Countdown

Um zwölf. Im Zug nach Zürich Flughafen. Unglaublich ruhiges Abteil. Das lauteste hier drin ist mein Herz. Vorfreudig zappelt es mit dem Sekundenzeiger auf der Bahnhofsuhr um die Wette. Wie ich den Bürovormittag überstanden habe, ist mir ein Rätsel. Mich mit dem Scheff gezofft habe ich, und mich wieder versöhnt natürlich auch. Kollegin A. hat in der Pause eine richtig gute unweihnächtliche Weihnachtsgeschichte vorgelesen und wir haben viel gelacht. Und gearbeitet habe ich auch, nehme ich an. Autopilot aus, jetzt, Gegenwärtig-Leben-Modus ein.

Irgendlink schrieb, dass sein Rucksack ohne Futter, Wasser und Kamera nur 8,5kg gewogen habe. Super! Auch das Anbordgehen hat gemäß SMS wie geplant geklappt.

Nun liegt es nicht mehr an uns, sondern an Eisen und anderer Materie, die sich wunschgemäß von S und B nach Z verschieben soll, sowie an Wind, Wetter und Personal, ob alles so klappt, wie wir es uns erhoffen.

Schicksal?

Von Sonnwende, Wolfsstunde und dem Bloggen

Kurz vor drei bereits wieder erwacht, nachdem sich erst wenige Stunden vorher das vor Freude zappelnde Herz doch hatte herunter dimmen lassen. In zehn Stunden bin ich auf dem Zürcher Flughafen. Vielleicht schon (bald) in J.s Armen. Wieder klopft mein Herz bis in die Ohren. Die Stadt schläft. Die stillste Stunde der Nacht. Der längsten Nacht des Jahres. Als würde die Welt mit mir den Atem anhalten. Es ist jener Moment, in der die Meereswelle einen Nanosekundenbruchteil stehen bleibt, um gleich darauf sich selbst zu brechen.

Dieser winzige Punkt … Innehalten. Erstarren. Stillstand. Bewegungslosigkeit. Schließlich abstoßen, schließlich brechen: Wende. Neuanfang. Wieder längere Tage. Sonne und Licht.

Jetzt: das Dunkel. Einer Decke gleich, in die ich mich hülle. Ich und mein iFöun. Winzige Tasten. Große Gefühle. Herzklopfen. Müde Augen. Vorfreude, größer als meine Müdigkeit.

In ein paar Stunden wird die Trennung von fünf Wochen und zweieinhalb Tagen Erinnerung sein. Eine mehr.

Erinnerungen und Texte. Mails, SMS, Blogartikel. Wie viele auf winzigster und normaler Tastatur getippte Buchstaben, wie viele Wörter wir wohl getauscht haben, J. und ich? Die am Telefon gewechselten gar nicht mitgezählt. Sandkörner in der Ewigkeit eines kleinen Menschenlebens.

Wolfstunde: alles ist wahr und alles ist möglich. Dass Wörtern zu nachtschlafender Stunde Flügel wachsen ebenso wie dass die Sonne wieder scheinen wird. Später irgendwann.

Und falls mir Mister Sandman begegnet, werde ich ihn gewiss nicht von der Bettkante stoßen.

relativ

Wow, so groß, sagt Kollegin J. über meine Wohnung, die sie zwecks allfälliger Mietübernahme anschaut. Sie wohnt mit ihrem Freund in einer winzigen Einzimmerwohnung in der Länggasse. Ohne Backofen, ohne Balkon. Und dennoch so reich wie Hans im Glück.

Ich weiß nicht recht, sagt sie, vielleicht ist sie mir doch zu groß?, sagt sie, während sie sich umschaut. Ich könnte mich glatt verirren. Wie sollte ich sie ausfüllen?

Schnitt.

Letzter Samstagabend. Das letzte Tram hat mich unweit meiner Wohnung ausgespuckt. Seit wir Tram im Quartier haben, sind wir AußerholligerInnen richtig mondän geworden und können ohne Umsteigen bis Saali und Ostring fahren. Ungefähr da war ich an jenem Abend. Bei A. und M., die im Murifeld eine wunderbare große Altwohnung bewohnen. Ich meine: wirklich groß. Groß und sehr sparsam möbliert. Zum Verirren. Ich meine: wirklich zum Verirren. Wo ist gleich das Klo und wie komme ich danach wieder ins Wohnzimmer zurück? Großer Flur, hohe Decken, Stuck.

Ausgespuckt vom Tram nun die Treppe hoch. Die Wohnung aufgeschlossen. Wie klein sie ist. Wie behaglich und gemütlich, wie vertraut. Mein Kokon, aus dem ich bald schlüpfen werde. Die Flügel aufklappen. Weiterfliegen.

Memory II

Sein oder nicht sein.

Materie oder Nicht-Materie.

Könnte ich doch all den Kram, an den ich mein Herz gehängt und womit ich meine Wohnung gefüllt habe, komprimieren und am neuen Wohnort später einfach wieder entpacken! Ein Zip-Programm für all die Terrabytes an Materie, die hier rumlungern – wieso hat das bloß noch niemand erfunden? Oder wie wäre es wohl damit, alle meine vielen lieben Dingerchen, die sich in mein Leben geschlichen haben, einfach zu fotografieren und dann zu entsorgen? Fotos brauchen weniger Platz. Ein paar Gigabytes auf der Festplatte und fertig ist …

Dann könnte ich alle meine vielen Steine zurück in die Natur bringen. Alte Postkarten und Briefe würden ins Altpapier wandern. Bücher ins Brockenhaus. Die Kisten im Keller mit noch mehr Briefen und dem Kleinkram vergangener Leben und Lieben würde ich in die Mulde kippen und meine vielen CDs könnte ich verschenken, habe ja eh alle digitalisiert. Wie viel einfacher wäre mein Umzug in drei Monaten! Wie viel einfacher das Packen!

Ob sich wohl beim Angucken der Bilder das gleiche Gefühl einstellen würde, wie wenn ich diesen ganz besonderen Stein, den ich an jenem ganz besonderen Nachmittag mit einem ganz besonderen Menschen zusammen an einem ganz besonderen Fluss gefunden habe, in der Hand halte und ihn spüre? Seine Kühle, seine Form, seine Farbe. Gefunden. Ich ihn, er mich. Komprimierbar? Leider nicht. Erinnerungen – ein Rätsel, das ich noch immer nicht gelöst habe. So tief wie sie sitzen, kein Wunder!

Ich werde sieben müssen. Zwei große Siebe wünsche ich mir. Eins in meinem Kopf und eins in meinem Herz. Doch solcherlei zu installieren wird nicht einfach sein, ich weiß.

Luxusprobleme? Ja, ich weiß … doch wer bin ich ohne das, was ich habe?

to have or not to have …

Noch mehr Grenzen

Die Haut zum Beispiel. Grenze zwischen innen und außen. Wird sie verletzt, blute ich. Piekse ich einen anderen Menschen, blutet dieser ebenfalls. Materielle Grenzen sind einfach gezogen, schnell definiert. Meine Wohnung. Mein Auto. Mein Büro. Gezogen im Kopf. Definierter Besitz.

Höre ich Grenze, assoziiere ich Respekt.

Gestern Abend, zum Glühwein bei meinen Freunden M. und A. habe ich von der Schneeballtheorie erzählt, die ich mir mal zusammengereimt habe. Oder habe ich darüber bloß irgendwo gelesen? Möglicherweise. Vielleicht in meinem eigenen Tagebuch? Auch möglich. Item.

Grenzen wäre demnach das erste Wort, das ich in die Mitte schreibe. Auf ein großes Blatt Papier. Das erste Wort gebärt zwei neue Wörter, die mit dem ersten sinnverwandt sind. Respekt, wie gesagt, das erste und Kontrolle – als Beispiel – das zweite. Nun weiter: Respekt gebärt auf meinem Blatt Papier Rücksicht und Sorgfalt. Kontrolle gebärt Angst und Druck. Und so weiter. Kannst es ja gleich selbst machen. Ein Wörterschneeball, der immer grösser wird. Am Schluss haben die Wörter, die ganz außen kleben nichts mehr mit dem Innendrin-Wort zu tun.

Grenzen. Die Materie macht es sich einfach, sie verdichtet sich und ist sichtbar begrenzt. Schwieriger ist es da mit den nichtmateriellen Grenzen, diffus wie sie nun mal sind.

Um Schutz geht es letztendlich, wenn wir Grenzen sagen, rätsle ich. Schutz gebärt die zwei Wörter Selbstschutz und Gefahr. Der Schneeball wächst.

Warum wir uns vor anderen schützen müssen? Eine Aufgabe, die mancher Mutter, manchem Vater Kopfzerbrechen bereitet.

Warum gibt es böse Männer?, habe ich damals gefragt. Ein Mädchen war verschwunden, keins, das ich gekannt hatte, doch keine hundert Kilometer entfernt, in meinem Alter, und alle Eltern alarmiert. Später, als es tot gefunden worden war – vergewaltigt, wenn ich mich richtig erinnere –, wuchs der Erklärungsnotstand ins Unermessliche.

Selbstschutz gebärt Verletzungen und Wachsamkeit.

Mein Leben, so schrieb ich eben in einer Mail, mein Leben ist wohl heute eine Mischung aus Selbstbestimmung und Fatalismus.

Und jedes Wort gebärt zwei neue Wortkinder. Fatal vielleicht.

Haut gebärt heute die beiden Wörter Berühren und Streicheln. Auch nicht schlecht.

Noch dreimal schlafen, flüstere ich mir zu. Noch dreimal schlafen, bis J. wieder da ist. Insch’allah.

Wie wird Mensch Mensch?

Human. Ein Wort mit Synonymen wie warm- oder barmherzig, mitfühlend, gutherzig, gütig. Außerdem freundlich und gut. Und, wen wundert‘s?,  menschlich. Nein, eine philosophische Abhandlung will ich nicht liefern, nur ein paar Sofasophien …

Vor paar Tagen war Freundin C. bei mir. Little-F. natürlich mit dabei. Schon beinahe sechszehn Monate alt ist der kleine Kerl inzwischen. Und neugierig. Kindliche Neugier ist etwas vom schönsten und etwas vom anstrengendsten. Wir mögen uns, Little-F. und ich. C. meinte, dass er längst nicht bei allen so viel lache und Kapriolen und Grimassen mache. Welche Ehre!, sage ich und verneige mich vor dem kleinen Mann. Wir lachen. C. und ich überlegen, wie ein Kind wohl neue Wörter lernt. Fragen uns, wie Wörter verknüpft und gefüllt werden, die zwar ja gesellschaftlich definierte Inhalte haben, von uns allen jedoch oft recht unterschiedlich eingefärbt sind. Wörter lernen ist eins, sie verstehen ein anderes. Ein Wort ist wie ein Weg, denke ich. Je öfter ich ihn gehe, desto vertrauter wird er mir. Irgendwann kenne ich seine Kurven. Er lenkt mich und gibt mir seine Form vor, damit ich ihn nutzen kann.

Ich nicke übertrieben heftig mit dem Kopf und sage dazu Ja, ja zu Finn. Der Kleine nickt mit und grinst. Ich schüttle den Kopf und sage Nein, nein. Er schüttelt ebenfalls den Kopf. Später will er mein iPhone schnappen und ich sage nein, worauf er den Kopf schüttelt und grinst. Doch das iPhone schnappt er sich dennoch. Die Körpersprache hat er zwar gelernt, doch was das Wort heißt, will er nicht verstehen. Obwohl … ich bin sicher dass er es kennt. Denn das erste Wort, das wir Menschen lernen – und zugleich, wie ich vor einiger Zeit gelesen habe, auch das erste Wort, dass wir bald wieder verlernen müssen, weil wir sonst nicht überleben könnten – heißt nein.

Ja sagen ist einfacher. Es öffnet Türen.

Human werden, Mensch werden. Kommt ein Kind empathiefähig zur Welt oder gestalten sich diese Fähigkeiten im Laufe des Lebens? Eine Frage, über die es haufenweise Theorien gibt. Ich habe zwar meine, doch das lassen wir.

Vorhin im Wald: Vor mir eine Mutter mit zwei Kindern. Sie zieht den Holzschlitten mit beiden Kids drauf. Das Mädchen, kleiner, vielleicht dreijährig, purzelt rückwärts. Nicht schlimm. Es steht auf. Der Junge, etwas fünf oder sechs Jahre alt, will nun den Schlitten ziehen. Eine Weile macht er es richtig gut. Dann wird er übermütig, was ich ihm nicht verargen kann. Er zieht seine Schwester im Slalom. Eine Weile sind beide glücklich. Dann wird er grob, er macht eckige, grobe Kurven und erwürgt seine Schwester beinahe mit dem Seil, der Schlitten kippt seitlich um, das Mädchen liegt im Schnee. Nein, es weint nicht, will sich keine Blöße geben. Der Bub grinst hämisch, ein bisschen böse. Die Mutter sagt nur scharf nein und schaut den Jungen direkt an. Er wendet beschämt seinen Blick ab und hilft seiner Schwester wieder auf die Beine. Ob aus Angst oder Einsicht ist nicht auszumachen.

An dieser Stelle habe ich die Familie überholt. Grenzen, denke ich beim Weitergehen, Kinder brauchen Grenzen. Wir brauchen Grenzen.  Mensch können wir nur werden im begrenzten Raum. Grenzenlosigkeit erzeugt egoistische Selbstüberschätzung.

Erst wenn wir Grenzen haben und dazu Kenntnis, Weisheit, Erfahrung und Werkzeug, können wir sie auftun.

Luxus und so Sachen

Bevor ich mich an meine weitere Überarbeitungsarbeit am Loch im Eis mache, die ich zurzeit mit disziplinierter Konsequenz oder konsequenter Disziplin betreibe und vor Mittwoch abschließen will, fällt mir mein Blog mal wieder ein, das verwaiste. Fast verwaiste, jedenfalls.

Natürlich habe ich es nicht vergessen. Im Alltag denke ich ständig: Das blogge ich. Dies muss ich in Worte gießen. Das muss ich mir merken. Aber eben.

Die Zeit. Die Konzentration. Die Tagesform. Die Disziplin. Die Faulheit. Alles Faktoren, die je nach Verhältnis zueinander und von ihrer Position innerhalb der Gleichung dafür sorgen, dass das Produkt gleich Null ist. Ist eigentlich egal, wenn ich nicht blogge. Ja, wenn dann genau noch dieser Gedanke dazu kommt, kann nix entstehen, kann kein Gedanke Text werden.

„Meine Ideen können gar nicht alle aus meine meinem Kopf raus“, sagt Patrick Zeller. Hab ich heute in einem Interview über den vielseitigen Musiker gelesen. In der Kulturagenda vom 16. – 22.12. Das seien allerdings Luxusprobleme, fügt er gleich an.

Ja, recht hat er, denke ich. Realistisch betrachtet sind die meisten Themen, über die wir uns den Kopf zerbrechen, sogar die meisten Probleme, die wir lösen oder zumindest wälzen, eben dies: Luxusprobleme. Ihre Lösung oder Nichtlösung bedroht weder unser Leben noch unsere Gesundheit. Vielleicht bereitet das eine oder andere Unannehmlichkeiten, kleine Einschränkungen, ein bisschen Stress, Herzschmerz oder was weiß ich. Und ob ich etwas davon blogge oder nicht, geht 99,99999% der Menschheit am A… vorbei.

Ist Schreiben und Bloggen, ist Kunst und Kultur Luxus?, frage ich mich und lese weiter in der Kulturagenda. Auf der gleichen Seite finde ich einen Klartext von Thomas Beck. Es geht um die kulturelle Frühförderung.

Ich zitiere: „Erstens haben Kinder nach einem Jahr Musikunterricht einen Intelligenzquotienten, der acht bis neun Punkte höher ist als ohne Musiktraining. Zweitens: Kinder mit Musikunterricht haben ein besseres verbales Gedächtnis. Drittens: Musizierende Kinder können komplizierte Sätze besser verstehen. (…) Leistung, sagt Lutz Jäncke, sei immer ein Produkt von „Wollen mal Können mal Möglichkeit“: Ist ein Faktor gleich null, sei auch das Resultat gleich null. Kinder also, die keine Gelegenheit haben, mit Kunst in Kontakt zu kommen, sind damit von den vielfältigen positiven Sekundäreffekten ausgeschlossen. Kulturelle Bildung ist wahrlich kein „Nice to have“. Ich frage mich vielmehr, wie lange wir es uns noch leisten können, durch eine zu geringe Stimulierung kindlicher Gestaltungslust in der Schule kreative Potenziale ungenutzt zu lassen. Potenziale, die die Gesellschaft der Zukunft auf allen Ebenen so nötig hätte. Das ist die wahre Ressourcenproblematik hinter der kurzsichtigen Finanzdebatte.“ (Zitat Ende. Kursivsetzung durch mich).

Hat da wer was von Luxusproblemen gesagt?

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EDIT: Heute, es ist der 19.12. 2010, bei Luisa Francia auf salamandra.de ein ganz besonderes Plädoyer für Kunst gefunden:

„wie muss es menschen gehen, deren kindheit eingeschlossen ist in alltagsabläufe und wirklichkeitsvorstellungen, die mit dem eigenen leben absolut nichts zu tun haben! mich hat nicht widerstand befreit, sondern die konsequente treue zu meinen eigenen bildern, meinen überzeugungen, meinen wahrnehmungen. kunst hat mein leben gerettet.“

Quelle: Luisas Internettagebuch-Eintrag vom 19.12.2010 um 12:34:25

(Kursivsetzung durch mich.)

am gleichen Tisch

Frau Machbar und Frau Schicksal saßen zusammen am gleichen Tisch. Wie immer am Dienstag. Gar wichtiges hatten sie zu besprechen.

Was mischst du dich aber auch immer in die Angelegenheiten der anderen ein?, fragte Frau Machbar ihre Nachbarin nicht zum ersten Mal, wohlwissend, dass die anderen ihre Frage nicht beantworten würde. Was sag ich da der andern? Die ganze Welt mischst du auf! Wenn ich etwas nicht verstehen kann, dann dich.

Und du erst?, entgegnete Frau Schicksal. Du redest den Menschen ein, dass sie alles selbst in der Hand haben. Dass sie an ihrem Wohl und Weh selbst Schuld oder von mir aus Unschuld haben. Dass sie das Geschick der ganzen Erde lenken können. Selbst Schicksal spielen. So kann das nicht mehr weitergehen.

Es klopft an die Türe. Beide stehen auf und gehen in den Flur. Frau Machbar öffnet die Türe. Draußen steht Frau Serendipität. Sie kichert verlegen.
Verzeiht, ihr beiden, meine Verspätung zu unserem Kaffeekränzchen. Ich hatte zu tun. Ganz unvorhergesehen. Ungeplant, wie immer, ihr wisst schon. Musste ein klein bisschen nachhelfen. Sie grinst. Ach übrigens, habt ihr eigentlich Großmütterchen Vorsehung heute nicht eingeladen? Sie sitzt auf der Bank unten auf dem Hof an der Sonne und klatscht fortwährend in die Hände. Genau so, genau so, flüstert sie mit strahlenden Augen.

Betreten schauen Frau Schicksal und Frau Machbar aus dem Fenster und begreifen, dass sie ihre Kollegin einmal mehr vergessen haben.

Niemand anders

Oder vielleicht besser: Nur ich allein. Warum? Weil! Es gibt niemanden anders, der für mich tun kann, was nur ich für mich tun kann. Und nur ich selbst kann mich wirklich motivieren, es auch zu tun. Alles was ich tue, tue ich im Grunde, weil ich es tun will. Mit dem Lassen ist es gleich. Ich tue und lasse etwas, weil ich mich dafür entschieden habe. Bewusst oder unbewusst.

Andern zuliebe Dinge tun, die mir gegen den Strich gehen, funktioniert in der Regel bei mir nicht. Vor ungefähr zwölf Jahren – was, schon so lange? – habe ich meinem damaligen Lover zuliebe aufgehört zu rauchen. Nach dem ich mich ein paar Monate später von ihm getrennt hatte, fing ich wieder an. Heute rauche ich nicht mehr. Seit mehr als anderthalb Jahren bereits. Aufgehört habe ich ganz unspektakulär. Fast beiläufig. Mir zuliebe.

Nur so, nur ganz allein aus dieser Motivation, kann uns gelingen, was uns wirklich wichtig ist. Die wichtigste Treue ist jene unserem Herz gegenüber. Nur ich kann für mich tun, was nur ich für mich tun kann. Wie gesagt. Ein Gedanke, der mich im Zusammenhang mit Irgendlinks Pilgerreise oft besucht.

Immer wieder behaupte ich ihm und anderen gegenüber, dass ich nicht pilgern könnte. Dass ich nicht mit so vielen Leuten im gleichen Raum schlafen könnte, zum Beispiel. Und vor allem könnte ich nicht morgens in mitten so vieler Leute herum wuseln, Morgenmuffelin ich. Horror, nur schon daran zu denken. Gänsehaut. Und größte Bewunderung denen gegenüber, die das können. Den einen fällt das eine leicht, anderen anderes. Banal. Wieso sollte ich mich zu etwas zwingen, das anderen leicht fällt? Mir fällt dafür anderes leicht, worüber sich jene den Kopf zerbrechen oder zwei linke Hände dafür haben.

Ich muss ja auch nicht pilgern, flüstere ich mir zu. Ich habe meinen eigenen Weg. Meinen Alltagscamino. Ob der einfacher ist? Hier.

Und vielleicht – eines Tages, später, irgendwann – werde ich auch pilgern. Wenn ich will. Falls ich will. Obwohl. Ich tus ja schon. Hier. Und du und du und du auch.

untauglich

Alle alten Texte, durch
die ich mich blättere, taugen
nicht. Nähren nicht. Nicht
jetzt. Will keine alten
Geschichten lesen. Jetzt nicht. Ich
suche nach Worten, finde
Konserven. Was ich
brauche, jetzt, sind Worte wie
frisches Gemüse. Wie jener
Traum heute Nacht. Der Traum vom
Meer. Es sei
das Rote, sagt jemand im
Off. Mir egal. Nur
wichtig, dass ich da durch
muss. Es gibt keinen anderen Weg auf
die andere Seite. Neues Land.
Tief ist es zwar nicht, das
Wasser, doch ich trage Kleider und die
Wellenberge sind drei
wildschäumende Meter hoch. Oder noch
mehr. Mehr Meer
als ich je gesehen habe.
Und ich gehe.
Gehe barfuß mittendurch. Jedes
Mal rechtzeitig unter-
wandere ich eine hinter mir ein-
brechende Welle. In trockenen
Kleidern erreiche ich das Ufer
im neuen Land. Nein, alte Texte taugen
nicht. Nicht
immer. Nicht
jetzt und nicht
hier.