Es war einmal …

… und alles, was danach kam, ist mir noch immer unbegreiflich. Das Leben. Alles, was ist, fängt mit einer Idee an. Biologisch gesprochen mit Same und Ei. Alles ist zuerst nur eine Möglichkeit. Eine von vielen. Vielleicht eine Frage. Geboren aus einer verkeilten Situation, die nach Veränderung schreit.

Es gibt für alles eine Lösung. Alles kann man verändern! Mit diesem Mantra meines Vaters bin ich groß geworden. Ich vermute mal, dass ich ihm verdanke, dass ich lebe, dass ich noch lebe. Ihm, meinem Vater, das erste und ihm, dem Satz, das zweite.

Aber, halt, ich schweife ab. Da ist also jene Frage, geboren aus Unbehagen, welche nach Veränderung schreit. Veränderungswunsch ruft nach Lösung. Lösungswunsch kreiert Idee. Idee manifestiert sich in die Wirklichkeit.

Was aber tun, wenn du – also ich – einen eigentlich tollen Job hast und nach außen hin alles okay ist? Was aber tun, wenn du trotz all dem guten dennoch dieses Unbehagen wahrnimmst, das du nirgends festmachen kannst? Einem Unbehagen liegt ein Ideal zu Grunde – will heißen, eigentlich ist es die Diskrepanz zum Ideal, die auf einmal erkannt wird. Dieses Ideal vom Leben: so und so könnte ich leben. Der Lebenstraum. Leben im Konjunktiv. Dieses Leben, das nur ich, nur ich SO, leben kann. Okay, das Leben ist nicht ideal, aber …

Wem gehorche ich, wem gehöre ich, worauf und auf wen höre ich? Eine dieser Fragen, die eine Kettenreaktion von Veränderungen auslösen kann.
Es ist Gewalt gegen sich selbst, zitierte Freundin K. am Samstagabend aus „gewaltfreie Kommunikation“. Du wendest Gewalt gegen dich selbst an, wenn du immer nur auf die Bedürfnisse anderer achtest und die eigenen ignorierst.

Ich weiß es nicht. In deinem Fall und auch bei mir selbst weiß ich es einfach nicht, sagte Irgendlink gestern, als wir über unsere beruflichen Unbehagen redeten, über die Hamsterradfalle. Und ob wir etwas Grundsätzliches daran ändern müssten.
Gute Jobs sind gefährlich, sagte ich. Sie machen bequem. Sesselkleberpotential haben sie. Wir vergessen bei der Arbeit unsere Träume. Wohl denen, die Träume haben …

Ich habe einen Traum … Berühmte Worte eines großen Träumers. Ein Anfang. Ein Same.

Es war einmal …

Zeitmanagement

In der neuen „Federwelt“ dies hier gelesen:

vormittags

ich höre Santana lese die Bibel
überbrühe Kaffee lasse ihn kalt werden
koche Reis zu Brei
schreibe Briefe
ich habe noch drei Stunden Zeit bis zur Schicht
nach der Schicht habe ich sechzehn Stunden Zeit bis zur nächsten
so kann ich hundert Jahre alt werden wenn ich nicht vergesse
zu essen

Birgit Herkula (1960)

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Nicht in der Federwelt gelesen dies hier:

nachmittags

Ich will nicht auf dich
warten, nein, will nicht in der
Schlaufe hängen, nicht auf deine
Nachricht fiebern. Nein-nein-nein.

Schließlich habe ich Pläne. Will
die freie Zeit sinnvoll nutzen.
Sinnvoll?
Nutzen?
Autsch!
Mit einkaufen und mit Klo putzen.
Und schreiben. Malen. Lesen.
Schlafen.
Nutzt alles nichts. Ich hänge
in der Schlaufe fest. Ich drehe im Kreis.

Genauso wie ich – wenn du
bei mir bist – meine Zeit unendlich
in die Länge dehnen will (und kann), so, genau-
so will ich diese Länge
verkürzen, jetzt, sie verdichten, einrollen
wie ein Garn-
knäuel. Zeit wird Punkt und du an der Schnur.
Nur. Komm.
Endlich.

Sofasophia (heute)

Finsteres Glück

Darf ein Mensch, so frage ich mich, darf ein Mensch einen anderen Menschen ungefragt als Aufgabe in sein Leben einsetzen – wie eine Schachfigur – als Platzhalter für die eigene Leere? Anders gefragt: Tun wir das nicht alle irgendwie und legitimisiert diese Tatsache das Ganze? Was aber ist, wenn dieser Mensch, der uns eine neue Lebensaufgabe gibt, ein Kind ist, eins dazu, das eben seine ganze Familie – Mutter, Vater, Schwester, Bruder – verloren hat? Und ist es, so frage ich weiter, ist es schlimm, wenn ein Mensch sich im eigenen Leben verirrt hat und an Ort tritt? Erneut drehe ich meine Frage um: Tun wir das denn nicht alle irgendwie – hin und wieder zumindest? Müßige Fragen. Ob ethisch korrekt oder nicht – Elianes Verhalten ist menschlich. So egoistisch und so empathisch wie Menschen nun mal sind. Nachvollziehbar. Den ersten Stein werfe ich zuletzt.

Sie ist mir ans Herz gewachsen, Eliane, die Psychologin. Und mit ihr auch ihre zwei flüggen Töchter. Eliane, die Koryphäe in Sachen Trauma, entwickelt unprofessionelle Gefühle, Muttergefühle genauer, als sie spätnachts ihren neuen Fall, den achtjährigen Yves kennenlernt. Wer kann es ihr verdenken? Gibt es denn etwas mehr Mitgefühl erweckenderes als ein Kind, das soeben alle und alles verloren hat?

Im Laufe der Erzählung vergesse ich, dass ein Mann dieses Buch geschrieben hat, so authentisch erzählt er die Geschichte von Eliane und ihren beiden Töchtern. Und von Yves, dem Waisenkind. Da sind auch Melanie, Elianes Freundin aus dem Krankenhaus und Madlen, Yves‘ verstorbene Mutter. Dann die Nonna und Vera, die ehemalige Nachbarin. Viele Frauen. Adrian, einer der wenigen Männer steht gleichsam als Platzhalter da, ein Stellvertreter für vergangenes, unwiederbringliches … vorerst eine Projektionsfläche, entwickelt er Eigendynamik und initiiert den einen und anderen Neuanfang. Jede Figur steht mir deutlich vor Augen, zeichnet sich wie ein Schattenriss unverwechselbar neben den anderen Figuren ab. Doch jede Figur ist zugleich auch durchlässig und so flexibel, dass immer wieder leise Wandlungen Platz finden. So kann die zickige Pubertierende unerwartet zärtliche Geschwistergefühle zeigen und intuitiv das Richtige tun.

Eine aufwühlende Geschichte, die ich fast am Stück gelesen habe. Rühmenswert besonders, dass es Lukas Hartmann gelungen ist, die Geschichte bis zum Ende wertfrei zu erzählen. Immer wieder wechsle ich als Zuschauerin meine Perspektive. Was ich über das Ganze denke, bleibt mir selbst überlassen. Schuldige auszumachen ist hier so müßig wie im realen Leben. Weder um Schuldige im großen Drama des tödlichen Autounfalls geht es, noch um Schuldige, die den alles verändernden Unfall möglicherweise herbeigeführt haben könnten. Es gibt sie nicht.

Ein starkes Buch, das mich bis zum Schluss auf seine leise Art packt und bis zur letzten Seite für Überraschungen sorgt. Sensibel geschrieben, in einer Sprache, die mich berührt.

mehr darüber bei Diogenes …

Die Frau ohne Garten

Grün und wild. Büropause-Raum und Aufenthaltsraum für warme Tage. Das war er, unser wildüberwachsener Innenhof. Doch kaum war in diesem Frühling der letzte Schnee geschmolzen, hatten die ersten Handwerker Gerüste an den Hausfassaden der umliegenden Häuser hochgezogen. Den Innenhof hatten sie verwüstet, indem sie alles, was ihnen im Weg stand, rodeten. Das eine oder andere Kraut blieb standhaft, die eine oder andere Staude ließ sich nicht auf diese Powergames ein. Noch nicht. Doch bereits war Morast, wo früher Gras gewachsen war, vom Regen mehr und mehr aufgeweicht, so dass wir nicht mehr draußen unsere Stühle aufstellen konnten. Machte eh keinen Spaß mehr, denn dazu war es draußen eh viel zu laut. Ringsum wurde geschliffen, gemalt und gehämmert, dass es einem Angst und Bange wurde und jede und jeder von uns musste ab und zu einen Anruf unterbrechen. Obwohl die Fenster und Türen geschlossen waren. Ich kann Sie nicht verstehen, einen Moment bitte!

Nachdem das Haus frischgestrichen, die Gerüste wieder entfernt und die Fensterläden samt neuen Lärmschutzfenstern montiert waren, ging es unserem wilden Chaos-Garten erst richtig an den Kragen. Wortwörtlich. Die Nachbarin mit dem Pferdeschwanz litt jeden Tag mehr. Noch im Frühling hatte sie, wider besseres Wissen, eigenmächtig neue Stauden gesetzt. Wie jedes Jahr. Da und dort hatte sie Töpfe aufgestellt und sich um die Rosen gekümmert, die sich wild an der Teppichstange hochgewunden hatten.

Nun wurde alles ausgerissen. Alle Bäume wurden gefällt. Der ganze Innenhof wurde wortwörtlich dem Erdboden gleich gemacht. Hätte eine Bombe eingeschlagen, hätte es kaum schlimmer aussehen können. Wenn schon mein Herz blutete, wie sehr muss es ihr wehgetan haben, der Frau mit dem Pferdeschwanz, die doch alles mit ihrem grünen Daumen und ihrer Hingabe gehegt und gepflegt hatte. Sie war oft draußen gewesen, ihr Anblick machte sie mir vertraut, auch wenn ich sie – bis auf die täglichen Grüße – nicht näher kennen gelernt habe. Eine zeitlose Frau. Vielleicht arbeitslos. Vielleicht ohne Aufgabe, ohne Herausforderung. Außer jener, die Umwelt, in der sie lebt, mitzugestalten. Und nun wurde alles, was ihr lieb war, dem Erdboden gleich gemacht. Erdboden? Unter der kaum einen halben Meter tiefen Erdschicht liegen Tiefgaragen. Unten ist oben. Der Erdboden ist das Dach der Garagen. Es gibt immer ein noch tiefer unten. Und ein noch weiter oben.

Auch die Oberlichter wurden erneuert und der Boden – oder das Dach? – frisch betoniert, abgedichtet, was weiß ich … Alles neu und Hauptsache Lärm schien das Motto dieser Gesamterneuerung. Letzte Woche nun kam die Gartencrew und füllte den Erdboden mit herbei gekarrter Erde auf. Wie den Sandhaufen eines Riesen. Die Erde wurde mit schweren Planierrollen plattgewalzt auf dass es dem englischen Rasen, der darauf gesät wurde, an nichts fehle.

Wir werden Schmetterlingsblumen säen!, beschlossen meine Büronachbarin A. und ich. Ja, das tun wir, nachts. Subversiver Akt. Stadtguerilla.

Heute sah ich sie wieder, die Frau mit dem Pferdeschwanz. Sie grüßte mich nicht. Nicht weil sie mich nicht sah, sondern weil sie nicht mehr hinsehen konnte. Den Kopf hatte sie zu Boden gesenkt. Waren das Tränen in ihren Augen? Dann sah sie doch auf und schaute sich um, schaute sich die neuen, akkurat gepflanzten, jungen Bäume und Designerstauden an. Ein kaum merkliches Kopfschütteln. Ungläubig. Artige Parklandschaft statt wie früher Lebensraum. Keine Biotope mehr, weder für Menschen noch für Tiere.

Die Frau mit dem Pferdeschwanz habe, sagte M. in der Pause, Rosen setzen wollen, auf eigene Kosten, auf eigene Faust. Sie habe von der Liegenschaftsverwaltung eine Kündigungsandrohung erhalten.

einfach jetzt

Kein Heute ist mit dem Gestern zu füllen.

Mit diesen Worten endet ein genialer Blogartikel von FrauvonWelt, ein melancholischer, einer, den ich sehr gerne gelesen habe. Nein, die Gegenwart, dieser klitzekleine Punkt – kaum hier schon weg – lässt sich durch nichts ersetzen. Obwohl, ich gebe es zu, obwohl ich gerne rück- und vorwärts träume. An einem wunderbaren Platz an der Aare, wo ich für die (inter)nationale Geocache-Community einen kleinen Cache versteckt habe, blieb ich hängen. Statt, wie geplant, an meinem Manuskript zu arbeiten und Korrekturen anzubringen, las ich das zweite von Irgendlinks beiden Blogbüchern, die ich für uns ausgedruckt und gebunden (eigentlich geleimt) hatte. So als richtiges Buch und am Stück gelesen, finde ich sein tolles Blog noch besser. Nein, falsch. Noch besser klingt nach Wertung. Nach Vergleich. Mein ich aber nicht so. Tatsache ist, dass es sich gut anfühlt, sein Blog, ein Blog, physisch in Händen zu halten. Ich liebe Bücher. Ich lese gerne auf Papier. Ich finde, auch Blogs sind es wert zu Büchern zu werden. So ein kleiner Blog-Buchverlag – das wäre was! Kleine Auflagen – mit den Perlen aus der Blogosphäre. Womit wir schon beinahe beim Blogmuseum wären … Frau Freihändig sei herzlich gegrüßt. Und Herr Irgendlink sowieso.

Ich schweife ab, verzeiht. Da sass ich also, auf einem sonnengewärmten Stein, die Sonne im Gesicht, die Füße im Wasser (ab und zu jedenfalls) und begleitete lesend den Protagonisten zur Arbeit, nach Andorra und an den Polarkreis. Alltag und Freizeit. Höhen und Tiefen. Rückwärtsblicken macht Lust auf vorwärtsgehen. Was kommt?

Während ich den schweißtreibenden Hang hochradle und mich an frühere Touren erinnere, realisiere ich, dass ich nicht gestern und nicht morgen schwitzen kann – immer nur jetzt. Wie war das gleich? Kein Heute ist mit gestern zu füllen. Heute war ich an der Aare. So einfach ist das.

Heute habe ich Bilder gesammelt. Bilder wie Nüsse, die das Eichhörnchen in der Nähe seines Schlafplatzes in die Erde verscharrt. Bilder wie Zwetschgen und Äpfel, die wir auflesen oder pflücken. Sonnenwarme Bilder. Es ist Herbst. Auf meiner Festplatte koche ich sie ein. Wintervorrat. Bilder wie Nüsse.

Ach ja, meinen heutigen Everytrail-Trip findet ihr genau hier …

Collage, Patchwork

Gestern, im Auto in den Aargau – männlich, der Aargau, männlich, nicht sächlich, dieser Gau an der Aare, wurde ich gestern von Freundin L. belehrt und da ich selbst von dort stamme, aber offenbar schon zu lange in Bern lebe um mich zu erinnern, war meine Nachfrage nur umso peinlicher – item, gestern, im Auto also, hatte ich endlich mal wieder Muße, meinen Gedanken nachzuhängen. Weil ich beim Fahren jedoch nicht schreiben kann, spreche ich mir zuweilen Notizen aufs iFöun. Da kann ich jedenfalls hinterher nicht behaupten, dass ich das Zöix nicht lesen kann. Wie ich heute Morgen also – noch im Bett mit Laptop – meine Sprachmemos von gestern, abschreibe, begreife ich, dass jedes Hirn und jedes Herz eine Collage sind.

Da kleben Erkenntnisse über Leben und Tod gleich neben Notizen über das menschliche Fahrverhalten als Analogie zum Lebensverhalten. Ein anderer Zettel klärt mich über einen Gedanken zum Thema Zeit auf, den ich mir zusammen mit L. gemacht hatte. Eine Herz- und Hirn-Post-It-Zettel-Collage, geklebt an eine gut durchblutete Pinnwand. Patchwork.

Auf pink steht zum Beispiel:
Wie klein mir die alte Heimat vorkommt! Und wie klein und schmal die Straßen und Ortstafeln … Das Wort auf dem Wegweiser zum Wohnort, wo ich aufgewachsen bin – ich fahre nur dran vorbei – fühlt sich wie ein Fremdwort an. Einfach ein Name, den ich mir auf der Zunge zergehen lasse. Ein bisschen Verbindung spüre ich. Und ein bisschen Schmerz. Dazu ein leises Sehnen nach Kindsein vielleicht, nach Sorglosigkeit. Pubertät? Nein, danke! Lassen wir das. Ich schüttle den Kopf und schon ist die Tafel Vergangenheit.

Nichts fühlen geht nicht. – Das steht auf einem blassgelben Zettel.

Und auf einem zweiten blassgelben links unten am Rand frage ich mich, ob sich vom Verhalten der Menschen auf den Straßen Rückschlüsse zu deren Verhalten im Leben oder gar im Bett machen lassen. Und, klein am Rand, steht: Trifft das auf mich zu? Wie fahre ich eigentlich Auto? Und … kaum mehr Platz auf dem Zettel … wie bin ich im Bett?

Auf neongrün steht:
Eigentlich spielt es gar keine Rolle, wo wir sind. Wären da nicht die Erinnerungen. Und wären da nicht die Energien, die an den Erinnerungen kleben. Schwere oder leichte. Doch eigentlich ist es überall gleich, wenn wir mal von den topographischen und den klimatischen Unterschieden absehen. Überall leben Menschen. Nettere und gemeinere. Mal mehr, mal weniger. Allgemeinplätze auf der ganzen Welt. Wären da nicht die Erinnerungen, die einen Ort zu einem besonderen Ort machen. Wären da nicht unsere Absichten, unsere Ziele, unsere Wege, die einen Ort zu dem machen, was er für uns hier und heute darstellt.

Noch ein pinker Klebezettel:
Alles was sich uns in den Weg und irgendwie selbstdarstellt, ist eigentlich gar nicht so, wie wir es sehen. Es sieht nur so aus, es tut nur so. Denn alles ist Interpretation. Gerüche ebenso wie Geräusche. Hupen interpretieren wir, je nach Erfahrung, als Gefahr, oder wir nehmen es kaum zur Kenntnis. Die richtige Interpretation kann uns das Leben erhalten. Doch ohne Intuition geht nix – sie ist das Vehikel der Interpretation. Könnten wir ohne diese zwei abgelutschten Begriffe überhaupt (über)leben? Und autofahren?

Auf blassgelb steht Zeitgeiz.
Nur dieses eine Wort. Zeitgeiz. L. und ich kennen es bestens. Wir geizen mit unserer freien Zeit, weil wir von ihr immer zu wenig haben. Zu wenig um sie so großzügig wie früher miteinander zu teilen. Seltsam, denn wenn wir endlich eine gemeinsame Nische finden – wie es zum Glück in den neunundzwanzigeinhalb Jahren, die wir uns nun schon kennen, immer wieder gelang – können wir kaum mehr verstehen, wie es soweit kommen konnte. Die Zeit wird auf einmal groß und weit und grenzenlos.

Nachts, beim Einparken neben meinem Wohnhaus, begreife ich auch, dass mich ein Leben ohne all seine Immerwieders total überfordern würde. Besonders dieses hier würde mir fehlen: Immer wieder meine Freundinnen und Freunde treffen und mit ihnen ein Stück Weg gehen, dass immer wieder neu ist, doch auf vielen gemeinsamen Erfahrungen basiert.

immer wieder

Ich fahre durch die Konsumstraße, wo früher Freundin B. wohnte, stadteinwärts. Wie schon so oft. Feierabend. Donnerstag. Abendverkauf. Einkaufen will ich. Sollte ich. Unter anderem ein Geburtstagsgeschenk für L..

Die gleiche Straßen wie immer. Im gleichen Takt wie immer. Wie oft jedenfalls. Feierabendtakt. Wie immer, wie immer, wie immer, echot es in mir. Ein Tag wie jeder andere war das. Einer wie immer. Und schon sind wieder drei Viertel des Neuen Jahres vorbei. Altes Jahr.

Immer gleich, immer gleich, immer gleich. Entschuldigt bitte, wenn ich mich wiederhole. Aber, sagt mal ehrlich, ist es denn nicht so? Es herbstelt. Wie immer. Dann kommt Winter. Weihnachtsrausch und Buchhaltungsabschlüsse. Wie immer. Sag ich doch! Frühling wird‘s werden – wie immer. Blüten, Blätter, grün überall. Dann Sommer. Entblätterungen der andern Art. Wie immer.

Die Buchhändlerin im Großen Laden ist zu bedauern, sie und alle ihre Kolleginnen. Zwei Stockwerke unter der Erde arbeiten sie. Immer. Ohne Tageslicht. Sie klagt über die schlecht Luft. Lächelt dennoch freundlich. Ich zahle und darf gehen. Ans Tageslicht. Abendlicht. Es dunkelt bereits ein und regnet leise. Ebenso leise kriecht mir Herbstblues den Rücken aufwärts, setzt sich auf meinen Nacken und flüstert: Was soll‘s, das Leben? Du hast längst alles gesehen. Schon so oft. Nichts neues mehr.

Ich radle heimwärts. In meiner Einkaufstasche im Fahrradkorb hinter mir liegen fünf Farbtuben. Die Primärfarben plus schwarz und weiß. Größere Tuben als jene, die ich  zuhause habe. Der Virus vom Wochenende hat auch mich noch immer im Griff. Da ist diese Lust etwas neues zu schaffen. Immer wieder.

ziemlich farbig

Noch bin ich nicht ganz in meinem Berner Alltag gelandet. Noch klingen die vielen Begegnungen vom Wochenende nach …

Zum einen war da das zweite Wochenende der Ausstellung von Irgendlinks Zwb-Andorra-Reisen aus den Jahren 2000 und 2010. Zeitgleich fand eine ColArt-Malaktion von und mit dem Begründer MK statt … Gleichsam ein Puzzlestück auf dem Weg der Renaissance dieser vergessenen Kunstrichtung.

Viele Gespräche mit Bekannten und Unbekannten in Irgendlinks großem Atelier. Da und dort werden Weisheiten ausgetauscht, wie die Welt, die Kunst, das Leben auch noch betrachtet werden kann. Die Kunstmalerin MB meinte:
„Auf der einen Seite gibt es da ein paar Dinge, die ich sehr gut kann*. Und auf die bin ich irgendwie stolz … Doch hochmütig kann ich dabei nicht werden, denn mir fallen immer rechtzeitig jene Dinge ein, die ich nicht gut kann. So bleibe ich auf dem Boden. Wenn ich jedoch etwas tue, was mir nicht so liegt, erinnere ich mich an jene Dinge, dich ich gut kann. Auch so bleibe ich auf dem Boden.“

Wie da die Gespräche zwischen Kunstschaffenden hin und her fließen, fasziniert es mich von Neuem, wie wir Menschen ticken. Alle buhlen wir. Alle stellen wir uns selbst dar. Alle sind wir die Weber und Künstlerinnen unserer eigenen Lebensfäden und versuchen, das bis hierher Erlebte, Erfahrene, Erlittene, Erreichte zu schönen, aufzuwerten, zu nutzen und auf unseren Wert hinzuweisen. Verblüffend, wie ähnlich wir uns alle da sind. Ob bekannt oder NoName – wir alle tun es!

Und wir alle sind nur ein kleines Stück im Ganzen. Ein bunter Fleck auf der Leinwand, die Welt heißt. Wir alle tragen durch unseren Beitrag ein bisschen zum großen Bild bei. Ein Bild, von dem wir noch keine Ahnung haben, wie es aussehen wird, wenn es vollendet sein wird.

Das ColArt-Bild vom Sonntag:

Am Abend – nach zwei satten Ausstellungs- und Aktionstagen – besuchen MK, J. und ich einen Künstler in dessen Werkstatt. Wo nebenbei dieses Bild hier entsteht …

Irgendlink betrachtet die Welt durch die Brille eines Außerirdischen … Was er dabei erkannt hat, hat er niemandem verraten.

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*Anmerkung der Blogschreiberin: Malen, Dichten und Unterrichten zum Beispiel …