Königin für einen Tag?

King For A Day? Bobby Conn lässt grüßen.

Heute Vormittag fuhr ich mit der hehren Absicht ins Büro, in der Pause kurz in die nahe Bäckerei zu radeln und einen Dreikönigskuchen für unser heutiges kleines Büroteam zu holen. Kaum angelangt, offenbart unser aller Scheff uns, dass er in der Pause in die Bäckerei gehe um einen Kuchen zu holen. Soll er doch, denke ich, so habe ich mehr Zeit zum … Na, ihr wisst schon. Adressen updaten. Muss ja auch mal sein.

Später schließlich Pause. Kollegin A., die letztes Jahr Königin war, weil sie sich zielsicher auf das von mir angepeilte Stück, in dem ich den König wusste, ahnte, dachte, gestürzt hatte, ließ uns andern heute den Vortritt.

Bildquelle: http://gesalzen-gepfeffert.ch/schweiz_02.html

Kollegin M., die keinerlei Ambitionen hatte, erwischte prompt ein königloses Stück. Ich liebäugelte mit einem Stück auf der mir abgewandten Seite. Ja, da ist bestimmt der König drin! Bestimmt. Ich wusste es. Wie letztes Jahr.

Und, was tue ich? Ich nehme ein anderes Stück. Natürlich. Nach mir nimmt der Scheff das Mittelstück, verzichtet so zwar auf den potentiellen König, aber bekommt dafür am meisten Kuchen ab. Und was tut Kollegin A.? Ja, sie nimmt „mein“ verschmähtes Stück. Und wird wieder Königin.

Was sagt das über mich aus?, kritzle ich nach der Pause schnell auf ein Post-it, bevor ich weiter Adressen update. Wissen, wo der König ist, ihn aber nicht nehmen.

Für eine Antwort hat es nicht gereicht. Antworten und kluge Gedanken verdunsten eh alle im Laufe des Tages. Werden von den Wellen des Tages hinweg gespült und gehen zu Grunde. Da liegen sie dann und gammeln vor sich hin. Die einen werden womöglich zu Perlen und geraten vielleicht sogar eines Tages in die Hände einer Schatzsucherin.

Mag sein, dass ich auch schon Perlen anderer ans Licht geholt und sichtbar gemacht habe.

Alles nur Recycling …

kurzsichtig

In der Frühstückspause mal wieder politisiert. Über Obama und dass sich Politik erst langfristig oder gar im Nachhinein als positiv oder negativ offenbart. Und schon diskutieren wir den Palästinakonflikt rauf und runter. Wir fragen uns, ob Menschen, wenn sie immer nur Krieg und Elend sehen, gar nicht anders können, als selbst irgendwie aggressiv zu werden, destruktiv zu denken und entsprechend zu handeln. Oder dass sie zumindest kaum eine Chance haben, anders zu sein, anders zu reagieren. Selbst zu agieren. (Notiz an mich: Wie war das gleich mit den Anlagen, die wir mit auf die Welt bringen? Wir haben immer die Wahl? Wirklich?)

Kollegin A. erzählte daraufhin von einer Performance, die sie miterlebt hat. Ein junger Mann aus Palästina (oder Israel?) war aufgetreten und hatte seine Saxophon-Soli mit Bombengetöse ab Tonträger untermalt. Oder hatte er vielmehr die Bombengeräusche mit seinem Saxophonspiel untermalt?

In diesem Geräuschteppich sei er groß geworden, habe er anschließend erzählt, sagt A.. Bereits als Kind habe er so sein Gehör geschult und schon von weitem gehört, wie weit weg eine Bombe entfernt war und welchem Typus sie angehörte. So wie westliche Kinder zuweilen Autos am Bremsgeräusch erkennen. Sein Wiegenlied waren die Bomber gewesen, sie hatten ihn zu seiner Musik inspiriert. Überlebensstrategie.

Das Problem vom Palästinakrieg sitzt in den Köpfen, sage ich.

Nicht nur jenes vom Palästinakrieg. Die Ursache von allen Konflikten, sagt mein Scheff.

Es geht um Recht haben, stärker sein und scheinbare, nach unserem Sinn interpretierte Gerechtigkeit durchsetzen zu wollen. Letztlich also um die leidige Angst zu kurz zu kommen. Alles im Kopf. Alles konditioniert, denke ich. Gebrannte Kinder wir alle.

Wo wären wir, wenn es keine Kriege gäbe?, frage ich. Nicht zum ersten Mal, dass ich dies denke und hier niederschreibe. Wir Hilfswerk-Mitarbeitenden müssten wohl auf Kurzarbeitszeit umstellen, wenn es auf einmal keine Kriege mehr gäbe und keine Flüchtlinge mehr an Land gespült würden.

Doch auch die vielen Reichen, die ihr Geld dank Waffenindustrie erworben haben, müssten zurückstecken, sagt Kollegin A.

Kurzsichtigkeit ist wohl die größte Falle, politisch ebenso wie zwischenmenschlich. Dumm nur, dass wir sie – kurzsichtig wie wir sind – nicht sehen können.

Ich setze mich wieder an meine PC und die Arbeit an der Datenbank, die ich bis nächsten Dienstag auf Vorderfrau bringen soll. Toller Job, juhuuu. Nur noch dreihundert Adressen muss darf ich überprüfen. Freude herrscht ;-(

Dass ich für eine Adresse mit sämtlichen vorzunehmenden oder zu überprüfenden Vernetzungen um die drei Minuten im Durchschnitt brauche, habe ich heute schwarz auf weiß berechnet.

Kurzsichtig? Tut mir leid, dass ich es zurzeit nicht schaffe, weitsichtige Texte zu weben. Ich sehe grad nur den nächsten Schritt vor mir … das muss genügen.

Fallmaschen II

Meine (Sehn-)Sucht nach schönen Erlebnissen, nach Schönheit, nach heilsamen Erfahrungen ist es, die mich immer wieder stolpern lässt. Stolpern über die Alltagshässlichkeiten. Wobei natürlich alles eine Frage der Sichtweise ist. Und der Wertung.

Ich ertappe mich, wie ich gerne an vergangenen, schönen Erlebnissen andocke. Ich baue mir ein früher erlebtes Setting neu auf, um vergangenes ins Jetzt zu transponieren. Ich sehne mich zum Beispiel an einem bestimmten Ort nach genau diesen Menschen von damals, was sich genau so und so anfühlte und mir damals so gut getan hat. Ort kann durch Musikstück oder Film oder was auch immer ersetzt werden. Nicht ganz ungefährlich, diese Illusion der Wiederholbarkeit! Damit öffne ich Enttäuschungen eins ums andere Mal Tür und Tor.

Ohne Wertung und ohne Erwartung keine Enttäuschung – eine einfache Gleichung. Am besten, ich höre also damit auf, vom Leben und anderen Menschen, Ereignissen und Orten etwas zu erwarten und fange endlich damit an, zu leben.

Leben lässt sich nicht hamstern. Lebenszeit lässt sich nicht konservieren, klauen, schenken, verschenken und festhalten.

und dies noch …

Die Bloggosphähre hat Nachwuchs bekommen, denn meine liebe Freundin U. alias Li Ssi hat vor ein paar Wochen ihr virtuelles Café eröffnet, das Café WeltenAll

Heute hier und jetzt bei ihr einen meiner Lieblingstexte von Beuys wiedergefunden und mich riesig darüber gefreut …

„Lass Dich fallen.

Lerne Schlangen zu beobachten.

Pflanze unmögliche Gärten (…)“

Joseph Beuys

Be crazy!!!

kalte Hände

Rutscht mir ungefragt dieses neue Wort heraus, wie ich mit liebstem Irgendlink der Kälte draußen entflohen vor dem warmen Holzofen hocke. Wie wir da so beieinander sitzen, unsere kalten Hände wärmen und über die Perspektiven reden, die zuweilen die Sicht vernebeln. Schneewehen im Kopf. Zurechtschlimmen sage ich da. Schneewehen ums Herz. Blick hinaus fast unmöglich geworden. So habe ich mir mal wieder die Welt zurechtgeschlimmt. Alles weiß-grau. Einer dieser Tage eben. Ausgerechnet der erste des neuen Jahres. Eisiger Tag. Einer jener, an denen ich mir nicht vorstellen kann, dass jemals wieder Frühling wird. Wo ich zweifle, ob es je wieder ein Doch-wieder-weitergehen geben könnte. Schneewehen, wie gesagt. Und Nebel, Kälte innendrin. Zurechtsgeschlimmte Welt. Da weiß man, was man hat. Guten Abend. Immerhin.

Zurechtschönen tut da schon weniger weh.

Illusion beides. Illusion alles. Leere. Und Fülle ebenso.

Meine Biofestplatte, die voller und voller wird. Mit all dem Leerlauf und all den Überflüssen da und dort.Vielleicht werden wir deshalb je älter desto vergesslicher? All die Wörter, all die Gedanken, all die Erlebnisse, Erfahrungen, Verletzungen, Heilungen, Wunden und Glücksmomente – sie brauchen Platz. Leerraum. Knapper Raum. Defragmentieren wäre nicht schlecht. Und löschen. Oder reparieren.

Zurechtrücken statt zurechtschlimmen.

ohne Worte

Wie gut es war, zu Fuß zu U. und N. zu gehen. Und zurück erst recht. Kurz bevor ich wieder nach Bern fahren muss, schenkt uns der Himmel zum Abschiedsgruß ein Sonnelachen vom Feinsten!

Jeder Abschied ist irgendwie ein Neuanfang.
Und jeder Sonnenuntergang eine Verheissung.

aus alt mach neu

Alles schon dagewesen. Das entjungferte neue Jahr präsentiert sich uns grau und verkatert wie wir gestern auf Geocache-Suche durch die Dörfer fahren. Überall liegt Müll. Vorwiegend Müll von Feuerwerkskörpern. In der Schweiz, so doziere ich, gibt es professionelle Feuerwerke und die werden an ausgewählten Orten inszeniert und recycelt. Oder zumindest fachgerecht entsorgt. So was wie hier – ich zeige dramatisch auf den nächsten Müllhaufen am Straßenrand – gibt es bei uns nicht. So schöne ich mir zuweilen meine Welt zurecht. Jenseits des Zaunes ist ja immer alles besser. Doch letztlich ist alles eine Frage der Perspektive.

Jahr für Jahr erliege ich der Illusion, Altlasten im alten Jahr belassen zu können. Ängste vor all dem Unabsehbaren, das auf mich wartet, zum Beispiel, Sorgen auch und all das ganze Zöix, das alt und neu auf meinem Schlauch liegt. Aber nein, kaum habe ich den unvermeidlichen Schritt ins Neue Jahr getan, ist dieser alte Müll auch schon mitgehüpft. Lässt sich denn das Ganze nicht irgendwie sinnvoll recyceln? Oder müsste das alles nicht gar zum Sondermüll?

Das ewige Hamsterrad von Werden und Vergehen. Wie Leben wohl wäre, wenn wir Zugriff zu unserer persönlichen delete-Taste hätten? Wäre ich so und hier wie jetzt? Und du? Und wäre es anders besser?

Jahresanfang auf den einsamen Gehöft …

Panorama aus dem Irgendlinkschen Küchenfenster, am 2. Januar.
Was so ein bisschen Sonne doch ausmacht?

knöcheltief

Auf Cachetour. Auf dem Rückweg – es dämmert bereits und den Cache haben wir nur dank meiner Stirnlampe gefunden und loggen können –, kürzen wir ab. Statt wie auf dem Hinweg der arschglatten Straße zu folgen, gehen wir wortwörtlich querfeldein. Durch knöcheltiefen Schnee. Ein absehbares Stück. Ich folge Irgendlink.

Ich habe die Wahl zwischen dem Gehen in seinen Fußstapfen, was zwar einfacher zum Schreiten ist, mir aber längere Schritte als meine üblichen abverlangt, oder aber ich gehe im eigene Takt, muss mich dazu jedoch mehr anstrengen um Fuß für Fuß jeweils wieder aus der nassen knöchel- bis knietiefen Schneematschpampe zu heben.

Mal tue ich das eine, mal das andere. Und wie im richtigen Leben bin ich froh, in der Kälte und Dunkelheit nicht allein zu sein.

tiefgekühlt

Mein Herz wie schockgefroren. Diese
Zeit zwischen den Jahren ist
mir diesmal, als sei ich zwischen die Zeilen
gefallen. Ohne Netz. Freier Fall irgend-
wie. Ohne Strom. Ausgefallen.
Eingefroren. Die Anspannung und
Anstrengung der letzten Monate ver-
dichtet sich in Nichts. Fällt wie ein
Schneeball, an die Wand geworfen,
auseinander. Zurück
bleibt ein Klecks Brackwasser.
Ich. Oder nicht. Um erneut im
Wasserkreislauf mit zu fließen. Ein-
mal mehr.