Mein Garten und deiner auch

Obstbäume wären sie, meine Talente. Deine auch. Vielleicht Zwetschgenbaum, dass du super malen kannst. Und Kirschenbaum, wie gut du dein Wissen über Geometrie oder Kochen an Banausen vermitteln kannst. Deine Geduld sei ein Nussbaum und dein Humor ein Orangenbaum.

Alle unsre Bäume tragen Früchte. Darum schenke ich dir ein paar von meinen. Wenn du willst. Und dir und dir auch. Und du gibst mir von deinen welche ab. Danke, wie schön!

Ich setze die Samen deiner Früchte in meinem Obstgarten. Dort einen Orangenkern, da drüben Apfel- und Birnenkerne und hier einige Nüsse. Die einen Kerne keimen und wachsen zu stattlichen Bäumen, anderes keimt zwar, wächst aber nicht an, weil ich zu gießen vergaß. So verschrumpelt es eines Tages. Und drittes passt einfach nicht zur Erde meines Gartens, bleibt Kern und zerfällt eines Tages. Oder es wird von Würmern verschlungen.

So stattlich der eine oder andere Baum auch wächst, so fad und klein sind womöglich seine Früchte. Erst veredelt mit einem deiner Äste wachsen Jahr für Jahr immer schönere, saftigere Früchte.

Dennoch: Kompost alles, das eine früher, anderes später.

möglicherweise?

Wenn ich groß bin, werde ich … Diesen Satz denke ich auch heute, wo ich doch groß genug zum groß sein wäre, immer mal wieder. Je nach Tagesform lautet die zweite Satzhälfte dein Kissen (wie heute Nacht zum Beispiel) oder was anderes geistreiches.

Dass ich jedoch eines Tages spontan als zweiten Satzteil ganz viel reisen denke, überrascht mich denn doch selbst, glaubte ich doch, diesen Virus vor ein paar Jahren – wegen unerfreulicher Erfahrungen – für immer aus meinem Leben verstoßen zu haben. Zu mühselig und schmerzhaft waren meine Erlebnisse gewesen. Meine Schwedenreise vor anderthalb Jahren läutete jedoch eine neue Epoche ein und die Reisen mit Irgendlink im Laufe dieses Jahres reanimierten meinen Reisevirus gänzlich.

Da fangen wir beiden Spinnerlinge heute Morgen beim Kaffee im Bett doch auf einmal über schwedische Fernwanderwege zu reden an! Internet liefert auch gleich schon Tipps, Routenvorschläge, Bilder und füttert somit mein Fernweh gleich noch mehr.

Wäre es doch schon Frühling, Sommer, seufze ich mit Blick auf den Neuschnee draußen. Trotzdem strahle ich vor mich hin. Vorfreude fließt durch meine Adern wie eine Droge. Ist sie wohl auch. Mein Sonnelachen zieht meine Mundwinkel nach oben, jenes Lächeln und Lachen, das ganz tief aus meiner Mitte kommt. Das Mondlachen nenne ich dagegen jenes Lachen, das ein mir geschenktes Sonnelachen reflektiert. So ist gemeinsames Lachen ein Perpetuum mobile. Ähnlich der Kreativität, die sich stetig selbst erneuert. Schräg und grad treffen aufeinander und schubsen sich laufend an. Das Pendel kann nie stillstehen.

So trifft Idee auf andere Idee, gebärt neue Idee und so ist nix was schon war, immer schon dagewesen und das Nichtsneues (unter der Sonne) wird zu einer Neumontage aller alten Sonnenbilder. Auch der ganzen diesseitigen Welt vielleicht. Zumindest der Perspektiven derselben. Und vielleicht – aber dies nur ganz leise geflüstert – ist alt ein Synonym für neu?

Wenn ich einmal groß bin, werde ich alt und neu, jung und alt, hier und dort Seiende, Reisende, Weise, Närrin. Klein und groß.

Und so groß bin ich jetzt schon.

Die Wahrheit über Sünde und Sühne

In der einen Schale der Waage lagern wir all das, was nicht so ist, wie wir es uns gewünscht haben. Die bösen Worte etwa, die wir sagen, wenn uns jemand unter Druck setzt. Oder waren es Gedanken? Gedanken nur? Es war ja auch nicht böse gemeint, das weißt du doch? Dennoch liegt es in der Waagschale. Mit all den andern Dingen, die zwischen Soll und Ist stehen. Nicht wenig. Ablasshandel war schon immer ein gutes Geschäft – heute nicht weniger als früher!

Die zweite Waagschale, um Ausgleich bemüht – was auch die erste wohl genauso anstrebt –, hortet gute Taten, gute Worte und gute Gedanken. Der Balken in der Mitte heißt Gewissen. Gute Einrichtung irgendwie. Simple Rechnerei führt zur Erkenntnis, dass wer nichts Böses tut, auch nichts Gutes tun muss. Am besten also Nichtstun? Da aber Müßiggang auch als Sünde geahndet wird, kann das auch nicht funktionieren. Nicht Nichtstun ist Tun. Sobald wir jedoch etwas tun, füllen wir eine der beiden Waagschalen und der Stress geht von vorne los. Eine ganze Gesellschaft in der Ablasshandelsschule? Dazu ein dicker Ablasshandlungen-Versandkatalog.

Was da wohl hilft? Vermutlich nur eins: Pilgern!

😉

Schicksal?

Superpünktlich ist das Flugzeug gelandet, das mir meinen Liebsten zurück gebracht hat. Auch das Ausladen ging schnell. So kam es, dass er mich statt ich ihn erwartete. Auch schön – und wie!

Was ich bloggen würde, falls ich heute bloggen würde. fragte mich Irgendlink beim Spätstück. Hm, sagte ich, vielleicht nur ein einziger Satz: ich bin so glücklich!

Nun ja, das wäre dann doch ein bisschen simpel und würde dem Ganzen kaum gerecht. Glück und Glücklichsein sind so vielschichtig und auch so ganz persönlich.

Nachts das ruhige Atmen zu hören, wenn ich kurz aufwache. Die vielen Gespräche. Die vertraute berührende Nähe. Gerüche. Praktische Dinge wie gemeinsames Kochen (ja, auch Spülen …) oder Wäsche aufhängen.

Sind dies die Puzzleteile für Glück? Heute ja. Ein paar. Ein Ausschnitt. Wir sind immer mehr, als das, was wir sehen, mehr auch als das, was wir fühlen. Mehr auch als alles, was wir denken. Und noch viel mehr als die Summe all dessen.

Glück ist vielmehr. Und immer nur gegenwärtig.

Countdown

Um zwölf. Im Zug nach Zürich Flughafen. Unglaublich ruhiges Abteil. Das lauteste hier drin ist mein Herz. Vorfreudig zappelt es mit dem Sekundenzeiger auf der Bahnhofsuhr um die Wette. Wie ich den Bürovormittag überstanden habe, ist mir ein Rätsel. Mich mit dem Scheff gezofft habe ich, und mich wieder versöhnt natürlich auch. Kollegin A. hat in der Pause eine richtig gute unweihnächtliche Weihnachtsgeschichte vorgelesen und wir haben viel gelacht. Und gearbeitet habe ich auch, nehme ich an. Autopilot aus, jetzt, Gegenwärtig-Leben-Modus ein.

Irgendlink schrieb, dass sein Rucksack ohne Futter, Wasser und Kamera nur 8,5kg gewogen habe. Super! Auch das Anbordgehen hat gemäß SMS wie geplant geklappt.

Nun liegt es nicht mehr an uns, sondern an Eisen und anderer Materie, die sich wunschgemäß von S und B nach Z verschieben soll, sowie an Wind, Wetter und Personal, ob alles so klappt, wie wir es uns erhoffen.

Schicksal?

Von Sonnwende, Wolfsstunde und dem Bloggen

Kurz vor drei bereits wieder erwacht, nachdem sich erst wenige Stunden vorher das vor Freude zappelnde Herz doch hatte herunter dimmen lassen. In zehn Stunden bin ich auf dem Zürcher Flughafen. Vielleicht schon (bald) in J.s Armen. Wieder klopft mein Herz bis in die Ohren. Die Stadt schläft. Die stillste Stunde der Nacht. Der längsten Nacht des Jahres. Als würde die Welt mit mir den Atem anhalten. Es ist jener Moment, in der die Meereswelle einen Nanosekundenbruchteil stehen bleibt, um gleich darauf sich selbst zu brechen.

Dieser winzige Punkt … Innehalten. Erstarren. Stillstand. Bewegungslosigkeit. Schließlich abstoßen, schließlich brechen: Wende. Neuanfang. Wieder längere Tage. Sonne und Licht.

Jetzt: das Dunkel. Einer Decke gleich, in die ich mich hülle. Ich und mein iFöun. Winzige Tasten. Große Gefühle. Herzklopfen. Müde Augen. Vorfreude, größer als meine Müdigkeit.

In ein paar Stunden wird die Trennung von fünf Wochen und zweieinhalb Tagen Erinnerung sein. Eine mehr.

Erinnerungen und Texte. Mails, SMS, Blogartikel. Wie viele auf winzigster und normaler Tastatur getippte Buchstaben, wie viele Wörter wir wohl getauscht haben, J. und ich? Die am Telefon gewechselten gar nicht mitgezählt. Sandkörner in der Ewigkeit eines kleinen Menschenlebens.

Wolfstunde: alles ist wahr und alles ist möglich. Dass Wörtern zu nachtschlafender Stunde Flügel wachsen ebenso wie dass die Sonne wieder scheinen wird. Später irgendwann.

Und falls mir Mister Sandman begegnet, werde ich ihn gewiss nicht von der Bettkante stoßen.

relativ

Wow, so groß, sagt Kollegin J. über meine Wohnung, die sie zwecks allfälliger Mietübernahme anschaut. Sie wohnt mit ihrem Freund in einer winzigen Einzimmerwohnung in der Länggasse. Ohne Backofen, ohne Balkon. Und dennoch so reich wie Hans im Glück.

Ich weiß nicht recht, sagt sie, vielleicht ist sie mir doch zu groß?, sagt sie, während sie sich umschaut. Ich könnte mich glatt verirren. Wie sollte ich sie ausfüllen?

Schnitt.

Letzter Samstagabend. Das letzte Tram hat mich unweit meiner Wohnung ausgespuckt. Seit wir Tram im Quartier haben, sind wir AußerholligerInnen richtig mondän geworden und können ohne Umsteigen bis Saali und Ostring fahren. Ungefähr da war ich an jenem Abend. Bei A. und M., die im Murifeld eine wunderbare große Altwohnung bewohnen. Ich meine: wirklich groß. Groß und sehr sparsam möbliert. Zum Verirren. Ich meine: wirklich zum Verirren. Wo ist gleich das Klo und wie komme ich danach wieder ins Wohnzimmer zurück? Großer Flur, hohe Decken, Stuck.

Ausgespuckt vom Tram nun die Treppe hoch. Die Wohnung aufgeschlossen. Wie klein sie ist. Wie behaglich und gemütlich, wie vertraut. Mein Kokon, aus dem ich bald schlüpfen werde. Die Flügel aufklappen. Weiterfliegen.

Memory II

Sein oder nicht sein.

Materie oder Nicht-Materie.

Könnte ich doch all den Kram, an den ich mein Herz gehängt und womit ich meine Wohnung gefüllt habe, komprimieren und am neuen Wohnort später einfach wieder entpacken! Ein Zip-Programm für all die Terrabytes an Materie, die hier rumlungern – wieso hat das bloß noch niemand erfunden? Oder wie wäre es wohl damit, alle meine vielen lieben Dingerchen, die sich in mein Leben geschlichen haben, einfach zu fotografieren und dann zu entsorgen? Fotos brauchen weniger Platz. Ein paar Gigabytes auf der Festplatte und fertig ist …

Dann könnte ich alle meine vielen Steine zurück in die Natur bringen. Alte Postkarten und Briefe würden ins Altpapier wandern. Bücher ins Brockenhaus. Die Kisten im Keller mit noch mehr Briefen und dem Kleinkram vergangener Leben und Lieben würde ich in die Mulde kippen und meine vielen CDs könnte ich verschenken, habe ja eh alle digitalisiert. Wie viel einfacher wäre mein Umzug in drei Monaten! Wie viel einfacher das Packen!

Ob sich wohl beim Angucken der Bilder das gleiche Gefühl einstellen würde, wie wenn ich diesen ganz besonderen Stein, den ich an jenem ganz besonderen Nachmittag mit einem ganz besonderen Menschen zusammen an einem ganz besonderen Fluss gefunden habe, in der Hand halte und ihn spüre? Seine Kühle, seine Form, seine Farbe. Gefunden. Ich ihn, er mich. Komprimierbar? Leider nicht. Erinnerungen – ein Rätsel, das ich noch immer nicht gelöst habe. So tief wie sie sitzen, kein Wunder!

Ich werde sieben müssen. Zwei große Siebe wünsche ich mir. Eins in meinem Kopf und eins in meinem Herz. Doch solcherlei zu installieren wird nicht einfach sein, ich weiß.

Luxusprobleme? Ja, ich weiß … doch wer bin ich ohne das, was ich habe?

to have or not to have …

Noch mehr Grenzen

Die Haut zum Beispiel. Grenze zwischen innen und außen. Wird sie verletzt, blute ich. Piekse ich einen anderen Menschen, blutet dieser ebenfalls. Materielle Grenzen sind einfach gezogen, schnell definiert. Meine Wohnung. Mein Auto. Mein Büro. Gezogen im Kopf. Definierter Besitz.

Höre ich Grenze, assoziiere ich Respekt.

Gestern Abend, zum Glühwein bei meinen Freunden M. und A. habe ich von der Schneeballtheorie erzählt, die ich mir mal zusammengereimt habe. Oder habe ich darüber bloß irgendwo gelesen? Möglicherweise. Vielleicht in meinem eigenen Tagebuch? Auch möglich. Item.

Grenzen wäre demnach das erste Wort, das ich in die Mitte schreibe. Auf ein großes Blatt Papier. Das erste Wort gebärt zwei neue Wörter, die mit dem ersten sinnverwandt sind. Respekt, wie gesagt, das erste und Kontrolle – als Beispiel – das zweite. Nun weiter: Respekt gebärt auf meinem Blatt Papier Rücksicht und Sorgfalt. Kontrolle gebärt Angst und Druck. Und so weiter. Kannst es ja gleich selbst machen. Ein Wörterschneeball, der immer grösser wird. Am Schluss haben die Wörter, die ganz außen kleben nichts mehr mit dem Innendrin-Wort zu tun.

Grenzen. Die Materie macht es sich einfach, sie verdichtet sich und ist sichtbar begrenzt. Schwieriger ist es da mit den nichtmateriellen Grenzen, diffus wie sie nun mal sind.

Um Schutz geht es letztendlich, wenn wir Grenzen sagen, rätsle ich. Schutz gebärt die zwei Wörter Selbstschutz und Gefahr. Der Schneeball wächst.

Warum wir uns vor anderen schützen müssen? Eine Aufgabe, die mancher Mutter, manchem Vater Kopfzerbrechen bereitet.

Warum gibt es böse Männer?, habe ich damals gefragt. Ein Mädchen war verschwunden, keins, das ich gekannt hatte, doch keine hundert Kilometer entfernt, in meinem Alter, und alle Eltern alarmiert. Später, als es tot gefunden worden war – vergewaltigt, wenn ich mich richtig erinnere –, wuchs der Erklärungsnotstand ins Unermessliche.

Selbstschutz gebärt Verletzungen und Wachsamkeit.

Mein Leben, so schrieb ich eben in einer Mail, mein Leben ist wohl heute eine Mischung aus Selbstbestimmung und Fatalismus.

Und jedes Wort gebärt zwei neue Wortkinder. Fatal vielleicht.

Haut gebärt heute die beiden Wörter Berühren und Streicheln. Auch nicht schlecht.

Noch dreimal schlafen, flüstere ich mir zu. Noch dreimal schlafen, bis J. wieder da ist. Insch’allah.

Wie wird Mensch Mensch?

Human. Ein Wort mit Synonymen wie warm- oder barmherzig, mitfühlend, gutherzig, gütig. Außerdem freundlich und gut. Und, wen wundert‘s?,  menschlich. Nein, eine philosophische Abhandlung will ich nicht liefern, nur ein paar Sofasophien …

Vor paar Tagen war Freundin C. bei mir. Little-F. natürlich mit dabei. Schon beinahe sechszehn Monate alt ist der kleine Kerl inzwischen. Und neugierig. Kindliche Neugier ist etwas vom schönsten und etwas vom anstrengendsten. Wir mögen uns, Little-F. und ich. C. meinte, dass er längst nicht bei allen so viel lache und Kapriolen und Grimassen mache. Welche Ehre!, sage ich und verneige mich vor dem kleinen Mann. Wir lachen. C. und ich überlegen, wie ein Kind wohl neue Wörter lernt. Fragen uns, wie Wörter verknüpft und gefüllt werden, die zwar ja gesellschaftlich definierte Inhalte haben, von uns allen jedoch oft recht unterschiedlich eingefärbt sind. Wörter lernen ist eins, sie verstehen ein anderes. Ein Wort ist wie ein Weg, denke ich. Je öfter ich ihn gehe, desto vertrauter wird er mir. Irgendwann kenne ich seine Kurven. Er lenkt mich und gibt mir seine Form vor, damit ich ihn nutzen kann.

Ich nicke übertrieben heftig mit dem Kopf und sage dazu Ja, ja zu Finn. Der Kleine nickt mit und grinst. Ich schüttle den Kopf und sage Nein, nein. Er schüttelt ebenfalls den Kopf. Später will er mein iPhone schnappen und ich sage nein, worauf er den Kopf schüttelt und grinst. Doch das iPhone schnappt er sich dennoch. Die Körpersprache hat er zwar gelernt, doch was das Wort heißt, will er nicht verstehen. Obwohl … ich bin sicher dass er es kennt. Denn das erste Wort, das wir Menschen lernen – und zugleich, wie ich vor einiger Zeit gelesen habe, auch das erste Wort, dass wir bald wieder verlernen müssen, weil wir sonst nicht überleben könnten – heißt nein.

Ja sagen ist einfacher. Es öffnet Türen.

Human werden, Mensch werden. Kommt ein Kind empathiefähig zur Welt oder gestalten sich diese Fähigkeiten im Laufe des Lebens? Eine Frage, über die es haufenweise Theorien gibt. Ich habe zwar meine, doch das lassen wir.

Vorhin im Wald: Vor mir eine Mutter mit zwei Kindern. Sie zieht den Holzschlitten mit beiden Kids drauf. Das Mädchen, kleiner, vielleicht dreijährig, purzelt rückwärts. Nicht schlimm. Es steht auf. Der Junge, etwas fünf oder sechs Jahre alt, will nun den Schlitten ziehen. Eine Weile macht er es richtig gut. Dann wird er übermütig, was ich ihm nicht verargen kann. Er zieht seine Schwester im Slalom. Eine Weile sind beide glücklich. Dann wird er grob, er macht eckige, grobe Kurven und erwürgt seine Schwester beinahe mit dem Seil, der Schlitten kippt seitlich um, das Mädchen liegt im Schnee. Nein, es weint nicht, will sich keine Blöße geben. Der Bub grinst hämisch, ein bisschen böse. Die Mutter sagt nur scharf nein und schaut den Jungen direkt an. Er wendet beschämt seinen Blick ab und hilft seiner Schwester wieder auf die Beine. Ob aus Angst oder Einsicht ist nicht auszumachen.

An dieser Stelle habe ich die Familie überholt. Grenzen, denke ich beim Weitergehen, Kinder brauchen Grenzen. Wir brauchen Grenzen.  Mensch können wir nur werden im begrenzten Raum. Grenzenlosigkeit erzeugt egoistische Selbstüberschätzung.

Erst wenn wir Grenzen haben und dazu Kenntnis, Weisheit, Erfahrung und Werkzeug, können wir sie auftun.