver. Gott und die Welt. Und die Männer. Und Frauen. Und so. Mein Geschichten-Ich spitzte die Ohren und machte sich Notizen. Nachts hat es das Ganze auf kleinem Feuer eingekocht, um es mir heute morgen pfannenfertig zu servieren.

Ganz schön praktisch. Bin ich froh, dass Schlampen-Ich und Geschichten-Ich Freundinnen sind! Manchmal jedenfalls.

so verdammt wichtig

Bäh! Einer dieser Tage, wo ich am liebsten im Bett geblieben wäre und mir die Bettdecke über den Kopf gezogen hätte! Alles so trüb. Geschlafen habe ich zwar gut. Trotz Vollmond. Trotz Mens. Und trotz des Fotoalbums von vor zehn Jahren, das ich mir gestern Abend angeschaut habe. Bilder von damals, als das Leben noch einfach schien und mein Weltbild einigermassen übersichtlich.

Bin dennoch aufgestanden, natürlich, und habe auf dem kurzen, regennassen Arbeitsweg einen Vater mit Sohnemann im Kinderwagen gekreuzt.  Wie singt doch Büne Huber („mittschiffs“) so passend? „Es rägnet i mim Gsicht!“

Bin mal wieder so dünnhäutig, dass ich die Gegenwart anderer Leute kaum ertrage. Hyperhochsensibel. Doch gerade heute konnte ich es mir nicht leisten. (Wann dann?) Es gab viel zu tun, aufzugleisen, ein paar nicht verschiebbare Anrufe zu erledigen, interne Dinge zu entscheiden. Diese verdammte Wichtigkeit! Und dieses vermaledeite Nett-Sein!

Ich biss auf die Zähne. Wieso erzähle ich eigentlich im Büro kaum je, wie es mir geht? Obwohl wir es doch so gut miteinander haben und ich alle mag. Und obwohl mir die anderen erzählen, wie es ihnen geht. Sogar oft mit einem „Pssst! Das wissen die anderen nicht!“. Und wieso erzähle ich immer nur die erfreulichen Dinge? Nein, es ist nicht so, dass ich den anderen misstraue. Es ist wohl eher so, dass ich mich bedeckt halten will. Selbstschutz. Allgemein bin ich sehr transparent und authentisch. Und ich halte mich mit Meinungsäusserungen selten zurück.

Als mein Scheff um 11 Uhr wegen einer externen Sitzung sein Büro verliess, stürzte ich mich – wie abgemacht – darauf, die Infrastruktur für die morgige Finanzschulung vorzubereiten. Tönt toll. Und das Problem hört sich in der Tat recht simpel an: Sieben Leute sollen – über Beamer – sehen, was auf einem PC abläuft, um zu verstehen, wie das Buchhaltungssystem unseres Hilfswerks aufgebaut ist. Umrahmt wird das Ganze von einer Powerpoint-Präsentation.

So weit, so gut. Doch muss der benutzte PC ausnahmsweise am Firmennetzwerk angeschlossen sein, will heissen, wir können nicht wie üblich mit Laptop und Beamer ins angemietete Sitzungszimmer vis-à-vis, denn dort funktioniert unser Netzwerk nicht. Im Vorfeld hatten mein Scheff und ich beschlossen, das Ganze in seinem Büro zu inszenieren. Bis gestern. Da beschloss der gute Mann plötzlich, dass sieben Nasen in diesem doch eher kleinen Raum zu eng sind. Und dass wir eine bessere, andere Lösung finden müssen, will heissen, ich.

Das ganze Theater also in den Vorraum verlegen, wo alle naselang jemand vorbei kommt? Und wo es natürlich keinen Anschluss fürs Netzwerkkabel hat? Und währenddessen ich, weil ich nicht an der Schulung teilnehmen „muss“, im angrenzenden Büro „eingesperrt“ sein werde?

Mit Mensbauchkrämpfen kroch ich also im Scheffbüro auf der Suche nach Kabeln unter die Tische. Nach einer halben Stunde und ein paar saftigen Flüchen war alles an seinem Platz. Im Test lief das Ganze, die Kabel aufs Äusserste gespannt. Ich auch. Mal gucken, ob es morgen klappt. Immerhin ist Vollmond vorüber.

Draussen tobt ein Sturm. In mir drin irgendwie auch und jetzt werde ich mir, da ich frei habe, endlich die Decke über den Kopf ziehen.

traurigfroh

Ich liebe Geburstage. Besonders, wenn sich die Wetterfee  an den Deal mit dem Schönwetter erinnert. Thanx!

Nach einem hektischen Büromorgen holte ich L. am Bahnhof ab und wir pilgerten an  Sense und Schwarzwasser.  Schwarz war es zwar nicht, doch kalt. Und erfrischend. Von Kopf bis Fuss.
Da, wo sich die  Flüsse vereinen, mitten auf dem Weg, haben wir ein Glücksnest gefunden. Wenn das kein Omen ist für ein glückliches Jahr?

Feierabend
dankbar
sentimental
traurigdankbarfroh für meine Freundinnen und Freunde

*DickerSeufzer*

Wenn es tagt …

Ich fahre lieber rückwärts, hatte ich am Morgen gesagt und meiner Arbeitskollegin und meinem Boss erklärt, dass es mir lieber ist, den verschwindenden Bildern nachzuhängen, als von den ständig neuen Eindrücken, die auftauchen, aufgewühlt zu werden. Mein Scheff fand, das passe zu mir. Wie auch immer er das gemeint hat …

Später wünsche ich mir meine Oropax herbei, jene pinkfarbenen Teilchen, die auf meinem Nachttisch schlafen. Was für ein Lärm! Mittagspause. Und kein Vegi-Menü. Als ich „Menü ohne Tier“ ordere, wird mir „nur Gemüse“ gebracht.
Oropax … auch mit ihnen würde ich eben nicht viel verpassen. Wir smalltalken. Eine Disziplin, die ich schlecht beherrsche. Ich lache da mit, lächle dort ein wenig, runzle die Stirn und äussere mich adäquat zum aktuellen Thema. Bemühe mich,  nicht zu zeigen, wie unsicher ich mich fühle.  Nett sind sie, die Leute, allesamt, keine Frage … nur … Ich fühle mich, hm, wie?, allein in der Masse. Na ja. Tagungen waren noch nie mein Ding. Viele Menschen auf einem Haufen – das ist doch einfach nicht natürlich.
Naturtrüb der Süssmost auf dem Tisch, naturtrüb ich. Und doch grüsse ich dort, lächle hier, da drüben winke ich zurück, hier verspreche ich, morgen den gewünschten Anhang zu schicken.

Der letzte Vortrag, jener des Direktors, steigt als fette Wolke unter die Decke. Hunderfünfzig müde Körper hängen in den Seilen, ähm, Stühlen. Dick die Luft. SMS werden geschrieben, Augen gerieben, hinter meiner Stirn klopft es verdächtig, da und dort huschen Blicke mit nach oben verdrehten Augen hin und her, andere tuscheln und mein Scheff, ich seh es genau!, schielt auf die Uhr. Mit halbem Ohr schnappe ich die elfte These auf. „Wir, als Hilfswerk …“, höre ich … wir, als Hilfswerkmitarbeitende, denke ich, wir sind auch bloss Menschen. Müde Menschen.

Später, im Zug, noch mehr davon. ‚Blick am Abend‘ auf jedem zweiten Kniepaar. Rascheln. Reissverschlüsse. Noch mehr Smalltalk. Smalltext. Mein Kopf dröhnt. Ich werfe, Chemieseidank, eine schnell wirkende Tablette ein. Der Schreiber flitzt über die Seiten. Die Gedanken tanzen und die ersten Gewitterregentropfen malen skurrile Muster auf die Scheiben.

Ich fahre rückwärts und lasse die Bilder ausfransen.

gefüllter Becher

Von der Stille geweckt worden. Sonntagmorgenstille.
Viel zu früh.
Kurze Nacht.
S. und ich haben bis halb zwei gebechert. Gebechert und über das Leben sofasophiert.

Ernten wir, was wir säen? Wie? Wann? Und ist, was uns geschieht, gerecht? Karma, Krankheiten, Schicksalsschläge, Verluste, Erfolge? All die Auf- und Ab-Bewegungen des Lebens – Ebbe & Flut – was haben sie mit mir zu tun? Woher kommt Inspiration, woher Talent? Woher und vor allem wozu?

Sind wir jemandem etwas schuldig, wenn wir ein Talent haben?

Wenn ich das Leben meiner Freundin S. betrachte, denke ich, dass wir alle wenig Ahnung haben, was Glück, was Liebe, was Gerechtigkeit ist. Und was Liebe für einen Preis hat.

S. war über zwanzig Jahre glücklich mit ihrem Mann zusammen. Ich meine wirklich GLÜCKLICH. Trotz Krisen. Zwei Freaks, die ihr Leben gemeinsam woben. Sie führten eine spannende Ehe und haben zwei tolle Kids! Vor einem Jahr wurde B. von einem Bus überfahren und starb innerhalb weniger Tage. Ist es gerecht, da S. doch ihr Mass an Schönheit und Glück bereits hatte? Gibt es davon für alle gleich viel und wäre das gerecht? Ist gleich viel gerecht?

Kommt das beste noch? Wenn ja, was?  Warten oder endlich leben?

Bilder in meinem Kopf.
Schieben sich nebeneinander, hintereinander, durcheinander.
Werfen sich wie Dias übereinander an die Wand.
Farben. Gerüche. Schatten.
Unscharf.
Ungefähr.

Irgendwo in mir ist Schmerz.
Und irgendwo in mir ist Staunen, dass wir noch immer da sind, S. und ich.

Leer?

Sonntag, 31. Mai 2009

Leer (Mittag)

Sind es (wirklich nur) die Hormone, die (prä)menstruellen, die eine Frau – mich! – von glücklich in ungeniessbar verwandeln? Haben es andere einfacher? Sind Männer diesbezüglich wirklich besser dran?
Oder sind es die Feiertage? An jenen Tagen, wo Menschen sich mit ihren Liebsten zusammenrotten, haben es Singles besonders schwer. Entweder docken sie sich an ein bestehendes Set an – das so glücklich vielleicht auch gar nicht ist (doch immerhin haben sie einander und sind nicht allein)-, lassen sich einladen oder bleiben allein.
Doch genau zu diesen Zeiten fühle ich mich oft dermassen ungeniessbar, dass ich Einladungen (diesmal zwei) in den Wind schlage. L.s gestrige Absage an meine Adresse war allerdings unvorhergesehen. Ihre Tochter kam spät nachts besoffen nach Hause und brauchte Mamas Nähe. Natürlich. Dazu sind ja Mütter da.
Käme Lars eines Tages besoffen heim, wäre ich ja auch für ihn da. Nur dass ich diesen Tag nicht erleben werde. Ausserdem wäre er ja jetzt erst neun, wenn er noch leben würde – ein bisschen früh für solche Exzesse. „Wenn doch“ und „wäre“ und „hätte ich“ sind mal wieder sehr nahe Nachbarn. *seufz*
Das Viel-Zeit-haben, worauf ich mich so gefreut habe, wird mir mal wieder verdorben. Von den Hormonen. Und den Umständen. Ich Arme! Jawohl! Hm. Es ist, wie es ist.

Morgen tagt unsere Schreibgruppe zum gemeinsamen Schreibmarathon. Darauf freue ich mich total!

Und auch über die musikalischen Highlights der vergangenen Woche!

Pippo Pollina solo im ONO. À la carte. Will heissen, er servierte uns pfannenfertig jene Songs, die das Publikum bestellt hat. Genial! In den ungefähr fünfzehn Jahren, die ich Pippo nun kenne, begeistert mich immer wieder seine Bühnenpräsenz.

Neu entdeckt: www.chantemoiselle.ch Tango, Blues  und mehr … Bärndütsch!!! Musik für Herz, Seele und Füsse!

Voll (Abend)

Habe mal wieder den Bantiger heimgesucht. Bestiegen und erklommen. Die Weitsicht genossen. Das Herz gefüllt. Höhenluft geatmet. Sonne getankt. Den Wind gespürt. Bilder gehamstert – als Vorrat für kalte Tage.

… ach ja, auch mein Sternchen* hat mal wieder vollgetankt! So haben eben alle ihre Bedürfnisse.
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(*= Toyota Starlet. Aber frage bitte niemand, wie alt die vierrädrige Dame ist …).