dieses Bild

Am Anfang war die Leere. Nicht Chaos, nein, Leere. Meine Schöpfungsgeschichte fängt mit Leere an. Und mit einem weißen Malbrett.

Bisher malte ich immer in einem Rutsch, allerhöchstens in zweien. Linear malte ich mich von A nach B. Ähnlich wie ich einen Blogartikel schreibe. Ich fange an und lasse mich treiben. Manchmal zielstrebiges, manchmal überraschtwerdenwollendes Treibenlassen. Doch diesmal war alles anders.

Am Anfang war die Leere. Diesmal war da auch ein Ziel. Ein kleines zumindest. Oder vielleicht sogar zwei. Das erste: Wie fühlt es sich wohl an, wenn ich ein Bild im Voraus steuere, es gleichsam komponiere und so eine Mischung aus Plan und Zufall, ähnlich wie beim Schreiben einer Geschichte, anstrebe? Wird sich das eher kreativitätsfördernd oder eher kreativitätshemmend auswirken? Auch handwerkliches Training spielte als Schaffensaspekt eine Rolle. Das war mein zweites Ziel.

Möglicherweise schlummerte da noch ein drittes, irgendwo, denn ein Künstler hatte bei der Malaktion vor dreieinhalb Wochen in Irgendlinks Atelier-Galerie meiner kleinen Malerei ein gewisses Talent attestiert. Ein Talent, das aber noch ziellos wirke. Es sei jedoch nicht auszuschließen, dass ich da mehr draus machen könnte … *ungläubiggehüstelthab* Das dritte Ziel? Ob ich malend nun seine Aussage zu dementieren versuche? Oder zu bestätigen?

Noch nie habe ich so lange, so ausdauernd, so lust- und so hingebungsvoll an einem Bild gemalt habe, wie an diesem. Ursprünglich als simples Übungsbild gedacht, das ich – parallel zu Irgendlinks Übungsbild – in ColArt-Manier in einzelne Felder aufzuteilen gedachte, legte ich die weiße Maltafel auf den Tisch. Nein, ich werde keine Quadrate malen. Mein Leben ist nicht linear, murmelte ich vor mich hin, als ich nach dem Zirkel suchte und mich erinnerte, wie eine Spirale konstruiert wird.

Am Anfang ist der Punkt in der Leere. Der erste Punkt. Zeugung? Geburt? Kreisförmige Linien geben der Leere schon bald eine Struktur. Ein Weg führt von innen nach außen. Mit Linien, die zur Mitte führen, unterbreche ich die große Fläche, die sich, von der spiraligen Linie geführt, aus der Mitte nach außen bewegt. Oder umgekehrt?

Am Anfang die Leere. Bald schon sind da gelb, rot und blau. Dazu schwarz und weiß. Mehr braucht es nicht zum Leben. Das Alphabet jeglichen Malens.

Während ich ein paar erste Flächen, von außen nach innen arbeitend, male, wächst mein Respekt vor Kunstschaffenden. Wie viel Geduld und Knowhow es nur schon braucht, eine Fläche deckend und ohne sichtbare Pinselstriche zu malen! Die einen Farbfelder bedürfen einer zweiten Farbschicht, andere Flächen gelingen mir auf Anhieb. Eine meditative Stille macht sich in mir breit. Ich lasse mir Zeit. Ich werde ruhig und arbeite gemächlich vor mich hin. Abend für Abend. Seit Wochen schon. Immer wieder muss ich unterbrechen um all die anderen offenbar wichtigeren Dinge des Lebens zu tun. Arbeiten und so. Doch im Grunde ist das Bild zurzeit mein roter Faden.

Stück für Stück, Fläche für Fläche gestalte ich. Male mal hier, mal da, um nach dem Trocknen wieder hier weiterzumalen. Parallelen zu meinem Leben sind nicht zufällig. Auch mein Leben gleicht einem Flickenteppich. Ich reise auf meinem Bild von außen in die Mitte und wieder zurück. Ein Tanz auf der ehemals weißen Fläche. Mein Lebenstanz. Jeder Text, so las ich einst, beinhalte ein Stück Biografie, so verkappt es auch ist. Gilt auch für Bilder, stelle ich fest.

Ich male Sujets auf die grundierten Flächen. Inspiriert von inneren Eindrücken sowie Karten, Bildern oder Fotos improvisiere ich. Wie male, wie schreibe, wie lebe ich lebendig und dreidimensional?, frage ich mich und tüpfle Schatten um stilisierte Risse. Ohne Schatten bleibt alles in der Schwebe, hängt im Raum, fällt hin, wirkt unruhig, flach und blass. Wie ich da so male, begreife ich, dass ich, was immer ich tue – ob nun malend, fotografierend oder schreibend –, immer nur Illusionen erzeuge. Ich täusche das Auge, die Sinne, die Gedanken … Und ich lasse mich bereitwillig täuschen, denn alles ist Fiktion. Ver-rücktes Auge. Ver-rückte Sinne.

Ob wir uns nun eher nach Harmonie und Gleichgewicht sehnen oder nach Spannung und Provokation, was immer wir betrachten, was immer wir lesen, wir rücken es uns zurecht. Wir sehen, was wir sehen wollen. Beim Malen kneife ich oft die Augen zusammen und betrachte das eben Gemalte mit einem leicht verschwommenen Blick um die Überzeugungskraft der eben erzeugten Illusion zu testen.

Fertig? Wann ist das Bild fertig? Wann ist das Leben fertig? Jetzt, wo ich endlich alle Flächen bemalt habe, nichts Weißes mehr sichtbar ist, dass ich nicht selbst weiß gemalt habe, jetzt könnte ich aufhören. Ein bisschen wie sterben. Oder soll ich die restlichen grundierten Flächen bemalen?

Tipps und Erfahrungen gelten zwar, doch die letzte Entscheidung liegt bei mir.

twittern

Freundin M. hat mir mal wieder einen Brief geschrieben. Ich liebe es, wenn ich den Briefkasten öffne und auf einem Umschlag ihre schöne Handschrift erblicke. Ja, ich kann es kaum erwarten, oben in der Wohnung anzukommen und den Brief zu öffnen. Ganz behutsam. Diesmal flattert mir ein Zeitungsartikel entgegen. Den Brieftext – oder müsste ich sagen den Kartentext? – schrieb M. auf eine witzige Werbekarte mit Kühen drauf. Im Zug, im Flug steht als Absender hinter der Adresse – geschrieben auf der Fahrt zum Flughafen Genf. Doch dies ist eine andere Geschichte.

Ich entknittere die Zeitungsseite sorgfältig, während ich den ersten Löffel Kürbissuppe genieße. Aha, Tagesanzeiger Zürich. Sofort klopft mein kleines Heimwehherzchen schneller. Oben ein Cartoon von EVA, vom Team Jaermann und Schaad. Hach, I love Eva! Unter drunter dann eine Buchbesprechung, eine ganz besondere …

Echt, ich glaube, dieses Buch muss ich mir schenken lassen! Während ich meine wunderbare Suppe löffle, verschlucke ich mich beinahe vor Lachen. Mein Tag ist gerettet!

******************************************************************
Ich zitiere:

Heute Nacht vom Büro geträumt. Weitere sechs Überstunden notiert. @meterhochzwei

«Ich lass die Freundschaft jetzt still & leise auslaufen», sagt die Frau im Tram in ihr Handy. «Aha», schweigen alle zurück. @kumullus

Idee für «Wetten dass»: 50 Leute spielen ihren Handyklingelton vor und ich errate ihren Schulabschluss. @fitness_oli

Apotheke, Dönerladen, Apotheke, Apotheke, Dönerladen, Bestattungsinstitut. Ich fange an, Zusammenhänge zu sehen. @freval

Dein engster Freund ist, wer deinen Browserverlauf löscht, nachdem er dich tot vor dem Rechner gefunden hat. @UntoterOstgote

Die Hälfte seines Lebens scrollt der Mensch vergebens. @bebal

Mein Arzt meint, ich hätte Wahrnehmungsstörungen. Aber ich seh das ein bisschen anders. @freval

Kucken, was die andern aufs Band legen, ist ein bisschen wie Twitter. @kosmar

… ach, lest selber! Das große Gezwitscher – Buchbesprechung im Tagesanzeiger vom 15. Oktober 2010

Dada vielleicht

Da ist diese Idee, aus jedem Text, aus jeder Geschichte, aus jedem Gedicht, aus allen Worttextilien, die den ich je gesponnen habe, den besten Satz, das schönste Muster herauszuschneiden. Aus alle besten Stücken würde ich ein neues Gewebe schaffen. Wie bei einer Patchwork-Decke würde ich feinsäuberlich alle Teile neu zusammenfügen. Eine Best-of-Story aus lauter besten Sätzen. Recycling. Dada pur und so opulent vermutlich, dass ich davon Bauchweh bekäme … Alternativ das gleiche mit den schwächsten Sätzen, den blassesten Mustern. Bestimmt leichter verdaulich.

Die Idee ist nicht neu. Immer wenn ich meine Notizzettelsammelmappe auf dem Schreibtisch angucke und mir überlege, ob die Zettel darin eher für den Abfall oder für die Nachwelt geeignet sind, taucht sie auf und plädiert hartnäckig für sich selbst. Da sie kein Heu frisst, bleibt sie vorerst, wo sie ist. Wovon sie sich ernährt und wo sie sich, wenn ich sie nicht höre, aufhält, hat sie mir noch nicht verraten. Vielleicht wird sie verhungern, eines Tages, wenn ich sie weiterhin ignoriere? Ideenmörderin ich.

Eins aber weiß ich: Meine Lebensfreude lebt von Farben und von der Lust am Kreieren. Und ehrlich, ohne Farben würde auch ich schnell mal verhungern.

Dennoch schalt ich mich heute Morgen unter der Dusche Zeitverschwenderin. Wie viel Zeit du mit Bloggen, mit Schreiben, mit Gedankenspielen, mit Texten, mit Bildern und mit Malen verbringst!, hielt ich mir vor, als ich anschließend die Zehennägel schnitt. Als ob jemand auf deine Texte und Bilder wartet!

Ach, das verstehst du nicht, antwortete ich. Außerdem schreibe und kreiere ich nicht für jene, die auf meine Dinge warten. Höchstens ein bisschen. Ich brauche den Ausdruck, weil ich sonst platzen würde. Internet ist bloß ein Gefährt. Ein Flugzeug, das ins Konzept meiner Schaffenslust passt.

Flugzeug? Wie meinst du denn das?, fragte ich mich.

Ist doch ganz einfach: Internet ist eine fliegende Galerie, eine mobile Bibliothek, ein Wikipedalo der Lüfte. Du steigst ein und wirst bedient. Bekommst zu essen, zu trinken, kannst Filme schauen, kannst Musik hören und erfährst laufend, wo du bist. Alle sind nett zu dir und du kommst vorwärts ohne dich bewegen zu müssen. Du kannst konsumieren, was andere zuvor kreiert haben. Fliegen ist wie Internet, wie gesagt. Außer dass dich Internet nicht bekocht, sagte ich.

Zeitverschwendung ist es alleweil. Dein Vergleich hinkt, konterte ich. Du wirst im Gegensatz zur Bordcrew nicht für deine Arbeit bezahlt und verlierst sogar wertvolle Lebenszeit.

Du versteht echt gar nichts! Kreatives Schaffen ist eines jener Dinge, die mir am meisten Freude machen. Lebenszeit kann gar nicht besser investiert werden als in jene Dinge, die uns Freude machen, sagte ich. Es geht um Hingabe. Schließlich sagt auch niemand, dass richtig guter 6 Zeitverschwendung sei. So what?

Tiefe Narben

Petra Ivanovs fünfter Flint/Cavalli-Krimi hat mich seit gestern Mittag bis tief in die Nacht gebannt. Kaum erwacht, gings weiter mit lesen. Dafür ging nix anderes mehr. Weder Internet noch sonst was interessierte mich mehr. Sogar in die Badewanne kam das 538 Seiten dicke Buch mit. Wozu Erkältungen doch gut sind!

Und jetzt? Jetzt ist es ausgelesen und ich kann endlich wieder Mails lesen, bloggen, putzen, einkaufen und andere ganz normalen Sachen machen.

Eine genial geschriebene, unglaublich spannende und aufwühlende Geschichte um einen ganz normalen Psychopathen, den Duft nach Liebe und die Sehnsucht nach Sühne. Eine Geschichte auch über Misstrauen, Vorurteile und wahre Freundschaft.

Lesen!

für mehr Infos: hier klicken.

weniger sei mehr

Eine Gleichung, die unsere Mittelstufenlehrerin, Frölein S., gerne zum Besten gab. Zum Beispiel, wenn ich – weil schon früher als die anderen mit dem Aufsatz fertig – noch ein paar Sätze anfügte oder im Text Korrekturen anbrachte, die falsch waren. Verschlimmbesserungen – auch dieses Wort hörte ich das erste Mal aus ihrem Mund. So viel zu meiner Grundschulzeit. Dass weniger mehr sei, glaube ich inzwischen selbst. Unsere Sucht nach mehr, mehr, mehr, schneller, schneller, schneller, größer, größer, größer ist ja echt nicht mehr normal.

Apropos normal: In der Monatszeitschrift meiner Krankenkasse las ich gestern einen informativen und gutrecherchierten Artikel über Zwänge. Händewaschen, Putzen, Herdplatten- und Schlüssel-Kontrollieren und dergleichen mehr. Ich fragte mich, ob so Dinge wie iFöun und Blog mit der ihnen innewohnenden Eigenmacht nicht vielleicht auch zu den Zwang-Förderern gehören. Mein iFöun, ich gebe es zu, besitzt eine Macht über mich, der ich mich nur schlecht entziehen kann. Wache ich am Morgen auf, schalte ich das Teil an und gucke, ob ich Mails oder sonst welche Infos aus der Welt das draußen erhalten habe. Ich bin nicht allein. Die Mailsucht, der Mailzwang – wer kennt ihn nicht? Ein lieber Freund von mir, K., hat neulich alle seine Mailadressen zugemacht und will nun wieder ohne Internet kommunizieren. Was er mir (und vermutlich allen seinen Freunden und Freundinnen) per Postkarte mitgeteilt hat. Back To The Roots. Die Karte. Der Brief. Bin ich normal, wenn ich als erstes am Morgen … Ist normal, was alle tun, selbst wenn es krank ist?

Nein, ganz zurück will ich nicht. Nur wieder mehr in den Langsammodus einklinken. Mich mit meiner inneren Kraft, die im Grunde so gar nicht mit dieser Dauerhektik kompatibel ist, verlinken. Ooops, dieser Wortschatz! Ja, ich bin ein Kind dieser Zeit. Ja, ich liebe Technik. Ja, ich liebe Internet und alle seine Möglichkeiten.

Ich liebe es, Möglichkeiten zu haben. Aaaber … Ja, das große ABER muss hier folgen. Kein moralisches, nein, ein inhaltliches. Wenn schon Technik, dann muss sie auch funktionieren. Und sie soll nicht zu viel und nicht zu wenig Möglichkeiten beinhalten. Wer sagt, wann genug ist und ich bin weißgöttin ja nicht das Maß aller Dinge. Wie habe ich gestern mitgelitten, als sich Irgendlink wegen des im vorigen Artikel (unten) erwähnten Updates der WordPress-Blog-App um seine zukünftigen Möglichkeiten als LiveReiseBlogger betrogen sah. Natürlich hoffe ich, dass die EntwicklerInnen bald ein besseres Update bauen. Rechtzeitig vor der geplanten Pilgerreise.

Irgendwann gestern Nachmittag, nachdem ich unser Tessiner Rustico gebucht hatte, wollte ich – zwecks zu erwartender Geocaching-Wanderungen – die Koordinaten des Ferienortes auf meiner neuen, echt tollen GPS-App, die mein in Schweden verlorenes GPS-Gerät würdig ersetzt hatte, eingeben. Ooops, was ist denn da los? Neues Layout? Da muss ich wohl irgendwann – ohne darüber nachzudenken – neulich ein Update geladen haben! Merde. Was für ein Sch…Layout! Doch damit nicht genug: auch der Aufbau ist gänzlich neu. Dazu ein neues Handling und neue Ordner – neu gibt es nun pro Tag einen Ordner statt nur einen pro Thema wie bisher. Unübersichtlich! Unbrauchbar! Wer sich wohl sowas ausgedacht und gewünscht haben mag? Auch das Markieren von Wegpunkten ist nun nicht mehr intuitiv machbar. Ich jedenfalls begreife das Handling nicht. Merde und nochmals merde (nein, dieses Wort übersetze ich besser nicht, liebe nicht französisch verstehende Lesende).

Was ich sagen will: Wieso kann etwas nicht einfach mal so bleiben, wie es ist – gut. Wieso immer dieser Wettbewerb – schneller, besser, größer, moderner – dieser Vergleich, dieser Modernisierungsstress? Arbeitsbeschaffung – und wie werden eigentlich Gratis-Apps finanziert? Wer hat was davon und wie wird der große App-Kuchen verteilt?

Als ich gestern Abend, müde und fiebrig wie ich war, noch immer auf dem Sofa saß und nicht hochkam, und darum auf meinem iFöun herum tippte, fand ich mich plötzlich im App-Store wieder. Gopf. Da habe ich bisher ja tatsächlich etwas verpasst, da tat sich mir eine große Glitzerwelt auf, von der ich bisher nicht mal geträumt habe.

Das Gerücht stimmt also tatsächlich: Es gibt für alles eine App. Okay, den Rasierer, den sich J. so sehr gewünscht hat, damals in Spanien, den habe ich auf die Schnelle nicht gefunden. Auch die Abwasch-App nicht. Aber das kommt gewiss bald. Falls sich jemand von Bartstoppeln und Dreckgeschirr Gewinn verspricht, meine ich. Aus purem Altruismus ist wohl noch keine App gebaut worden. Doch zurück zum Zubehörladen auf dem Telefon. Da habe ich mir also in den virtuellen Regalen besonders die Gratisangebote angeguckt. Die meistgewählten zuoberst gelistet, logisch. Nein, eigentlich war ich nicht wirklich überrascht. Wer wissen will, was die Menschheit interessiert, muss einfach da hingehen und sich das angucken. Am spannendsten ist es bei den Büchern. Da wechseln sich 6 und Religion im Gleichtakt ab. Und die Erde dreht sich doch.

Später im Bett, wen wundert’s, habe ich, bevor ich mein Smartphone ausgeschaltet habe, nochmals die Mails gecheckt. Normal?

bald

Die Würfel sind gefallen. Wir fahren im November ins Tessin. Acht Tage im Rustico. Erschwinglicher Preis. Schöne, ruhige Gegend in einer Ecke der Südschweiz, die ich noch nicht kenne. Wanderungen durch die Herbstwälder, geocachen, tagsüber schöne Bilder machen, abends vor dem offenen Kamin lesen und philosophieren …

Ja, Vorfreude ist in der Tat eine schöne Freude. Nur live erleben ist besser!

(… dieses Bild könnte zwar aus dem Tessin stammen, tut es aber nicht. Ich war schon sooo lange nicht mehr dort …)

In eigener blogtechnischer Sache: Dies hier ist auch gleich noch ein am Laptop nachbearbeitetes Testblog mit Bild per Mail. So habe ich drei Wochen in Skandinavien gebloggt, allerdings ohne die Möglichkeit zur Nachbearbeitung. Grund für mein Experiment: Die bis dahin gute iFöun-Blog-Applikation von WordPress wurde dummerweise in den letzten Tagen arg verschlimmbessert und funktioniert seither mehrheitlich eher zufällig, schluckt Posts, verzerrt Bilder, kennt die Zeit nicht. Besonders bei Bildern versagt sie gar zu oft und wenn sich keine andere Lösung findet, wird Irgendlink auf seiner Pilgerreise im November/Dezember per Mail, so wie ich jetzt hier, bloggen müssen, oder – wie auf seiner Andorra-Reise im Frühling – wieder eine Blogbasis (Alpha I genannt) benötigen, an die er seine Mails und Bilder hinschicken kann. Auf dass die Basis (myself) das Material dann einköchele. Was allerdings dem Konzept vom unabhängigen Reisebloggen zuwider laufen würde. Und zukünftige gemeinsame Reisen verunmöglichen. Tja …

Über Verschlimmbesserungen folgt anschließend ein kleiner kritischer Artikel.

Ein Wort zum guten Tag

Verblogge auch tolle Storys, begreife ich. Das wäre wohl, von Irgendlinks gestern zitierter Gedankenkette ausgehend, eine heilsame Form der Selbstauferbauung. Selbstausdruck. Und natürlich auch eine ausgesprochen produktive und so gar nicht zerstörerische Form von Verarbeitung. Und ebenfalls förderlich für das Seelenheil der Kreativen. (Notiz an mich: Bloggen als Therapieform? Nein, das greift zu kurz.)

Tolle Storys. Was genau das ist? Nein, kein Fragezeichen. Wir alle kennen die Antwort.

Ausscheidung, Liebe und Zeit – das sind die drei alles entscheidenden Themen, jene Themen, die die Welt zusammenhalten, schrieb ich gestern meinem Liebsten.

Toll und schön sind suspekt. Träume und Träumen auch.

Ich will dennoch nicht aufhören, von einer besseren Welt zu träumen und auf sie hin zu arbeiten. (Notiz an mich: besser für mich oder besser für alle???) Auch auf die Gefahr hin, an der Nichtkongruenz von Soll und Ist zu leiden. Habe ich im September auf einen Notizzettel gekritzelt.

Bessere Welt? Ausrede. Klischee. Unfassbares Ding. Gegenwart verpassen. Abgelutscht.

Stichwort: Unerfüllte Sehnsucht. Hatten wir neulich schon mal. Sag mal ehrlich, du da draußen, oder du, oder du, sag, sind wir nicht alle deshalb noch da und unterwegs auf dieser wackeligen Seilbrücke, die Leben heißt, weil wir entweder an das Gute, das bereits da ist oder das noch kommt oder zumindest als Idee besteht, hoffen oder aber deshalb, weil wir zwar resigniert und abgelöscht sind, aber zu feige, uns umzubringen. Okay, das war jetzt eben ziemlich schwarzweiß und sehr vereinfacht. Dennoch … irgendwas bringt uns ja dazu, am Morgen aufzustehen und zu tun, was wir als unser Ding oder zumindest unsere Pflicht betrachten. Ob dem allem Solidarität, Dringlichkeit, Bedürfnis oder schlicht der zu erwartende Zahltag zu Grunde liegt, ist erst einmal Nebensache. Fakt ist, wir stehen auf, weil wir etwas tun wollen, das in unseren Augen getan werden soll – und wenn wir auch bloß aufstehen, um zu pinkeln (womit wir bei dem ersten der drei alles entscheidenden bereits erwähnten Dingen wären, siehe oben).

So weit so gut.

Motivation ist ergo das Ding, das uns am Leben erhält. Der Herz-Schrittmacher. Unsere Motivation, unser Motiv und Beweggrund – gewoben aus den Kettfäden Erfahrung, Erkenntnis, Erlebnis und Erziehung sowie den Schussfäden Zufall, Glück, Schicksal, Inspiration … Warum ich auf die europäischen Trauben warte, zum Beispiel, und keine aus Chile kaufe, obwohl die schon früher im Handel sind? Erziehung. Erkenntnis. Warum ich lieber für ein Hilfswerk arbeite als für eine Autofirma? Einsicht. Erkenntnis. Erziehung. Zufall. Warum ich dennoch ein Auto habe? Erfahrung. Erkenntnis. Zufall. Schicksal. Undsoweiterundsofort. Ach, und Selbstverar…ung wäre ein weiterer in die Gedankenfäden über unsere Motivation einzubeziehender Faktor. Und natürlich sind diese pseudopsychologischen sofasophischen Gedankenspielereien weder über alle Zweifel erhaben noch sonst wie empirisch abgesichert.

Was ich sagen will? Ich frage mich, ob eine Erkältung eine tolle Story abgibt. Oder ist es gar, weil ich Fieber habe, eine Grippe, die in meinen Eingeweiden brodelt – was aber dennoch kaum eine gute Story abzugeben vermag. Selbst dann nicht, wenn mich ebendiese Erkrankung in den Langsammodus katapultiert hat. Oh, wie ich mir dieses Wort auf der Zunge zergehen lasse! LANGSAMMODUS. Und wie ich es grad genieße, meine unausgegorenen Gedanken in die Finger fließen lassen und in die Tasten hacken zu können.

Ich sehe mich durch den morgendlichen Herbstwald spazieren. Sonne durch die Bäume, Herbstlaub unter den Füßen. Es knistert und riecht, wie nur Herbst riechen kann. Hier und da das Rascheln eines Eichhörnchens. Dort drüben das Klopfen des Spechts. Ein Reh huscht über den Weg. Ich halte inne, denn ich habe Zeit. Genieße meine kleine heile Welt dieses Augenblicks. Habe Zeit, meine Sinne zu öffnen. Atme tief. Muss mich nicht schützen. Kann offen sein für das Leben, das ist. Jetzt. Auch. Anderes Leben. Langsam gehe ich weiter. Das Rauschen des kleinen Baches wird lauter. Mit ein paar Schritten auf große, flache Steine überquere ich das Rinnsal. Später, zurück in der Schreibstube setze ich mich erneut an die Geschichte, die ich am Schreiben bin. Am Nachmittag gehe ich in den Garten und ernte das letzte Herbstgemüse … Ich setze Tulpenzwiebeln für nächsten Frühling. Der kommt bestimmt. Wie immer.

So könnte Leben sein. Mein Leben.

Ohne Unterhaltungswert. Außer für mich, die ich es lebe. Doch worüber ich dann wohl bloggen würde?

Ein Wort zur guten Nacht

Verblogge schlimme Storys, rät mir Irgendlink, nachdem ich ihm eine heute gemachte, ziemlich miese Erfahrung mit einem aggressiven alten Herrn geschildert habe. Das ist auch eine Form der Gewalt und des sich Abreagierens. Eine ausgesprochen produktive und so gar nicht zerstörerische Form, meint mein weiser Freund, es ist gar das Seelenheil der Kreativen. Ein Satz, der gerahmt und für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen gehört.

Später frage ich mich, während ich, noch immer fiebrig, Fotos bearbeite, ob wir, deren Herz so und nicht anders schlägt, nicht einfach immer und überall die KünstlerInnen sind, die wir sind. Selbst dann, wenn wir uns mit Alltäglichem abmühen. Womit wir wieder beim Seelenheil der Kreativen wären. Und die Erde dreht sich doch. Und mein Herz schlägt einen anderen Takt als das Herz eines Managers. Und auch anders, als jenes einer Geschäftsfrau. Einfach anders, ganz wertfrei gesagt. Und das ist gut so. Es lebe die Biodiversität …

Gemeinsam

Da drin hats ganz viele tolle Bilder:

Noch an zwei Wochenenden könnt ihr in Grandcour (VD) die erste ColArt-Ausstellung der Schweiz genießen.
Immer samstags und sonntags von 15 Uhr bis 19 Uhr. Inklusive Malaktion. > 10. 10. – 24. 10. 2010

Hier klicken, um mehr über die Galerie de Grandcour (VD) zu erfahren.

Das Bild, das wir am Sonntag vor zehn Tagen an Irgendlinks Ausstellung angefangen haben, sieht inzwischen schon ganz anders aus. Nämlich so:

Fallmaschen I

Zum einen Erinnerungen. Eintauchen in vergangene Reiseerlebnisse. Nochmals mit meinem Liebsten durch Spanien, Frankreich, Deutschland, Dänemark, Schweden und Norwegen reisen. Und natürlich auch durch die Schweiz. Unzählige Bilder sichten. Auswählen. Und die Alben meines neuen virtuellen Fotoalbums füllen. Immer und immer wieder die Sonnenstrahlen auf der Haut spüren. Wie gut sich das anfühlt. Träumen. Auch vorwärts träumen … (zur Galerie …)

Notausgang. Passt gut. Denn nach ihm suche ich im Alltag. Womit wir beim „andererseits“ wären. Die Erkenntnis, dass meine Zeit im Job nach Ende riecht und nach Aufbruch. Das Gefühl von genug. Einmal mehr begreife ich, dass ich irgendwie einfach nicht in diese Arbeitsmühle, die unserer Gesellschaft so heilig ist, rein passe. Dass mich Konventionen und Strukturen einfach nicht erfüllen und mir Energie rauben. Dass ich etwas anderes tun will. Zu merken, dass die Solidarität meiner Kolleginnen nur so weit geht, wie sie ihnen nicht weh tut. Und das tut mir weh. Ich will anders leben.

Unerfüllte Sehnsüchte. Ein Thema, das ich mit meiner Freundin U. grad in langen Mails thematisiere.

“ … sie erwachen, wenn irgendwas im außen geschieht. sie räkeln sich und fangen an, eigendynamisch zu handeln. sie zeigen uns genau, wo wir uns bisher bedeckt gehalten haben. unerfüllte sehnsüchte tun irgendwie weh und darum lernen wir irgendwann – ganz früh vielleicht schon – ihnen den mund zu verbieten oder wir sperren sie gar weg.

was ist ihr sinn? und müssen wir sie erfüllen? sind sie wichtig, damit unser leben eine dynamik, ein motiv und eine richtung bekommt? was wäre, wenn wir keine erfüllten sehnsüchte mehr hätten? wäre dies das nirvana und wir wunschlos glücklich. oder aber wären wir dann total abgestumpft und abgelöscht? ich weiß nur, dass unerfüllte wünsche, wenn ich sie zu sehr aufbausche, mein leben in eine richtung bringen, die nicht mehr lebensförderlich ist. ich denke da an a., dessen unerfüllte sehnsucht das paradies auf erde war. natürlich, diese sehnsucht haben wir bestimmt alle, alle in irgendeiner ecke unseres seins. nur: wie groß und wie stark ist sie? und darf sie größer sein, als … größer als was?

j. fragte mal irgendwo und irgendwann sinngemäß in seinem blog: wieso gewichten wir unsere innere, phantastische realität nicht ebenso schwer wie die äussere? … wie sein text weiterging, weiß ich nicht mehr. ich gebe mir, genau jetzt, zur antwort: die äußere realität ist jene, wo ich auf jene äußeren realitäten meiner mitmenschen stoße, wo ich den anderen begegnen kann. darum braucht sie wohl mein größeres augenmerk, wenn ich mich als soziales wesen betrachten und verhalten will, das im austausch mit diesen mitmenschen stehen will.

will ich das nicht, nicht mehr, kann ich mich auf meine innere realität fokussieren. möglicherweise werde ich dann von der welt außerhalb meiner selbst nicht mehr verstanden und erhalte einen dieser tollen diagnosen, die weißgekittelte menschen gerne (oder auch nicht so gerne) verteilen. item.

wie bei allem im leben suche ich mein gleichgewicht irgendwo in der mitte zu finden. da die unerfüllten wünsche, dort das wissen um die nichtideale realität, daneben träume und wünsche und erreichtes. unerreichbares auch, das vielleicht so unerreichbar nicht ist. immer alles im kontext mit den menschen, die mir lieb sind. immer im bewusstsein, dass (s)ich alles ständig verändern kann

es gab liebeserfahrungen in meinem leben, die wie kerzen waren. eine kerze gibt hell, doch sie wird kleiner und kleiner je länger sie brennt. dann gibt es liebeserfahrungen, die wie bäume sind. auch bäume nicht vergänglich, doch sie wachsen dem licht entgegen. eine solche liebe, ahne ich, ist jene zu j.. ich hoffe es. das leben, alles, ist vorläufig. und vergänglich …“ (Aus einer Mail an U., gestern, im Fieber geschrieben).