Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 5: auswärts essen

Ich begrüße euch herzlich zur Lektion fünf des Integrationskurses „Alltag in Deutschland“ und mache euch darauf aufmerksam, dass alle bisherigen, aktuellen und zukünftigen Kursinhalte dieser Reihe ohne jegliche Gewähr vermittelt wurden und werden. Sie beruhen auf persönlichen Erfahrungswerten. Augenzwinkern und Ironiemodus inklusive. Jegliche Risiken gehen zu Lasten der Teilnehmenden.
Eine grundsätzliche Feststellung sei mir erlaubt: Integration, so weiß ich jetzt, ist Schwerarbeit. Selbst ich, die ich von bilateralen Freizügigkeitsabkommen mit meinem „neuen“ Land profitiere und aus einem Deutschland doch recht ähnlichen Land komme, selbst ich, die ich nicht wirklich eine neue Sprache lernen muss – abgesehen vielleicht vom ß, dass es in der Schweiz nicht gibt –, stelle fest, dass das Kennenlernen einer neuen Kultur, einer neuen Geografie, geringfügig oder deutlich anderer Umgangsformen, unausgesprochenen Regeln und Verhaltenskodexen eine große Herausforderung ist. Das gesunde Maß an Anpassung muss individuell gefunden werden. Mich verlieren und mir eine fremde Haut überziehen geht nicht. Will ich auch nicht. Wie viel schwerer muss es einem Menschen fallen, in der Fremde Wurzeln zu schlagen, der unter anderen als erfreulichen Umständen hier – oder in der Schweiz – gestrandet ist?!
Kommen wir – nichtsdestotrotz – zum heutigen Thema: „Essen in deutschen Restaurants“. Okay, ich gestehe, dass ich in Wirtschaftskunde noch nicht sattelfest bin und es wohl auch nie sein werde. Das war auch in der Schweiz nicht anders, denn ich bin nicht wirklich die Auswärtsesserin. Lieber koche oder grille ich mit meinem Liebsten oder mit lieben Leuten zusammen etwas, wo ich dann auch sicher weiß, dass keine Tiere – und keine tierischen Nebenprodukte wie Gelatine – drin sind.
Während es in der Schweiz kaum mehr ein Restaurant gibt, dass nicht mindestens ein Vegimenü auf der Karte hat – auch wenn es irgendwas phantasieloses mit Käse ist, da die meisten keine Ahnung von abwechslungsreicher, genußvoller Vegikost haben –, wird hierzulande schon mal mit gerunzelter Stirn zur Kenntnis genommen, dass ich Vegi bin. Dass es Vegis gibt. So was exotisches aber auch! Immerhin nicht in unserem nahen Umfeld. Zum Glück! Dennoch musste ich mich hier schon fragen lassen, was ich denn sonst esse. Sonst? Hallo?
Willst du als Vegi in Deutschland auswärts essen, findet sich beim Italiener immer eine Vegi-Option. Das gilt weltweit. Auch indisch essen kann ich überall vegetarisch. Aber was, wenn weit und breit kein Italiener und keine Inderin kochen? Wie steht es denn mit der gutbürgerlichen Küche wie jener in der Dorfkneipe, in die Irgendlink und ich neulich nach einer Wanderung eingekehrt sind?
Schon vor dem Eintreten hatte ich beschlossen, einfach zu nehmen, was es gibt. Salat und irgendeine Beilage. Spaghetti vielleicht. Die Karte vor dem Restaurant hatte nämlich nur Fleischmenüs gelistet.
Kaum saßen wir an unserem Platz, wurden wir auch schon von der Wirtin aufs Freundlichste begrüßt und nach unseren Wünschen gefragt. Mein Liebster erkundigte sich sogleich, was sie Vegis zu bieten habe.
Was halten Sie von Schupfnudeln mit Gemüsepfanne? Steht zwar nicht auf der Karte, aber ich hätte alles im Vorrat, sagte die Dame.
Ich nicke, sage Ja, gerne! und freue mich auf ein feines Essen. J. bestellt die auf der Wanderung visualisierten Pommes und Fleisch. Und Salat.
Wir müssen nicht lange mit knurrendem Magen warten, als die Dame uns auch schon letzteren serviert. Ohne Brot, was mich befremdet.
Das ist in Deutschland so üblich, sagte J. Egal. Hauptsache es schmeckt.
Auch der Hauptgang ist sehr fein, mit Pilzen und meinen Lieblingsgemüsen. Liebevoll angerichtet sogar. Als die Rechnung kommt, schlucke ich leer. Positiv überrascht.
Für den Preis hätte in der Schweiz nur eine Person gegessen, nicht gleich zwei!, sagte ich zu J..
Merke: Ungewohntes muss nicht schlechter sein.
(verfasst am 11. Juli 11)
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Weiterführende Artikel:
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 1: Einkaufen
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 3: Der Ausweis
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank ? Teil 1

da draußen

Wenn ich dieser Tage durch den Garten spaziere, wird mir – neben einer riesigen Dankbarkeit – angst und bang’. Die vielen Äpfel, Birnen und Pflaumen an den Bäumen! Die vielen Kohlköpfe, Karotten, Lauch, Kartoffeln, Tomaten, Maigold in den übervollen Beeten … wer soll dies bloß alles ernten, haltbar machen und essen?
Schnitt.
Am Anfang war Erde. Krümelige, braune Erde. Da und dort haben wir erste Samen ausgestreut. Karotten, Lauch und Dill. Setzlinge, ein paar wenige, da und dort. Dann immer mehr. Fülle.
Unaufhaltsam sind sie gewachsen, die einst winzigen Pflänzchen, der Ernte entgegen. Unaufhaltsam haben sie den ihnen innewohnenden Plan erfüllt.
Als wir säten, wusste niemand von uns, was werden würde.

stolpern, aber nicht stürzen

Zum Glück gibt es Internet. Googleseidank gibt es Suchmaschinen. Hast du ein Problem –  irgendeins! – bist du damit bestimmt nicht allein. Auf jede Frage kennt das weltweite Netz eine Antwort. Noch besser: Für jedes Thema gibt es ein Forum. Von Abort bis Zeckenbiss ist alles dabei. Immer gibt es Menschen, die das gleiche erlebt haben, ähnliches zumindest, schlimmeres gar. Kompetent oder nicht – doch mitgeteilt muss es werden.
Wie tröstlich, dass ich damit nicht alleine bin!, denke ich, während ich die Beiträge meiner Leidensgenossinnen lese. Der hat das geholfen, jener dieses. Ich spüre unglaublich viel Menschlichkeit in den Zeilen und glaube beinahe, diese Frauen hier persönlich zu kennen.
Dennoch: meine Erfahrungen kann nur ich selbst machen. Niemand, nicht einmal mein Liebster, kann sie mir ersparen. Nicht den Krankenhausaufenthalt, nicht meine Achterbahn fahrenden Gefühle. Doch ob ich diese mit anderen teilen will, kann nur ich selbst entscheiden.
Der Grat zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre ist im Zeitalter von Internet sehr schmal geworden. Pseudonyme verhüllen oft nur, gleich einem dünnen Umhang, das allernötigste. Deshalb werde ich hier auch nicht weiter über die intensiven Erlebnisse der letzten Wochen berichten. Höchstens indirekt.
Schnitt.
Unseren Urlaub haben wir aus diversen Gründen verschieben müssen, doch wie es aussieht, wird Irgendlink seinen Großauftrag bereits morgen oder am Mittwoch abschließen können und danach steht einer Reise mit dem Zelt nichts mehr im Weg. Ich freue mich auf das Abenteuer.
Wir planen, wieder live zu berichten. 🙂

instant sterben

Ein bisschen wie Quicklunch ist es, das heutige Leben. Gieß heißes Wasser darüber, lass es kurz stehen, rühre ein bisschen und genieße es. Sterben geht ähnlich. Und tut kaum mehr weh bei so viel Chemie, habe ich mir sagen lassen.
Apropos sterben: Da bekam ich doch gestern eine Mail von einer meiner vielen Schwestern. Tante L., sei gestorben, schreibt sie, und dass ich auf der Website xyz Todesanzeige und eine Link zum Kondolenzbuch fände.
Ich klicke auf die blaue Zeile und finde tatsächlich, was V. angekündigt hat. Der Tod im Netz. Mit Bild. Voll krass, denke ich noch, bevor ich sofort ein paar mitfühlende Zeilen eintippe. Auf dem iPhone natürlich. Dekadent! Wo führt das hin?
Das schlechte Gewissen lässt sich innert Minuten wegtippen und immerhin werde ich, da ich in Deutschland lebe, nicht zur heutigen Abdankung erwartet. Zumal ich Tante L. kaum wirklich kannte. Siebenundachtzig Jahre hatte sie auf dem Buckel, die Gute.
Die Generation meiner Eltern ist in meiner Verwandtschaft auf beiden Seiten – bis auf eine letzte Tante, die zwar sterben will, aber nicht kann – ausgestorben. Wir rücken in die erste Reihe vor, meine Geschwister, Cousinen und Cousins. Wir sind die Nächsten. Die Nächsten, die den Löffel abgeben werden. Vielleicht nicht heute, aber Punkt-Punkt-Punkt. Sogar mit Internetanzeige und allem Pipapo. Falls wir das wollen.
Während J. heute Morgen seine Lunchbrote schmiert, übertrumpfen wir uns mit Geschichten über unsere jeweiligen buckligen Verwandten. Über deren Ticks, Verrücktheiten und Vorlieben. In einer Ecke meiner Phantasie höre ich gleichzeitig meinen Nichten und Neffen zu, wie sie später einmal ihren Kindern und Kindeskindern von der seligen Tante Sofasophia erzählen, die sich dazumal als Künstlerin versucht hatte. Je nachdem, was ich noch vor mir habe, kann die Geschichte nun so oder so weitergehen. Eine Geschichte, die erst noch fertig geschrieben werden muss. Den Schreibstift, sprich die Tastatur, habe ich noch in der Hand. Den Löffel ebenfalls. Ich brauche ihn schließlich, um umzurühren! Heißes Wasser bitte!

Reichlin zum dritten

Man liebte und wurde verletzlich, schon eine Stecknadel riss tiefe Wunden, man stülpte das Innerste nach außen unter der Bedingung, dass der andere ebenso verletzlich war wie man selbst. Schmerz wurden mit Schmerz vergolten. (…) Andernfalls war diese ungeheuerliche Entblößung des Herzens nicht zu verantworten. Einseitigkeit war lebensgefährlich, hier ging es um ein exaktes Gleichmaß der Schwäche. Und Liebe war nichts anders als wunderbare, köstliche, schreckliche Schwäche. (…) In etwas derart Verrücktes durfte man sich nicht einseitig hineinbegeben. Nur wenn beide verrückt waren, verlor man nicht den Verstand.

Schreibt Linus Reichlin, will heißen, lässt er Hannes Jensen denken, Antiheld und frühpensionierter Polizist. Diesmal erlebt dieser allerdings keine metaphysischen Horrorstories oder Kriminalgeschichten wie in den beiden früheren Werken Reichlins. Diesmal erleben wir Jensen bei der Begegnung mit Gespenstern der etwas anderen Art. Eifersucht und Vergangenheit heißen zwei davon.

In einem Rutsch habe ich an diesem Regentag das Buch „Er“ verschlungen. Allerdings erst, nachdem ich den hässlichen Schutzumschlag entfernt habe. Über den immer wieder neu überraschenden Erzählstil Reichlins habe ich mich ebenso gefreut wie über die Handlung. Sie berührt, obwohl eigentlich gar nicht so viel passiert. Der Plot des dritten Romans dieses deutschsprachigen Autoren ist weniger spektakulär als jener der beiden Vorgängerromane, dennoch erschafft Reichlin mit seiner Erzählkunst, in der er zwei scheinbar nicht miteinander zusammenhängende Geschichten laufen lässt, eine unglaubliche Dichte, die mir zuweilen den Atem raubte.
Besonders faszinierten mich jene Passagen, in denen Jensen und eine weitere Figur beinahe assoziativ einen Ausschnitt ihrer Wahrnehmung mit uns teilen. Kurze knappe Beschreibungen ohne erklärender Schnickschnack. Dazu gänzlich wertfreie Zeichnungen der verschiedenen Personen. Ja, Bilder mit Worten malt Reichlin. Und Schnappschüsse zeigt er. Von Außen- ebenso wie von Innenräumen. Kein klassischer Adrenalin treibender oder gar maßentauglicher Krimi ist das, aber eine Geschichte, die es lohnt, gelesen zu werden. Ein echt starkes Stück!
mehr:
zur Website des Autors
und hier zur
Krimicouch
-Buchbesprechung.

schweigen

Wenn der eine Tag Hoffen, der
nächste Bangen ist, und wieder Hoffen. Und
so weiter. Und sich Umstände stündlich
wandeln wie das Wetter und nur wirklich
wirklich
ist, was ist. Jetzt. Und
wenn alte Krusten ab-
fallen und Wunden von Neuem
bluten, die verheilt
gedacht. Wenn
Erinnerungen schmerzen und
der Konjunktiv mit dem Zepter
wedelt.

Gibt es etwas besseres, wert-
vollerers, kostbareres als
einen Lieblingsmenschen an der Seite, der
wie ein Baum,
wie eine warme Decke in einer kalten Nacht,
wie eine kühle Hand auf der Fieberstirn,
wie eine nie endende Umarmung,
einfach voll Liebe mit dir ist?
Und Freundinnen.
Freunde auch.
Und Dankbarkeit.
Für J.
++++++++++++++++++++++
(In Erinnerung an Lars und seinen Todestag am 12. Juli 2003)

Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank? Teil 1

Über das deutsche Gesundheitswesen gäbe es viel zu erzählen. Besonders für die SchweizerInnen, die mein Blog besuchen, mag ein erster Blick hinter die Kulissen interessant sein. Doch ich warne alle Nichtdeutschen schon mal vor: Dieses Gebilde ist erstens gewöhnungsbedürftig und zweitens – jedenfalls am Anfang – scheinbar kompliziert und drittens funktioniert es meiner Erfahrung gemäß – hm, na ja, wie soll ich sagen? – nicht wirklich überzeugend.
Punkt 1: Die Praxisgebühr: Fängt ein neues Quartal an, ist beim ersten Besuch in einer Fachärztin-Praxis (gilt auch für Fachärzte, erwähne ich nun aber nicht mehr speziell) eine Gebühr fällig. Zehn Euro Praxisgebühr, die aber nicht den Halbgöttinnen in Weiß zu Gute kommt, sondern den Krankenkassen. Sie soll davor schützen, dass die Leute wegen Bagatellen in die Praxen rennen. Denn alle ärztlichen Behandlungen sind – GUTE NACHRICHT! – (ohne die in der Schweiz üblichen Selbstbehalte) kostenlos, will heißen, sie werden vollständig von den Kassen übernommen.
Darum die zehn Euro. Die sollen ein bisschen wehtun. Zehn Euro sind nämlich nicht einfach zwölf Franken, weil hier ja die Löhne nicht einfach einskommazweimal tiefer sind als in der Schweiz, sondern unvergleichlich tiefer. Die Mieten auch. Und die Lebensmittel sowieso. Aber das ist ein anderes Kursthema, das wir vielleicht in einer Nachfolgelektion behandeln werden. Back to the topic. Ich zücke also meine Krankenkassenkarte und zahle zehn Euro. Das kann nun bei der Orthopädin oder bei der Hausärztin sein. Egal. Beim ersten Besuch pro Quartal wird bezahlt und somit ist das hier für mich für dieses Quartal der Ort, wo ich für alle weiteren Besuche bei anderen Fachärztinnen eine Überweisung hole. Womit wir beim nächsten Punkt wären.
Punkt 2: Die Überweisung. Was Schweizerinnen, die das Hausarztmodell bevorzugen, praktizieren, ist hier in Deutschland der Normalfall. Für nicht Hausarztmodellvertraute wie mich, ist es schon ziemlich befremdlich (ich habe nicht wirklich den Sinn der Sache begriffen) dass ich, wenn ich zu einer anderen Fachärztin will – bleiben wir doch gleich bei der Orthopädin – wieder zu meiner erstbehandelnden Ärztin rennen muss, um dort einen von ihr unterschrieben Zettel zu erhalten, der mich legimitiert, zu ebendieser Orthopädin zu gehen. Puh.
Vorgestern hatte ich gleich zwei Termine nacheinander. Was nicht einfach zu bewerkstelligen ist, weil du eben nie weißt, wie lange du in den Wartezimmern verbringt. Womit wir bei den Wartezeiten wären (siehe Punkt 3) … Doch ich habe zum Glück auch den zweiten Termin pünktlich geschafft. Nachdem ich in der ersten Praxis anderthalb Stunden gewartet hatte, wartete ich in der zweiten exakt eine Stunde und wurde deshalb in der Mittagspause der Ärztin behandelt. Dass sich weder die erste noch die zweite Ärztin für meine lange Warterei entschuldigt hat, muss ich wohl nicht extra erwähnen? Und dass bei der Hausärztin, die meine Schilddrüsen checkte, schon jemand oben ohne auf der Behandlungsliege lag, als ich mich hinlegen wollte, verschweige ich hier wohl besser.
Punkt 3: Die Wartezeiten: In den Praxen, die ich bisher gesehen habe, gibt es vielmehr Sitzgelegenheiten als in den Schweizer Praxen, die ich kenne. Der Grund ist einfach. Sie sind fast immer besetzt. Ich verstehe das deutsche Buchungssystem nicht. Und ich gestehe, dass ich Deutschlands Gesundheitssystem, dass auf mich mindestens so krank wirkt, wie das schweizerische, ebenfalls nicht nachvollziehen kann. Es kann doch nicht funktionieren, wenn acht Leute in eine einzige Stunde gebucht werden und die Ärztinnen im Sieben Minuten-Takt (hab ich mal aufgeschnappt), Menschen heilen oder ihnen zumindest helfen sollen.
Punkt 4: Die Behandlung: Wie gesagt, sie ist sehr kurz. Ob das mit den sieben Minuten stimmt, weiß ich nicht. In der Schweiz – bei meiner goldigen Berner Hausärztin ist es jedenfalls so – dauert eine Behandlung entweder eine Viertel- oder eine halbe Stunde. Warten tust du höchstens fünf Minuten. Sind es doch einmal zehn, entschuldigt sie sich herzlich. Und dann setzest du dich hin und redest. Dann guckt sie dich an. Schaut, was du brauchst, meine Ärztin. In der Schweiz.
Und hier? Na ja, Wie geht’s?, fragt sie schon und nett ist sie auch, aber die Antwort verdampft ungehört, denn dann geht’s ruck zuck. Und schon stehst du wieder draußen und hast all deine vorher zurecht gelegten Fragen zu stellen vergessen. Wann auch? Doch wer kann es ihr verargen? Sie hat ja gar keine Zeit!
Okay, niemand will mehr Geld für die Behandlungen zahlen, logisch. Es ist ja kaum welches da im Billiglöhneland Deutschland.
Im Vergleich: Das Schweizer System mit dem Mindest-Restselbstbehalt von zehn Prozent der Kosten pro Behandlung verfolgt im Grunde den Ansatz der Selbstverantwortung. Doch in der Schweiz liegt der Hase bei der Höhe der Prämien im Pfeffer. Diese erreichen astronomische Höhen und sind nicht einfach einskommazweimal höher als jene in Deutschland. Darum sagen sich die Leute: Wenn ich schon so viel zahlen muss, will ich auch zum Arzt, pardon, zur Ärztin! Und schon geht der Schuss nach hinten los. Nein, auch nicht wirklich viel besser. Und nein, ich habe auch keine besseren Vorschläge.
Merke:
Manches ist hier einfach anders als dort, wo du herkommst. Gib dem neuen eine Chance, vor allem wenn du keine besseren Ideen hast.

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Weiterführende Artikel:
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 1: Einkaufen
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 3: Der Ausweis

Auf dem Weg

Träume, die wahr
werden. Immer
wieder.
Wahrheiten, die
mich ins Traumland begleiten. Zum
Glück?
Und auch Träume, die bleiben, was sie sind – vielleicht – und
solche Wahrheiten, die
wahrhaftig sind. Die
wirken und nachhallen.
Weh können sie tun, die einen. Andere
machen uns frei. Ein wenig oder mehr. Hinschauen
und zulassen sind meine Werkzeuge, das
Leben auszuhalten.

gestreichelt

Wenn Träume wahr werden, laufen wir Gefahr, sie in unseren Erwartungen zu ertränken. So dimmte ich auf der Fahrt nach Bayern meine Vorfreude und meine Erwartungen den bevorstehenden Steinhau-Kurs betreffend auf Normalmaß herunter. Sogar an Umkehren hatte ich gedacht, noch in der ersten Hälfte, da ich mich gesundheitlich nicht sehr fit fühlte. Die Fahrt auf kaum bekannten Straßen forderte mich mehr heraus als auch schon und der dichte Freitagnachmittagverkehr zehrte zusätzlich an meinen Nerven. Was für ein Gemetzel! Auf der zweiten Reisehälfte fuhr ich dann auch in jeden Stau, der irgendwie möglich war. Baustellen-Nadelöhre, eins am anderen. Das kleine Dorf in der bayrischen Oberpfalz erreichte ich schließlich freitagnachmittags mit dreiviertelstündiger Verspätung.
Obwohl ich mitten in die Einführung des Steinhauhandwerkes hineinplatzte, wurde ich von allen Seiten sehr herzlich willkommen geheißen. Bald schon konnten wir aus einer riesigen Auswahl unseren ganz persönlichen Stein auslesen. Stopp. Eigentlich war es – jedenfalls bei mir – eher so, dass der Stein mich ausgelesen hat. Ein knapp fünfzig Zentimeter hoher und in der Grundfläche etwa zwanzig Quadratzentimeter messender Sandstein mit einer bezaubernden Maserung, und ein paar witzigen Bruch- und Sägespuren, die mich sofort faszinierten.

Kaum liegt er auf den Böcken bereit, beginnen meine Hände zu kribbeln. Schon nach den ersten Schlägen fühlt sich das Werkzeug in meinen Händen so an, als hätte ich schon immer damit gearbeitet. Zuerst betone ich die bereits vorhandenen Formen der Sägestellen. Ein Markstein soll es sein, weiß ich auf einmal. Ein Jetzt-Stein. Eine Momentaufnahme. Die eine Seite blickt rückwärts, die andere vorwärts. Doch der Stein, sein Herz, seine Mitte, ist immer Jetzt. Ich.
Während ich Schicht um Schicht abtrage, tauchen Bilder auf. Die innere Gestalt des Steins wird sichtbar. Eine Kugel, geborgen in einer Welle, die Flügeln gleicht, entsteht mit gezielten Fäustelschlägen auf das gut geschliffene Spitzeisen. Mit dem Beizeisen lege ich die Kugel auf zwei Seiten frei und schleife sie mit einer Art metallenem Bimsstein fein. Immer wieder streichle ich den Stein. Wie schön er sich anfühlt!
Nur in winzigen Schrittchen komme ich vorwärts, obwohl mein Stein keiner der superharten Sorte ist. Kein Marmor, wie ihn T., ein anderer Teilnehmer, unter Mühen bearbeitet. Kleine Schrittchen lehren mich Geduld. Doch da ich ebenfalls in Glückshormonen schwimme, wie Teilnehmer M. formuliert hat, finde ich die Arbeit zunächst überhaupt nicht anstrengend. Erst nach etwa zwei Stunden, es ist Abendbrot-Zeit, spüre ich die Anstrengung in den Knochen und Muskeln. Eine befriedigende, beglückende Müdigkeit.
Die Tischgespräche sind so anregend, dass kaum zu glauben ist, dass sich die meisten eben erst kennengelernt haben. Altersmäßig sind wir gut durchmischt. Der Jüngste und der Älteste der Gruppe sind Männer. Mit Walburga, der Leiterin, sind wir fünf Frauen in den besten Jahren. Die kurze Nacht reicht zum Glück aus, mich für einen intensiven Arbeitstag zu stärken. Bei einer kurzen Morgenrunde spazieren wir als Gruppe von Stein zu Stein und hören der Künstlerin oder dem Künstler und ihrem Objekt ein wenig zu. Angeregter Austausch. Assoziationen. Gesichter des Steins, die sich offenbaren. Schönes Miteinander.
Wieder am eigenen Stein angelangt, tauche ich ein in meinen eigenen Prozess ein. Zuweilen verliere ich mich im Detail, um dann wieder ein paar Schritte zurückzutreten und das Ganze auf mich wirken zu lassen.
Wer bist du, Stein?, frage ich oft. Was willst du mich lehren? Sein Material, das nicht homogen ist, sondern, wie bei Sandsteinen üblich, zwischen steinhart und bröselig abwechselt, da er eine Verkittung von lockerem Sand ist, fordert mich laufend heraus. Während die einen Stücke mit kleinster Anstrengung herausbrechen – oft mehr als mir lieb ist – spitze ich bei anderen mit so viel Kraft, dass es mir schwindlig wird. Wie im Leben begegne ich auch hier Situationen, die einfach fließen, dann wieder solche, an denen ich mir schier die Zähne ausbeiße.
Stein, mein Lehrer, bei dir gibt es keine Abkürzungen! Will ich schnell arbeiten, geht es bestimmt erst recht nicht voran. Du lehrst mich, mein Tempo zu finden.
Immer wieder tauche ich in meditatives Fließen ein. Der Klangteppich der sechsstimmigen Schläge würde mich unter anderen Umständen nerven. Hier aber erinnert er mich an vergangene Trommeltrancereisen. Ein Selbsterfahrungskurs der etwas anderen Art! Ein sehr erdiger allerdings. Ich höre zu denken auf und begreife intuitiv, warum ich Steine und die Arbeit mit ihnen so mag. Eine nicht in Worte zu fassende Verwandtschaft ist es.
Ein Schrei lässt mich zusammenzucken. Teilnehmerin I., die neben mir arbeitet, schaut entsetzt. Ihr dreieckiger Steinblock hat seinen Spitz verloren. Ein Bruch. Walburga findet gemeinsam mit I. eine wunderbare Lösung. Was im ersten Moment wie ein Schaden aussieht, wird, mittels eingelegter Eisenstange, erst richtig unterstrichen. Die in der Luft schwebende Spitze verleiht nun der Skulptur eine ungeahnte neue Dimension. Wandlung überall. Da und dort geschehen Durchbrüche. W. und M. haben ihre Steine von beiden Seiten mit vielen Schlägen angebohrt und schließlich den Durchbruch geschafft. Die Löcher werden größer und größer. Ein faszinierendes Erlebnis, das sind sich beide einig.
Durch die Arbeit am Stein erfahren wir, was wirklich zählt. Geschwindigkeit ist hier kein Thema. Ausdauer dagegen schon. Und eine Vision hilft ebenfalls. Klarheit entsteht, während ich schleife. Die Identifikation mit dem eigenen Objekt wächst, je mehr wir seine Formen ausgearbeitet haben.
Das bin auch ich!, sage ich zu Walburga, die gerade vorübergeht. Sie unterstützt uns bei Bedarf mit kompetenten Anregungen.
Na ja, ein bisschen komplexer bist du schon!, antwortet sie lachend. Recht hat sie. Natürlich.
Besonders mag ich das Kantenbrechen. Das Spitzeisen lässt die groben Teile zu Boden fallen. Ich trage Schicht um Schicht ab. Ich entkerne meinen Stein, ich häute ihn. Immer nackter wird er. Immer mehr das, was er auch ist. Was ich auch bin. Er und ich fließen miteinander dahin.
Da der Stein lange Zeit im Regen gestanden ist, schlägt Walburga vor, dass ich ihn vor dem letzten Schliff – draußen vor dem Atelier – mit dem Flammenwerfer trockne. Gesagt, getan.
Er geht sogar für mich durchs Feuer!, denke ich, während ich ihn von allen Seiten mit den Flammen liebkose. Warm, trocken und eine Spur heller trage ich ihn zurück zum Arbeitsplatz. Während ich nun die noch immer rauen Kanten mit immer feinerem Steinschleifpapier poliere und dazwischen immer wieder den feinen Staub abwische, begreife ich, dass meine Hände das Feine, Geglättete mögen. Grobes feinzuschleifen bereitete mir schon immer Genuss. Ob Speckstein, Holz oder – wie jetzt – Sandstein ist dabei einerlei. Schleifen ist eine geniale Sonntagmorgen-Meditation.
Harmoniebedürftig bist du, raune ich mir zu. Ja, stimmt, und wenn schon! Ich bin so. So wie jetzt. Und anders. Wie der Stein mit seinen vielen Seiten.
Während sich auf der einen Seite stilisierte Schmetterlingsflügel abzeichnen, sehe ich auf der anderen Seite, im anfänglich von der Säge hinterlassenen Parallelbalken, der die Figur von oben nach unten ziert, eine Art Säule, die oben mit unten verbindet. Erdung gleichsam. Als beim Schleifen das unterste Stück der einen Linie abricht, improvisiere ich und wandle die Säule in ein Ausrufezeichen um. Ein Ich lebe gerne!-Ausrufezeichen.
Der Stein macht mit mir, was er will. Eigentlich ist der Stein der Scheff, murmle ich.

Irgendwann kommt er, der Punkt, wo ich den Punkt setze. Noch sind die anderen mitten am Schleifen. Egal. Ich bin jetzt fertig. Ein Beschluss, der mir erstaunlich leicht fällt, mir, die ich für meine vielen unvollendeten Projekte berüchtigt bin. Ich setze einen Punkt. Natürlich, immer könnte ich da und dort noch … aber nein, heute sage ich: Fertig! Mit der Gießkanne und der Handbürste putze ich meiner Figur den Reststaub ab. Ich spüre förmlich, wie gut es ihr tut.
Am Ende des Kurses fotografieren wir uns mit unseren Figuren gegenseitig und als Gruppe. Erst bei der Schlussrunde begreife ich, dass etwas, das ich mag, nicht einfach – wie selbstverständlich angenommen – allen Spaß machen muss. I., eine Mitteilnehmerin, sagt, dass sie die Erfahrungen des Wochenendes zwar nicht missen möchte, doch dass das Steinhauen wohl kaum zu ihrem neuen Hobby werde.
Ich jedoch begreife, dass Wirklichkeit gewordene Träume schöner als geträumt sein können.

Klopfen oder doch lieber streicheln?

Manchmal werden alte Träume plötzlich wahr. Und hoffentlich ist die Wahrheit des Steinehauens noch schöner, als ich es mir erträume. Schon seit vielen Jahren ist sie da, diese Faszination, Steine zu formen. Oder wohl vielmehr, im Stein zu finden, was immer schon ist. Teil meiner Geschichte: Steine aller Art berühren mich. Diese uralte Affinität lebt in mir, seit ich denken kann. Mit Speckstein, dem weichen Bruder des großen Steins, habe ich einige schöne Erfahrungen in Sachen Bearbeitung gesammelt, doch wie wird es wohl mit dem harten Stein sein?
Stein bietet eine Vielzahl von Gestaltungsmöglichkeiten und Herausforderungen: Klopfen – Spitzen – Kröndeln – Zahnen – Schleifen – Streicheln, heißt es auf der Website meiner Kursleiterin. Wie sich das alles anfühlen wird, erfahre ich ab morgen Nachmittag bis Sonntagnachmittag. Bei Walburga in der Oberpfalz (Bayern). Axel, darf ich dazu Bayern sagen? Franken ist es jedenfalls nicht, soviel ich weiß. Reicht Oberpfalz? Und, nein, liebe Ortsunkundige, das ist nicht hier um die Ecke, nur weil es ebenfalls Pfalz heißt. Sternchen und ich müssen nämlich ein paar Stunden ostwärts fahren, bis wir da sind … Na, nach Bayern eben. 😉
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