Nachlese II

„Könnten Sie mir trotzdem die Namen Ihrer engsten Freunde geben. (…) Mit denen Sie und Ihr Mann Umgang pflegten.“

Sie schaute zu Boden. Aha, dachte Münster. Da liegt also der Hase begraben. So ist das.

Das Peinlichste, was es gibt, hatte er einmal gelesen, das ist, keine Freunde zu haben. Einsam zu sein. Man darf ungestraft bescheuert, rassistisch, sadistisch, übergewichtig und dreckig wie eine Sau sein, praktizierender Pädophiler … aber man muss Freunde haben.

aus: Hakan Nesser, Münsters Fall, btb 73793, Seite 119,

Wie man es auch drehte und wendete, das Leben war nun mal nicht mehr als die Summe all dieser Tage, und manchmal kam man natürlich an einen Punkt, an dem man sich mehr für das interessierte, was gewesen war, als für das, was noch zu erwarten war.

ebenda, S. 157

FreundInnen und eine schöne Aussicht – das sind Fäden aus denen das Gewand der Lebensfreude gestrickt ist. Und Lebensfreude – bitte unterschätzt sie nicht! –  ist es, was wir brauchen, um am Morgen aus dem Bett zu kommen. Sie ist es, die uns munter macht, uns antreibt, uns inspiriert. Fehlt sie, gehen wir im Kreis. Oder wir gehen im Kreis, bis sie fehlt.

Leben ist immer nur Gegenwart. Weg. Spirale. Kurve. Kreuzung. Sitzbank. Aussichtspunkt. Tiefpunkt auch.

Mein ganz persönlicher Weg, mein Camino – analog dem Jakobsweg, den J. zurzeit pilgert – führt zu ganz ähnlichen Erkenntnissen, wie sie mein Liebster unterwegs täglich findet: Auch ich will jetzt leben, gegenwärtig. Zu oft habe ich mich in meinem Leben auf später vertröstet: Wenn ich endlich mal, dann werde ich …

Gegenwärtig sein heißt auch, den Sorgen nicht mehr Gewicht geben als nötig. Den zeitlichen und energetischen Aufwand zur Lösung der Alltagsprobleme so klein wie möglich und so groß wie nötig halten.

Damit wir, wie Münster es sich im zitierten Buch ersehnt, eben Zeit zum Leben haben. Denn das ist es letztlich, was zählt.

Bitte schenk mir was!

Beim morgendlichen Postverteilen springt mir von einem Flyer – oder war es ein Bettelbrief oder ein Newsletter? – der Satz ins Auge „Bitte schenk mir was!“ Er bleibt hängen, im Auge und im Ohr, während ich später die letzten Weihnachtkarten versandbereit mache. Eine meiner ambivalentesten Pflichten im Kapitel Öffentlichkeitsarbeit. Eine Pflicht, die ich gerne vor mir herschiebe. Genau heute vor einem Jahr habe ich darüber gebloggt. Ambivalent, weil ich – neben meinem Scheff – die wohl größte Weihnachtsmuffelin bin, die ich kenne und weil ausgerechnet ich für diesen Versand zuständig bin.

Versteht mich richtig: Ich mag Feste. Und ich mag Geschenke. Ich mag auch Rituale. Aber ich mag den ganzen Kommerzglitzerkitschklimbim, der im Dezember die Kasse klingeln und die Tränen fließen lässt, ganz und gar nicht. Mich stößt diese künstlich erzeugte Nettigkeit und Pseudopflichtschuldigkeit ab, dieses kollektiv abzutragende schlechte Gewissen, das mit Händen zu greifen ist. Ich hasse Floskeln und ich verabscheue Geheuchel. Dieses Getue mit Familienzusammensein macht doch allen mehr Stress als Freude. Möglich, dass Kinder – bevor sie vom Kommerzengel verbogen werden – dem kerzengeschmückten Weihnachtsbaum etwas abgewinnen können, das lasse ich gelten, doch was den Auslöser vom ganzen Spektakel betrifft, die Geburt eines kleinen Kindes, das die Lasten einer ganzen kaputten Welt kompensieren soll, ist für mich nicht relevant und rechtfertigt in meinen Augen das ganze Theater nicht. Ich hoffe, dass ich damit niemandem auf die Füße trete. Doch so ist das nun mal bei mir.

Natürlich bin ich unseren Partnerorganisationen und all den Spendenden, die uns im Laufe des Jahres unterstützt haben, sehr dankbar. Keine Frage. Dennoch sind nicht mal wir als Hilfswerk gefeit vor Konkurrenzdenken. Haben wir die bessere Weihnachtskarte als die anderen? Ich weigere mich, beim Wettstreit mitzumachen. Ich habe vor zwei Jahren ein Kartenlayout für die Karteneinlage entworfen, dass ich letztes und dieses Jahr nur geringfügig verändert habe. Und natürlich mit einem neuen klugen Spruch ergänzt. Öffentlichkeitsarbeit nennt sich das. Während ich die Karten verpacke, höre ich Musik.

Oha, Heavy Metall?, fragt J., die mit einem IT-Problem zu mir kommt.

Aber nicht doch. Ist Indie. Nur grad ein härteres Stück. Jedenfalls alles andere als ein nettes Weihnachtslied, antworte ich.

Meine einzigen Gründe, mich auf die Festtage zu freuen, sind die anderthalb Wochen Ferien, Irgendlinks Rückkehr von seiner Pilgerreise und natürlich die Sonnwende. Der kürzeste Tag. Die längste Nacht. Danach die Raunächte, diese Zeit zwischen den Jahren, die ich sehr mag. Mehr als sehr.

Bitte schenk mir was! Wieder taucht der Satz in mir auf. Irgendwann nach der Büropause. Ich schreibe ihn auf, damit er gebannt ist.

Nun liegt der Zettel hier, neben mir, zuhause auf dem Schreibtisch, und will, dass ich über ihn schreibe. Bescheiden ist er nicht.

Die Macht des Gebenden, flüstert er mir zu, schreib darüber. Und dass es einfacher ist, zu schenken als zu bekommen. Weil man sich dann den anderen gegenüber besser fühlen kann.

Ach, sei still, das wissen wir längst, sage ich. Nicht zuletzt deshalb habe ich doch aufgehört, Weihnachtsgeschenke zu machen. Schon lange. Weil ich diese Games hasse: Wer schenkt wem was? Ist es groß und schön genug, und was bekomme ich dafür? Bekomme ich überhaupt etwas oder wurde ich vergessen? Liebt mich jemand? Dieser Austausch von Materie. Dieser Ablesen am Wert des Geschenkes, wem wer was bedeutet. Was ist mit denen, die nichts bekommen? All die vorprogrammierte Enttäuschung. Der Kick, der Rausch, der Kater … Nein. Brauch ich nicht.

Ich möchte meinen Liebsten Zeit schenken. Mich. Mein offenes Herz. Meine Zuwendung. Und zwar nicht unter dem Kerzenbaum, sondern immer. Mehr habe ich nicht.

unfertig angestoßen

Grenzen

Schon wieder stoße
ich mir den Kopf. Da
sind sie, die
Grenzen, die ich mir selbst
setze. Immer wieder
enge
ich mich ein. Mein
Verstand tut, als verstehe
er. Mich – alles – fremdes –
unverständliches. Heute
zweifle ich an ihm. Er
an mir ebenso. Ob die
Macht des Verstehens
Grenzen setzt oder auflöst?

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Fertig

Nein, warte! Bin noch
nicht so weit. Morgen vielleicht. Oder
nie. Möglicherweise
nie. Besser
nie, denn wäre
ich fertig, wäre
ich
ja fertig. Und
was dann?

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voran

Du kommst
nur voran, wenn du
gehst, kritzelte der Stift, der
in meiner Hand liegend
eigentlich lieber
malen wollte, aufs
weiße Papier.

überschneiden

Nimm den Kreis. Deinen. Meinen. Nenn ihn Leben. Deins. Meins. Das der anderen. Du kannst auch eine Zahl nehmen, eine beliebige. Für dich eine. Für mich und all die anderen eine andere.

Beim Kreis wären es Schnittflächen, bei den Zahlen die gemeinsamen Vielfachen oder nein, besser, die gemeinsamen Teiler. So groß oder so klein ist unsere Übereinstimmung. Die Melodie, wie ich neulich erzählt habe, ist ebenfalls ein guter Indikator. Eher jener für Seelenverwandtschaft allerdings. Singt jemand ähnliche Lieder wie du, klopft sein Herz vermutlich im ähnlichen Takt wie deins.

Das Bild mit dem Kreis oder der Zahl nun greift weiter. Es geht davon aus, dass ich mit allen Menschen irgendwo übereinstimme. Und sei die Gemeinsamkeit auch noch so klein. Vielleicht berühren sich nur unsere Linien. Und vielleicht ist das kleinste gemeinsame Vielfache ein unvorstellbar ferne Zahl. Und der gemeinsame Teiler ebenfalls. Doch es gibt sie, diese Übereinstimmung. Mit dem randalierenden Typen in der Kneipe um die Ecke ebenso wie mit der süße Weihnachtslieder summenden Dame vom Nachbarhaus.

Und jetzt, weil doch Gedankenspiele so beleben, nimm noch Farben dazu. Bunte Fäden, farbige Schnüre. Für dich vielleicht rot, für alle deine Mitmenschen je eine andere Farbe. Und damit es noch bunter wird auch gleich für all die Unbekannten, die irgendwo deinen Weg kreuzen. Und nun – nun stell dir vor, wie jeder seinen und jede ihren Faden hinter sich herzieht.

Siehst du es, siehst du das Bild vor dir? Die Kreise. Die Zahlen. Die Fäden. Ein einziges buntes Gewebe. Irgendwie irgendwo irgendwann alle mit allen vernetzt.

Für mehr Lebensfreude

Probleme? Nimm Frauengold!

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Noch immer Probleme? Nimm noch mehr Frauengold!

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Wir mögen heute über solcherlei lächeln, doch ist es in der Gegenwart wirklich anders? Haben nicht einfach nur die Namen gewechselt? Der verinnerlichte, vererbte, anerzogene Reflex ist dabei gleichgeblieben. Und auch heute noch sind laute Frauen „schwierig“ handzuhaben.

Sonntag, Software und so

Mitternacht vorbei. Halb eins. Draußen eisige Kälte. Mein Kopf dröhnt. Auf dem Heimweg eben – zu Fuß, denn meine Freundin M. wohnt im Nachbarquartier – frage ich mich, ob zwei Einladungen am gleichen Tag nicht vielleicht ein bisschen zu viel waren. Zumal ich mich sowohl an Freundin S.s Wohnungsfest als auch bei M. neben vertrauten Gesichtern auch auf unbekannte und wenig bekannte Menschen einlassen musste. Was ich manchmal liebe und manchmal furchtbar anstrengend finde.

Wer bin ich? Heute? Bin ich noch ich und wie? Ich schaue mir von innen und zugleich irgendwie von außen zu und frage mich, was ich über mich denken würde, wenn ich mich jetzt – so – hier – heute – das erste Mal treffen würde. Nicht weil es mir sehr wichtig ist, was die andern über mich denken. Eher interessiert es mich, was ich selbst über mich denke. Sind bei mir Selbstwahrnehmung, Wunsch und Realität halbwegs deckungsgleich? Bin ich authentisch? Spiele ich eine Rolle? Verändere ich mich nicht eigentlich laufend, verhalte mich aber nach außen hin noch „alt“? Sind da nichtsynchronisierte Updates in meinem System, ist meine Software veraltet?

Könnte ich mich neu erfinden, was käme dabei heraus?

Ich sitze im Dunkeln mit dem iPhone am Wohnzimmerfenster und tippe dieses Wörter hier auf die kleine, beleuchtete Tastatur. Der Schnee erhellt die Umgebung. Nur noch ein einziges Licht brennt im Haus gegenüber und ich frage mich, ob dort drüben auch jemand über die Rolle nachdenkt, die sie oder er im eigenen und im Leben der anderen spielt. Oder eben nicht. Und ob das wohl eine Rolle spielt.

Schnitt.

Halb acht. Pervers früh für einen Sonntagmorgen. Die volle Blase hat mich geweckt. Und der Brummschädel. Dabei habe ich doch gar nicht wirklich viel getrunken. An Sonntagen vermisse ich J. am meisten. Sein leiser Atem neben meinem Ohr, wenn ich nachts zwischendurch aufwache. Seine warmen Füße an meinen Beinen oder meine kühlen an seinen. Seine Konturen unter der Decke. Ihn ein- und wieder ausatmen. Wieder einschlafen. Zusammen aufwachen. Später im Bett Kaffee und Tee trinken. Aus einzelnen Fragmenten, Traumfetzen und Ideen einen neuen Tag malen. Natürlich kann ich auch alleine spinnen und die Trennung ist zum Glück absehbar, insch’allah. Dennoch. Vermissen darf doch wohl erlaubt sein.

Zeig mir dein iPhone und ich sage dir, wer du bist!, hatte ich kurz vor dem Einschlafen gedacht. Ein Satz, der mir sofort wieder einfällt, als ich mein iPhone, noch im Halbschlaf, einschalte und prompt mit einer SMS aus Nordspanien belohnt werde.

Bei M. liegen, nach witzigen Spielrunden, auf einmal alle unsere Handys auf dem Tisch. Handys? War mal. IPhones! Vier von uns fünf Erwachsenen haben eins. Eine so große Smartphone-Dichte ist mir dann doch neu und ein klein bisschen schämte ich mich ob dieser Dekadenz. Besondern, wenn ich an jene Zeit zurückdenke, wo ich überzeugt war, mir nie ein Mobiltelefon anzuschaffen. Ich doch nicht.

Die Appauswahl sagt, wer du bist. Polizeipsychologinnen können heutzutage ihre Verbrecherprofile anhand gewählter Apps erarbeiten, geht es mir durch den Kopf. Die Apps spiegeln unsere Bedürfnisse, Sehnsüchte und Interessen. So ist die Personalifizierung von Hardware wohl einfach nur ein weiterer Schritt zum gläsernen Menschen.

Meine Apps – diverse GPS-Applikationen, Karten- und Koordinaten-Software, einige Kameras und Bildbearbeitungsprogramme, sowie Fahrpläne, Telefonbücher und Blogsoftware – sagen dir, dass ich Freude an Natur, Bildern, schnell abrufbaren Infos und natürlich am Bloggen habe. Spiele?
Nö, hab ich keine, sage ich. Ich spiele lieber in echt.

Sag mal , kennst du …?  Musst du uuunbedingt mal … Und schon fangen wir an, die Vorteile unserer Apps aufzuzählen, als sprächen wir über Kinder. Oder als wäre wir selbst wieder welche. M.s fünfzehneinhalbjährige Tochter M. und deren Freundin C. werfen sich Blicke  in der Art von „die spinnen, die Erwachsenen“ zu.

M. liest von ihrem Display Zitate ab und stellt fest, dass ihre Sammlung männerlastig ist. Und ziemlich abgelutscht. Die wenige Frauen, die sie auf die Schnelle findet, sagen ebenfalls nichtssagendes. Ob das wohl besser ist, als gar nichts zu sagen?

P. sagt nicht nichts, sondern, dass er eigentlich gehofft hatte, dass ihm das iPhone helfen werde, Zeit zu sparen.
Träum weiter, sage ich. Zeit sparen ja, nur verplemperst du die gesparte Zeit mit dem Dingsda.

Du dachtest, du hättest vergessen

Die Autorin Leena Lehtolainen kannte ich bisher nur als Autorin der finnischen Krimis um die Kommissarin Maria Kallio. Darum hatte ich mir dieses Buch hier, „Du dachtest, du hättest vergessen“, wohl auch im Brockenhaus oder im Antiquariat geschnappt. Doch woher ich es habe, ist eigentlich egal. Es stand jedenfalls schon eine ganz Weile in meinem Bücherregal. Gestern, als ich ein bisschen aufräumte, fiel es mir in die Hand. Der Titel rührte mich, lebe ich doch zuweilen auch in der Illusion, dass Vergangenes vergangen ist und keine Schatten mehr in die Gegenwart werfen sollte.

Katja, die knapp dreißigjährige Hauptprotagonistin erzählt, wie sie nach der Beerdigung ihrer Großmutter auf einmal anfängt, zu hinterfragen, wie es denn damals wirklich war. All das Vergessengeglaubte. Vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren hatte ihr Onkel Rane seinen Vater im Suff erschlagen. Im Suff alle beide und über Vaters Tod war niemand sehr traurig gewesen. Im Gefängnis hatte Rane sich kurz darauf selbst umgebracht, was als Schuldeingeständnis galt. Zeugen gab es keine. Was war wirklich geschehen, damals, in jener Nacht?

Katja, ihr wenige Jahre jüngerer Bruder Kaitsu, Veikko, ihr Onkel, Sara, ihre Tante und Sirkka, ihre Mutter, erzählen abwechselnd, in Ich-Form, aus ihrem Alltag. Will heißen, als Leserin höre ich ihren Gedanken zu und erhalte so Einblick in ihr Leben und in ihre Gefühlswelt.

Katja, die es kaum schafft, ihren Platz in der Welt zu finden, noch immer an der Magisterarbeit als Musikwissenschaftlerin sitzt und Gesangsstunden nimmt, während Gleichaltrige bereits doktoriert haben, ertränkt und betäubt ihre Leere und ihre Beziehungsunfähigkeit mit Alkohol, Tabletten und Fressattacken. Ihr Bruder Kaitsu, dessen Internetfirma Konkurs gemacht hatte, bringt sich nun als Taxifahrer durch und ist vorübergehend wieder bei Sirkka untergekommen. Mit seiner Tablettensucht und einer latent aggressiven Intoleranz und seinem Zynismus wirkt er sehr unzufrieden. Auch er lässt, obwohl er offensichtlich sehr attraktiv ist, niemanden wirklich an sich heran. Der Vater der beiden ist kurz nach Kaitsus Geburt verschwunden. Was er im Leben wirklich will, weiß er selbst nicht. Dass seine Schwester und seine Tante Sara neuerdings wieder in den alten Geschichten wühlen, beunruhigt ihn trotz der Distanz zwischen ihm und den anderen.

Sara, die Femme fatale der Familie, als die sie sich gerne sieht und inszeniert, ist im Grunde eine suchende, tiefst unglückliche Frau, die sich nicht nur als Dramaqueen gibt, sondern auch als stets Hilfsbereite und Aufopferungsbereite. Im Grunde dreht sie sich jedoch nur um sich selbst. Die Beziehung zu ihren Geschwistern könnte kaum ambivalenter sein. Ihre Schwester Sirkka ist die nach außen hin Stabilste. Ihr wird nachgesagt, sie sei gefühlskalt. Vielleicht hat sie es einfach nur am besten geschafft, ihre Gefühle so zu handhaben, dass sie nicht mehr grübeln und nachdenken muss. Sie lenkt sich mit den Geschichten anderer ab und büßt die Verfehlungen ihres Lebens – zum Beispiel ihre Überforderung als junge Mutter – indem sie sich für ihren Sohn aufopfert. Als jedoch Sara eines Tages mit der Theorie kommt, sie beide und Katja seien vom Vater sexuell missbraucht worden, wird es Sirkka zu viel und sie distanziert sich von ihrer Schwester. Veikko, der mittlere Bruder, verschanzt sich gerne hinter seiner Intellektualität und Abgeklärtheit und seinem Zynismus. Als erfolgreicher Autor wirkt er unnahbar und kühl. Erst allmählich sehe ich als Lauscherin hinter seine Fassade.

Seltsamerweise sind die Antiheldinnen und -helden, die Lehtolainen hier zeichnet, am Anfang beinahe unsympathisch. Und alle irgendwie krank. Psychos. Leer und hoffnungslos. Ich schaue ihnen eine ganze Weile zu, bis ich anfange, mich in ihnen wiederzuerkennen. Meine eigenen Schräglagen spiegeln sich in ihren.

Ein Geschichte ist dann gut erzählt, las ich mal, wenn wir beim Lesen vergessen, auf die Worte und die Sprache zu achten. In der letzten Zeit hatte ich grad ein paar Bücher, ausgeliehene, die ich genau aus diesem Grund nicht  fertig lesen konnte. Die Sprache hielt mich auf, obwohl mich der Plot interessiert hätte.

Hier nun ist es genau umgekehrt, denn eigentlich geschieht hier nicht viel. Alltägliches nur. Hier mal ein Absturz, ein Vollrausch bei Katja, weil sie vor der ersten Vorlesung, die sie halten sollte, so nervös war, dort eine Eskalation zwischen Sara und Sirkka. Dann Kaitsu, der von einem Fahrgast verprügelt wird und Veikko, der einen kleinen Hund kauft. Alltägliches geschieht. Die Sprache, der Erzählstil ist in den Hintergrund gefallen. Als Zuschauende, als Lauschende, gehen wir einfach Schritt für Schritt weiter und Schicht um Schicht tiefer. Ein umfassender Kennenlernen geschieht, ein besseres Verstehen der Zusammenhänge und Beziehungen.

Eindringlich. Beklemmend. Keine leichte Kost jedenfalls.

Dissonanzen auch

Über das Lied wäre zu schreiben. Über mein Lied. Und dass jedes Wegstück, jedes Unterwegssein, ja Leben, im Grunde Suchen ist, ein Suchen nach meiner Melodie und nach dem Text meines Liedes. Wandernd geht es darum, meinen Rhythmus zu finden, meinen Takt. Ablenkungen ausblenden und einfach meinen Weg gehen. Suchen. Finden.

Doch gehe ich zu nahe bei andern Menschen, vor allem neben lauten, verliere ich mein Lied aus dem Sinn, weil es vom Lärm um mich her übertönt wird. Gehe ich jedoch neben Lieblingsmenschen, kann ich mein Lied trotz ihrer Melodien hören und mit summen. Hin und wieder muss ich aber, selbst wenn die liebsten Menschen neben wir gehen, Abstand nehmen, um mein Lied ein bisschen besser hören zu können. Ich will es zuweilen ohne Ablenkung hören. Es soll sich jetzt nicht mit den Liedern der andern vermischen. Alles zu seiner Zeit.

Bin ich allein, verinnerliche ich meine Melodie, damit ich sie, wenn ich mit anderen zusammen bin, nicht allzu schnell wieder verliere. Was leider immer noch hin und wieder geschieht. Wie schön, dass die Lieder meiner Lieblingsmenschen irgendwie ähnlich klingen wie meins. Unsere Lieder haben ähnliche Rhythmen, ähnliche Harmonien, Synkopen, Schräglagen, Dissonanzen. Gehen wir nebeneinander, verschmelzen die einzelnen Lieder zu einem gemeinsamen Lied. Daran lässt sich womöglich Freundschaft erkennen.

Doch letztlich, ja letztlich, ist jeder und ist jede ein Solist oder eine Solistin. Denn letztlich zählt nur das eigene Lied. Egoistisch? Nein, denn wer kann mein Lied singen, wenn nicht ich?

Wenn nicht hier, wo dann?

Kurz nach eins verlasse ich mein Büro. Wochenende. Für einmal wartet kein Fahrrad auf mich. Heute Morgen bin ich mit dem knallvollen Bus zur Hauptpost beim Bahnhof und zum dortigen Postfach gefahren, danach von dort mit dem zum Glück fast leeren Bus zurück ins Quartier. Das kommt pro Jahr höchstens ein bis zwei Mal vor und zwar einzig des Schnees wegen. Sogar ich begreife zuweilen, das bei Schnee Radfahren gefährlich ist. Zu schmal ist der Platz zwischen Autos, Tramschienen und Bordsteinkante. Gestern hat es den ganzen Tag geschneit. Fast ein halber Meter Schnee, der heute stündlich schmilzt.

Heute also, auf dem Heimweg, zu Fuß, da es ja nur 2 km sind, denke ich ans Pilgern und „meinen“ Pilger Irgendlink. Und wie gut mir das Gehen tut und dass ich mich, seit ich erkältet bin, zu wenig bewege. Immer noch muss ich heftig husten. Das Gehen auf der Allee tut gut. Ich halte inne, mache Bilder. Denke, dass ich eigentlich ständig etwas verpasse, wenn ich schneller als zu Fuß unterwegs bin. Nur schon mit dem Rad verpasse ich viele Eindrücke. Vor allem aber verpasse ich die Langsamkeit.

Ich denke mir mich in zig Variationen. Jede meiner Parallelwesen erlebt eine andere der vielen Möglichkeiten, die ich jeden Tag – was sage ich da? jede Stunde! – habe. Jede Möglichkeit ist ein Link zu einer andern Möglichkeit, zu einer anderen Welt.

Jedes meiner Parallelwesen wäre durch die jeweiligen Erfahrungen ein bisschen anders, ein bisschen anders weise, ein bisschen anders naiv, ein bisschen anders frech oder schüchtern oder traurig. Irgendwo und irgendwann, vielleicht auf der Ebene der Träume, fände eine tägliche, eine nächtliche, eine regelmäßige Synchronisation statt, ein Wissensaustausch, ein Transfer. Vielleicht sogar nicht nur mit all meinen eigenen Parallelwesen, vielleicht mit allem was lebt. Ein regelmäßiges Eintauchen in das kollektive Bewusstsein vielleicht. In die Weltenseele. In die Göttin-in-mir. In das Große Nichts.

So denke ich, während ich nach Hause spaziere und ein paar Bilder mitnehme.

Jetzt. Winkewinke, Frau Freihändig …

Und du, du oder du: was träumst du, wenn du gehst?