Sonntag, Software und so

Mitternacht vorbei. Halb eins. Draußen eisige Kälte. Mein Kopf dröhnt. Auf dem Heimweg eben – zu Fuß, denn meine Freundin M. wohnt im Nachbarquartier – frage ich mich, ob zwei Einladungen am gleichen Tag nicht vielleicht ein bisschen zu viel waren. Zumal ich mich sowohl an Freundin S.s Wohnungsfest als auch bei M. neben vertrauten Gesichtern auch auf unbekannte und wenig bekannte Menschen einlassen musste. Was ich manchmal liebe und manchmal furchtbar anstrengend finde.

Wer bin ich? Heute? Bin ich noch ich und wie? Ich schaue mir von innen und zugleich irgendwie von außen zu und frage mich, was ich über mich denken würde, wenn ich mich jetzt – so – hier – heute – das erste Mal treffen würde. Nicht weil es mir sehr wichtig ist, was die andern über mich denken. Eher interessiert es mich, was ich selbst über mich denke. Sind bei mir Selbstwahrnehmung, Wunsch und Realität halbwegs deckungsgleich? Bin ich authentisch? Spiele ich eine Rolle? Verändere ich mich nicht eigentlich laufend, verhalte mich aber nach außen hin noch „alt“? Sind da nichtsynchronisierte Updates in meinem System, ist meine Software veraltet?

Könnte ich mich neu erfinden, was käme dabei heraus?

Ich sitze im Dunkeln mit dem iPhone am Wohnzimmerfenster und tippe dieses Wörter hier auf die kleine, beleuchtete Tastatur. Der Schnee erhellt die Umgebung. Nur noch ein einziges Licht brennt im Haus gegenüber und ich frage mich, ob dort drüben auch jemand über die Rolle nachdenkt, die sie oder er im eigenen und im Leben der anderen spielt. Oder eben nicht. Und ob das wohl eine Rolle spielt.

Schnitt.

Halb acht. Pervers früh für einen Sonntagmorgen. Die volle Blase hat mich geweckt. Und der Brummschädel. Dabei habe ich doch gar nicht wirklich viel getrunken. An Sonntagen vermisse ich J. am meisten. Sein leiser Atem neben meinem Ohr, wenn ich nachts zwischendurch aufwache. Seine warmen Füße an meinen Beinen oder meine kühlen an seinen. Seine Konturen unter der Decke. Ihn ein- und wieder ausatmen. Wieder einschlafen. Zusammen aufwachen. Später im Bett Kaffee und Tee trinken. Aus einzelnen Fragmenten, Traumfetzen und Ideen einen neuen Tag malen. Natürlich kann ich auch alleine spinnen und die Trennung ist zum Glück absehbar, insch’allah. Dennoch. Vermissen darf doch wohl erlaubt sein.

Zeig mir dein iPhone und ich sage dir, wer du bist!, hatte ich kurz vor dem Einschlafen gedacht. Ein Satz, der mir sofort wieder einfällt, als ich mein iPhone, noch im Halbschlaf, einschalte und prompt mit einer SMS aus Nordspanien belohnt werde.

Bei M. liegen, nach witzigen Spielrunden, auf einmal alle unsere Handys auf dem Tisch. Handys? War mal. IPhones! Vier von uns fünf Erwachsenen haben eins. Eine so große Smartphone-Dichte ist mir dann doch neu und ein klein bisschen schämte ich mich ob dieser Dekadenz. Besondern, wenn ich an jene Zeit zurückdenke, wo ich überzeugt war, mir nie ein Mobiltelefon anzuschaffen. Ich doch nicht.

Die Appauswahl sagt, wer du bist. Polizeipsychologinnen können heutzutage ihre Verbrecherprofile anhand gewählter Apps erarbeiten, geht es mir durch den Kopf. Die Apps spiegeln unsere Bedürfnisse, Sehnsüchte und Interessen. So ist die Personalifizierung von Hardware wohl einfach nur ein weiterer Schritt zum gläsernen Menschen.

Meine Apps – diverse GPS-Applikationen, Karten- und Koordinaten-Software, einige Kameras und Bildbearbeitungsprogramme, sowie Fahrpläne, Telefonbücher und Blogsoftware – sagen dir, dass ich Freude an Natur, Bildern, schnell abrufbaren Infos und natürlich am Bloggen habe. Spiele?
Nö, hab ich keine, sage ich. Ich spiele lieber in echt.

Sag mal , kennst du …?  Musst du uuunbedingt mal … Und schon fangen wir an, die Vorteile unserer Apps aufzuzählen, als sprächen wir über Kinder. Oder als wäre wir selbst wieder welche. M.s fünfzehneinhalbjährige Tochter M. und deren Freundin C. werfen sich Blicke  in der Art von „die spinnen, die Erwachsenen“ zu.

M. liest von ihrem Display Zitate ab und stellt fest, dass ihre Sammlung männerlastig ist. Und ziemlich abgelutscht. Die wenige Frauen, die sie auf die Schnelle findet, sagen ebenfalls nichtssagendes. Ob das wohl besser ist, als gar nichts zu sagen?

P. sagt nicht nichts, sondern, dass er eigentlich gehofft hatte, dass ihm das iPhone helfen werde, Zeit zu sparen.
Träum weiter, sage ich. Zeit sparen ja, nur verplemperst du die gesparte Zeit mit dem Dingsda.

Du dachtest, du hättest vergessen

Die Autorin Leena Lehtolainen kannte ich bisher nur als Autorin der finnischen Krimis um die Kommissarin Maria Kallio. Darum hatte ich mir dieses Buch hier, „Du dachtest, du hättest vergessen“, wohl auch im Brockenhaus oder im Antiquariat geschnappt. Doch woher ich es habe, ist eigentlich egal. Es stand jedenfalls schon eine ganz Weile in meinem Bücherregal. Gestern, als ich ein bisschen aufräumte, fiel es mir in die Hand. Der Titel rührte mich, lebe ich doch zuweilen auch in der Illusion, dass Vergangenes vergangen ist und keine Schatten mehr in die Gegenwart werfen sollte.

Katja, die knapp dreißigjährige Hauptprotagonistin erzählt, wie sie nach der Beerdigung ihrer Großmutter auf einmal anfängt, zu hinterfragen, wie es denn damals wirklich war. All das Vergessengeglaubte. Vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren hatte ihr Onkel Rane seinen Vater im Suff erschlagen. Im Suff alle beide und über Vaters Tod war niemand sehr traurig gewesen. Im Gefängnis hatte Rane sich kurz darauf selbst umgebracht, was als Schuldeingeständnis galt. Zeugen gab es keine. Was war wirklich geschehen, damals, in jener Nacht?

Katja, ihr wenige Jahre jüngerer Bruder Kaitsu, Veikko, ihr Onkel, Sara, ihre Tante und Sirkka, ihre Mutter, erzählen abwechselnd, in Ich-Form, aus ihrem Alltag. Will heißen, als Leserin höre ich ihren Gedanken zu und erhalte so Einblick in ihr Leben und in ihre Gefühlswelt.

Katja, die es kaum schafft, ihren Platz in der Welt zu finden, noch immer an der Magisterarbeit als Musikwissenschaftlerin sitzt und Gesangsstunden nimmt, während Gleichaltrige bereits doktoriert haben, ertränkt und betäubt ihre Leere und ihre Beziehungsunfähigkeit mit Alkohol, Tabletten und Fressattacken. Ihr Bruder Kaitsu, dessen Internetfirma Konkurs gemacht hatte, bringt sich nun als Taxifahrer durch und ist vorübergehend wieder bei Sirkka untergekommen. Mit seiner Tablettensucht und einer latent aggressiven Intoleranz und seinem Zynismus wirkt er sehr unzufrieden. Auch er lässt, obwohl er offensichtlich sehr attraktiv ist, niemanden wirklich an sich heran. Der Vater der beiden ist kurz nach Kaitsus Geburt verschwunden. Was er im Leben wirklich will, weiß er selbst nicht. Dass seine Schwester und seine Tante Sara neuerdings wieder in den alten Geschichten wühlen, beunruhigt ihn trotz der Distanz zwischen ihm und den anderen.

Sara, die Femme fatale der Familie, als die sie sich gerne sieht und inszeniert, ist im Grunde eine suchende, tiefst unglückliche Frau, die sich nicht nur als Dramaqueen gibt, sondern auch als stets Hilfsbereite und Aufopferungsbereite. Im Grunde dreht sie sich jedoch nur um sich selbst. Die Beziehung zu ihren Geschwistern könnte kaum ambivalenter sein. Ihre Schwester Sirkka ist die nach außen hin Stabilste. Ihr wird nachgesagt, sie sei gefühlskalt. Vielleicht hat sie es einfach nur am besten geschafft, ihre Gefühle so zu handhaben, dass sie nicht mehr grübeln und nachdenken muss. Sie lenkt sich mit den Geschichten anderer ab und büßt die Verfehlungen ihres Lebens – zum Beispiel ihre Überforderung als junge Mutter – indem sie sich für ihren Sohn aufopfert. Als jedoch Sara eines Tages mit der Theorie kommt, sie beide und Katja seien vom Vater sexuell missbraucht worden, wird es Sirkka zu viel und sie distanziert sich von ihrer Schwester. Veikko, der mittlere Bruder, verschanzt sich gerne hinter seiner Intellektualität und Abgeklärtheit und seinem Zynismus. Als erfolgreicher Autor wirkt er unnahbar und kühl. Erst allmählich sehe ich als Lauscherin hinter seine Fassade.

Seltsamerweise sind die Antiheldinnen und -helden, die Lehtolainen hier zeichnet, am Anfang beinahe unsympathisch. Und alle irgendwie krank. Psychos. Leer und hoffnungslos. Ich schaue ihnen eine ganze Weile zu, bis ich anfange, mich in ihnen wiederzuerkennen. Meine eigenen Schräglagen spiegeln sich in ihren.

Ein Geschichte ist dann gut erzählt, las ich mal, wenn wir beim Lesen vergessen, auf die Worte und die Sprache zu achten. In der letzten Zeit hatte ich grad ein paar Bücher, ausgeliehene, die ich genau aus diesem Grund nicht  fertig lesen konnte. Die Sprache hielt mich auf, obwohl mich der Plot interessiert hätte.

Hier nun ist es genau umgekehrt, denn eigentlich geschieht hier nicht viel. Alltägliches nur. Hier mal ein Absturz, ein Vollrausch bei Katja, weil sie vor der ersten Vorlesung, die sie halten sollte, so nervös war, dort eine Eskalation zwischen Sara und Sirkka. Dann Kaitsu, der von einem Fahrgast verprügelt wird und Veikko, der einen kleinen Hund kauft. Alltägliches geschieht. Die Sprache, der Erzählstil ist in den Hintergrund gefallen. Als Zuschauende, als Lauschende, gehen wir einfach Schritt für Schritt weiter und Schicht um Schicht tiefer. Ein umfassender Kennenlernen geschieht, ein besseres Verstehen der Zusammenhänge und Beziehungen.

Eindringlich. Beklemmend. Keine leichte Kost jedenfalls.

Dissonanzen auch

Über das Lied wäre zu schreiben. Über mein Lied. Und dass jedes Wegstück, jedes Unterwegssein, ja Leben, im Grunde Suchen ist, ein Suchen nach meiner Melodie und nach dem Text meines Liedes. Wandernd geht es darum, meinen Rhythmus zu finden, meinen Takt. Ablenkungen ausblenden und einfach meinen Weg gehen. Suchen. Finden.

Doch gehe ich zu nahe bei andern Menschen, vor allem neben lauten, verliere ich mein Lied aus dem Sinn, weil es vom Lärm um mich her übertönt wird. Gehe ich jedoch neben Lieblingsmenschen, kann ich mein Lied trotz ihrer Melodien hören und mit summen. Hin und wieder muss ich aber, selbst wenn die liebsten Menschen neben wir gehen, Abstand nehmen, um mein Lied ein bisschen besser hören zu können. Ich will es zuweilen ohne Ablenkung hören. Es soll sich jetzt nicht mit den Liedern der andern vermischen. Alles zu seiner Zeit.

Bin ich allein, verinnerliche ich meine Melodie, damit ich sie, wenn ich mit anderen zusammen bin, nicht allzu schnell wieder verliere. Was leider immer noch hin und wieder geschieht. Wie schön, dass die Lieder meiner Lieblingsmenschen irgendwie ähnlich klingen wie meins. Unsere Lieder haben ähnliche Rhythmen, ähnliche Harmonien, Synkopen, Schräglagen, Dissonanzen. Gehen wir nebeneinander, verschmelzen die einzelnen Lieder zu einem gemeinsamen Lied. Daran lässt sich womöglich Freundschaft erkennen.

Doch letztlich, ja letztlich, ist jeder und ist jede ein Solist oder eine Solistin. Denn letztlich zählt nur das eigene Lied. Egoistisch? Nein, denn wer kann mein Lied singen, wenn nicht ich?

Wenn nicht hier, wo dann?

Kurz nach eins verlasse ich mein Büro. Wochenende. Für einmal wartet kein Fahrrad auf mich. Heute Morgen bin ich mit dem knallvollen Bus zur Hauptpost beim Bahnhof und zum dortigen Postfach gefahren, danach von dort mit dem zum Glück fast leeren Bus zurück ins Quartier. Das kommt pro Jahr höchstens ein bis zwei Mal vor und zwar einzig des Schnees wegen. Sogar ich begreife zuweilen, das bei Schnee Radfahren gefährlich ist. Zu schmal ist der Platz zwischen Autos, Tramschienen und Bordsteinkante. Gestern hat es den ganzen Tag geschneit. Fast ein halber Meter Schnee, der heute stündlich schmilzt.

Heute also, auf dem Heimweg, zu Fuß, da es ja nur 2 km sind, denke ich ans Pilgern und „meinen“ Pilger Irgendlink. Und wie gut mir das Gehen tut und dass ich mich, seit ich erkältet bin, zu wenig bewege. Immer noch muss ich heftig husten. Das Gehen auf der Allee tut gut. Ich halte inne, mache Bilder. Denke, dass ich eigentlich ständig etwas verpasse, wenn ich schneller als zu Fuß unterwegs bin. Nur schon mit dem Rad verpasse ich viele Eindrücke. Vor allem aber verpasse ich die Langsamkeit.

Ich denke mir mich in zig Variationen. Jede meiner Parallelwesen erlebt eine andere der vielen Möglichkeiten, die ich jeden Tag – was sage ich da? jede Stunde! – habe. Jede Möglichkeit ist ein Link zu einer andern Möglichkeit, zu einer anderen Welt.

Jedes meiner Parallelwesen wäre durch die jeweiligen Erfahrungen ein bisschen anders, ein bisschen anders weise, ein bisschen anders naiv, ein bisschen anders frech oder schüchtern oder traurig. Irgendwo und irgendwann, vielleicht auf der Ebene der Träume, fände eine tägliche, eine nächtliche, eine regelmäßige Synchronisation statt, ein Wissensaustausch, ein Transfer. Vielleicht sogar nicht nur mit all meinen eigenen Parallelwesen, vielleicht mit allem was lebt. Ein regelmäßiges Eintauchen in das kollektive Bewusstsein vielleicht. In die Weltenseele. In die Göttin-in-mir. In das Große Nichts.

So denke ich, während ich nach Hause spaziere und ein paar Bilder mitnehme.

Jetzt. Winkewinke, Frau Freihändig …

Und du, du oder du: was träumst du, wenn du gehst?

Mein Monster und ich II

Meine Schreibgruppe ist einfach toll. Ja, ich weiß, ich wiederhole mich, denn das sage ich an dieser Stelle nicht zum ersten Mal.

Gestern Abend hatte ich für einmal keinen Ausschnitt aus einem meiner Manuskripte mitgenommen, sondern meinen gestrigen Blogartikel über mein Monster und mich. Witzigerweise hatten auch alle andern für sie untypische Texte mitgenommen. A. hatte für einmal wunderbare Lyrik dabei, K. den Anfang einer sensibel verfassten Geschichte. Eine Frau auf der Suche nach mehr Leben. S. war mit dem Ausschnitt fiktiver Memoiren eines alten Mannes gekommen und H. brachte ein Märchen, eine vielschichtige Parabel mit, mit Fantasy-Touch natürlich. M. war textlos anwesend, einfach nur da, und tat uns mit seinen wohlwollendkritischen Inputs gut.

Wunderbare Texte allesamt, die mich staunen lassen über unsere Entwicklung in den letzten Jahren. Die Qualität unserer Texte ist sichtlich gestiegen und auch die Fähigkeit den eigenen Text und jene der anderen zu reflektieren.

Mich fasziniert jedes Mal, dass es immer wieder polarisierende Sequenzen gibt. Die einen mögen einen Satz wie „Der Schredder kotzt“, andere finden das Bild völlig unpassend. So werden wir Autorinnen und Autoren immer wieder auf unser eigenes Empfinden zurückgeworfen: Soll ich dies oder jenes ändern oder soll ich es lassen wie es ist?

Ich habe mir heute im Büro überlegt, den Text umzuschreiben, so wie ich das normalerweise mit den Texten tue, die ich mit meinen Schreibfreunden und –freundinnen besprochen habe. Denn das wäre ja eigentlich die Idee des Austausches – eine Qualitätsverbesserung. Dazu natürlich sich gegenseitig zu inspirieren und die Texte auf Schwachstellen abzuklopfen. Und herausfinden, was verstanden wird und wie. Auch sehen, was anders gemeint, anders verstanden wird. Wo habe ich möglicherweise die Absicht, unklar zu sein, damit die Lesenden selbst Bilder finden können?

Ich habe mich schließlich dafür entschieden, den Text nicht zu überarbeiten. Blogtexte haben es an sich, irgendwie roh zu sein. Roher als ein Roman. Damit vielleicht auch ein wenig authentischer, kantiger, unebener. Das darf sein. Bloggen ist eine neue Literaturform.

In meinem Text löste das Wort „Monster“ am meisten Diskussion aus. Müsste denn ein Monster nicht böser, fieser, schrecklicher sein als ich es hier darstelle? Gänzlich ohne jegliche guten Absichten wie mein nicht wirklich nettes, doch irgendwie mit positiven Ideen zu Werke gehendes Monster namens Dark. Darf ein Monster gute Ziele haben und hat die mein Monster?

Ich persönlich empfinde meins relativ wertfrei und gleichgültig außer dass es ein gutes Gespür für meine Ungereimtheiten hat. Und darum ist es auch sein einziges Bestreben, diese aufzudecken. ((Notiz an mich: Oder will Dark bloß, dass ich mich mitsamt meiner Ungereimtheiten akzeptiere?)) Wenn es mir seine berühmten W-Fragen stellt, dann keineswegs darum, weil es mich fertig machen will. Ich soll bloß nicht aufhören, hinzuschauen, sagt es. Und darum stellt es seine Fragen vor allem dann, wenn ich denkfaul zu werden drohe. Doch den Schmerz, der zum Hinschauen und Erinnern oft dazugehört, den macht nicht das Monster. Der Schmerz ist schon vorher dagewesen. Immer schon vielleicht und für immer. Wer weiß das schon?

Vermutlich haben also meine Schreibleute recht: Mein Monster ist nicht schrecklicher als ich und meine Abgründe und über mein Monster zu schreiben tut mir jedes Mal gut. Wozu also Angst vor dem Monster haben?

Mein Monster und ich

The Dark

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=rRk-qhv5-3U]

I don’t think I will manage to get out of this dark.

********************************************************************

Mein Monster hat viele Namen. Meistens nenne ich es Dark. Selbst nennt es sich am liebsten Dark Mirror.

Jenes von Kuno Lauener, Züri Wests Frontmann, wohnt ganz zuoberst im Dachstock in der winzigsten Kammer in seinem Schädel. Meins hält sich am liebsten irgendwo in meinen Landschaften zwischen Herz, Bauch und Kopf auf. Dort spaziert es umher wie ein guter alter Hauswart und sucht nach Schwachstellen. Mit einem Schraubschlüssel klopft es an den Leitungen. Wo ist etwas verstopft? Wo braucht es Reparaturen? Wo sind die lockeren Schrauben?

Mein Monster kennt all jene Fragen, auf die ich nie käme und auf die ich keine Antworten kenne. Mein Monster weiß um alle meine Abgründe, um alle Selbstbetrüge, um alle Scheinheiligkeiten und um all meine inkonsequenten Entscheidungen. Mein Monster führt mir vor Augen, dass ich keinen Deut besser bin als die andern. Keine Spur besser als jene, die ich ignorant nenne. Mein Monster weiß, dass ich zumeist mehr Angst vor der Angst selbst als vor realen Dingen habe. Es weiß, wie es mich behandeln muss, damit ich endlich das Karussell verlasse. Es weiß oft viel besser, was ich brauche, als ich selbst. Doch mein Monster ist alles andere als nett zu mir, es fasst mich weder mit Samthandschuhen an noch schont es mich vor unbequemen Erkenntnissen. Es schert sich keinen Deut darum, ob ich vor Schmerz schier platze. Gnadenlos zeigt es mir, wo ich stehe. Schonungslos hält es seinen Finger dorthin, wo es am meisten weh tut. Es weiß nicht nur besser, was ich brauche, es weiß vielleicht sogar besser als ich, wie ich überhaupt ticke, denn mein Monster und ich, wir kennen uns schon lange.

Das erste Mal wahrgenommen habe ich es wohl, wo ich die zwischenmenschlichen Games zu durchschauen begann. Wo ich begriff, was ich sagen müsste um dazuzugehören. Mein Monster ist Gewissen und ist Mentalcoach in Personalunion.

Wer war zuerst da?, fragte es mich heute Morgen stinkfrech, nachdem es mich bereits um vier Uhr früh geweckt hatte. Du oder ich?

Dass ich danach nicht mehr schlafen konnte, ist nur logisch. Nicht eben leise ging es hin und her, mit einer Taschenlampe bewaffnet zündete es in die allerletzten verstaubten Winkel und stellte eine Frage nach der anderen. W-Fragen mag es am liebsten. Morgens um vier wachzuliegen und W-Fragen gestellt zu bekommen, mag ich nicht wirklich. Morgens um vier will ich schlafen. Vielleicht sogar träumen, aber gewiss nicht mit Monstern Interviews führen, die mich eh nur in die Enge treiben. Die Monster ebenso wie die Interviews.

Am liebsten kratzt es alten Schorf auf. Oder von mir aus auch neuen Schorf von alten Wunden. Dem Schmerz und dem Monster ist das einerlei.

Warum tut erinnern noch immer so weh?, frage ich mich selbst, Stunden später im Büro. Kann vergangenes denn nicht endlich heilen, ruhen und in meinen Archive abgelegt werden? Oder gar geschreddert?
Ich sitze neben dem Schredder und verwandle Bewerbungskopien, die nicht mehr gebraucht werden, weil wir meine Nachfolgerin heute bestimmt haben. Wunderbare Verwandlung von Papier in feine Streifen. Ein technischer Geniestreich, die wichtigste Errungenschaft der Z(u)ivi(e)lisation. Eigentlich.

Hätte bloß diese Maschine sich nicht zum Ziel gesetzt, mir Geduld beizubringen. Vermutlich vergeblich. Mehr als drei, allerhöchsten vier Blätter frisst es nämlich nicht, das alte Teil. Und schiebe ich sie auch nur ein bisschen zu schief in seinen Schlund, frisst es einfach nicht mehr weiter und zwingt mich, den Rückwärtsknopf zu drücken. Die feinen Streifen kommen rückwärts. Der Schredder kotzt.

Übe dich in Geduld. Gib mir nicht zu viel aufs Mal, sagt er. Manchmal zwinkert er dabei ein bisschen.
Wie gut ich dich verstehe, du Ding! Wenn ich groß bin, werde ich Schredder.

Mein Monster und mein Schredder sollten sich echt mal zusammensetzen …

Am Brunnen der Gerechtigkeit

Dario:

„Wenn ich mich bloß erinnern könnte, was ich wollte. Ich sehne mich nach meiner Wohnung. Mein Kopf dröhnt. Alles ist weit weg. Die Weihnachtsbeleuchtung blendet. Ein Sankt-Niklaus steht vor dem Loeb und verteilt Mandarinen. Überall Lärm. Die Heilsarmee hat ihren großen Topf aufgestellt und singt schrecklich falsche Lieder. Wie Irrlichter wandern die Töne als schrille Farben durch meine Adern und stoßen meine Augenlider von innen an. Ich zwinkere, reibe die Augen. Sie brennen. Ich setze mich auf eine feuchte Bank, die jemand vom Schnee befreit hat.

Eine Liste. Habe ich nicht etwas aufgeschrieben? Ich muss wissen, warum ich hier bin, vorher gehe ich nicht nach Hause.

Ich stecke mir erneut eine Zigarette an und finde in meiner rechten Hosentasche einen zerknitterten Ausriss aus der Zeitung. Ich streiche den Fetzen glatt. Jetzt weiß ich es wieder! Ich wollte mir eine neue CD kaufen. Jetzt, wo ich die Richtung kenne, tragen mich die Füße von alleine. Weil ich die samstags dicht bevölkerte Marktgasse meiden will, überquere ich den Waisenhausplatz und nehme die Zeughausgasse. Ich überquere den Kornhausplatz und tauche ich die Gassen der Altstadt ein. Schottersteine unter Schnee. Den Kopf gesenkt, um den Schneeflocken auszuweichen, gehe ich vorwärts. Durch die Kreuzgasse gelange ich in die Gerechtigkeitsgasse. Kleine Geschäfte haben mir schon immer besser gefallen als große. Die liebsten sind mir jene, die im Keller sind. Durch die steilen Stufen gelangt man abwärts, gleichsam in eine andere Welt. Vor dem Gerechtigkeitsbrunnen bleibe ich stehen. Ich höre meinem Vater beim Deklamieren zu. Gebäude und Brunnen sind seine liebsten Objekte. Vielleicht weil sie stumm sind.

Ich starre zum blinden Engel hoch, der uns Gerechtigkeit vorgaukeln soll. Nein, falsch. Blind ist er nicht, seine Augen sind bloß verbunden. Das reicht. Außerdem ist er kein Engel und ist eine Sie. Die Gerechtigkeit höchstpersönlich. Die Waagschalen in ihrer linken Hand sind ausgeglichen, das Schwert in der rechten, dem Gleichgewicht zum Trotz, zum Zuschlagen bereit. Das Gesicht, jedenfalls das, was ich davon sehen kann, wirkt grimmig. Ich zeige dir, was Sache ist!

Das kann so nicht funktionieren. Bereits als Kind durchschaute ich das. Die Waage? Okay! Doch das Schwert? Und dazu mit Augenbinde! Wer hat sich diesen Bockmist bloß ausgedacht?

Obwohl es kalt ist, gehe ich an keinem Brunnen vorbei, ohne kurz meine Finger zu netzen, meine Hand über die Oberfläche gleiten zu lassen. Ich kratze ein bisschen Schnee zu einem Ball zusammen, lege ihn vorsichtig auf das Wasser und stupse ihn unter die Röhre. Die Eiszapfen, die aus dem Rohr hängen, glitzern, als wären sie aus einer anderen Welt. Bereits ist der Schneeball verschwunden. Einfach so. Weg. Geschmolzen. Das Gesetz des Stärkeren. Das Gesetz der Natur. Physik. Gerechtigkeit. Bla bla bla.“

aus: „Loch im Eis“, Roman von Sofasophia (und Copyright)

Tag Null – Shame on me, kollektiv.

Nach den heutigen, niederschmetternden Abstimmungsresultaten (siehe dazu meine kürzlich verfassten Artikel zur Ausschaffungsinitiative: Gegenvorschlag und Wir alle haben die Wahl) möchte ich mich am liebsten auch gleich ausschaffen. Ganz weit weg auswandern. Nicht mehr Schweizerin sein, jedenfalls.

Teil einer Gesellschaft zu sein, die eine Ausschafftungsinitiative lanciert und anschließend sogar mit einer guten Mehrheit durchbringt, ist doch einfach zum k… !

Ich schäme mich vor allen Ausländerinnen und Ausländern, die in der Schweiz leben, für meine MitschweizerInnen. Obwohl ich weiß, dass das niemandem etwas bringt. Ich hoffe sehr, dass es wieder – wie bei der letztjährigen Minarettinitiative – eine europaweite Schockreaktion geben wird und die Forderungen der Initiative schlussendlich so menschenrechteverletzend sind, dass sie nicht durchgesetzt werden können. Ich hoffe sehr, dass die Initiative an diesen nächsten Hürden scheitern wird. Wegen der ganzen Ungerechtigkeit, die in ihr steckt. Vor allem die Willkür ist es, die die Initiative so ungerecht und so unmenschlich ist.

Das ändert allerdings nichts daran, zu sehen, wie meine Mitmenschen denken. Oder jedenfalls die Mehrheit.
Wie weiter?

Dies hier habe ich fast genau vor einem Jahr, nach der Minarettinitiative-Abstimmung gebloggt: Quo vadis, Matrona Helvetia?

Lichtnahrung und so Sachen

Ich habe mich eben köstlich über einen Webtagebucheintrag von Luica Francia amüsiert. Über Lichtnahrung schreibt sie heute (hier klicken zum Lesen des Artikels luisa in bayern – 28.11.2010 um 09:46:33).

Dass es über das Thema Lichtnahrung nun sogar einen Film gibt („Am Anfang war das Licht“), habe ich vor ein paar Tagen mit einem befremdeten Stirnrunzeln in der Kulturagenda gelesen. Obwohl ich an unglaubliches glaube, nicht wirklich glaube und hinterfrage, was nur vordergründig sichtbar ist und gerne, wo immer möglich, hinter die Kulissen schaue und spüre und obwohl ich mich als spirituelles Wesen verstehe, gibt es im esoterischen und auch im christlichen und sonst wie religiösen Umfeld, Dinge, die ich schlicht nicht glauben will und als – neutral gesagt – pure Marketing-Ideen interpretiere. Als Scharlatanerie. Der Grat ist schmal und ich will nicht das Kind mit dem Bad ausschütten, natürlich. Und wohl möglich, dass ich da und dort der/m UrheberIn der jeweiligen Hype unrecht tue, doch bei der Lichtnahrung und meiner Skepsis zum Thema halte ich es mit Luisa:

„doch wahr ist: so gut wie alles, was in der vergangenheit für unmöglich gehalten wurde, ist mittlerweile möglich. wahr ist auch, dass wir unsere wirklichkeit nach unseren überzeugungen, unserem glauben gestalten. wahr ist, dass willenskraft fast alles bewirken kann. wahr ist: wir werden zum fressen konditioniert. dem kind wird schon im zarten alter die wiener wurst in den mund geschoben, der lutscher, das bonbon. jede krisenbewältigung läuft praktisch über essen oder trinken, rauchen oder sonstige orale befriedigungen. ich frage mich dennoch: warum soll man nicht essen, wo es doch eine so schöne und gesellige tätigkeit ist?“

(Quelle: siehe oben erwähnten Link).

Vielleicht stört mich bei der Theorie einer möglichen Lichtnahrung, diese ganze, esoterisch überzuckerte Geheimle(e)hre, denn da steckt eine große Portion Zynismus drin: Angesichts des Welthungers schweineteuere Seminare über Lichtnahrung anzubieten …  Na, ich weiß nicht.

Trotzallem glaube ich an eine Vierte Dimension, denn wie sagt Abbott so schön, den ich heute Vormittag zitiert habe:

„… ebenso wie es stimmt, dass ihr in Raumland tatsächlich eine unerkannte Vierte Dimension besitzt, welche zurzeit noch unbenannt ist.“