Nachspiel

Wenn etwas kaputt geht, muss es repariert werden. Richtig? Und wenn etwas kaputt geht, so dass es sich nicht mehr reparieren lässt, muss es ersetzt werden. Eigentlich ganz einfach. Als neulich beim Ausparken aus der Garage mein rechter Außenspiegel zerbrach, habe ich mich deshalb am nächsten Tag an den Laptop gesetzt um im weltweiten Netz nach einem Ersatzspiegel zu fischen. Nach ein paar Mails mit dem Händler meiner Wahl war klar, dass das gebrauchte Teil zu meinem alten Sternchen passen müsste. Zwar hatte ich mich ein wenig über die wiederholt männliche Anrede des Ersatzteilhändlers genervt, ihn gar demonstrativ mit Frau angesprochen, doch schließlich wurden wir uns einig. Ich zahlte die Rechnung und wartete.
Als vor zwei Tagen der Postbote ein überdimensioniertes Paket ablieferte, war meine Freude groß. Nicht nur wegen des Altpapiernachschubs zum Anfeuern. Es ist doch ein wenig unheimlich, mit einem gesprungenen Spiegel zu fahren. Ausgepackt war das Teil schnell, doch dann drehte und wendete ich es erst eine ganze Weile hin und her. Schließlich kratzte ich mich am Kopf.
Ist das nicht ein linker Spiegel oder mein ich das nur?, fragte ich Irgendlink. Auch mein Liebster begutachtete das Teil von allen Seiten, nickte, schüttelte den Kopf und beschloss, in der Garage nachzugucken, ob wir mit unserer Schlussfolgerungen richtig lagen. Lagen wir.
Mann, wie konnte ich nur so doof sein und rechts mit links verwechseln!, murmelte ich und öffnete meine Mails um die Sache in Ordnung zu bringen. Nein, doof war nicht ich, doof waren die andern. Schwarz auf weiß habe ich einen rechten Außenspiegel bestellt. Ha! Männer, rechts und links – waren das sonst nicht eher die Frauen?
Nach dem ich auf meine Mails an den Händler keine Rückmeldung erhielt – außer dass meine Mail im S-P-A-M gelandet sei –, rief ich heute Morgen dort an. Meine Empörung legte sich schnell. Herr S. wand sich und ich rang derweilen um Fassung, um nicht laut loszuprusten.
Sie hätten zeitgleich zwei Bestellungen für zwei Außenspiegel bekommen, sagte der gute Mann. Für einen rechten und für einen linken. Es kam, wie es kommen musste: Die Spiegel – oder waren es die Pakete? – wurden verwechselt. Murphy am Werk! Dem anderen Kunden, der offenbar ein wenig schneller als ich reagiert hatte, vermutlich telefonisch und darum ohne Umwege über den S-P-A-M-Ordner, wurde umgehend ein richtiger, nämlich ein linker Spiegel nachgesandt. Warum dieser Kunde jedoch daraufhin statt nur den rechten, den ich brauche, auch gleich noch den linken retourniert hat, habe ich wirklich nicht verstanden. Ob er zwischenzeitlich auf dem Schrottplatz gefunden hat, was er brauchte?
Nun ist sein Paket auf der Reise. Doch statt zurück an die Firma, hat er es auf deren Wunsch an mich geschickt. Cool, so werde ich schon bald stolze Erhalterin eines noch größeres Paket sein. Jippie, das ist ja wie Weihnachten und Ostern zusammen. Schon bald werde ich drei Außenspiegel haben. Davon habe ich doch schon immer geträumt. Andererseits … was fange ich bloß mit zwei falschen, linken Spiegeln an? Und nur einer ist der richtige, der rechte. Nein, auf meine politische Gesinnung wird das keine Auswirkungen haben, doch ich werde den Verdacht nicht los, dass mir das Leben etwas sagen will. Bloß was?

Marktplätze

Über Exhibitionismus in allen möglichen Schattierungen denke ich dieser Tage viel nach. Und über uns Bloggerinnen und Blogger und das Warum-wir-bloggen. Angeregt durch Diskussionen in anderen Blogwohnzimmern. Angeregt durch Gespräche beim Abendessen im ganz realen Wohnzimmer auf dem einsamen Gehöft. Wie viel Öffentlichkeit braucht ein Mensch wirklich? Wie viel Resonanz von andern brauchen wir künstlerisch Tätigen, um genau das zu tun, was wir tun wollen – nämlich uns auszudrücken. Brauchen wir ebenso Resonanz wie eine Saite, die ohne Klangkörper nicht tönt? Wie laut müssen wir zupfen, um gesehen und gehört zu werden?
Und müssen wir denn gehört und gesehen werden?
Irgendlinks Reiseprojekt ist gestern in ein neues, konkreteres Stadium getreten. Mit meinem beruflichen Erfahrungen im PR-Bereich, als frühere Sekretärin eines Künstlers und spätere Sekretärin eines Non-Profit-Hilfswerks, versuche ich nun nach gemeinsamer Arbeitsplanung, mit bescheidenen Mitteln allerdings, nach ein wenig Öffentlichkeit zu fischen. Ja, zugegeben, dabei geht es um Geld. Nein, es muss bei Kunstprojekten nicht immer und nicht grundsätzlich um Geld gehen, um gesehen und gehört zu werden. Doch ohne Geld kann auch eine Künstlerin und ein Künstler kein Brot kaufen.
Beim Bloggen aber geht es um andere Werte. Erstens ist es Lust. Lust am Schreiben. Gleich danach geht es bei mir ums Teilen. Ich gebe etwas von mir her. Vielleicht nicht aus altruistischen Gründen, doch ich gebe freiwillig. Ich gebe etwas, das in mir gewachsen ist. Etwas persönliches. Danach spaziere ich weiter durch das virtuelle Universum und nehme da und dort etwas mit, was mir andere anbieten. Ebenso freiwillig. Aus Lust am Kreieren machen wir uns gegenseitig reich. Reich an geteilten Erfahrungen. Teilgeben. Teilhaben.

Die Sache mit dem Festhaltenwollen

Wie ich gestern, mitten im Alltag, meinen Liebsten drücke und von ihm gehalten werde, begreife ich auf einmal, dass ich ihn diesen Sommer viele Tage lang nicht drücken, nicht mal sehen werde.
Zum einen bin ich dabei, meinen Haushalt von Deutschland wieder in die Schweiz zurückzuverlegen, zum anderen plant Irgendlink eine ungefähr drei Monate dauernde Radwanderreise um die Nordsee. Ums Meer. Er wird auch diesmal wieder, wie auf seiner Jakobsweg-Reise vor einem Jahr, live darüber bloggen – Bild- und Textreportagen der ganz besonderen Art! Ihr dürft euch schon jetzt freuen!
Losgelassen habe ich schon oft. Nicht immer freiwillig. Abschieden begegne ich zwiespältig. Wer weiß schon, wann und ob wir uns je wiedersehen?, denke ich zuweilen, wenn ich gute Freundinnen oder Freunde zum Abschied umarme und wir uns auf den Weg machen.
Wie wir uns so drücken, J. und ich, gestern, sage ich, dass ich diese Umarmung und alle andern, die schon waren und alle die noch kommen werden, in eine Dose packen will. Später, allein, wenn ich ihn vermissen, wenn ich seine Umarmung ganz besonders brauchen werde, kann ich einfach diese Dose aufmachen und ich werde wissen, dass er da ist. Dass wir uns auch über die weite Distanz nahe sind.
Ich wünsche mir, nährende Augenblicke jederzeit abrufen zu können. Kostbare Erfahrungen sollen mich in Momenten der Mutlosigkeit daran erinnern, dass das Leben auch anders sein kann. Darum will ich jeden Frühling und jeden Sommer von neuem all die Düfte, die den Tag vergolden, einkochen. Konservieren. Herzfuttervorräte anlegen. Für kalte Wintertage. Für graue Stunden.
Ich will jeden Augenblick genießen, den ich auf eine das Herz nährende Weise verbringe. Mit J.. Mit meinen Lieblingsmenschen. An meinen Lieblingsorten. Während meiner Lieblingsjahreszeiten. In der Natur. Bereits erlebtes Jetzt verfügbar gemacht für kommendes Jetzt. Vorrat für kalte Wintertage.
((Notiz an mich: Wieso redet eigentlich niemand von Sommervorräten? Winterliche Kargheit, schneeweiße Stille, tiefgefrorene Nasenhaare – niemand scheint davon etwas aufbewahren zu wollen, selbst jene Menschen nicht, die den Winter lieben …)))
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Nein, ich bin nicht die einzige, die solche Gedanken denkt. Cambra hat ähnliches gebloggt …

Zeitfresserchens Lust

Da las ich heute, bei Sherry wars, über unsere nachlassende Konzentrationsfähigkeit und dass wir nach einer Viertelstunde Arbeit an einem Thema bereits mit den Füßen scharren. Wir müssen doch endlich mal wieder nachschauen, ob uns jemand gemailt hat. Ob eine SMS eingegangen ist. Ob dies. Ob das. Ob jemand nach uns fragt.
Wie ich da sitze und schreibe, fallen mir ab hier sogleich ein paar mögliche Fortsetzungen für diesen Blogartikel ein. Die erste, die ich mir vorgenommen habe, nenne ich hier mal Spur eins. Auf ihr will ich über Zeit und unseren Umgang mit ihr sofasophieren. Problemlos könnte ich jetzt an Spur zwei weiterspinnen. Will heißen, über soziale Kontrolle schreiben. Über Nachbarn, die wissen, wann ich das Haus verlasse. Wo ich einkaufen gehe. Wie ich meine Wäsche aufhänge. (((Oops, schlampig wie ich bin, habe ich seit Stunden die Wäsche in der Maschine vergessen! Mach ich gleich nach dem Bloggen, versprochen!)))
Spur zwei eröffnet mir problemlos mindestens zwei weitere Spuren, wie ich weitererzählen könnte. Und von jenen zwei Spuren je wieder zwei, mindestens. Meine blühende Phantasie ist ein Zeitfresserchen der grenzlosen Art. Beim Bilderbearbeiten ist es noch schlimmer. Nehmen wir ein schlichtes rohes Bild, fotografiert mit dem iPhone. Kaum fotografiert, oder noch vor dem Klick, habe ich mindestens zwei Ideen, wie ich das Bild weiter entwickeln will. Alles, was danach kommt, nenne ich nicht mehr Fotografie, sondern digitales Gestalten, kurz iDogma. Auch iKunst, wie Mietze neulich vorschlug, gefällt mir. Manchmal verfolge ich von Anfang an gleich mehrere Spuren der möglichen Bearbeitung, wobei während der Arbeit nach jedem Schritt laufend neue Spuren dazukommen. Hilfe, da könnte ich mich glatt in meinem eigenen Bilderdschungel, auf Nimmerwiedersehen, verirren! Und von jedem Bild gäbe es danach mindestens zehn finale Versionen. Wenn ich denn die Zeit hätte! Und wenn ich mich nicht immer mit mir selbst auf eine Variante oder zwei einigen könnte.
Im Grunde läuft es bei AppIt!, einer der Arbeitsgruppen auf IPA, unserer iPhoneArt-Community, ziemlich genau so. Ein rohes Bild wird von allen, die mitmachen wollen, weiterbearbeitet. Wirklich spannend, was aus dem langweiligen Baum, den ich neulich hier erwähnt habe, geworden ist. Der Beweis: Auch aus einem banalen Bild lässt sich etwas Witziges gestalten. Das macht Hoffnung.
Hätte ich bloß mehr Zeit, dann würde ich …, jeden Tag denke oder sage ich diesen Satz mindestens fünfmal. Zeit habe ich zwar schon, doch wie setze ich meine Prioritäten? (((Oh, ich bin wieder auf Spur eins gelandet. Wow!))) Was ist uns wirklich wichtig? Ist es das, womit wir am meisten Zeit verbringen? Die meiste Zeit verbringen wir – ihr da draußen jedenfalls, ich im Moment nämlich nicht – bei der Arbeit. Wir leisten viel, um viel Geld – und gleich noch mehr Geld! – zu verdienen, womit wir uns Dinge kaufen können, die unserer Unzufriedenheit entgegenzuwirken sollen, die dadurch entstanden ist, dass wir so viel arbeiten. Immerhin kurbeln wir so die Wirtschaft an und das ist doch gut, oder etwa nicht!?
Vor ein paar Jahren habe ich in Bern an einem tollen Kunstprojekt zum Thema Zeitverschwendung teilgenommen. Es gab Bilder, Musik und Literatur rund um dieses faszinierende Thema. Weil wir im Vorfeld keine Zeit gehabt hatten – logisch irgendwie! – trafen wir Autorinnen und Autoren uns kurz vor der Lesung, um den Ablauf unserer Lesung zu nageln. Wir waren uns schnell einig, uns beim Lesen abzuwechseln, legten spontan eine Reihenfolge fest und trugen schon bald einen witzigen Mix aus ernsten und heiteren Texten vor. Dem Publikum und uns hat es jedenfalls Spaß gemacht.
Unter anderem kamen einige meiner Kürzestgeschichten, genannt „Voller Einsatz“, die nur einen einzigen Satz lang sind, voll zum Einsatz. Zeitersparnis pur!
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Zeitgeist

Um deinen dunkelgrauen Zeitgeist bei Laune zu halten, brauchst du ihn bloß – wie eine Parkuhr – mit deinem Zeitmangel zu füttern, doch egal, ob du nun mit Zeit handelst, nie Zeit hast, Zeit abarbeitest, andern Zeit stiehlst, Zeit absitzest, Zeit vorarbeitest, um freie Zeit zu schaffen oder ob du gar Zeit vertrödelst oder totschlägst, eins darfst du auf gar keinen Fall tun, denn sonst wird er sauer: Zeit haben.
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Zeit sammeln

Das ist die Geschichte jenes jungen Mannes, der erfahren hatte, dass er eines Tages sterben würde, der sich auf den Weg machte, um überall, wohin er kam, Zeit zu suchen, zu erbetteln, zu sammeln, und tatsächlich viel Zeit geschenkt bekam, doch diese durch die ständige Rennerei wieder aufbrauchte und daher beschloss, nicht mehr weiter zu rennen, sondern seine Vergänglichkeit zu akzeptieren, und dabei erkannte, dass er endlich Zeit hatte, denn nun war die Zeit auf seiner Seite und schien sich gar zu vermehren, während er schaute und lebte und atmete und grüßte, und er wurde reicher an Zeit als je zuvor, und dabei alt und älter, und eines Tages starb er weise und glücklich.
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Der Kaiser hat ja keine Kleider an …

Das Bild ohne Bild oder des Kaisers neue Kleider …
Am Anfang war eine schwarze Fläche, die ich dank einer App namens PhotoWizard mit immer wieder anders farbigen Rahmen eingefasst hatte. Zwischen jeden bunten fügte ich jeweils einen schwarzer Rahmen ein.

Das fertig gerahmte Nicht-Bild nudelte ich anschließend durch ein weiteres Programm (iDroste), was den Rahmen aufgeknackt und das sture Ding in Schnecken-/Spiralenform gebracht hat.

Alsdann wurde das neue Ding mit reflektierenden Rahmen auf gelbem Untergrund von allen vier Seiten erneut gerahmt.
Klingt womöglich furchtbar langweilig, technisch und banal. Mag sein, doch ich plaudere hier nur us em Nähtruckli (aus dem Nähkörbchen), weil ich etwas von der Faszination mit euch teilen will, die zurzeit das Bilderbauen ohne reale Bildvorlage für mich hat.
Aus nichts etwas machen – vielleicht einfacher, als aus Stroh Gold zu spinnen.
Im Gegensatz zum nackt durch die Straßen wandelnden Kaiser in Andersens Märchen habe ich allerdings am Schluss nicht nacktes Nichts vor meinen Augen, sondern ein neugeborenes Bild. Ein Bild das vorher nicht da wahr. Wie es die Kunstmalerin auf der Leinwand erlebt. Nur, dass meine Farbtuben virtueller Natur sind. Ein neues Bild, das aus einer Mischung von Absicht, handwerklichem Können – nämlich dem Bedienen der verschiedenen Bildbearbeitungs-Applikationen auf dem iPhone (meine Pinsel, Stifte und Farbtuben sozusagen) – und Zufall entstanden ist.
Die Moral von der Geschicht? Gibt es nicht.
Ausprobieren. Weitermachen.
Ach, übrigens: Auf unserem noch fast nigelnagelneuen Bilderblog Pixartix zeigen Irgendlink und ich immer wieder neue Experimente …

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Gedankensplitter

Wenn es von Mut zeugt, sich selbst in Frage zu stellen, muss ich wohl einer der mutigsten Menschen dieser Welt sein.

Gedanke beim Surfen und Blogkommentare lesen.

Da bin ich mit vollem Herzen
In’s leere Leben gerannt.

Zitat von Ada Christen, die – wenn auch in anderem Zusammenhang – ahnt, wie ich mich oft fühle (bei Frau Wildgans aufgelesen).

wenn die Worte fehlen

Ich hangle mich von Tag zu Tag. Erfinde ein neues Blog, eins für Bilder nur, einzig um mich zu motivieren, das zu tun, was ich gerne tue. Bilder kreieren. Kreativ sein. Spaß daran haben, neues zu schaffen und das zu wecken, was in mir döst.
Doch eigentlich ist es mir so, als würde ich versuchen, möglichst nirgends anzustoßen, während ich im Dunkeln durch eine mit allem möglichen verstellte Lagerhalle laufe. Deshalb halte ich mich still und bewege mich auf kleinstem Radius. Auf neue Beulen und Wunden habe ich keine Lust. Davon habe ich für ein paar Leben genug.
Repeat. Das Band spult zurück. Ich stehe an der genau gleichen Stelle wie schon so oft. Wie immer? Lebensumbruchphase! Ha! Hört das denn nie auf? Da ist nirgends Ruhe. Das Hamsterrad dreht sich und mir wird täglich bewusst, dass geistiger Stress unterschätzt wird. Dazu kommt, dass ich wieder vermehrt diesen einseitigen Tinnitus habe. Wohl nicht das richtige Wort. Ein lautes Sirren im linken Ohr. So wie ein alter (lauter) PC sirrt ungefähr. Nur dass es im Kopf drin ist. Und nicht ausschaltbar.
Am liebsten würde ich einfach an meinen Manuskripten arbeiten. Gestern war ich im Flow. Kurz nur, eine halbe Stunde Konzentration. Habe den Plot erweitert. Loch im Eis bekommt Fleisch auf die Knochen. Eine neue Figur, das heißt gleich zwei, webe ich ein. Wenn ich so arbeite – so wie gestern –, fließt alles wie von selbst. Doch wann kann ich mir schon erlauben, einfach nur das zu tun, was ich tun will? Und selbst wenn ich mir die Zeit nähme, sperrt sich das Gewissen dagegen. Schmarotzerin du, such Arbeit. Mach dies! Mach das! Wo doch so viel anderes ansteht.
Ich ahne, tief innen, dass ich – wenn ich mein Ding mache – an meine Energie heran kommen würde. Doch wenn ich versuche, zu tun, was die Vernunft gebietet, das aber nicht meins ist, läuft mir meine Energie davon. Ich laufe aus. Ich gehe im Gegenwind, brauche am meisten Energie dafür, nicht hinzufallen.
Als ob ich eine Art Grundeinstellungsfehler bei meiner Hardware hätte. Oder ist es ein Softwarefehler, der sich möglicherweise beheben lässt?
Bleiben wir immer trockene Exsüchtige, wenn wir eines Tages eine Sucht überwunden haben? Werde ich immer Raucherin sein, solange ich lebe – auch wenn ich trocken bin? Bin ich immer passiv oder latent depressiv, auch wenn ich in einer Lebensphase bin, wo das Leben erträglich ist? Gibt es Heilung? Werde ich eines Tages nicht mehr mit Grauen an das Drama in St. denken? Und ohne Verlustgefühle und Schmerzen an Lars? Werden wir uns eines Tages wiedersehen?
Narben bleiben immer, selbst wenn wir sie weg lasern. Phantomschmerz lässt sich nicht wegoperieren. Doch können wir eines Tages mit dem allem leben, ohne dass es uns zerstört?

Lappland in mir

Eigentlich wollte ich ja bloß schnell ein Rezept für schwedische Rosinenbrötchen finden. Weil die so viel gegessen werden in den vier schwedischen Krimis von Åsa Larsson, die ich zurzeit von A-Z lese. Ein Teil meiner Seele schwebt dieser Tage über Lappland. Und wenn ich aus dem Fenster schaue, sieht es heute sogar ein klitzeklein bisschen so wie in den Büchern aus, die ich lese. Weiß. Endlich Schnee. Nein, ich habe ihn weder erbeten noch ersehnt. Schnee und Winter mag ich nicht wirklich. Obwohl ich älter werde und wohl schon deshalb langsam Herbst und Winter – besonders auch in mir drin – akzeptieren sollte. Meine Vernunft gibt allerdings zu, dass es gut ist, dass Schnee liegt. Und gut, dass es noch kälter wird. Gut für die Welt. Für die Erde. Für die Tiere. Für die Pflanzen. Besser als der Nebel, als das Grau der letzten Wochen ist Schnee allemal. Besonders die Stille, die er mitbringt, tut mir gut.
Seit Tagen schon fehlt mir die Lust zum Mailen. Ich mag schon gar nicht mehr mein Mailprogramm öffnen. So viele persönliche Mails warten auf Antwort, dass mein schlechtes Gewissen jeden Tag wächst. Ich tue statt dessen fast nichts anderes, als im weltweiten Netz nach meiner Traumwohnung zu suchen. Natürlich schreibe ich dafür viele Mails, doch geht es dabei einzig um mein neues Zuhause und alles, was damit zusammenhängt. Um einen neuen Lebensabschnitt. Um eine neue Ausgangslage. Latente Ungeduld macht sich breit, je näher der Umzug rückt. Zumal ich noch nicht weiß, wohin. Umziehen sei einer der größten Stressfaktoren, heißt es ja immer mal wieder. Die gleichen Forschungen nennen als weiteren größten Stressfaktor die Arbeitssuche. Zwei für eins? Oder verdoppelt sich der Stress sogar, wenn beides – wie bei mir – parallel läuft? Vermutlich schon. Denn finde mal eine Wohnung ohne Stelle! Oder eine Stelle ohne Wohnung! Puh. Dazu im Winter, wo alles durchsichtig, dünnhäutig und zerbrechlich ist. Die Eisschicht ist dünn. Darunter Schatten. Emotionen. Altlasten. Kälte. Angst.
Wenn ich dieser Tage in der virtuellen Welt spazieren gehe und befreundete Blogs besuche, fällt mir eine Art gemeinsamer Tenor auf. Das tiefe E. Dieser warme Ton, der in mir vibriert und türkisblau schwingt. Melancholie. Tiefe. Umfassende Themen wie Gerechtigkeit tragen viele Kleider. Latente Unzufriedenheit über den Zustand der Welt oder des eigenen Lebens. Wut. Schmerz. Empörung.
J. ist in der Stadt gewesen. Ist vom Berg runter gewandert. Hat im Schneegestöber eingekauft. Und ist im Schneegestöber wieder den Berg hochgestiegen. Schwer der Rucksack. Wir könnten locker ein paar Tage überleben, falls wir eingeschneit werden. Auch Holz ist genug da. Wie wir eine kleine Brotzeit teilten, vorhin, erzählte ich, dass meine Gedanken sich zurzeit kaum bündeln lassen. Sobald ich etwas zusammenhängendes schreiben will, frieren meine Ideen ein. Besonders wenn ich Mails oder einen Blogartikel schreiben will. Da sind lauter einzelne Splitter, die kaum zusammenzugehören scheinen. Eiszapfen gleich hängen sie vor meinen Augenfenstern und sind sich einzig darin ähnlich, dass alle aus dem gleichen Element sind. Nicht im Fluss, dafür tief gefroren. Kein Wunder bei der Kälte draußen. Ich lasse es zu.
Zusammenhangslos stehen meine Gedanken herum. Draußen im Schnee. Sie sind wie die Waypoints eines Multicaches, sage ich zu Irgendlink. (((Wegpunkte, liebe Lesende, sind jene Punkte, deren Koordinaten eine Geocacherin in ihr GPS-Gerät eingibt um – manchmal von Station zu Station wie bei einem Multi – einen versteckten Schatz zu finden.))) Ja, wie Waypoints sind meine Gedanken, sage ich. Wie nur kann ich sie verbinden? Sie scheinen nichts miteinander zu tun zu haben.
Streu Salz!, sagt mein hauseigener Hofnarr.
Salz streuen heißt alte Wege finden und neue Wege gehen. Heißt Buchstaben zu Sätzen formieren. Heißt verdichten. Heißt Gedanken zu Ende denken. Heißt Brücken bauen. Konzentration.
Konzentration wie sie Esters Pflegemutter im Buch „Der schwarze Steg“ von Åsa Larsson beim Malen ihrer Bilder praktiziert. Obwohl sie malend die ganze Welt vergisst, ist sie doch zugleich, während sie dank der Farben ihr Innen nach außen kippt, ganz und gar da. Und ganz und gar ganz. Larssons Beschreibung berührt mich. Ich begreife einmal mehr, dass künstlerischer Ausdruck den Menschen eine Notwendigkeit ist, die die Welt in Bildern fühlen, denken, wahrnehmen – ob ihre Ausdrucksmittel nun bildnerisch sind oder sie sich mit Worten ausdrücken, ist dabei einerlei. Kunst ist notwendig, wendet die Not, hilft aus der Starre heraus.
Rebecka Martinsson, die Protagonistin der Krimiserie, ist in Kiruna, im hohen Norden Schwedens aufgewachsen, hat aber lange Jahre fern der Heimat gelebt. Die Zeit in Stockholm hat sie geprägt. Zurück im Norden ist sie sensibel für die Unterschiede zwischen den Menschen im Norden und im Süden. Ihre verstorbene Großmutter, so überlegt sie, würde ihre Freunde in Stockholm nicht verstehen. Ihre Freunde, deren Hände noch nie ein Beil gehalten haben, die dafür im Fitnesscenter Gewichte stemmen. Händen ohne Schwielen. Können diese Menschen überhaupt arbeiten?
Die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, zwischen intellektueller und handwerklicher Lebensweise beschäftigen mich schon eine Weile. Es geht in meinem Kopfkino um Daseinsberechtigung. Um Lebenswert. Ich vergleiche. Ich werte meinen Weg ab. Vorwürfe klingen nach: Kunst kann man nicht essen! Regierungen kürzen ihre Gelder immer zuerst im kulturellen Bereich und bei Dienstleistungen. Doch statt entweder-oder will ich sowohl-als auch leben. Wir brauchen einander, Zellen des gleichen Körpers.
Ich will endlich ganz die sein, die ich bin. Das kann nur ich. Und auf meine Weise Rosinenbrötchen backen auch. Vielleicht morgen.