Ein Wort zum guten Tag

Verblogge auch tolle Storys, begreife ich. Das wäre wohl, von Irgendlinks gestern zitierter Gedankenkette ausgehend, eine heilsame Form der Selbstauferbauung. Selbstausdruck. Und natürlich auch eine ausgesprochen produktive und so gar nicht zerstörerische Form von Verarbeitung. Und ebenfalls förderlich für das Seelenheil der Kreativen. (Notiz an mich: Bloggen als Therapieform? Nein, das greift zu kurz.)

Tolle Storys. Was genau das ist? Nein, kein Fragezeichen. Wir alle kennen die Antwort.

Ausscheidung, Liebe und Zeit – das sind die drei alles entscheidenden Themen, jene Themen, die die Welt zusammenhalten, schrieb ich gestern meinem Liebsten.

Toll und schön sind suspekt. Träume und Träumen auch.

Ich will dennoch nicht aufhören, von einer besseren Welt zu träumen und auf sie hin zu arbeiten. (Notiz an mich: besser für mich oder besser für alle???) Auch auf die Gefahr hin, an der Nichtkongruenz von Soll und Ist zu leiden. Habe ich im September auf einen Notizzettel gekritzelt.

Bessere Welt? Ausrede. Klischee. Unfassbares Ding. Gegenwart verpassen. Abgelutscht.

Stichwort: Unerfüllte Sehnsucht. Hatten wir neulich schon mal. Sag mal ehrlich, du da draußen, oder du, oder du, sag, sind wir nicht alle deshalb noch da und unterwegs auf dieser wackeligen Seilbrücke, die Leben heißt, weil wir entweder an das Gute, das bereits da ist oder das noch kommt oder zumindest als Idee besteht, hoffen oder aber deshalb, weil wir zwar resigniert und abgelöscht sind, aber zu feige, uns umzubringen. Okay, das war jetzt eben ziemlich schwarzweiß und sehr vereinfacht. Dennoch … irgendwas bringt uns ja dazu, am Morgen aufzustehen und zu tun, was wir als unser Ding oder zumindest unsere Pflicht betrachten. Ob dem allem Solidarität, Dringlichkeit, Bedürfnis oder schlicht der zu erwartende Zahltag zu Grunde liegt, ist erst einmal Nebensache. Fakt ist, wir stehen auf, weil wir etwas tun wollen, das in unseren Augen getan werden soll – und wenn wir auch bloß aufstehen, um zu pinkeln (womit wir bei dem ersten der drei alles entscheidenden bereits erwähnten Dingen wären, siehe oben).

So weit so gut.

Motivation ist ergo das Ding, das uns am Leben erhält. Der Herz-Schrittmacher. Unsere Motivation, unser Motiv und Beweggrund – gewoben aus den Kettfäden Erfahrung, Erkenntnis, Erlebnis und Erziehung sowie den Schussfäden Zufall, Glück, Schicksal, Inspiration … Warum ich auf die europäischen Trauben warte, zum Beispiel, und keine aus Chile kaufe, obwohl die schon früher im Handel sind? Erziehung. Erkenntnis. Warum ich lieber für ein Hilfswerk arbeite als für eine Autofirma? Einsicht. Erkenntnis. Erziehung. Zufall. Warum ich dennoch ein Auto habe? Erfahrung. Erkenntnis. Zufall. Schicksal. Undsoweiterundsofort. Ach, und Selbstverar…ung wäre ein weiterer in die Gedankenfäden über unsere Motivation einzubeziehender Faktor. Und natürlich sind diese pseudopsychologischen sofasophischen Gedankenspielereien weder über alle Zweifel erhaben noch sonst wie empirisch abgesichert.

Was ich sagen will? Ich frage mich, ob eine Erkältung eine tolle Story abgibt. Oder ist es gar, weil ich Fieber habe, eine Grippe, die in meinen Eingeweiden brodelt – was aber dennoch kaum eine gute Story abzugeben vermag. Selbst dann nicht, wenn mich ebendiese Erkrankung in den Langsammodus katapultiert hat. Oh, wie ich mir dieses Wort auf der Zunge zergehen lasse! LANGSAMMODUS. Und wie ich es grad genieße, meine unausgegorenen Gedanken in die Finger fließen lassen und in die Tasten hacken zu können.

Ich sehe mich durch den morgendlichen Herbstwald spazieren. Sonne durch die Bäume, Herbstlaub unter den Füßen. Es knistert und riecht, wie nur Herbst riechen kann. Hier und da das Rascheln eines Eichhörnchens. Dort drüben das Klopfen des Spechts. Ein Reh huscht über den Weg. Ich halte inne, denn ich habe Zeit. Genieße meine kleine heile Welt dieses Augenblicks. Habe Zeit, meine Sinne zu öffnen. Atme tief. Muss mich nicht schützen. Kann offen sein für das Leben, das ist. Jetzt. Auch. Anderes Leben. Langsam gehe ich weiter. Das Rauschen des kleinen Baches wird lauter. Mit ein paar Schritten auf große, flache Steine überquere ich das Rinnsal. Später, zurück in der Schreibstube setze ich mich erneut an die Geschichte, die ich am Schreiben bin. Am Nachmittag gehe ich in den Garten und ernte das letzte Herbstgemüse … Ich setze Tulpenzwiebeln für nächsten Frühling. Der kommt bestimmt. Wie immer.

So könnte Leben sein. Mein Leben.

Ohne Unterhaltungswert. Außer für mich, die ich es lebe. Doch worüber ich dann wohl bloggen würde?

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