sozusagen …

… grundlos vergnügt

Ich freu‘ mich, dass am Himmel Wolken ziehen
Und dass es regnet, hagelt oder schneit.
Ich freu‘ mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Dass Amseln flöten, und dass Immen summen,
Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen,
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen,
Dass Spatzen schwatzen und dass Fische schweigen.

Ich freu‘ mich, dass der Mond am Himmel steht
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehen.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehen.
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, dass ich bin.

In mit ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt, das Feuer ist geschürt.
An solchen Tagen klettert man die Leiter,
die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– weil er sich selber liebt, den Nächsten lieben.
Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
Und an das Gute niemals ganz gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt und neu!
Ich freu‘ mich, dass ich … dass ich mich freu‘!

Mascha Kalèko
*1907 in Galizien + 1975 in Zürich

Von Tageszielen und warum ich Gamuppel mag …

Während mein Drucker auf Hochtouren arbeitet, um meine Blogeinträge des letzten halben Jahres in Buchform auszudrucken, und während sowohl Viren- als auch Systemscanner die Festplatten nach Schwachstellen absuchen, fällt mir ein, dass ich heute ja bloggen wollte.

Ob ich wohl den Backofen schon mal einschalten soll? Besser nicht, ich würde ihn bestimmt vergessen. Zumal ich soeben entschieden habe, erst Blog zu schreiben und hinterher Brot zu backen. Eigentlich besteht ein Tag ja aus nichts anderem als Entscheidungen. Wir priorisieren laufend, legen Reihenfolgen fest und bauen alles laufend um.

Eins meiner Tagesziele ist, euch endlich Gamuppel vorzustellen. Ein Buch für große und kleine Menschen. Doch um die Muße für Dinge zu haben, die mir sehr am Herzen liegen – sei es nun im Büro oder zuhause – muss ich mir immer zuerst den Rücken freischaufeln. Und dies bedeutete heute eben, meine ToDo-Liste mit zig Kleinigkeiten abzutragen.

Neue Scheibenwischer montieren, steht auf dem Notizzettel. Abgehakt.
Die restliche leeren Umzugkisten aus dem Auto holen. Abgehakt.
Wäsche falten und wegräumen. Abgehakt.
Diese und jene Mail schreiben. Abgehakt.
Backups machen, endlich mal wieder. Abgehakt.
Recherchieren für den nächsten zu schreibenden Artikel? Nö, mach ich in einer Woche. Zeit genug.
Brot backen?  – ich hoffe, der Teig ist in der Zwischenzeit noch nicht bis zur Decke gewachsen. Nein, definitiv noch nicht abgehakt.
Einkaufen? Kommt noch …

Von Vorfreude auf heute Abend, wenn mein Liebster kommt und von Vorfreude auf das Fest morgen steht nichts auf dem Zettel. Ist auch nicht nötig. Was ich tun will, tu ich sowieso, brauche ich also nicht aufzuschreiben. Auch von Gamuppel steht nichts drauf.

Gamuppel – das Buch, das meine Freundin Ulrike Gau geschrieben hat, lässt sich nicht so einfach einem Genre zuordnen. Ist es nun eher für Kinder oder doch eher für Erwachsene? Ist es nun eher ein Märchen oder ist es mehr Phantasy? Ist es gar ein Buch der Weisheiten oder einfach eine weise erzählte Geschichte?

Mir egal. Und Gamuppel bestimmt auch. Das ist ein kleine Kerl, der gemütlich auf seinem Planeten lebt. Alles gut und schön, wenn das Leben dort nicht zwei kleine Nachteile hätte. Erstens, dass Gamuppel alleine ist und es auf dem Schwarz-Weiß-Planeten keine Farben hat. Das heißt, so ganz alleine ist er ja nicht wirklich, denn da ist seine Freundin, Schlange Sssa und sie weiß ein bisschen mehr vom Leben als Gamuppel.

Dank ihr macht dieser sich eines Tages auf eine weite Reise auf, die ihn von Planet zu Planet reisen lässt. Unterwegs erfährt er von dessen Bewohnerinnen und Bewohnern, dass auf der Erde seine Hilfe gebraucht wird. Obwohl er mit Angst zu kämpfen hat, wagt er es, die große Aufgabe, die – wie sich herausstellt – kein anderer als er lösen kann, anzupacken. Nicht allein. Er findet Freunde und Freundinnen unter den Elfen, Drachen und Wichteln, Zwergen und Feen, die er unterwegs kennenlernt. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, die Erde zu befreien.

Liebevoll, witzig, kindergerecht und dennoch auch für Erwachsene nicht zu kindlich erzählt, überrascht mich die Geschichte mit immer wieder neuen Wenden, die nicht einfach ein Abklatsch von ähnlichen Geschichten ist, sondern immer wieder ganz eigenständig und originell daher kommt.

Lesen!

Und jetzt back ich Brot …

Das Ding mit dem Glück

Mach mit, wenn du willst. Und du auch.
Und du natürlich erst recht …

Glücklich und zufrieden bin ich …

– wenn ich am Morgen genau das richtige Musikstück zu hören bekomme, sobald ich die mp3-Kopfhörer ins Ohr stöpsle und fröhlich pfeifend statt morgenmufflig zur Arbeit radle.

– wenn ich es schaffe, gut gelaunt eine unglaublich anstrengende Arbeit, die meine ganze Konzentration erfordert, abzuschliessen.

– wenn Kollegin J., die erst seit gestern vom Urlaub zurück ist, sich nach J.s Jakobswegfinale erkundigt und sich über seinen Bilderlink, den ich ihr schicke, riesig freut, weil ihr die Bilder erlauben, in ihren eigenen Jakobswegerinnerungen zu schwelgen.

– wenn ich während der Arbeit einen Skypechat meines Liebsten erhalte, der mich laut losprusten lässt und mir ein anhaltendes Grinsen ins Gesicht zaubert.

– wenn ich nach der Mittagspause ins Büro komme und auf meine Tisch eine Schachtel Trüffel finde. Daran ein Post-it vom Scheff, der sich dafür bedankt, dass ich das Adressupdate erfolgreich abgeschlossen habe.

– wenn ich an einer Sitzung mit meinen Ideen zu einer guten Lösung beitragen kann.

– wenn ich nach einer intensiven Sitzung mit einer Arbeitskollegin ein gutes persönliches Gespräch führen kann, ohne ein schlechtes Gewissen wegen der vielen Arbeit zu haben.

– wenn ich gelassen bleiben kann, obwohl ich viel zu tun habe.

– wenn ich am Feierabend ein gutes Buch auf mich wartend vorfinde.

– wenn ich etwas kreieren, schreiben, malen kann, das aus mir herauspurzeln will.

– wenn ich meine Blogstatistik ignorieren kann und einfach um des Schreibens willens schreibe.

– wenn ich ans nächste Wochenende denke. An J., ans Fest in der Alpensauna samt HotPot, an meine Freunde und Freundinnen, die ich dabei sehen werde.

– …

– …

Und du? Was macht dich glücklich?

ersehntes Später

Gestern Abend zu später Stunde, bei Kollegin A. mit Raclette und einem guten Wein, und nachdem wir aufgehört hatten, unseren aktuellen Arbeitsfrusts Luft zu machen, kamen wir auf Ängste im allgemeinen und meine im besonderen zu sprechen.

Nein, wenigstens vor dem Tod habe ich keine Angst, sagte ich.
Ist denn deine Angst vor dem Leben, die du zuweilen erwähnst, nicht letztlich auch eine Angst vor dem Tod?, fragte A.
Zuerst verneinte ich vehement, doch als wir jede Angst als Angst vor der Angst und Angst vor dem Leiden an der Angst enttarnt hatten und gleich noch ein paar Schichten tiefer gingen, um der letzten aller Ängste in die Augen schauten, begriff ich: Sie, die große Unbekannte, ist die Angst davor, nichts mehr zu haben, nichts mehr zu wollen, nichts mehr zu können, nichts mehr zu sein und nicht mehr wirklich existent zu sein, sich aufzulösen. Lebendig tot zu sein. Die Angst also vor dem NICHTS? Und ja, vor so einem Tod, einem toten Zustand als Lebende, fürchte ich mich in der Tat.

Ich definiere mich hier und jetzt über mein Sein, Tun, Lassen, Denken und Haben. Und ein paar andere Dinge. Sollten diese alle umständehalber eines Tages wegfallen, bin ich dann noch immer ich? Oder wie fühlt sich dieser Worst Case wohl an? Könnte ich mich überhaupt ganz und gar verlieren, wirklich meine ich? Und ändert Angst zu haben etwas daran? Oder ist gar dieser totale Verlust das Nirwana oder die Erleuchtung? Und nein, eine abschließende Antwort haben wir keine gefunden.

Auch über das Leid redeten wir, über das Leiden an Umständen. Und wie anders es sich anfühlt, wenn wir einen schwierigen Umstand nicht zwingend als Leidensgrund, sondern einfach als Faktum definieren. Ob der Rücken wohl weniger weh tut oder die Angst vor dem Loslassen weniger schmerzt, wenn wir das Ganze einfach akzeptieren? Bestimmt brauchen wir weniger Energie im Umgang mit dem schwierigen Umstand.

Später wird eh alles besser, später,  wenn ich … Nein. Jetzt.

So hangele ich mich heute und morgen und übermorgen an meinem roten Faden durch mein Lebenslabyrinth. Auch so komme ich irgendwie vorwärts.

Apropos Gegenwart, hier noch ein kleiner Input …

Die Gegenwart ist schlimm, zu meiner Zeit war es besser, sagt der Mittdreißiger an der Bushaltestelle. Die beiden Angesprochenen schütteln den Kopf. Der Mittfünfziger sagt: Nein, nein! Noch früher, als ich jung war, da war es angenehm. Woraufhin der Mittsiebziger ergänzt: Tut mir leid, aber am besten war es ganz früher, als ich ein Kind war.

Der Mittdreißiger fasst den Zustand der Welt zusammen: Tja, wie auch immer. Heute ist alles nur noch Mist.

In diesem Augenblick taucht der junge Praktikant am Ort des Geschehens auf. Sein Gesicht ein einziges Leuchten: Aber bedenken Sie, meine Herren, wie wunderbar die heutige Gegenwart in der Zukunft sein wird.

Drei betretene Gesichter.

Schließlich wieder der Mittdreißiger: Stimmt! Ich kann es kaum erwarten, bis das Jetzt Vergangenheit ist.

Quelle: Comic „Die Ladenhüter“ von Boris Zatko, Coopzeitung vom 11.1.11, Seite 3.

Papiertütenbedarf

Wie die Geschichte hieß, habe ich längst vergessen. Ein Bilderbuch wars, eins für Kinder. Leider keins, das in meine spätere Bilderbuchsammlung Eingang gefunden hat, da ich diese erst in meiner Zeit als Buchhändlerin gestartet habe. Als ich begriffen hatte, wie viel Weisheit in Kinderbüchern steckt. Okay, das hatte ich zwar schon früher bemerkt, doch noch kein Geld für eine Sammlung. In einem anderen Leben wars, eins meiner sieben. Auch ob ich das siebte schon erreicht habe, weiß ich nicht. Mehr Nichtwissen als Wissen. Zumal zurzeit alles und alle irgendwie in Schräglage hängen und ich  mich frage, ob a.) alle anderen irgendwie schräg sind, die ganze Welt gar, oder ob b.) ich es bin, die schräg liegt. Ähm, sitzt. Siebtes Leben? Schräglage? Nein, darüber wollte ich definitiv nicht schreiben. Meine Finger haben sich mal wieder selbständig gemacht.

Über das besagte Bilderbuch, das ich leider nicht gesammelt habe, wollte ich erzählen. Damals, in meiner pädagogischen Erstausbildung, hatte ich es meiner Kindergruppe erzählt.

Die Protagonistin – ich meine mich an ein Mädchen zu erinnern, kann aber sein, dass es ein kleiner Junge war – wurde viele Bilderbuchseiten lang verfolgt. Der Grund ist in den Tiefen meiner Erinnerung ertrunken. Bezeichnenderweise. Wie die meisten Ängste hatte auch jene Angst des kleinen Mädchens vermutlich keine rationale Ursache. Tatsache war, dass es vor ihr davonlief. Keine Zeit zurückzuschauen. Das Kind rannte um sein Leben. Dunkle Flure. Dunkle Wände rechts und links. Über dem Kopf des Kindes Gedankenwolken. Das Monster darin wird größer und größer. Seine Schritte lauter und lauter. Schließlich die Sackgasse. Ich sehe das Bild noch vor mir. Das Kind rennt auf eine Wand zu und bremst im letzten Moment ab. Es dreht sich um und sieht in die …

… riesigen furchtbaren Augen und in den riesigen weitaufgerissenen Schlund des Monsters?

Nein, falsch!

Zuerst sieht es gar nichts, weil sein Blick zu weit oben sucht. Doch da ist nichts. N I C H T S! Es senkt den Blick und entdeckt einen kleinen Hund, der, zum Spielen bereit, mit dem Schwanz wedelt.

Meine Kindergruppe ließ ich daraufhin auf Brottüten aus Papier ihre persönlichen Monster aufmalen. Anschließend pusteten wir die Tüten wie Ballons auf. Wir zählten laut auf drei, dann zerplatzten wir mit lautem Knall die Tüten mit der zweiten Hand. Das befreiende Lachen, das danach den Raum bis in die hintersten Ritzen ausgefüllt hat, gehört zu einer meiner vergessenen Lieblingserinnerungen aus jenem Leben.

Vielleicht müsste ich mir nächstens ein paar Papiertüten beschaffen …?

eingebläut

Samstagmorgen. Im Bett. Ich lese auf dem iFon Blogs und Mails. Ist noch zu früh aufzustehen. Nicht an einem Samstagmorgen. Obwohl ich heute viel vorhabe. Putzen endlich mal wieder. Mit Packen und entrümpeln weitermachen. Und abends mit Freundin M. thermalbaden und saunen.

Bloggen könnt ich mal wieder, denke ich. Hm, nö, was sollte ich schon schreiben. Ist ja auch kaum was passiert. Außer dass ich gestern ganz aufschlussreiche Tarotkarten für das neue Jahr gezogen und am Nachmittag einen nährenden Besuch bei meiner lieben Freundin C. und Little.-F. erlebt habe. Und am Abend bei R. ein paar Umzugskarton holen konnte. Kaum was erlebt, dass sich zum teilen lohnt? Kaum was gedacht, dass sich zum teilen lohnt? Ansichtssache, ich weiß …

Vielleicht doch besser, ich zitiere mal wieder die gute Luisa, die gestern in ihrem Webtagebuch eine Radiosendung über das leide Thema Gewohnheiten resümierte.

„virginia woolf und sigmund freud zum beispiel, oder stephen king, teil(t)en sich die zeit akribisch ein, in der sie arbeiten „mussten“. ich halte es mit den bewohnerInnen eines dorfs in mali. es gab dort einen webstuhl, der auf dem dorfplatz stand, wer lust hatte, webte. doch gab es keine arbeitspflicht. leistung und ehrgeiz waren in diesem dorf, das ich besuchte (und ich hoffe es ist noch so) keine sozialen werte. freude an der arbeit schon. und kunstvolles weben auch. dieses dorf stellte sehr beliebte gewebe her, die auch immer irgendwie fertig werden. so arbeite ich.“

(Quelle: Zitat Luisa Francia, luisa in münchen – 07.01.2011 um 09:30:13)

(Notiz an mich: Vielleicht sollte ich mal nach Mali gehen … oder zumindest die mir gesellschaftlich eingebläuten sozialen Werte überdenken?)

Königin für einen Tag?

King For A Day? Bobby Conn lässt grüßen.

Heute Vormittag fuhr ich mit der hehren Absicht ins Büro, in der Pause kurz in die nahe Bäckerei zu radeln und einen Dreikönigskuchen für unser heutiges kleines Büroteam zu holen. Kaum angelangt, offenbart unser aller Scheff uns, dass er in der Pause in die Bäckerei gehe um einen Kuchen zu holen. Soll er doch, denke ich, so habe ich mehr Zeit zum … Na, ihr wisst schon. Adressen updaten. Muss ja auch mal sein.

Später schließlich Pause. Kollegin A., die letztes Jahr Königin war, weil sie sich zielsicher auf das von mir angepeilte Stück, in dem ich den König wusste, ahnte, dachte, gestürzt hatte, ließ uns andern heute den Vortritt.

Bildquelle: http://gesalzen-gepfeffert.ch/schweiz_02.html

Kollegin M., die keinerlei Ambitionen hatte, erwischte prompt ein königloses Stück. Ich liebäugelte mit einem Stück auf der mir abgewandten Seite. Ja, da ist bestimmt der König drin! Bestimmt. Ich wusste es. Wie letztes Jahr.

Und, was tue ich? Ich nehme ein anderes Stück. Natürlich. Nach mir nimmt der Scheff das Mittelstück, verzichtet so zwar auf den potentiellen König, aber bekommt dafür am meisten Kuchen ab. Und was tut Kollegin A.? Ja, sie nimmt „mein“ verschmähtes Stück. Und wird wieder Königin.

Was sagt das über mich aus?, kritzle ich nach der Pause schnell auf ein Post-it, bevor ich weiter Adressen update. Wissen, wo der König ist, ihn aber nicht nehmen.

Für eine Antwort hat es nicht gereicht. Antworten und kluge Gedanken verdunsten eh alle im Laufe des Tages. Werden von den Wellen des Tages hinweg gespült und gehen zu Grunde. Da liegen sie dann und gammeln vor sich hin. Die einen werden womöglich zu Perlen und geraten vielleicht sogar eines Tages in die Hände einer Schatzsucherin.

Mag sein, dass ich auch schon Perlen anderer ans Licht geholt und sichtbar gemacht habe.

Alles nur Recycling …

kurzsichtig

In der Frühstückspause mal wieder politisiert. Über Obama und dass sich Politik erst langfristig oder gar im Nachhinein als positiv oder negativ offenbart. Und schon diskutieren wir den Palästinakonflikt rauf und runter. Wir fragen uns, ob Menschen, wenn sie immer nur Krieg und Elend sehen, gar nicht anders können, als selbst irgendwie aggressiv zu werden, destruktiv zu denken und entsprechend zu handeln. Oder dass sie zumindest kaum eine Chance haben, anders zu sein, anders zu reagieren. Selbst zu agieren. (Notiz an mich: Wie war das gleich mit den Anlagen, die wir mit auf die Welt bringen? Wir haben immer die Wahl? Wirklich?)

Kollegin A. erzählte daraufhin von einer Performance, die sie miterlebt hat. Ein junger Mann aus Palästina (oder Israel?) war aufgetreten und hatte seine Saxophon-Soli mit Bombengetöse ab Tonträger untermalt. Oder hatte er vielmehr die Bombengeräusche mit seinem Saxophonspiel untermalt?

In diesem Geräuschteppich sei er groß geworden, habe er anschließend erzählt, sagt A.. Bereits als Kind habe er so sein Gehör geschult und schon von weitem gehört, wie weit weg eine Bombe entfernt war und welchem Typus sie angehörte. So wie westliche Kinder zuweilen Autos am Bremsgeräusch erkennen. Sein Wiegenlied waren die Bomber gewesen, sie hatten ihn zu seiner Musik inspiriert. Überlebensstrategie.

Das Problem vom Palästinakrieg sitzt in den Köpfen, sage ich.

Nicht nur jenes vom Palästinakrieg. Die Ursache von allen Konflikten, sagt mein Scheff.

Es geht um Recht haben, stärker sein und scheinbare, nach unserem Sinn interpretierte Gerechtigkeit durchsetzen zu wollen. Letztlich also um die leidige Angst zu kurz zu kommen. Alles im Kopf. Alles konditioniert, denke ich. Gebrannte Kinder wir alle.

Wo wären wir, wenn es keine Kriege gäbe?, frage ich. Nicht zum ersten Mal, dass ich dies denke und hier niederschreibe. Wir Hilfswerk-Mitarbeitenden müssten wohl auf Kurzarbeitszeit umstellen, wenn es auf einmal keine Kriege mehr gäbe und keine Flüchtlinge mehr an Land gespült würden.

Doch auch die vielen Reichen, die ihr Geld dank Waffenindustrie erworben haben, müssten zurückstecken, sagt Kollegin A.

Kurzsichtigkeit ist wohl die größte Falle, politisch ebenso wie zwischenmenschlich. Dumm nur, dass wir sie – kurzsichtig wie wir sind – nicht sehen können.

Ich setze mich wieder an meine PC und die Arbeit an der Datenbank, die ich bis nächsten Dienstag auf Vorderfrau bringen soll. Toller Job, juhuuu. Nur noch dreihundert Adressen muss darf ich überprüfen. Freude herrscht ;-(

Dass ich für eine Adresse mit sämtlichen vorzunehmenden oder zu überprüfenden Vernetzungen um die drei Minuten im Durchschnitt brauche, habe ich heute schwarz auf weiß berechnet.

Kurzsichtig? Tut mir leid, dass ich es zurzeit nicht schaffe, weitsichtige Texte zu weben. Ich sehe grad nur den nächsten Schritt vor mir … das muss genügen.

Fallmaschen II

Meine (Sehn-)Sucht nach schönen Erlebnissen, nach Schönheit, nach heilsamen Erfahrungen ist es, die mich immer wieder stolpern lässt. Stolpern über die Alltagshässlichkeiten. Wobei natürlich alles eine Frage der Sichtweise ist. Und der Wertung.

Ich ertappe mich, wie ich gerne an vergangenen, schönen Erlebnissen andocke. Ich baue mir ein früher erlebtes Setting neu auf, um vergangenes ins Jetzt zu transponieren. Ich sehne mich zum Beispiel an einem bestimmten Ort nach genau diesen Menschen von damals, was sich genau so und so anfühlte und mir damals so gut getan hat. Ort kann durch Musikstück oder Film oder was auch immer ersetzt werden. Nicht ganz ungefährlich, diese Illusion der Wiederholbarkeit! Damit öffne ich Enttäuschungen eins ums andere Mal Tür und Tor.

Ohne Wertung und ohne Erwartung keine Enttäuschung – eine einfache Gleichung. Am besten, ich höre also damit auf, vom Leben und anderen Menschen, Ereignissen und Orten etwas zu erwarten und fange endlich damit an, zu leben.

Leben lässt sich nicht hamstern. Lebenszeit lässt sich nicht konservieren, klauen, schenken, verschenken und festhalten.

und dies noch …

Die Bloggosphähre hat Nachwuchs bekommen, denn meine liebe Freundin U. alias Li Ssi hat vor ein paar Wochen ihr virtuelles Café eröffnet, das Café WeltenAll

Heute hier und jetzt bei ihr einen meiner Lieblingstexte von Beuys wiedergefunden und mich riesig darüber gefreut …

„Lass Dich fallen.

Lerne Schlangen zu beobachten.

Pflanze unmögliche Gärten (…)“

Joseph Beuys

Be crazy!!!