Wir können nicht kein Befinden haben, doch sehr wohl keine Meinung. Deshalb ist es immer noch besser und mutiger, zu seiner Feigheit zu stehen, keine Meinung zu haben, als zwar eine Meinung zu vertreten, diese aber in der Realität nicht zu leben.
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Ich muss wohl ein Schlagwort namens kluggeschissen einführen, hm, bloß …, da hab ich leider keine Meinung dazu. Und du? Wie fändest du das?
Exhibitionismus und andere Tugenden
Über Exhibitionismus hatten wir gesprochen, zwischen Nacht und Morgen irgendwann, und dass doch im Grunde jeder Mensch – mehr oder weniger – das Zeug zur Selbstdarstellung habe. Vielleicht sei es gar eine Art Überlebensnotwendigkeit.
Später waren wir nach H. gefahren, an die „größte Buchmesse der Welt“, wie sie sich ganz unbescheiden nannte. Top oder Flop?, rätselten wir auf der Fahrt.
Während einer grottenschlechten Lesung aus einem ziemlich schwach getexteten, doch von einem „richtigen“ Verlag herausgegebenen (!) Roman, konnte ich nicht umhin, mich fremdzuschämen, denn mir war die Autorin sympathisch. Immerhin war der Plot irgendwie originell. Doch mit Klischees hat die Dame – weiß Göttin – nicht gegeizt.
Ich hoffe, dass mich weder meine liebevoll kritischen FreundInnen noch mein selbstkritischer Verstand je so weit verlassen werden, dass ich auf die Idee kommen sollte, einem Verlag einen solch unausgereiften Text anzubieten.
Die Messe war in einem einzigen großen Raum untergebracht. An Tischen hatten sich ein paar vorwiegend auf Fantasy spezialisierte Kleinverlage der Region aufgebaut. Gerne würde ich jetzt berichten, welch wunderbare Bücher in Kleinverlagen erscheinen. Und keineswegs will ich hier nun kleine Verlage verunglimpfen oder gar alle in einen Topf werfen. Zudem verstehe ich von Fantasy nicht wirklich viel. Was ich aber – auch an schlechten Tagen – erkennen kann, ist, ob ein Text gut und vielleicht sogar sehr gut ist. Oder mindestens gutes Mittelmaß, was ja auch okay ist.
Ich hatte mich auf dier Suche nach einem ebensolchen Text gemacht und nahm dazu ziemlich viele Bücher in die Hand. Gut geschrieben waren einzig jene, die in den größeren oder gar großen Verlagen erschienen sind. Schon Covergestaltung und Textlayout zeigen, ob an einer Geschichte wirklich professionell gearbeitet wurde. Mit professionell meine ich keineswegs Mainstream, denn Individualität ist wunderbar. Nicht jedes Buch muss gleich aussehen, doch ein angenehm griffiges, nicht ganz glattes, eierschalenfarbenes Papier, das – allerdings nicht bis knapp an den Rand! – mit einer klassischen Serifenschrift bedruckt ist, liest sich einfach leichter, als ein zu eng, zu voll und/oder zu groß gedrucktes Buch. Wenn es dann noch vollschwarz auf hochweiß und womöglich in serifenloser Schrift daher kommt, dann großes Autsch!
Doch das Formelle soll ja letztlich nicht allein den Ausschlag geben, ob ein Buch gut ist. So bin ich dann doch nicht, nein, und darum habe ich das eine oder andere mich äußerlich nicht ansprechende Buch aufgeschlagen und ebendort zu lesen angefangen, wo ich den Finger hineingelegt hatte. Die Buchhändlerin in mir ist eben nicht auszumerzen. Schlagen mir schon im ersten zufällig ausgewählten Abschnitt zehn Adjektive, zwanzig Füllwörter, dreiundzwanzig Klischees und siebzehn Wiederholungen entgegen, schlucke ich erst einmal leer und versuche es mit einem nächsten Abschnitt. „Plötzlich ganz unvermittelt kriegte ich Gänsehaut“. Schon wieder großes Autsch. Nächstes Buch. Und so weiter.
Ja, lästere du nur Sofasophia! Bis du den Mut hast, eines deiner fast fertigen Manuskripte zu veröffentlichen …, dachte ich. Diese Autorinnen und Schriftsteller hier haben immerhin Mut!. Und wenn die sich trauen, dann könntest du es eigentlich auch. Schlechter kann es ja nicht sein, was du gesponnen hast.
Im städtischen Kunstsaal, wo Irgendlink und ich anschließend einer Führung durch die Ausstellung eines regionalen Kunstfotografen beiwohnten, hüpfte mein Kulturherz vor Freude. Ich war von der Vielfalt der Themen und auch von der Hängung begeistert. Diese zeugte von großem Verständnis und Gespür für den Inhalt der Bilder. Dennoch … die Führung war für meinen Geschmack zu lang, denn ein sich selbst erklärendes Bild muss, ebenso wie ein guter Text, nicht erklärt werden. Es und er sind sich selbst genug.
Na ja, wir sind eben alle, wie gesagt, exhibitionistisch veranlagt … Vielleicht sichern wir uns gar so das Überleben?
suchen und finden
Auf der Suche nach einem Dokument, das für meine Zukunft wichtig ist, habe ich mich heute durch meine Archivkisten gewühlt. Im Keller stehend Kisten umschichten – das hatte ich doch eben erst? Déjà-vu: Vor knapp drei Monaten waren schichten und sichten meine Nebenjobs.
Jetzt aber stellte ich fest, dass ich bereits zu vergessen begann. Wie das war mit dem Umzug zum einen und zum anderen, wo und mit was zusammen ich dies und jenes eingepackt hatte. Die Beschriftungen auf den Archivkartons waren so allgemein, dass ich nicht umhin kam, alle Kellerkisten aufzumachen und mir einen handfesten Überblick zu verschaffen. Die eine oder andere Kiste nahm ich gar mit nach oben. Siehe da: endlich finde ich die Plastiktüte mit meinen Mützen und Schals, die ich vermisst habe. Mittendrin meine Lieblingsjeansmütze. Jiippie!
Und was sehe ich da? Meine Kinder- und Jugendbuchsammlung! Ja, als Buchhändlerin darf ich schließlich Bücherfetischistin sein. Und was ist das denn für eine Stange da zwischen den Brettern? Die kommt mir irgendwie bekannt vor! Jaaa … Sie passt! Sie passt perfekt in meinen Kleiderschrank.
Weil meine Vermieterin eine Einbauschublade zum Eigengebrauch eingefordert hat – ihr gutes Recht – muss ich mein Einbaubüchergestell mit einem neuen Tablar ausstatten und baue es mit Irgendlinks Hilfe kurzerhand um. Puh … So bin ich den ganzen Nachmittag mit Materie verschieben, mit umschichten und neuordnen beschäftigt, als mir auf einmal einfällt, wo das gesuchte Dokument sein muss.
Genau, hier ist es ja, direkt unter meiner Nase quasi! Wie gut, dass es mir erst jetzt eingefallen ist … 🙂
Von Landkarten und anderen Berufungen
Innere Landkarte wächst
J. hat ein unglaubliches geografisches Talent, das sich nicht nur darin erschöpft, sich – wo immer er auch ist – eine Umgebung, ein Waldstück, eine Stadt, zu verinnerlichen, nein, er kann sie auch sehr detailgetreu in Worte fassen. Will heißen, wenn er mir einen Weg beschreibt, kann ich mich darauf verlassen, dass da, wo er sagt, tatsächlich eine Ampel steht oder da, wo er sagt, auch wirklich ein Wegweiser nach Xy zeigt. Ein lebendes GPS. In der Regel guck ich mir lieber Karten an als jemandem bei einer ungenauen Beschreibung zuhören zu müssen, die ich mir a.) meistens eh nicht merken kann und b.) oft bei entscheidenden Details nicht passt. Auf J. aber ist Verlass. Und das Gute ist, dass er beim Erklären auch die mir bereits vertrauten Wegmarken geschickt einbaut.
Weißt du, da, wo du neulich (…), da fährst du die erste Straße links ab …, sagt er und ermöglicht mir so, meine noch lückenhafte innere Karte zu ergänzen. Ich stelle mir zuweilen vor, dass jeder Weg, den ich je gegangen bin, eine Art unsichtbare Spur auf der Welt hinterlassen hat. Sichtbar eben nur für mein inneres Navigationssystem. Mein roter Faden. Könnte ich alle meine Spuren sehen, wäre auf der Erde von A. nach B. ein feiner Faden, von B. nach C. ein dickerer, von C. nach D. sogar ein dickes Seil … Je öfter ich also einen Weg gehe, desto fester wird das Gewebe zwischen zwei Punkten. Die Gegend um Z., wo ich seit zweieinhalb Monaten lebe, besteht noch immer aus sehr vielen unerforschten oder zumindest erst teilerforschten Gebieten. Jedes unbekannte Stück, das ich mir vertraut(er) mache, wird ganz allmählich und möglichst lückenlos an das bekannte angewoben.
Wie im richtigen Leben 🙂
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Generalin geht in Rente
Heute hatte ich in H. mein Anstellungsgespräch. Ein bisschen gebammelt hatte es mir schon davor, hatte ich mir doch vorgenommen, meiner zukünftigen Scheffin mein großes Unbehagen zu schildern, das ich beim Schnuppern in der Gruppe der Frau Generalin – StammleserInnen wissen – empfunden habe. Das Gespräch verlief sehr erfreulich und mir gelang es, meine Eindrücke relativ objektiv und ohne anklagenden Ton zu formulieren. Frau K. hat es mir allerdings auch leicht gemacht.
Im Gespräch erfuhr ich, sehr erstaunt, dass die Frau Generalin mich als von ihr gewünschte Mitarbeiterin vorgeschlagen hatte. Als Mitarbeiterin? Falsch. Als mögliche Nachfolgerin! Und jetzt kommt’s: Sie geht nämlich in Rente, juhu! Warum – um Himmels Willen – sie mir das nicht gesagt hat, kann ich nicht verstehen. Sie hätte eben beschlossen, ihre Kündigung den Kindern so spät wie möglich zu sagen, sagte Frau K. heute, und falls sie es mir erzählt hätte, hätten es die Kinder womöglich mitbekommen.
Na ja … Ich bin einfach froh, dass die Kinder ab Sommer (zwar nicht mich, aber gewiss) eine andere, jüngere und – ich wage zu sagen – bessere pädagogische Gruppenleiterin haben werden. Ich habe mich schlussendlich auf die zweite der beiden mir vorgeschlagen erhaltenen Stellen konzentriert und ebendiese auch zugesagt bekommen. Am achten August geht’s los. Meine freien Tage sind definitiv gezählt.
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In letzter Minute: Waschmaschine folgt ihrer Berufung
Nachdem Irgendlink und ich heute Vormittag alle Schläuche und Kabel in die richtigen Löcher gesteckt und geschraubt hatten, durfte Whirly ihre erste Runde drehen. Wo(h)ll(fühl)programm. Netto. Ohne Wolle. Hinterher kam auch schon der Stresstest mit Stinkeocken, Unterhosen, T-Shirts und Frottiertüchern.
Erfreulicherweise hat sie den Test mit Bravour bestanden!
Ich blogge (nicht), also bin ich …
Gießen oder nicht gießen?, habe ich mich neulich hier gefragt. Heute heißt die Frage anders …
Wie wir beim Abendessen saßen, meinte ich nämlich zu Irgendlink:
Ich kann zurzeit einfach nicht bloggen. Glücklich zu sein, überhaupt einfach zu sein und unspektakulär vor sich hin zu leben, hat Null Unterhaltungswert. Womit wir schon mitten ihm Thema Larmoyanz-Bloggen waren.
Doch nur schreiben, wenn es mir Sch… geht, ist ja auch nicht das Wahre, sagte ich.
Dramen hatte ich für ein Leben genug. Jetzt darf ich einfach genießen. Sage ich mir oft. Was nicht immer leicht fällt. Genießen können ist eine Kunst. Kunst kommt von Können und dies will gelernt sein. Das Handwerk und sein Werkzeug dazu sind nicht einfach vorhanden. In unserer Überlebenskiste, die wir bei der Geburt mitbekommen, wird uns allen die Anleitung – ich stelle sie mir als Samenpackung vor – vermutlich mitgeliefert, doch ob wir sie auch lesen (und aussäen), hängt von mancherlei Umständen ab. Manchmal frage ich mich, wieso wir dagegen alle so gut jammern können. Dieser wunde Schrei nach Aufmerksamkeit. Schaut her, ich Arme, ich Armer. Auch geben wir uns gerne mit Jammern ein pseudointellektuelles Aussehen, denn wer jammert, kann ja nicht oberflächlich sein. Er denkt nach. Oder sie. Findet ein Haar an der Schuppe.
Und die Suppe ist zu kalt.
Zu salzig.
Zu …
Wer aber, wie ich zurzeit, einfach ein ruhiges, friedliches und – zugegeben – auch ein wenig von den schlimmen Nachrichten der Welt abgeschottetes Leben führt – hat da jemand langweilig gesagt? –, findet wenig Grund zum Jammern. Außerdem bin ich gerne allein, mit mir oder zu zweit, und befürchte zuweilen, dass ich nach diesem befristeten Time-Out zu Arbeitsbeginn neu sozialisiert werden muss.
Alles gut, aber schlicht nichts zu erzählen …
Halt, halt, da fällt mir ja doch was (halbwegs) erzählenswertes ein: Morgen wird unsere Waschmaschine geliefert! Das erste Mal im Leben, dass ich eine Waschmaschine mitbesitze. Das ist doch auch mal was! 🙂
Fragen über Fragen
Gießen oder nicht gießen? Da war dieses kurze Gespräch gestern, mit dem Nachbarbauern, der an seinen Feldern entlang fuhr, um den Schaden zu ermessen. Nein, selbst wenn er eine Gießanlage hätte, würde er nicht großflächig gießen. Die Natur sei eben mal so, mal so. Was mich zur Frage brachte, später, auf dem Rückweg von unserem Spaziergang, wo denn die goldene Mitte liegt. Und wie individuell eine Antwort ist und überhaupt:
Was sollen-können-dürfen wir beeinflussen? Was sollen-können-dürfen wir einfach den Gewalten der Natur überlassen?
Gibt es etwas anderes als Zufall? Nein, an den Rauschebart-Liebgott glaube ich längst nicht mehr. Gretchenfrage mal wieder. Etwas gibt es da, das ahne ich. Nicht da oben, da außen, sondern mitten in uns allen drin, etwas, das alles zusammenhält. Ein Plan. Ein Konzept. Ob im Detail bestimmend oder nicht, weiß ich nicht. Vermutlich ähnlich planvoll wie das Konzept einer Tulpenzwiebel oder der Rehe. Und schon sehen wir, wie alles zusammenhängt – natürliche Feinde und so. Gestörtes Gleichgewicht … Ökologie …
Hätten wir unseren Tomaten kein Wasser gegeben, wären sie längst verdorrt und wir müssten uns das ganze Jahr welche kaufen. Was die Wirtschaft ankurbelt und die Monokultur-Mentalität in Spanien und Holland fördert. Vom kleinen zum großen und wieder zurück.
Urwasser aus den Urtiefen der Erde darf nicht zum Gießen eingesetzt werden, sagte der Bauer. Ich pflichtete ihm bei. Aus sicherem Abstand. Doch wie würde ich handeln, wenn ich am Verdursten, wenn ich am Verhungern wäre?
Alles hängt zusammen und beeinflusst sich. Dich. Mich.
Gesunddezimierung, meinte S. neulich, der Jäger, als er über seine Verantwortung sprach.
Ich gebe es zu: Ich bin froh, dass wir die Tomaten und alle ihre NachbarInnen gegossen haben.
out of time
Außerhalb der Zeit. Drei Wörter, die es in sich haben.
Gestern und heute hatte ich so gar keine Lust auf Internet. Das virtuelle Korsett war plötzlich so unwesentlich. Einfach so bin ich aus dem Cyberspace gepurzelt und habe, statt Bilder und Texte zu weben, heute Gelee und Sirup gekocht, dass es eine rote Freude ist. Roter Johannis – eine meiner Lieblingsbeeren … Neben den Erdbeeren und Kirschen und Stachelbeeren und Brombeeren natürlich. Und den Zwetschgen. Aber halt, das sind ja keine Beeren. Und ich will nicht vorgreifen. Und auch die Trauben kommen später.
Säen und ernten. Die kleinen Tomatensämchen, die J. vor Wochen im Trog gesät hat, sind längst ausgepflanzt und ranken um die Stöcke. Das Wunder des Lebens vollzieht sich. Jahr für Jahr. Alles wächst dem Licht entgegen.
Auch über Rehe und Kitze habe ich heute von S. viel gelernt. Er ist Jäger und hat, seit wir uns kennen, schon viele meiner Vorurteile aufgeweicht. Da ich Vegi bin, sind wir oft gänzlich verschiedener Meinung. Doch seine Ausführungen zur Rehkitzfrage waren sehr spannend. Jetzt weiß ich, dass Rehkitze (Kati, liest du das hier?) von ihren Müttern tagsüber alleingelassen werden und nur zweimal täglich gestillt werden. Die Rehkitze rufen nach ihren Müttern, wenn sie sie Durst haben. Auch zwischendurch mal. Wenn die Mutter es hört und wenn nicht grad ein paar unbedarfte, gutmeinende Menschen das Kitz umschwirren, kann sie es allenfalls auch mal zwischendurch füttern. Doch in der Regel reichen eigentlich zwei Fütterungen.
Jäger, so meinte S., sehen, ob eine Rehkuh Mutter ist oder nicht und schießen auf gar keinen Fall auf Mütter. In den Tierheimen wissen die Leute oft nicht, wie sie ein Kitz aufziehen sollen und dann sterben die Tiere meistens.
Und noch viel mehr habe ich heute gelernt: Dass Rehe nach der Zeugung ihre Eier quasi einlagern, bevor sie sie ausbrüten, damit die Kitze nicht im Winter geboren werden. Nein, das hatte ich nicht gewusst und auch über Füchse und Hühner habe ich heute viel neues gelernt.
Wunder der Natur, diese Tiere. Wie Tomatensamen und Johannisbeeren.
Wunder über Wunder, Rätsel über Rätsel. Und auch dies noch:
Wo fängt die Zeit eigentlich an?
Bin ich jetzt wieder in ihr drin, weil ich im Internet bin?
Wo gehe ich hin, wenn ich träume?
zu früh
Während mich meine Schönste letztes Jahr warten ließ, ist sie heuer sogar ein paar Tage zu früh erblüht. Das nenne ich mal Ausgleich. Feste soll man eben feiern, wie sie fallen. Damit sie steigen können …

Zur Feier des morgigen Tages ein für einmal ganz und gar unbearbeitetes Bild … Die Natur ist eben einfach die beste Künstlerin!
Dieses Jahr feiern wir nur zu zweit und das ist gut so. Sechsundvierzig ist irgendwie so eine graue Zahl und fühlt sich schon jetzt staubtrocken an. Ich hoffe natürlich, dass mein Vorurteil an jedem der dreihundertfünfundsechzig Tage, die kommen werden, widerlegt wird! Und dass ich, je älter desto weiser werde …
Die Sache mit dem Kipphebel und andere wichtige Erkenntnisse
Dieses Fenster in meinem kleinen Klo! Eines der alten Systeme. Du kannst das Fenster auf Kipp stellen, wenn du vorher den einen von den beiden Hebeln von oben nach unten bringst und so die Mechanik, die das Fenster arretiert, veränderst. Seine innere Logik wird gleichsam manipuliert … 😉 Tolle Sache, dieses Auf-Kipp-Kippen.
Ja, lach du nur, liebe Leserin, lieber Leser! Meine Berner Altbauwohnung, die ich bis Ende März bewohnt hatte, war eben ziemlich simpel befenstert. Und was davor war, habe ich wohl einfach vergessen. Dass es kippbare Fenster gibt, zum Beispiel. Alle meine Berner Fenster waren nur analog zu öffnen gewesen.
In meiner Künstlerinnenbude auf dem einsamen Gehöft habe ich zum Glück – außer jenem auf dem kleinen Klo – noch ein paar andere Fenster. Ziemlich viele sogar. In der Küche schon mal drei. Im Wohnzimmer sogar noch mehr. Vier Dachfenster im Schlaf- und Künstlerinnenstübchen inklusive. Irgendwann nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Hof auf dem Berg aufgebaut und ist seither etliche Male renoviert worden. So war mein Hausteil früher das Gesindehaus, habe ich mir erzählen lassen. In meinem schönen großen, weiß gekachelten Bad – mit ebenfalls drei Fenstern (Himmel, wie soll ich die bloß alle sauber halten?) – seien früher drei (!) Gesinderäume untergebracht gewesen. Ach, all die Geschichten, die das Haus erzählen könnte!
Wieso stellst du es denn nicht einfach auf Kipp, sagte J. neulich zu mir, als ich das Schlafzimmerfenster öffnete und es anschließend mit dem Vorhang mühsam arretierte, damit es sich nicht weiter öffnen konnte als ich es wollte.
Kipp? Ich muss ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt haben.
Ja, Kipp.
Wie das denn? Hat ja keinen zweiten Hebel dran …
Na, sooo … Er dreht den einzig vorhandenen Hebel nach oben und zieht das Fenster auf. Kipp. Et voilà!
Aha …
Dass ich hier nun, auf dem einsamen alten Gehöft – außer dem Klofenster mit seiner nicht ganz einfachen Handhabung – auch alle anderen Fenster ganz einfach auf Kipp stellen kann, war somit die große Überraschung des Tages.
Wie oft im Leben, fragte ich mich hinterher natürlich, gehe ich mit den Dingen, den Menschen und der Natur so um, als hätte ich schon ihre ganze Wahrheit erkannt?
(((Hm, da bist du ja eh selbst drauf gekommen.)))
Schnitt.
Neulich habe ich hier Herrn Blender vorgestellt. Er kann, wie sich Stammlesende vielleicht noch erinnern, zwei Bilder zu einem neuen vermischen. Unter Einbezug verschiedener Vorgaben und Filter ist er ein wahrer Künstler.
Wie mein Liebster und ich gestern so im Bett den Sandmann herbei plaudern, murmle ich, dass das Leben eigentlich ein einziges Überblenden ist. Laufend schieben sich neue Bilder über alte. Dynamisch verändert sich alles. Immer. Auch wenn es vermeintlich gleich aussieht, was wir täglich tun, die immer gleichen Griffe, die ständig gleichen Abläufe, die täglich gleichen Tassen, die ich in die Spülmaschine stelle, ist es doch immer wieder anders. Versuche mal, die Maschine zweimal genau gleich aufzufüllen! Oder versuche mal, zweimal das genau gleiche Bild aufzunehmen! Geht nicht. Bestenfalls wird das Ergebnis sehr ähnlich.
Das Gesicht des Alltags ist die eine Wahrheit. Eine andere, dass sie sich täglich ändert. Es lebe das Paradoxon.
Verwandte
Wir kennen uns eigentlich noch gar nicht so lange. Dennoch kann ich mich kaum mehr erinnern, wie ich früher gelebt habe. Früher, als wir uns noch nicht kannten. Er hat, ich schwör, ganz schön was auf dem Kasten.
Stell ihm einfach mal zwei Bilder unter die Nase und dann schau ihm gut zu, was er damit anstellt! Ähnlich wie sein Cousin Fusioncam, über den ich neulich an ebendieser Stelle berichtet habe, kann auch Herr Blender zwei Bilder aufeinander zaubern. Doch anders als sein Vetter, legt er nicht neue, sondern bereits vorhandene Bilder übereinander – zum Beispiel zweimal das gleiche, doch unterschiedlich bearbeitete (einmal bunt und einmal schwarzweiß). Dabei lässt er dir gar noch die Wahl, welchen Filter du beim Mischen einsetzen willst und in welcher Intensität, das eine Bild ins jeweils anderen Bild hineinwirken soll. Dunkler, heller, überlagernd, multiplizierend, Farbtöne verstärkend oder umkehrend, sättigend … Eine ganze Palette hat er zu bieten.
Ja, Herr Blender hat das Mischen, das Mixen drauf wie kein Zweiter. So ähnlich stelle ich mir Musikabmischen vor und zuweilen wünsche ich mir, dass Herr Blender nicht nur meine iPhone-Bilder mixen würde, sondern auch mein Leben. Von J. hätte ich gerne ein wenig von seiner aufhellenden Lebens- und Genussfreude, bitteschön. Er kann sich dafür, per Schieber, von mir etwas holen. Irgendetwas findet sich sicher. Aber nein, meine Schatten geb ich nicht her. Derart inspiriert mische ich mir mein Leben schön vielschichtig und bunt zurecht. Herr Blender hilft mir, mein Leben unter neuen Vorzeichen zu betrachten. Ach, und auch seine Nichte, Frau Diptic ist eine unglaublich kreative Dame. Was sie kann, kann sonst keine. Sie ist unschlagbar. Eimalig. Unverwechselbar. Ich habe munkeln hören, dass sie ein Einzelkind sei.
Diptice dir deine Welt zurecht!, flüstert sie mir zu, wann immer wir zusammen arbeiten. Mit ihr vergesse ich zuweilen alles um mich her. Sie ist die wahre Meisterin des Spiegelns und der Reflektion. Und der neuen Ansätze. Nein, nein, sie ist nicht Psychotherapeutin, dazu ist sie viel zu verspielt. Fürs Leben gern setzt sie Bilder und Bildausschnitt neu zusammen und kann so schon mal neue Identitäten zum Leben erwecken.
Ihre Lebensaufgabe scheint es zu sein, mich und meine Mitspinnerinnen zu immer wieder neuen Höhenflügen in der Bildbearbeitung zu inspirieren.
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Bild: iDogma – Montage aus drei Einzelbildern.
Grundlage ist das immer gleiche, vorgängig mit anderen Programmen (Juxtaposer, Dynamic Light und Blender) bearbeitete Bild von Katze Mietz. Sie trägt heute eine aufmontierte Nutella-Perücke.
Das linke Bild ist eine Schwarzweiß-Version, das ich mit einem Solarisationsfilter editiert habe. Das rechte Bild zeigt eine starkkontrastige Variante des Bildes, das ich außerdem mit einem Bewegungsfilter bearbeitet habe. In der Mitte schließlich findet sich eine von Herrn Blender gemischte und von Frau Diptic gespiegelte Version. Die drei Einzelbilder habe ich mit Frau Diptics Hilfe zusammengebaut.

Bild: iDogma – Montage
Mit Frau Diptics Unterstützung habe ich das erste Bild, diesmal im Quadratformat, mit einer gespiegelten Version, zusammengesetzt. Zuoberst habe ich das mit Lady Halftone in ein Cartoon verwandelte Bild dazugefügt.
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Selbstverständlich wären noch tausend andere Arten des Zusammenfügens möglich. Wie im richtigen Leben … 🙂