kalte Hände

Rutscht mir ungefragt dieses neue Wort heraus, wie ich mit liebstem Irgendlink der Kälte draußen entflohen vor dem warmen Holzofen hocke. Wie wir da so beieinander sitzen, unsere kalten Hände wärmen und über die Perspektiven reden, die zuweilen die Sicht vernebeln. Schneewehen im Kopf. Zurechtschlimmen sage ich da. Schneewehen ums Herz. Blick hinaus fast unmöglich geworden. So habe ich mir mal wieder die Welt zurechtgeschlimmt. Alles weiß-grau. Einer dieser Tage eben. Ausgerechnet der erste des neuen Jahres. Eisiger Tag. Einer jener, an denen ich mir nicht vorstellen kann, dass jemals wieder Frühling wird. Wo ich zweifle, ob es je wieder ein Doch-wieder-weitergehen geben könnte. Schneewehen, wie gesagt. Und Nebel, Kälte innendrin. Zurechtsgeschlimmte Welt. Da weiß man, was man hat. Guten Abend. Immerhin.

Zurechtschönen tut da schon weniger weh.

Illusion beides. Illusion alles. Leere. Und Fülle ebenso.

Meine Biofestplatte, die voller und voller wird. Mit all dem Leerlauf und all den Überflüssen da und dort.Vielleicht werden wir deshalb je älter desto vergesslicher? All die Wörter, all die Gedanken, all die Erlebnisse, Erfahrungen, Verletzungen, Heilungen, Wunden und Glücksmomente – sie brauchen Platz. Leerraum. Knapper Raum. Defragmentieren wäre nicht schlecht. Und löschen. Oder reparieren.

Zurechtrücken statt zurechtschlimmen.

ohne Worte

Wie gut es war, zu Fuß zu U. und N. zu gehen. Und zurück erst recht. Kurz bevor ich wieder nach Bern fahren muss, schenkt uns der Himmel zum Abschiedsgruß ein Sonnelachen vom Feinsten!

Jeder Abschied ist irgendwie ein Neuanfang.
Und jeder Sonnenuntergang eine Verheissung.

aus alt mach neu

Alles schon dagewesen. Das entjungferte neue Jahr präsentiert sich uns grau und verkatert wie wir gestern auf Geocache-Suche durch die Dörfer fahren. Überall liegt Müll. Vorwiegend Müll von Feuerwerkskörpern. In der Schweiz, so doziere ich, gibt es professionelle Feuerwerke und die werden an ausgewählten Orten inszeniert und recycelt. Oder zumindest fachgerecht entsorgt. So was wie hier – ich zeige dramatisch auf den nächsten Müllhaufen am Straßenrand – gibt es bei uns nicht. So schöne ich mir zuweilen meine Welt zurecht. Jenseits des Zaunes ist ja immer alles besser. Doch letztlich ist alles eine Frage der Perspektive.

Jahr für Jahr erliege ich der Illusion, Altlasten im alten Jahr belassen zu können. Ängste vor all dem Unabsehbaren, das auf mich wartet, zum Beispiel, Sorgen auch und all das ganze Zöix, das alt und neu auf meinem Schlauch liegt. Aber nein, kaum habe ich den unvermeidlichen Schritt ins Neue Jahr getan, ist dieser alte Müll auch schon mitgehüpft. Lässt sich denn das Ganze nicht irgendwie sinnvoll recyceln? Oder müsste das alles nicht gar zum Sondermüll?

Das ewige Hamsterrad von Werden und Vergehen. Wie Leben wohl wäre, wenn wir Zugriff zu unserer persönlichen delete-Taste hätten? Wäre ich so und hier wie jetzt? Und du? Und wäre es anders besser?

Jahresanfang auf den einsamen Gehöft …

Panorama aus dem Irgendlinkschen Küchenfenster, am 2. Januar.
Was so ein bisschen Sonne doch ausmacht?

knöcheltief

Auf Cachetour. Auf dem Rückweg – es dämmert bereits und den Cache haben wir nur dank meiner Stirnlampe gefunden und loggen können –, kürzen wir ab. Statt wie auf dem Hinweg der arschglatten Straße zu folgen, gehen wir wortwörtlich querfeldein. Durch knöcheltiefen Schnee. Ein absehbares Stück. Ich folge Irgendlink.

Ich habe die Wahl zwischen dem Gehen in seinen Fußstapfen, was zwar einfacher zum Schreiten ist, mir aber längere Schritte als meine üblichen abverlangt, oder aber ich gehe im eigene Takt, muss mich dazu jedoch mehr anstrengen um Fuß für Fuß jeweils wieder aus der nassen knöchel- bis knietiefen Schneematschpampe zu heben.

Mal tue ich das eine, mal das andere. Und wie im richtigen Leben bin ich froh, in der Kälte und Dunkelheit nicht allein zu sein.

tiefgekühlt

Mein Herz wie schockgefroren. Diese
Zeit zwischen den Jahren ist
mir diesmal, als sei ich zwischen die Zeilen
gefallen. Ohne Netz. Freier Fall irgend-
wie. Ohne Strom. Ausgefallen.
Eingefroren. Die Anspannung und
Anstrengung der letzten Monate ver-
dichtet sich in Nichts. Fällt wie ein
Schneeball, an die Wand geworfen,
auseinander. Zurück
bleibt ein Klecks Brackwasser.
Ich. Oder nicht. Um erneut im
Wasserkreislauf mit zu fließen. Ein-
mal mehr.

Mein Garten und deiner auch

Obstbäume wären sie, meine Talente. Deine auch. Vielleicht Zwetschgenbaum, dass du super malen kannst. Und Kirschenbaum, wie gut du dein Wissen über Geometrie oder Kochen an Banausen vermitteln kannst. Deine Geduld sei ein Nussbaum und dein Humor ein Orangenbaum.

Alle unsre Bäume tragen Früchte. Darum schenke ich dir ein paar von meinen. Wenn du willst. Und dir und dir auch. Und du gibst mir von deinen welche ab. Danke, wie schön!

Ich setze die Samen deiner Früchte in meinem Obstgarten. Dort einen Orangenkern, da drüben Apfel- und Birnenkerne und hier einige Nüsse. Die einen Kerne keimen und wachsen zu stattlichen Bäumen, anderes keimt zwar, wächst aber nicht an, weil ich zu gießen vergaß. So verschrumpelt es eines Tages. Und drittes passt einfach nicht zur Erde meines Gartens, bleibt Kern und zerfällt eines Tages. Oder es wird von Würmern verschlungen.

So stattlich der eine oder andere Baum auch wächst, so fad und klein sind womöglich seine Früchte. Erst veredelt mit einem deiner Äste wachsen Jahr für Jahr immer schönere, saftigere Früchte.

Dennoch: Kompost alles, das eine früher, anderes später.

möglicherweise?

Wenn ich groß bin, werde ich … Diesen Satz denke ich auch heute, wo ich doch groß genug zum groß sein wäre, immer mal wieder. Je nach Tagesform lautet die zweite Satzhälfte dein Kissen (wie heute Nacht zum Beispiel) oder was anderes geistreiches.

Dass ich jedoch eines Tages spontan als zweiten Satzteil ganz viel reisen denke, überrascht mich denn doch selbst, glaubte ich doch, diesen Virus vor ein paar Jahren – wegen unerfreulicher Erfahrungen – für immer aus meinem Leben verstoßen zu haben. Zu mühselig und schmerzhaft waren meine Erlebnisse gewesen. Meine Schwedenreise vor anderthalb Jahren läutete jedoch eine neue Epoche ein und die Reisen mit Irgendlink im Laufe dieses Jahres reanimierten meinen Reisevirus gänzlich.

Da fangen wir beiden Spinnerlinge heute Morgen beim Kaffee im Bett doch auf einmal über schwedische Fernwanderwege zu reden an! Internet liefert auch gleich schon Tipps, Routenvorschläge, Bilder und füttert somit mein Fernweh gleich noch mehr.

Wäre es doch schon Frühling, Sommer, seufze ich mit Blick auf den Neuschnee draußen. Trotzdem strahle ich vor mich hin. Vorfreude fließt durch meine Adern wie eine Droge. Ist sie wohl auch. Mein Sonnelachen zieht meine Mundwinkel nach oben, jenes Lächeln und Lachen, das ganz tief aus meiner Mitte kommt. Das Mondlachen nenne ich dagegen jenes Lachen, das ein mir geschenktes Sonnelachen reflektiert. So ist gemeinsames Lachen ein Perpetuum mobile. Ähnlich der Kreativität, die sich stetig selbst erneuert. Schräg und grad treffen aufeinander und schubsen sich laufend an. Das Pendel kann nie stillstehen.

So trifft Idee auf andere Idee, gebärt neue Idee und so ist nix was schon war, immer schon dagewesen und das Nichtsneues (unter der Sonne) wird zu einer Neumontage aller alten Sonnenbilder. Auch der ganzen diesseitigen Welt vielleicht. Zumindest der Perspektiven derselben. Und vielleicht – aber dies nur ganz leise geflüstert – ist alt ein Synonym für neu?

Wenn ich einmal groß bin, werde ich alt und neu, jung und alt, hier und dort Seiende, Reisende, Weise, Närrin. Klein und groß.

Und so groß bin ich jetzt schon.

Die Wahrheit über Sünde und Sühne

In der einen Schale der Waage lagern wir all das, was nicht so ist, wie wir es uns gewünscht haben. Die bösen Worte etwa, die wir sagen, wenn uns jemand unter Druck setzt. Oder waren es Gedanken? Gedanken nur? Es war ja auch nicht böse gemeint, das weißt du doch? Dennoch liegt es in der Waagschale. Mit all den andern Dingen, die zwischen Soll und Ist stehen. Nicht wenig. Ablasshandel war schon immer ein gutes Geschäft – heute nicht weniger als früher!

Die zweite Waagschale, um Ausgleich bemüht – was auch die erste wohl genauso anstrebt –, hortet gute Taten, gute Worte und gute Gedanken. Der Balken in der Mitte heißt Gewissen. Gute Einrichtung irgendwie. Simple Rechnerei führt zur Erkenntnis, dass wer nichts Böses tut, auch nichts Gutes tun muss. Am besten also Nichtstun? Da aber Müßiggang auch als Sünde geahndet wird, kann das auch nicht funktionieren. Nicht Nichtstun ist Tun. Sobald wir jedoch etwas tun, füllen wir eine der beiden Waagschalen und der Stress geht von vorne los. Eine ganze Gesellschaft in der Ablasshandelsschule? Dazu ein dicker Ablasshandlungen-Versandkatalog.

Was da wohl hilft? Vermutlich nur eins: Pilgern!

😉

Schicksal?

Superpünktlich ist das Flugzeug gelandet, das mir meinen Liebsten zurück gebracht hat. Auch das Ausladen ging schnell. So kam es, dass er mich statt ich ihn erwartete. Auch schön – und wie!

Was ich bloggen würde, falls ich heute bloggen würde. fragte mich Irgendlink beim Spätstück. Hm, sagte ich, vielleicht nur ein einziger Satz: ich bin so glücklich!

Nun ja, das wäre dann doch ein bisschen simpel und würde dem Ganzen kaum gerecht. Glück und Glücklichsein sind so vielschichtig und auch so ganz persönlich.

Nachts das ruhige Atmen zu hören, wenn ich kurz aufwache. Die vielen Gespräche. Die vertraute berührende Nähe. Gerüche. Praktische Dinge wie gemeinsames Kochen (ja, auch Spülen …) oder Wäsche aufhängen.

Sind dies die Puzzleteile für Glück? Heute ja. Ein paar. Ein Ausschnitt. Wir sind immer mehr, als das, was wir sehen, mehr auch als das, was wir fühlen. Mehr auch als alles, was wir denken. Und noch viel mehr als die Summe all dessen.

Glück ist vielmehr. Und immer nur gegenwärtig.